Freitag, 5. Oktober 2018

Die Erwartungen im vollen Umfang erfüllt

Durchweg auf hohem Niveau: Ludwig Güttler und seine Ensemble im Kreuzgang

Auf diese Elf kann man bauen. Diese Männer verwandeln die Vorlagen treffsicher. Am Mittwoch spielten Ludwig Güttler und sein Ensemble im Kloster Walkenried. Am Ende erfüllten sie alle Erwartungen.

Das Konzert war Jubiläum und Premiere zugleich. Seit ziemlich genau 30 Jahren ist Güttler immer wieder zu Gast bei den Kreuzgangkonzerten. In den letzten Jahren macht er das durchweg mit dem Blechbläser Ensemble und das hat in diesem Jahr 40. Geburtstag gefeiert.

Der Trompeter aus Dresden ist mittlerweile zu einer Marke geworden und der Titel "Ein Abend mit Güttler" reicht als Programm. Egal was gespielt wird, es wird gut, denn es steht ja Güttler drauf.

Ungewohnt: Die Tuba spielt mal die
erste Geige.     Alle Fotos: Kügler
Das Programm reicht laut Papier von der Renaissance bis in die Moderne. Den Auftakt machen fünf Tänze von Tylman Susato. Der Rheinländer aus dem 16. Jahrhundert gehört zum festen Repertoire von Güttler und seinen Jungs. Ein Teil davon baut sich hinter dem Publikum, die meiste Musiker bleiben auf der Bühne. Das Publikum ist in die Zange genommen. Über seine Köpfe hinweg beginnt das Wechselspiel der Bläser, das musikalische Passspiel. Besonders im Rondo und im Rondo Mon Ami spielen sich Posaunen und Trompeten die Themen zu, um dann den Anderen mit einem Steilpass auf die Reise zu schicken.

Von Gefangennahme kann aber keine Rede sein. Das Auditorium ist mittendrin statt nur dabei und wird so zum Teil des Klangkörpers. Der Spielzug ist zwar nicht neu, auch Güttler hat diese Karten in Walkenried schon regelmäßig ausgespielt. Es war jedes Mal ein Treffer.

Doch dann muss der Meister seine Gefolgschaft enttäuschen. Güttler kürzt das Programm, Bartolini und Bach fliegen raus, aus Zeitgründen.

Das feine Spiel setzt sich auch bei der Suite für Blechbläser von Johann Hermann Schein fort. Der Klang ist voll und kräftig und trotzdem ist jede einzelne Stimme zu erkennen. Auch hier überzeugt Güttler mit einem zurückhaltendem Dirigat. Der Mann am Spielfeldrand beschränkt sich auf das Minimum an Zeichengebung. Das spricht für das eingespielte Team.

Überhaupt überzeugt das Ensemble mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung. Die Werke bieten allesamt nur wenige Solo-Partien über wenige Takte. Im Vordergrund steht eindeutig das Zusammenspiel und Güttler erweist sich dabei wieder einmal als primus inter pares. Er kann das Spielfeld auch mal den anderen überlassen.

Aber nun entwickeln fünf Trompeten und vier Posaunen zusammen eine Menge an Dynamik und vor allem eine Menge an Volumen. Das geht zum Teil bis an die Grenze der Hörgewohnheit und der Canzon XVI von Giovanni Gabrieli leidet ein wenig darunter.

Ganz schön voll: Der Meister im Kreise seiner Jünger
Die Sonate As-Dur von Giovanni Battista Sammartini gefällt hingegen durch die feinen Sätze von Trompeten und Posaunen, die sich punktgenau in der feinen Struktur des Werkes wiedertreffen. Diese Sonate zählt nicht ohne Grund zu Güttlers Lieblinge. Auszeichnen kann sich hier Fabian Neckermann an der Tuba. Dem sonst so schwer fälligem Instrument entlockt er feinste Melodienlinien.

In der Sonate b-Moll für Blechbläser des weitgehend vergessenen Victor Ewalds kann sich Neckermann noch einmal auszeichnen. Überhaupt zeigt dieses Werk ein komplett anderes Klangbild. Güttler verschiebt seine Mitspieler hier in Richtung Big Band und das Ensemble meistert dies ohne Verluste.

Der Abend hat die Erwartungen voll erfüllt und das Publikum applaudiert entsprechend. Damit kommt Güttler nicht um die Zugabe herum und die Motette "Singet dem Herrn" von Johann Sebastian Bach doch zur Aufführung. Hier entfaltet das Ensemble noch einmal seinen vollen Klang und die ganze Pracht barocker Lobpreisung. Der Abend endet mit einem furiosen Final in der Fuge. Das weckt die Vorfreude auf Güttlers nächstes Gastspiel im Dezember 2019.





Material #1: Ludwig Güttler - Die Biographie

Material #2: Ludwig Güttler - offizielle Website
Material #3: Das Blechbläserensemble - offizielle Website

Material #4: Die Kreuzgangkonzerte - Das Programm 2018

Material #5: Erfreute Zuhörerschaft - Güttler 2016 im Kreuzgang
Material #6: Erfüllter Kreuzgang - Güttler 2013 im Kloster






Donnerstag, 4. Oktober 2018

Windsors Weiber sind vor allem schrill

Theater Nordhausen: Nicolais Oper hart an der Grenze inszeniert

Irgendwo zwischen Rocky Horror Picture Show, Al Bundy und den Leningrad Cowboys. Anette Leistenschneider inszeniert "Die lustigen Weiber von Windsor" als eine Oper im Grenzbereich. Damit dürfte sie ganz im Sinne des Komponisten gehandelt haben. Bestimmt wird die Aufführung am Theater Nordhausen von zwei starken Polen: Zinzi Frohwein in der Rollle der Felicity Fluth und Michael Tews als Sir John Falstaff.

Der letzte Pulverdampf der misslungenen 48er Revolution hatte sich verzogen, als Otto Nicolai die Arbeiten an seiner komischen Oper zum Abschluss bringt. Aber der Kampf geht in den Kulturpalästen weiter. Die Aufgabe der Kunst ist es, das Reine und Wahre zu zeigen, auch wenn man es nicht verstehen. So das Dogma des alles dominierenden deutschen Idealismus.

Nein, sagten Otto Nicolai und Weggefährten. Aufgabe der Kunst ist es, zu unterhalten. Deswegen nimmt seine Oper einiges vorweg, was erst 50 Jahre später als Operette salonfähig wird.

Roberta und Felicity haben den Schwindel entdeckt.
Alle Fotos: András Dobi
In diesem Sinne erzählt Regisseurin Anette Leistenschneider die Geschichte von den beiden Frauen, die es ihrem Verehrer zeigen wollen, konsequent weiter. Aus der Abrechnung mit einem selbstgefälligen Adeligen wird ein Farce über das männliche Geschlecht. Auf jeden Fall ist ihre Inszenierung der "Weiber von Windsor" rasant, bunt und schrill.

Dabei kann sie mit Frohwein und Tews auf zwei Hauptdarsteller setzen, die die Anforderung bestens umsetzen. Beide glänzen nicht nur stimmlich, sondern setzen auch schauspielerisch einige Höhepunkte.

Einziges Manko: Trotz aller Einfälle ist die Geschichte zu dünn, um damit drei Stunden zu füllen. Bis zum grandiosen Finale gibt es doch einige Längen.

Kitsch as Kitsch can. Im Bühnenbild und in der Ausstattung haben Wolfgang Kurima Rauschning und Anja Schulz Hentrich alle Insignien aufgefahren, die ein Kontinentaleuropäer für very british hält. Da darf auch die Queen nicht fehlen. Die übernimmt nämlich die Rolle der Erzählerin, inklusive Corgi zu ihren Füßen.

Der größte Teil des Inventar befindet sich auf der Drehbühne und die ermöglicht einen fast lückenlosen Umbau. Damit geht es im Eiltempo durch die Szenen. Zwar ist die Oper von Nicolai hart an der Grenze zur Operette, aber das interessiert nur die Puritaner.

Uta Haase geht in der Rolle der Orientierung gebenden Quenn geradezu auf. Das distinguiert Kommentierende scheint ihre Sache zu sein. So kann sie einige Spitzen setzen, auch für die Gegenwärtigen.

Die Handlung beschränkt sich auf ein Weekend. Der knappe Zeitraum gibt der Oper zusätzliches Tempo. Gut kleinbürgerlich beginnt dies in einem Beauty-Salon mit allen Zutaten und einen Angriff auf den guten Geschmack. Trockenhauben aus den Zeiten als die Frisuren noch B-52 hießen und die Rosen auf der Tapete so groß waren wie ein Gewächshaus. Herrlich.

Dazu Zinzi Frohwein im Peggy-Bundy-Outfit: schwarze Leggins und Leopraden-Top. Da macht schon das Hingucken Spaß. Zudem macht sie auch per Gesang deutlich, dass sie die Hosen anhat. Wunderbar ist schon das Duett mit Anja Daniela Wagner, als sie den Plan zur Rache am Gockel Falstaff fassen.

Ein Angriff auf den guten Geschmack.
Michael Tews singt und spielt den selbstverliebten Adligen mit solcher Hingabe, dass jeder seiner Auftritte zum Vergnügen wird. Auch in der Verkleidungsszene des zweiten Aktes zeigt er ungewöhnliche schauspielerische Fähigkeiten. Für die vielen Tür-auf-Auftritt-Hinter-Hecken-verstecken-Abgang-Tür-knallt-zu-Szenen ist er genau der richtige Mann.

Während Philipp Francke als eifersüchtiger Ehemann gerade in der Sauna-Szene überfordert wirkt, spielt und singt Thomas Kohl den prinzipientreuen Kleinbürger Reich mit britischer Konsequenz. Der Mann arbeit bestimmt im Ministry of Silly Walks.

Ob nun Falstaff, Reich, Fluth oder Spärlich. Eins haben alle Männer in dieser Inszenierung gemeinsam: Sie sind Witzfiguren. Sogar der Opernchor kann in der Sauna-Szene seine komischen Talente mal ausspielen und den Fitness-Wahn auf die Spitze treiben. Sport als Kompensation für verloren gegangene Allmächtigkeit

Auf jeden Fall geht es im hohen Tempo durch drei Akte bis zum grandiosen Finale. Das bietet mit Elfen und Feen eine Reihe von Anspielungen auf Shakespeares Sommernachtstraum. Schließlich liefert der Mann aus Stratford.upon-Avon das Libretto zu dieser Oper.

Als alles auf ein vorhersehbares Ende und einen enttäuschten Falstaff hinausläuft, schafft Anette Leistenschneider noch eine Wende mit einem dicken Augenzwinkern. Wunderbar.


Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Die lustigen Weber von Windsor - Die Inszenierung

Material #3: Otto Nicolai - Die Biographie
Material #4: Die lustigen Weiber von Windsor - bei wikipedia




Sonntag, 23. September 2018

Musikalischer Brückenschlag gelungen

Knabenchor Hannover und la festa musicale im Hildesheimer Dom

Es gibt Konzerte, von denen man wünscht, sie gingen nie zu Ende. Tritt das aber nicht ein, dann hat  man aber trotzdem seinen Frieden mit der Welt geschlossen. Der Auftritt des Barockorchesters "la festa musicale" und in des Knabenchor Hannover im Hildeheimer Dom war solch ein Abend. Am Schluss lässt sich das Konzert mit einem Begriff zusammenfassen: Rundum gelungen.

Die seit langem angespannten Beziehungen zwischen der Landeshauptstadt und Hildesheim zu verbessern, das muss der Sparkassenstiftung wohl eine Herzensangelegenheit sein. Was sollte sonst der Beweggrund gewesen sein, gleich zwei Hannöversche Ensembles ins Allerheiligste einzuladen?

Genauso gewagt war das Programm. Vor allem italienische Barocker der eher unbekannten Art standen auf dem Zettel. Mit der Musik von Agostino Steffani, Diogenio Bigaglia und Antonio Lotti sollte noch einmal verdeutlicht werden, dass es einst einen regen Austausch zwischen Venedig und Hannover gegeben hat. Abgeschlossen wurde der Abend mit dem Magnificat von Antonio Vivaldi und dem Nisi Dominus des zeitweiligen Hannoveraners und Venedig-Besucher Georg Friedrich Händel.

Vom Frühbarock über das Hochbarock in die Spätphase mag zwar keine originelle Auswahl zu sein. Aber Jörg Breiding machte damit immerhin die musikalische Entwicklung im 17. und 18. Jahrundert deutlich. Die Dramaturgie überzeugte.

Mancher Chorknabe ist dem Knabenaltern entwachsen
Alle Fotos: Kügler
Es ist schon ein deutlicher Gewinn, wenn Musik an dem Ort gespielt wird, für den sie komponiert wurde. Das macht gleich der Einstieg deutlich. Das Magnificat von Steffani untermauert diese These eindrucksvoll.

Ein Orgelakkord, dann eine Solo-Stimme und schon setzt der Chor ein. Die hellen Knabenstimme steigen an die hohe Decke empor und perlen von dort auf das Publikum herab. Die Töne strömen in die Seitenschiffe und von dort zurück ins Mittelschiff. Der Hall der Kathedrale gibt den jungen Stimmen ein erstaunliches Volumen.

Was ist schon Dolby-Surround gegen live? Das Publikum wird in eine kuschelige Decke aus Musik gehüllt und der Dom wird zu einer Zeitkapsel. Die Welt da draußen existiert nicht mehr, zumindest die nächsten 90 Minuten nicht mehr.

Das Magnficat von Steffani ist kunstfertige Lobpreisung. Filigran umspielen die einzelnen Lagen einander, Solisten setzen im Alt und Tenor Akzente, bis der Chor wieder einsetzt. Die Übergange funktionieren wunderbar.

Dann bleiben den Streichern einzelne Passagen. "la festa musicale" überzeugen an diesem Abend als Ensemble, als eine Einheit gleichwertiger Musiker, die trotz des jugendlichen Alters schon über einen hohen Grad an Zusammenspiel verfügen. Damit kann das Dirigat von Jörg Breiding zurckhaltend bleiben und sich auf die wesentlichen Dinge beschränken. Aber eins ist klar. Dem Gesang kommt an diesem Abend das Primat zu.

In der "Missa á 5 con stromenti" hat Bigaglia ein belebendes Zusammenspiel von Solisten und Chor entworfen. Jede Strophe beginnt mit dem Solo-Gesang, dann antwortet der Chor und führt das Motiv weiter und entwickelt es zu neuem Material. Das ist Barock, wie er sein soll.

Das Orchester muss sich zurückhalten, der Dirigent
ja auch.    Fotos: Kügler
Nach den weltabgewandten Steffani und dem innerlichen Bigaglia bildet das "Credo in F" von Antonio Lotti den nötigen Kontrast. Es ist barocke Pracht und Lebensfreude, die sich hier Bahn bricht. Der ist erreicht, als die Streicher Barocktänze servieren. Das Largho des "Spiritum Sanctum" bietet nur eine kurze Pause, bis die Pracht im Schlussvers noch großartiger zurückkehrt. Es scheint, als habe das Publikum Angst, solch ein Werk mit so etwas Schnödem wie Applaus zu begleiten.

Im dritten Satz des Magnificat von Vivaldi dürfen die Srreicher dann glänzen. Plötzlich ist es da, dieses vom großen Venezianer so geliebte Staccato. Das sorgt noch einmal für eine deutliche Tempoverschärfung. Das Konzert ist ganz im Diesseits angekommen. Auch hier bleibt Breiding angenehm zurückhaltend.

Händels "Nisi Dominus" ist geprägt vom Wechselspiel der Instrumentalisten und der Solisten. Im "Varnum est vobis" kann sich Georg Poplutz auszeichnen, Ohne Verluste lotet er alle Höhen und Tiefen seiner Stimmlage aus.  Im dritten Satz legen die Streicher das Fundament, auf dem Counternor Alex Potter für diese Lage ungewohnt weltvergessen singt. Aber die Überraschung ist Wolf Matthias Friedrich im vierten Satz. Ein Bass, der mit solch Dynamik auch in die Höhen kommt, sollte man für die Zukunft auf der Rechnung haben.

Mit dem "Beatus vir" und dem "Gloria Patri et Filio" bleibt dem Chor das Schlusswort und die setzt er in voller Pracht des späten Barocks. Nach solchen einem Konzert vergibt man nicht nur seinen ärgsten Feinden und den eigenen Verwandten sondern auch den Hannoveranern.




Material #1: Niedersächsische Musiktage - Die Website

Material #2: Knabenchor Hannover - Die Website

Material #3: la festa musicale - Bei Facebook


      

Mittwoch, 19. September 2018

Unterwegs mit der ältesten Boy Group

Von der Renaissance bis in den Pop:  King's Singers setzen die Standards

Für einen Abend stand Northeim ganz oben auf der Landkarte des gepflegten Chorgesangs. Auf ihrer Jubiläumstour machten die Kings Singers Station in der Sankt Sixti-Kirche. Das Sextett machte deutlich, wie hoch die Latte in Sachen a cappella nun mal liegt.

Vor 50 Jahren betraten die Sänger aus dem King's College zum ersten Mal die Bühne. Damit sind sie wohl die älteste Boy Group des Planeten.  Mit einer Welttournee feiern dies Ereignis und dabei entfielen vieer Konzert auf Deutschland. Dementsprechend hoch war die Nachfrage und die St. Sixti-Kirch schlicht und einfach bis auf den letzten Platz ausverkauft.

In den Swingin' Sixties war die Hinwendung zu klassischer Musik eine deutliche Aussage gegen den Mainstream. Bei allen Neuerungen im zweiten Set, muss man feststellen, dass sich das Ensemble im Großen und Ganzen treu geblieben ist.

Auch die Besetzung mit zwei Countertenören, einem Tenor, zwei Baritons und einem Bass ist seit den Anfangstagen geblieben. Diese Zusammensetzung garantiert den besonderen Klang zwischen himmelhoch jauchzend der Welt entrückt und schmeichelnd diesseitig.

In "The Prayer of King Henry VI" von Henry Ley schimmert noch viel Gregorianik durch. Auf dem Fundament stabiler Bässe füllen die weltentrückten Countertenöre das mächtige, gotische Kirchenschiff bis in die letzte Kreuzrippe und den letzten Arkadenbogen mit Innerlichkeit und Ton gewordenem Glauben. Das Publikum ist stillschweigend verzückt, der Applaus-Vorschuss hat sich ausgezahlt.

Sänger wie die Orgelpfeifen: Die King's
Singers in St.Sixti in Northeim.

Alle Fotos: Kügler
Überhaupt haben die King's Singers an diesem Abend viel zu bieten, was nur sie haben, nämlich Musik, die extra für dieses Ensemble geschrieben wurde. Das gilt auch für das "We are" von Bob Chilcott nach einem Text von Maya Angelou. Das Lied startet als Kanon, erst die Counters, dann der Tenor und die Bariton. Alles endet in einem harmonischen Satzgesang. Damit wird die Botschaft von der Individualität jedes Menschen in der Gemeinschaft aller Menschen wunderbar umgesetzt.

Auch als englisches Weltklasse-Ensemble kommt man in Deutschland an Gemütlichkeit nicht vorbei, das wissen die King's Singers. Zumindest heben sie das Trinklied "Frisch auf, lass uns ein guts Glas mit Wein" auf höchstes Niveau. Countertenor Timothy Wayne-Wright präsentiert hier seine schauspielerischen Ambitionen.

In "The seasons of his mercies" hat Richard Rodney Bennett eine Text aus dem 16. Jahrhundert von John Donne verarbeitet. Den King's Singers gelingt in ihrer Interpretation der Spagat zwischen Renaissance und Modern wunderbar. Tenor Julian Gregory beginnt mit einem Sprechgesang im Alt. Das Rauf und runter in den Oktaven erinnert in orthodoxe Liturgie. Dann setzt der Chor ein und verdeutlicht den Wechsel zwischen Himmel und Erde.

Die Stimmung kippt und an der Grenz zur Atonalität zeigen sich die King's Singers nun erstaunlich modern. Doch die Dominanz der Countertenöre im Schlussvers verspricht ein gutes Ende.

Die Romantik ist in Deutschland ebenso unvermeidlich. Bei Max Regers Morgengesang nach einem Text aus dem 16. Jahrhundert flutet das Tutti die Kirche mit musikalischem Licht. Alle sechs singen exakt dieselbe Melodie, das ist Harmonie in Vollendung. Die Brentano-Vertonung von Brahms hingegen ist von Innerlichkeit geprägt.

Die "Handmade Proverbs" von Toru Takemitsu sind eine weiter Auftragsarbeit für die King's Singers. Bei diesen vertonten Haikus zeigt das Sextett, dass es auch mit vielen Spielarten des Jazz vertraut ist. Der knappe Text wird mit Elementen des Barber Shop  und mit Lautmalerei ergänzt.

Timothy Wayne-Wright (mitte) hat auch
schauspielerisches Talent
Auch das Volkslied "Auf einem Baum ein Kuckuck saß" strotzt nur so vor Lautmalerei. Timothy Wayne-Wright beginnt, dann folgt im der Chor und es wird viel gekuckuckt. Das Publikum weiß es zu schätzen: Das ist Komik ohne in den Klamauk zu verfallen. Zwischendrin erweisen die King's Singer noch den Comedian Harmonist ihre Referenz, um dann mit Beethovens "Ta.-ta-ta-taaaaa" zu enden.

Dann verschwinden die Notenständer. Die King's Singers müssen nicht mehr vom Blatt singen, denn nun betreten sie die Abteilung "Herzensangelegenheiten".  Im "I'll follow the Sun" von den Beatles dringen sie ins Reich der Pop-Musik vor. Über der Bass-Gruppe setzen der Tenor und die Counters feine Melodielinien.  Also Pop können die sechs auch und das sehr gut und vor allem ohne modisches Beatboxen.

Im ersten Teil kunstfertig, im zweiten Teil des Abends emotional. Auf jeden Fall haben die King's Singers den Maßstab für den Gesang sehr hoch gelegt und das begeisterte Publikum bedankt sich mit langanhaltenden Applaus.









Material #1: Musiktage Niedersachsen - Die Website

Material #2: Die King's Singers - Die Website
Material #3: Die King's Singers - der Wiki-Eintrag

Donnerstag, 13. September 2018

Eine gemeinsame Reise in die Phantasie

Lesung mit Musik: Hansen und Deutschmann brillieren in der Eulenburg

Das Literaturfest Niedersachsen war zu Gast in Osterode und  alles passte zusammen: Location, Texte und Musik. Mit der Lesung "Von Menschen und Maschinen" in der ehemaligen Wollwarenfabrik Greve & Uhl konnten Julia Hansen, Heikko Deutschmann und Stephan Meier mehr als überzeugen. Nach dem schwierigen Start angesichts der außergewöhnlichen Musik war das Publikum am Ende regelrecht begeistert.

Der Erfolg liegt in der Auswahl. Christiane Freudenstein hat die Texte in eine Reihenfolge gebracht, die eine durchdachte Dramaturgie deutlich erkennen lassen. Das Verhältnis Mensch und Maschine wird im Laufe des Abends immer inniger, bis die Grenzen verschwinden. Damit stand am Ende der gemeinsamen Reise eine erschreckende Phantasie.

Das "Poéme symphonique" von György Ligeti ist ein Einstieg, der für manchen zu spröde ist. In der sogenannten Symphonie für 100 Metronome ticken die Mechaniken in unterschiedlichen Takten mit einander- und gegeneinander. Doch in der Gesamtheit wird ein Klangbild daraus, das Konzentratiopn erfordert, um erkannt zu werden.

Es ist nicht mehr der Mensch, der die Musik macht. Dies erledigt die Maschine. Damit war der Einstieg durchaus programmatisch für den Abend. Die Platzierung der mechanischen Instrumente im gesamten Raum sorgt dafür, dass das Publikum mitten drin in der Musik ist und somit zum Teil der Inszenierung wird.

Das Spiel geht langsam zu Ende, das "Poéme symphonique" franzt aus. Später werden einzelne Metronome noch die Lesepausen hin klicken. Die Ränder der Musik verweben sich so mit der Literatur.

Heikko Deutschmann als Wasch-
maschinenversteher. Fotos: Kügler
Mit der "Brüderschaft von Ingenieur und Dichter" hat William Wordsworth einst einen programmatischen Text abgeliefert. Entsprechend sachlich ist der Vortrag von Julia Hansen, das passt.

Heikko Deutschmann liefert dann mit Kishons "Auch die Waschmaschine ist nur ein Mensch" das Kontrastprogramm. Er lässt seine Erfahrung aus mehr als 40 Hörspielen zur Geltung kommen. Er trägt mal laut, mal leise, mal schnell, mal langsam vor und setzt die Pausen an den passenden Stellen. Mit sparsamer Gestik unterstreicht er die entscheidenden Stelle.

Das Schmunzeln des Auditoriums wird hörbar. Deutschmann hat das Publikum auf seiner Seite, weil er diesen unsichtbaren Faden zwischen Künstler und Publikum meisterhaft spinnt. Jeder im ausverkauften Maschinenraum der Eulenburg sieht die hüpfende Waschmaschine Jonathan vor dem geistigen Auge.

Auch beim "Automechaniker" aus "Kein schöner Land" von Silvio Blatter schaft es Deutschmann, die Zuhörer mitzunehmen. Die Werkstatt, in der Flip arbeitet, wird fast greifbar. Die rasante Probefahrt, die zu einem Todesfall wird, ist eindrucksvoller Teil des Kopfkinos, dass Deutschmann an diesem Abend anknipst.

Mit Blatters Text ist eine Grenze überschritten, nämlich die zwischen Mensch und Maschine. Automechaniker Flip geht die Symbiose mit den Motoren ein, aber vor allem mit seinem Walkman. An dessen Tropf hängt er und dies führt in die Katastrophe.

Wenn es eine Schwäche im Programm gibt, dann liegt sie hier. Der Text von Blatter wurde bereits  1983 veröffentlicht und ist doch der jüngste im Programm. Der Abend bleibt mechanisch und analog. Smartphones, Apps und alle weiteren Geräte zur vermeintlichen Lebensoptimierung kommen nicht vor. Das Publikum darf von Flips Standpunkt aus den frühen 80-er Jahre weiter in die Gegenwart denken.

Musikalisch bestimmt Stockhausen den Abend. Stephan Meier serviert vom Klassiker der Avantgarde mit  Waage, Skorpion und Jungfrau drei Stück aus dessen "Tierkreis"-Zyklus von 1975. Schlagen, streicheln und zuwedeln. Meier bedient das Glockenspiel und das Vibraphon auf eine Art und Weise, die das Publikum in Trance versetzt. Das Duett mit Spieluhr wird zum aha-Moment und dank Smartphone-Loop in die Gegenwart verlängert.

Julia Hansen kann auch anders, nämlich recht emotional und mitreißend. Das siebte Kapitel von Emil Zolas "Die Bestie im Mensch" schildert eine Fahrt mit der Dampflok durch ein tief verschneite Sturmnacht. Hansen macht das Publikum zu Mitfahrern auf dieser Reise. Sie und Jacques Lantier scheinen zum Teil so miteinander zu verschmelzen wie Zolas Lokführer mit seiner Maschine verschmilzt.

Julia Hansen kann auch Gänsehaut.
alle Fotos: Thomas Kügler
Gänsehaut gibt es reichlich, als Julia Hansen den Abschnitt "Der Apparat" aus Kafkas "Die Strafkolonie" vorträgt. Da ist die nüchterne Schilderung des Reisenden, die sie kontrastiert mit dem Vortrag des Offiziers. Mit immer sich steigernden Gesten verdeutlicht sie dessen sich selbst euphorisierende Handhabung des Tötungsapparates. Der Sadismus und die Menschenverachtung bekommen so ein Gesicht, das erschrickt.

Das düstere Ambiente des Industriedenkmal mit seiner wenigen verbliebenen Apparaten ist der denkbar beste Ort für diesen Vortrag. Gesteigert wird dies noch durch Stephan Meier und seinen Vortrag der "Rebounds" von Jannis Xenakis. Die Percussion klingt reichlich nach Landsknechttrommeln und nach drohendem Unheil. Die Dramaturgie des Abends ist klar. Die Grenze ist überschritten, die Maschine besiegt den Menschen. Damit gibt es doch noch eine Aussage, die in eine zweifelhafte Zukunft weist. Daran ändert auch der Abschluss mit den Texten von Kasack und Offray de La Mattrie nichts.

Von der Skepsis zur Begeisterung. Die Lesung "Von Menschen und Maschinen" war nicht nur eine Reise in eine gemeinsame Phatasie. Sie war auch ein Entwicklungsprozess bei Vortragenden und Zuhörenden. Was will man mehr?




Material #1: Das Literaturfest - die Website

Material #2: Julia Hansen - Die Website

Material #3: Heikko Deutschmann - Die Biographie
Material #4: Heikko Deutschmann im Interview 

Material #45: Stephan Meier - Die Biographie


Material #6: Die Eulenburg - Das Industriedenkmal








Mittwoch, 12. September 2018

Bigband dekonstruiert sich zu Tode

Der Brückenschlag zwischen Barock und Jazz gelingt nur zum Teil

Grenzen überschreiten und Gemeinsames aufzeigen, dass war der Anspruch der NDR Bigband bei ihrem Konzert in der PS.Halle in Einbeck. Doch weil das Ausgangsmaterial arg deformiert wurde, waren die Konturen nicht mehr erkennbar.

Mit Geir Lysne als neuen Chefdirigent hat beim Ensemble vor zwei Jahren eine Zeitenwende eingesetzt. Nichts ist geblieben von der raffinierten Leichtigkeit und Spielfreude seines Vorgängers Achim Keller. Nun wird Jazz in seiner verkopften Variante geboten. Damit war das Konzert zum Teil eine Reise zurück in die 70-er Jahre.

Das Jazz und Barock seelenverwandt ist seit 40 Jahren eine Gewissheit. Beide Genres werden von der gemeinsamen Entwicklung eines oder mehrer Themen durch die Musiker bestimmt. Dann biegt einer ab, improvisiert auf dem Teppich, den das tutti legt und dann trifft man sich zu vereinbarten zeit am vereinbarten Ort. Dann arbeitet man am Thema weiter und variiert fleißig.


Christoph Lauer hupt schon zu Anfang ganz fett.
Alle Fotos Kügler
Bestimmt ist die meist von enormer Klangfülle und einer grundsätzlich positiven Lebenseinstellung. Lebensfreude ist das Grundmotiv sowohl im Barock als auch im Jazz. Soweit die Theorie. In der Praxis des Konzerts in Einbeck war davon nur ansatzweise etwas zu bemerken.

Fünfmal Telemann steht vor der Pause auf dem Programm. Christof Lauer beginnt das Concerto in E-Dur mit seinem Saxophon-Solo. Er reiht einzelne Töne an und weckt einen Hauch von Ornette Coleman. Dann setzt das Ensemble ein und man findet einen gemeinsamen Rhythmus, doch das Klangbild erinnert nicht an barocke Opulenz sondern an die reduzierten Strukturen eines "Sketches of Spain".

Auf der Basis der Bigband setzt Klaus Heidenreich zum Posaunen-solo an. Schnell reiht er die Töne aneinander, doch es dauert einen Augenblick, bis man das Thema gefunden hat. Nun geht es in Fahrtrichtung Konventionell. Das Dirigat von Geir Lysne ist angenehm zurückhaltend.

Dann erklärt er, dass es mit diesem Programm vor allem um seine Sicht der Dinge geht und nicht so sehr, was Telemann der Nachwelt mitzuteilen hat. Das wird im Laufe des Konzertes immer deutlicher. Seine Arbeitsweise erläutert er in wenigen Worten. Er übergibt das Material dem Computer, ändert das Tempo, ändert die Rhythmik und fügt dann einiges hinzu. Deswegen ist es schwer, die barocken Vorlagen auszumachen. Die Dekonstruktion hat jeden gemeinsamen Asatz in Grund und Boden gestampft.

Vladyslav Sendecki leitet Telemanns Spanisches Allegro mit einem Klavier-Solo ein, dass noch den Geist des Barock ahnen lässt. Dann fängt sein Spiel ann zu swingen, bevor eine Salve der Bläser das Solo beenden. Die Rhythmus-Section tritt in den Vordergrund und die Percussion setzt das Versprechen vom spanischen Flair um.

Die Legende von Paul und Paula gilt auch im
PS.Speicher 
Der einmalige Sound der NDR Bigband wird klar: Druckvoll aber doch transparent. Jedes Instrument  ist zu erkennen, noch. Dann setzt Sandra Hempel zum ersten Gitarren-Solo an, doch ihr zartes Spiel hat Schwierigkeiten sich durchzusetzen.

Eine Fantasia ist eine musikalische Erscheinungsform, die keinen Regeln unterliegt. Auch Telemann schrieb einst eine. In der Lysne-Version darf sich an diesem Abend fast jeder mal probieren. Nicht weniger als acht Soli dehnen die Vorlage wie eine Gummiband. Orientalische Anmaßungen stehen neben der Auflösung jeglicher Struktur und mancher Beitrag erweckt den Eintrag, als wollte der Vortragende hier den Jazz neu erfinden.

Dieses spiel setzt in der Wassermusik fort und wiederum ist es Sandra Hempel, deren Spiel im  anschwellende Volumen der Rhythmus-Sektion unterzugehen droht. Egal ob Jazz oder Barock, von Lebensfreude ist jedenfalls nichts zu spüren.

"Man  muss sich nur einreden,dass es schön war, was man erlebt hat" ist der zentrale Satz aus der "Legend von Paul und Paula". Das scheinen auch große Teile des Publikums zu beherzigen. Deswegen gibt es durchaus und auch reichlich Applaus. Götz Alsmanns Verdikt über den Jazz-Nihilismus ist hier nicht zitierfähig.





Material #1: Die Musiktage - Die Website

Material #2: Die NDR Bigband - Die Website
Material #3: Die Band - Eintrag bei wikipedia

Material #4: Die Bigband vor Ort - 2014 in Göttingen -
Material #5: Noch mal vor Ort - 2014 in Herzberg

Material #6: Der Jazz-Nihilismus -Götz Alsmann im Interview







Montag, 10. September 2018

Keiner hat sich im Kräutergarten verirrt

Family Clash: Die Gebrüder Gerassimez begeistern in Nörten

Von wegen Familienstreit. Am Freitag entführten Alexej, Wassily und Nicolai Gerassimez bei den niedersächsischen Musiktagen ihr Publikum in ihre kunterbunte Welt aus Jazz, Klassik und Tango. Zur Musik auf allerhöchstem Niveau gab es noch eine unterhaltsame Show mit Augenzwinkern.

Die drei Brüder sind ganz bestimmt ein Glücksfall für die Musik. In eine Musikerfamilie geboren, lernten sie schon von frühester Kindheit an ihre Instrumente und wurden auch schon früh mit Preisen ausgezeichnet. Die Ankündigung hatte ein mitreißendes, homogenes und nahezu intuitives Zusammenspiel versprochen. Der Auftritt im Atrium des Gräflichen Landsitz Hardenberg übertraf die Erwartungen.

Das zarte Klavierspiel von Nicolai Gerassimez leitet das Präludium von Johann Sebastian Bach ein. Behutsam gesellt sich das Vibraphon dazu. Mit dem vorsichtigen Spiel von Wassily Gerassimez am Cello ist die außergewöhnliche Besetzung komplett. Dann tritt das Klavier in den Hintergrund und Cello und Vibraphon bestimmen im Wechsel. Dann ist die Kuscheltour vorbei. Alexey Gerassimez zeit das Tempo deutlich an und Nicolai rennt hinterher. Das ist nicht nur eine rasante Bach-Interpretation sondern zeigt, dass der Schlagwerker die prägende Figur an diesem Abend wird.

Die drei Brüder mal als Duo: Nicolai und Alexey
Gerassimez.     Alle Fotos: Kügler
Die Toccata von Anders Koppel beginnt wieder im ruhigen Fahrwasser. Alexey Gerassimez lässt sein Instrument flüstern, bevor die Töne nur so aus ihm heraussprudeln. Dann setzt das Klavier mit hüpfenden Anschlag ein. Auf den Klangteppich des Vibraphons setzt Nicoali Gerassimez die Akzente.

Vom romantischen Flüstern bis zu Wagnerscher Dramatik, Komponist Anders Koppel wollte hier wohl alles zeigen. Für das Duo ist das kein Problem. Die beiden Brüder scheinen sich als Gipfelstürmer gar noch zu beflügeln und beim Vibraphon-solo taucht zu ersten Mal die Frage: "Hat der sich all die Noten gemerkt oder ist das reine Improvisationskunst?" Auf jeden Fall passt es.

Wassily Gerassimez startet solo in seine Eigenkomposition Melancolia. Mit langsamen Streichen auf 2 Saiten produziert er hypnotische Klänge, die das Publikum in Trance versetzen. Wie langsam kann man eigentlich sein? Die Zeit zieht sich in der Melancholie eben dahin wie ein Deuser-Band.

Wie ein Skalpell setzt das Vibraphon hier nun mit vier Tönen im wirbelnden Wechseln den scharfen Schnitt. Wassily Gerassimez ist aus der Lethargie erwacht und antwortet mit einem hektisch sägenden Cello-Spiel.

Angeblich sei es das Ansinnen von Bohuslav Martinú gewsen, mit seiner Rossini-Variation ein unspielbares Stück zu komponieren. Der Versuch ist ihm nicht geglückt. Es ist schon schwere Kost und bei den all den Läufen, die die drei Brüder hier rauf- und runterspielen, kann sich schon durchaus frage, ober die überhaupt zusammenspielen. Doch, das machen sie und die Brüder treffen sich am vereinbarten Punkt in der Mitte des Werks, bevor Nicolai wieder die Klaviatur rauf und runter jagt

Wesentlich entspannter sind da schon die Paganini-Variationen von Fazil Say. Das Klavier beginnt im freien Spiel und es klingt jazzig, nach Oldtime und New Orleans. Dann wechseln Rhythmus und Attitüde und die Melodie bebopt auf einmal. Doch das bekannte Thema bleibt deutlich und erkennbar. Mal cool, mal Blues, mal Filmmusik. Gerassimez loopt die Melodie durch einige Spielarten populärer Musik und deformiert sie doch nicht.

Der Herr der Trommel: Alexey
Gerassimez und seine Asventuras.
Auf mehr als 180.000 Aufrufe bei Youtube hat es das Video "Asventuras" von Alexey Gerassimez schon gebracht. Nun darf das Publikum in Nörten-Hardenberg erfahren warum. Auf der Bühne im Atrium bietet der Komponist einen Querschnitt dessen, was mit Sticks und Snare Drum möglich ist. Es geht bis an die Grenzen des Spielbaren. Laut und schnell, langsam und leise. Gerassimez bearbeitet sein Spielgerät mit Sticks und mit Besen, am Rand, auf dem Fell und sonstwo.

Es kann brüllen, aber es kann auch flüstern, ja Flüstern bis an die Grenze des Hörbaren. Gerassimez sprengt die Allgemeinplätze. Die sonst so laute Snare kann auch Töne produzieren, die gerade noch so hörbar sind.

Dann zischt sie auf einmal, bissig und zynisch. Der Schlagwerker bearbeitet sein Instrument mit einem Haushaltsschwamm. Das gibt 10 Punkte auf der Günter-Baby-Sommer-Skala und einen Extrapunkt für Einfallsreichtum.

Auch nach der Pause bleibt Alexej der Leader of the Gang. Bei der "Music for Pieces of Wood" gibt er den Grundrhythmus vor, über den seine Brüder dann mit Klanghölzern variieren. Ja die Herren haben die Instrument vertauscht. Wieder taucht die Frage auf, ob sie wirklich alle drei dasselbe Stücke spielen. Doch das machen sie auch dieses Mal.

Die Rhythmus-Linien laufen nebeneinander , laufen gegeneinander und treffen sich dann doch zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort. Das Versprechen der Ankündigung wird wiederum eingelöst. Es verirrt sich niemand im Kräutergarten, wie der Älteste der drei angedeutet hatte.

In seiner Komposition "Letzte Nacht im Orient" hat sich Wassily Gerassimez wohl von Anders Koppel anstecken lassen. Das klingt alles erwartet exotisch, eerweckt aber den Anschein des Alles zeigen, was man kann. Drei-, viermal nimmt er noch einmal eine Wendung als ein Thema ausgearbeitet ist. Das ist schnell ausgereizt und weniger wäre besser gewesen.

Dann steht Tango auf dem Programm. Der Libertango von Eric Sammut bringt eine Piazzolla-Variation, die mit Anlauf überzeugt. Das Cello bleibt bei der bekannten Vorlage, während das Vibraphon darüber frei improvisiert. Es geht durch Tiefen und Höhen, bevor sich die Brüder im Tango-Rhythmus treffen und das Cello mit Pizzicato noch einmal an Tempo zulegt.

Freimütig gesteht Alexey Gerasssimez, dass er ein Bewunderer von Astor Piazzolla ist. Dies merkt man seiner Komposition Piazonore auch an. Er greift hier viele bekannte Themen des Argentiniers auf. Das Füllhorn an Referenzen ist fast schon zu sehr gefüllt.

Die höchste Form des Zusammenspiels:Drei Männer
an einem Cello.     Alle Fotos: Kügler
Transition schließt den regulären Teil ab. Es ist eine Familienproduktion, Wassily hat komponiert und Alexey arrangiert. Das Werk zeigt sich wesentlich reifer als die anderen beiden. Es schwelgt nicht in ätherischen Melodien sonder kommt rhythmisch und jazzig daher. Es ist die Quintessenz, der Querschnitt durch den Abend und eine Steigerung zugleich. Die Show beginnt, denn die Brüder mach das Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel. Schwupps, auf einmal verwandelt Alexey das Cello in ein Percussion-Instrument, während Wassily das Klavier bedient und Nicolai sich am Virbraphon positioniert. Schwupps, geht der Tausch weiter, drei,- viermal, bis jeder wieder dort steht, wo er hingehört.

Das kann man nicht steigern? Doch. In der Zugabe gibt es Ravels Bolero in einer Espresso-Version. Drei Mann an einem Instrument, Wassily streicht das Cello mittig, Nicolai zupft oben und Alexey trommelt mal hier und mal dort. Wie war das mit der Ankündigung und dem Zusammenspiel noch mal.

Die Gebrüder Gerassimez sind wahrlich ein Glücksfall für die Musik. Neben allen technischen Fertigkeiten und Finessen und einem weit gestecktem Verständnis vom dem, was Musik sein kann, bringen sie auch Show-Talent und Esprit und erfrischende Frechheit mit in den Konzertsaal.


   




Material #1: Die Musiktage - Die Website

Material #2: Die Gebrüder Gerassimez - Die Website
Material #3: Asventuras - Das Video

Dienstag, 4. September 2018

Bis zur bitteren Neige

stille hunde arbeiten sich an den Kern des Don Juan heran

Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Wer hätte gedacht, dass der Barockdichter Tirso de Molina die Vorlage für den Jetset des 21. Jahrhunderts geliefert hat. Man muss seinen Don Juan nur richtig lesen. Mit ihrer Adaption verlegen die stillen hunde die Gesichte über Lug und Trug nicht nur in die Jetzt-Zeit. Sie liefern damit eine mehr als reife Leistung ab.

Don Juan Tenorio ist ein Modefotograf, dessen Geschäfte schon seit geraumer Zeit nicht so optimal laufen. Das hindert ihn aber nicht, seinem ausschweifenden Lebensstil fortzusetzen. Die Lücken in der Kasse werden immer wieder mit dem Geld des Herrn Schwiegervater aufgefüllt. Dieser Umstand führt nicht dazu, dass Don Juan sich an das Treueversprechen seiner Frau gegenüber hält. Jede Nacht teilt er das Bett mit einer anderen Frau: Prostituierte, Groupies oder andere Starlets und It-Girls.

In Catalinón hat einen treuen Diener. Der ehemalige Türsteher ist nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber immerhin verfügt er über das Gespür für die Situation und die wahren Machtverhältnisse. Doch seine Versuche, die Machenschaften seines Chefs zu decken, sind witzlos, denn die Gattin Don Ana weiß ist über alles bestens informiert.

Die Situation spitzt sich zu, als Juans Agentur mal wieder vor der Pleite steht und der Geldgeber im Sterben liegt. Don Ana wird die alleinige Erbin sein und ihrem Mann den Geldhahn zu drehen. so weit die Ausgangssituation. Von dieser Basis aus zeigen die hunde eine Inszenierung, die bis zum überraschenden Ende den Niedergang eines Ekels zeigt. Dabei lässt das Trio keine Gemeinheit und keine Anspielung aus. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass es jemanden gibt, der sich moralisch noch unter dem Niveau von Don Juan befindet.

Ein opulenter Kronleuchter hängt von der Decke, darunter ein  sehr langer Tisch mit weißen Decken. Ist das die Tafel für das letzte Abendmahl oder einfach nur ein Laufsteg? Auf jeden Fall hat wohl das vorletzte Abendmahl stattgefunden. Ein Dutzend halbvoller und leerer Flaschen sind über den Tisch verteilt.

Wenn Catalinon (links) nicht mehr weiterweiß, dann
wird halt gebetet.        Alle Fotos: Kügler
Zum Auftakt gibt es einen Knalleffekt. Don Juan stürmt in den Saal auf der Suche nach seinem Diener. Schließlich hat er einen Auftrag. Catalinon muss die Prostituierter aus dem Haus werfen, bevor Don Ana wach wird. Also knallt der Herr eine Flasche auf den Tisch. Alle sind wach.

Bademantel, Goldkettchen und wirres Haar, mit wenigen Mitteln wird Stefan Dehler zum Playboy der übernächtigten Sorte.  Seine Bewegungen sind großspurig und fahrig, der Blick geht hin und her. Der Mann steht eindeutig unter Druck. Schließlich ist da nicht nur die Geschichte mit der Prostituierten. Don Juan Tenorio  muss endlich mal wieder einen Scoop landen. Sein Stern ist deutlich im Sinken begriffen.

In dieser Rolle liefert Stefan Dehler eine bemerkenswerte Leistung ab. Er macht die Anspannung des Titelhelden greifbar. Die Stimme ist meist in dem schmalen Bereich zwischen "bestimmt" und "überdrehbar". Das Gesicht schwankt hin und her zwischen überheblich und ernsthaft verzweifelt.

Dennoch glänzt er immer noch als Manipulator. Seine Waffe ist das Wort und von genervt-angespannt schaltet Dehler blitzartig in den zuckersüßen Ton um. Hat er sein Opfer erst einmal umgarnt, geht es zurück in den Befehlston. Den hunden ist hier ein feines Psychogramm gelungen. dies wirkt in der intimen Atmosphäre der Spielstätte umso intensiver.

Opfer dieser Attacken ist die nie gesehene Esme, die in der Agentur den brüchigen Laden zusammenhalten muss und die Befehle per Telefon entgegennehmen nimmt. Überhaupt ist das vielfache Telefonieren eine geschickte dramaturgische Wendung. Viele Nebenfiguren betreten nie die Bühne, sind aber im Gespräch präsent. Schließlich liegt in den Dialogen mit den Gesichtslosen durchaus wichtige Handlung. Auf die kann nicht verzichtet werden, aber muss an das vorhandene Personal angepasst werden. Mit dieser Dramaturgie ist dies gelungen.

Die stillen hunde haben auf einen Mix aus Gegenwartssprache und Barock verzichtet. Ihre Texte sind ganz dem Hier und Jetzt verpflichtet und die Vokabeln aus dem Managersprech und dem Künstlerfloskeln liefern als Anspielungen genug Schmunzler. Denglish ist eben die Sprache der Blender.

"Don Juan" hat schon früher die Schubladen gesprengt. Ist es Tragödie, Drama oder Komödie? Hier ist sie alles und den komödiantischen Anteil über nimmt Christoph Huber in der Rolle des Adlatus Catalinón.

Man muss sich erst daran gewöhnen, dass jemand mit solcher Präsenz sich permanent klein macht und sich wegduckt. Doch es gelingt und mit dem Gegensatz zwischen Statur und Verhalten arbeitet Huber die Erbärmlichkeit dieser Figur umso besser heraus. Dabei gibt er dem Catalinón aber nicht der Lächerlichkeit preis. Er ist kein Hanswurst sondern nur Opfer der Umstände und eben Diener zweier widerstrebender Herrschaften.

Aus den Rest der Party gießt sich Don Juan eine Kater-Drink zusammen, zum Trinken kommt er nicht. Das Glas mit der Rotwein-Mischung wird im Lauf der zwei Stunden noch vielfach angehoben, angesetzt, aber nie ausgetrunken. Don Juan kommt nicht zum Trinken, weil nun das Hausmädchen Aminta den Saal betritt. Weiberheld und Bedienstete? Na klar, der Strauß-Kahn ist da.

Aminta ist nur ein vor vier gelungenen Rollen für
Maja Müller-Bula.      Foto: Kügler
Die Rolle des Hausmädchen ist nur eine von vier, die Maja Müller-Bula in dieser Inszenierung zum Leben erweckt. Verklemmt, eiskalter Engel oder naiv bis an die Grenze der Dämlichkeit. Die rasanten Wechsel zwischen Arbeitsmigratin, rachsüchtige Gattin und Soap-Darstellerin schafft sie ohne Brüche und ohne Verluste. Damit liefert sie hier wohl die kompletteste Leistung ab. Ihr erster Auftritt als zynische Hausherrin wird mit Szenenapplaus belohnt.

Als Racheengel Dona Ana seziert sie mit erstaunlicher Kälte erst die Situation und dann das Leben ihre Mannes. Sprache und Gestik ist von jeglicher Emotion befreit, das muss man erst mal hinkriegen. Maja Müller-Bula macht den Rosenkrieg zu einer Management-Aufgabe, in dessen Prjekt auch die Biografie der Aminta nur ein Puzzleteil ist.

Die Don Ana der stillen hunde zieht ihren Rachefeldzug bis zum bitteren Ende durch. Dadurch verschieben sich die Gewichte deutlich. Nicht so sehr das Scheitern des Gunter Sachs im Handtaschenformat sondern  die Reaktionen seiner Umwelt und die Konsequenzen des moralischen Niedergangs stehen im Fokus. Das Stück könnte auch "Dona Ana" heißen. Sie ist die wahre Manipulatorin, die das Schlusswort hat. Da bleibt Catlinón nichts anders übrig, als den fragwürdigen Rotwein-Mis bis zur bittern neige zu leeren.

Die Sprache ist in der Gegenwart und die Kostümierung auch. Die stillen hunde verzichten auf jegliche barocken Zitat und gehen damit den Weg konsequent fort. Auf den ersten Blick mag das Schloss Rittmarshausen der kongeniale Ort für eine Adelssaga zu sein. Doch der Gegensatz der reduzierten Inszenierung zu den klassizistischen Attributen der Spielstätte verdeutlicht das Ausmaß der Aktualisierung umso mehr. Vielleicht haben die stillen hunde den Don Juan nicht nur anders interpretiert. Vielleicht haben sie eine komplett neue Geschichte geschrieben und sich dabei lediglich von Tirso de Molina inspirieren lassen.

Auf jeden Fall liefern sie mit dieser Inszenierung ein zynische Statement zu moralischen Ansprüchen und Widersprüchen ab. Die Bezüge zu lebenden Personen sind gewollt und nicht zu übersehen. Das einfache Täter-Opfer-Schema wird aufgelöst und durch ein Rotationsmodell ersetzt. Damit ist "Don Juan" ist die nachhaltigste Leistung der stillen hunde.







Material #1: stille hunde - Die Website
Material #2: stille hunde - Der Spielplan

Material #3: Tirso de Molina - Eintrag bei wikipedia
Material #4: Don Juan - Die Legende

Mittwoch, 29. August 2018

Musik vom King of Romantic

Kammerorchester der Kreismusikschule spielt viel Grieg

Der Anfang war stotternd, doch dann konnte das Kammerorchester der Kreismusikschule Goslar beim Internationalen Musikfest durchaus überzeugen. Das Konzert in der Schlosserei  war ein stimmiger Auftakt zum Musiktag im Bergwerksmuseum Rammelsberg.

Unter dem Titel "In der Halle des Bergkönigs" wwar viel Musik von Grieg angekündigt worden. Doch zuerst ging es weiter zurück in die ganz Alte Musik. Den Auftakt machte eine Fanfare aus dem 16. Jahrhundert eines unbekannten Komponisten, die Edward Jones mit wnderen Werken zu einer mittelalterlichen Suite zusammengefasst hat.

Warten auf den Bergkönig.
Alle Fotos: Kügler
Ganz ohne Blech auf der Bühne schaffte das Kammerorchester dennoch einen angemessenen feierliche ton, auch wenn der letzte Druck fehlt. gleiches gilt für den anschließenden Tanz Passepied.

Die abschließende "Schottische Rauferei" setzt die erste Akzente. Die Stricher schaffen es, diesen typischen spitzen Ton der keltischen Fidel auf die Bühne zu bringen. Im Wechselspiel mit den konventionell intonierenden Celli baut sich ein Spannungsbogen mit einem feinen Klangbild auf. Der Wechsel von Staccato und Pizzicato schafft im abschließenden "The Battle" eine lautmalerische Glanzleistung.

Den Hauptteil leitet Orchesterchefin Anette Zell mit einem Bericht über Griegs Skepsis gegenüber Ibsens "Peer Gynt" ein. Das es sein berühmtestes Werk werden sollte, ist eine Ironie der Musikgeschichte. Das Kammerorchester setzt die atmosphärische Dichte gekonnt um.

"Die Morgenstimmung" baut sich langsam mit zurückhaltenden Streichern auf. Geiogen und Bratschen arbeiten sich vom Flüstern zum Schwelgen vor. Dann setzt die Pauke den Wendepunkt und die Streicher schwellen wieder ab. Sie ziehen feien Melodielinien, die im Kopfkino an einem sonnigen Morgen wie Nebelschwaden über einen See dahinziehen. Das ist knapp vor Werbe-Ästhetik, aber eben nur knapp.

Eine Bühne wie ein Boxring.
Foto: Kügler
Das Kammerorchester kann auch anders und setzt mit dem Hochzeitsfest den Kontrapunkt. Der fulminante Auftakt im tutti löst alle Schwärmereien in Sekundenbruchteilen auf. Die Celli legen den Teppich, auf dem dann die Violinen ihren Hochzeitstanz vollführen. Das Zusammenspiel klappt fabelhaft. Punktgenau leitet dann wieder die Pauke die Wende ein.

Das Pizzicato der Celli und des Basses eröffnen die Halle des Bergkönigs. Dann melden sich die Violinen. Ganz behutsam lässt Anett Zell Volumen und Tempo ansteigen. Strophe für Strophe wird aus dem Largo allmählich ein Prestissimo. Dann meldet sich die Pauke deutlich zu Wort. Der Bergkönig ist da doch das Publikum ist gut vorbereitet.

Nach so viel Dramatik gibt es Entspannung mit "Solveigs Lied". Wie schon in der "Morgenstimmung" kann das Kammerorchester aus dem Vollen schöpfen und träumerisch dahin schwelgen. Die Harmonie im Ensemble wird zur Harmonie der Zuhörer. Auch das hier klingt wie knapp vor Werbung, aber sei's drum. An einem Sonntagvormittag ist das erlaubt.

Ungewöhnliche Orte ergeben ungewöhnliche
Perspektiven. 
Die "Simple Symphony" ist einer eher untypisches Werk für Benjamin Britten. Hier lässt er seinen neoromantischen Gelüsten freien Lauf und das Kammerorchester setzt dies gekonnt um. Es kann in der "Sentimental Sarabande" seinen Trumpf "volles Klangbild" ausspielen und ndie Wendung im Stück problemlos bewältigen, bevor die Sarabande im Wechselspiel von Violinen und Celli ausläuft.

Atmosphäre ist das eine, Technik das andere. Das "Frolicsome Finale" stellt in dieser Matinee sicher die höchsten Ansprüche an die Musiker. von einem nicht zu überhörenden Beethooven-Zitat geht es gleich in ein Wechselspiel von Staccato und Pizzicato, das sich im Tempo immer steigert. Doch das Kammerorchester lässt die Stimmung des ausgelassenen Finals auf das Ajuditorium in der Schlosserei überspringen. Der Lohn ist tosender Beifall.






Material #1: Das Internationale Musikfest Goslar - Die Website
Material #2: Das Kammerorchester Goslar - Die Website

Material #3: Edvard Grieg - Die Biographie
Material #4: Die Peer Gynt-Suite - Das Werk

Material #5: Benjamin Britten - die Biographie
Material #6: Die Simple Symphony - das Werk








Montag, 27. August 2018

Reise an den Sehnsuchtsort

"Bandoneon Glück auf" mit Christian Gerber und Sabrina Ascacibar

Tango in der Kraftzentrale des Industriedenkmal Rammelsberg. Kann das funktionieren? Ja, das kann es und zwar wunderbar. Das zeigte die Premiere mit Sabrina Ascacibar, Christian Gerber und Gerd Bauder am Sonntag.

Der Reflex funktioniert bei den meisten: Das Bandoneon ist im argentinischen Tango zu Hause. Doch geboren wurde es in Deutschland und war lange Zeit das Instrument der Bergarbeiter im Ruhrgebiet und im Erzgebirge. Erst mit den Auswanderern fand es seinen Weg nach Südamerika.

Diese Reise nachzuvollziehen, dass war der Anspruch von Ascacibar und Gerber. Dabei spielte die Richtung nicht so sehr die Rolle. Es ging hin und her zwischen den Kontinenten und es ging nicht nur nach Tango-Land. Sehnsucht, Freud und Leid und ihre musikalische Verarbeitung sind die Konstanten in diesem Programm.

Sabrina Ascacibar kann nicht nur Gesang
sondern auch Gitarre.    Fotos: Kügler
Instrumentenbauer, Seemänner, Auswanderinnen Exilanten, Sabrina Ascacibar liefert mit kleinen Geschichten zwischen den Stücken die Klammern. Lebendig und emotional statt kopflastig  Die Geschichte eines Instrumentes bekommt son nicht nur eine Route sondern auch dutzende Gesichter.

Den Anfang machen Ascacibar und Bauder. Zu Bass und Gitarre singt sie einen Tango wie man ihn erwartet, mit reichlich Leidenschaft in der Stimme in Hochlage. "Caminito" ist ein Stück über die kleinen Abwege im Leben.

Doch wo ist das Bandoneon? Auf jeden Fall nicht auf der improvisierten Bühne. Doch schon nach der ersten Strophe mischt es sich ein und zwar von der Empore. Angesichts des starken Halls unter der großen Kuppel und der spitzen Akustik in der Kraftzentrale war dies ein Risiko. Aber das Kalkül geht voll auf. Das kleine Instrument füllt den riesigen Raum und seine prägnanten Töne schwappen wie eine Woge über das Auditorium.

Gleich mehrfach treten an diesem Nachmittag Musik und Architektur in einen Dialog. Die Töne wird von den Mauer reflektiert, die Instrumente treten in ein Zwiegespräch mit sich selbst. Das Publikum ist ganz von Klang umgeben. Ascacibar, Bauder und Gerber wissen ein vermeintliches Manko in ein einmaliges Klangerlebnis zu verwandeln. Wenn Staunen hörbar wäre, wäre es an dieser Stelle nicht zu überhören.

Dann grummelt der Bass und das Bandoneon gibt langgezogene Töne von sich. Langsam entpuppt sich eine Melodie: Glück auf, der Steiger kommt. Mit hypnotischen Sprechgesang sagt Sabrina Ascacibar die erste Strophe auf. Dann zupft Bauder einen Rhythmus und das Publikum summt mit.

Das ist keine Anbiederung an ein montan-geschwängertes Auditorium sondern eine ehrliche Aufbereitung traditionellen Liedguts ganz ohne falsche Romantik. Die reduzierte Präsentation macht deutlich, was die Folklore häufig übertünscht: Arbeit im Berg war anstrengend und durchaus mit Leid und Not verbunden. Mit dieser Form der Erinnerungskultur hat das Trio von hier an das Publikum auf seiner Seite. Trotz der großen Halle wird es eine sehr intime Veranstaltung.

Emotionen sind das Thema des Abends und die sind auch ohne Sprachkenntnisse vermittelbar. Da macht es nichts aus, dass Sabrina Ascacibar mehrfach spanisch singt, den Song von Vinicius de Moraes eben portugiesisch. Das Publikum fühlt mit, vollzieht nach und versteht, weil es verstehen will. Das geht mit Tange ebenso gut wie mit Bossanova, Blues oder einem Chanson. Die heilende Kraft der Musik ist eben universell.

Sabrina Ascacibar sagt es: Manchmal gibt es nichts schöneres als den unerfüllten Träumen nachzuhängen, zumindest nichts schöneres an einem Sonntagnachmittag. Es geht auch um die kleinen Lücken des Glücks in einem mühsamen Dasein.

Christian Gerber kann mit dem Bandoneon
zaubern. Foto: Kügler
Das Spiel mit der Akustik demonstriert Bauder in seinem Solo. Einzelne Saiten werden angezupft und zusammen mit dem Bassisten wartet das Publikum auf die Wiederkehr der Töne und geht in der Musik auf. Bauder greift die Töne auf und formt dann einen Rhythmus daraus und den musikalischen Ball an Gerber weiterzureichen.

Er zieht die Klänge des Bandoneons in die Unendlichkeit. Sie sind noch nicht verklungen als sie schon widerhallen. Das gleicht einem Loop-Effekt ganz ohne Elektrik oder Elektronik. In der analogen Meditation geht die Welt offline. Gerber ist ein Zauberer und mit dem Bandoneon lässt er die Zeit still stehen.

Deswegen singen alle mit, als das Bergarbeiterliedgut "Es ist Feierabend" auf dem Programm steht. Das hat nichts mit Bierzelt zu tun. Die reduzierte Vortragsweise steigert die Innerlichkeit und das Band zwischen Vortragenden und Mitsingenden wächst auf Deuser-Band-Qualität an.

Mit "Bandoneon Glück auf" kehrte das Bandoneon an seine Geburtsstätte zurück und eine Heimkehr ist immer anrührend. Das lässt auch die Künstler nicht kalt und deswegen fällt das Schlusswort von Sabrina Ascacibar ehrlich und emotional aus.

Doch der Gäsnehaut.-Moment kommt erst nach dem Schluss. Als Zugabe gibt es "La Paloma" von Sebastián de Yradier mit dem Originaltext. Diese Habanera gilt als weltweit das Lied mit den meisten Cover-Version. Kein anders Stück wurde häufig in Schellack, Vinyl oder CD geritzt, gepresst oder gebrannt.

Den vielen Duplikaten setzen Ascacibar, Bauder und Gerber eine eigene Kreation entgegen. die sparsame und Instrumentierung wird durch den klaren und gefühlvollen Gesang kontrastiert. In der höchsten Sehnsucht nach der verflossenen Liebe steigert sich Sabrina Ascacibar sogar in Koloraturen. Diese erklimmen die hohe Kuppel der Kraftzentrale und rieseln  auf das Publikum nieder. Der Genuss wird durch die Idee getrübt, dass es hier nie wieder so schön sein wird. Es sind die einmaligen Erlebnisse, die die Lücken voller Glück in einem mühsamen Alltag schaffen.

Manchmal sind die spontanen Einfälle die besten. Das gilt für dieses Ereignis ganz bestimmt. Bei seinem Gastspiel im letzten Jahr äußerte Christian Gerber die Idee, mal ein Konzert in der Kraftzentrale zu geben, in deren Mittelpunkt das Bandoneon steht. Wenn einer der besten Instrumentalisten solch eine Idee hat, dann darf man sie auch ruhig umsetzen. Vielleicht ist Christian Gerber gestern eine weiter Idee gekommen. Zu hoffen ist es allemal.






Material #1: Das Internationale Musikfest Goslar - Die Website


Material #2: Sabrina Ascacibar - Die Website
Material #3: Sabrina Ascacibar bei Facebook
Material #4: Sabrina Ascacibar - Die Biografie

Material #5: Christian Gerber - Die Website
Material #6: Christian Gerber bei Facebook
Material #7: Christian Gerber - die Biografie




Samstag, 25. August 2018

Sehr persönlich und fast schon lyrisch

Cloud 6 zeigt sich vielfältig auf dem neuen Album

Spielerisch und leicht. Blues hat nicht immer was mit alten Männer, die über eine verflossene Liebe jammern. Es geht auch frisch und leicht. Das beweist Cloud 6 mit dem neuen Album "Leaving Home".

Blues sei irgendwo zwischen Jazz, Swing, Rockabilly zu Hase, kalauerte mal Michael Arlt. Es ist ja wohl eher so, dass der Blues der Vater all dieser und noch viel mehr ist. Sei's drum. Auf jedem Fall bewgen sich die vier Musiker bei "Leaving Home" genau in diesem Bermudadreieck.

Diese Vielfalt ist nicht der Orientierungslosigkeit geschuldet sondern dem tieferen Verständnis einer Musik, die auf Dogmen verzichtet. 11 Songs haben sie in diesem Album zusammengefügt und zeigen damit eine Vielfalt, die bei Newcomern überrascht.

Das Tomtom-Gewummer beginnt, dann setzt die prägnante Stimme von Kim Shastri ein, dazu eine geslappte Gitarre ohne Effekte. Der Start ist rau und ungekünstelt und klingt ein wenig nach Jerry Lee Lewis. Es geht ja auch um animalische Angelegenheit. Die Background-Vocals halten das Tempo hoch bis Valentin Vollmer zeigen darf, dass ein Gitarren-Solo im Blues flott vor sich gehen kann. Auf jeden Fall klingt es stark nach tolle und Pomade.

Kim Shastri bedient bei Cloud 6 die Tasten und das
Mikrofon.        Foto: Kügler
Stilwechsel, "Run Baby Run" bewegt sich rückwärts und swingt wunderbar wie einst Cab Calloway. Mitschnippen lässt sich nicht mehr unterdrücken. Auch hier setzt der satte Chor ein und bereitet den Weg für das Piano-Solo.  Bei  "I still love you all" swingt es späer noch mal genauso. Das macht einfach gute Laune oder eben "Bei mir biste scheen", das Zitat ist nicht zu überhören.

Ganz reduziert kommt "Leaving Home" daher. Die Gitarre und der Bass legen die Basis, über der Shastri am Piano improvisiert. Auf der Oscar-Petterson-Skala gibt das ja schon mal 7 Punkte. Ganz ruhig und relaxt macht sich jeder auf den Weg und zum Schluss trifft man sich wieder.

Es ist wohl der persönlichste Song auf diesem Album. Er erzählt vom Verlassen und Wiederkommen und gibt an dieser Stelle die weitere Richtung vor. Überhaupt ist es ein Werk, das viel von seinen Machern und ihren Vorlieben erzählt. Da kann man auch verzeihen, dass "Leaving Home" einige Parallelen zu John Sebastians "Welcome Home" aufweist. Vielleicht sollte man es als musikalisches Vorspiel verstehen. Man muss ja erst mal was verlassen, um wiederzukommen. Nicht wahr?

Von wegen Jazz, Swing und Rockabilly. In "I got a Girl" steckt viel Mambo drin und wieder ein entspanntes Soll von Vollmer. Zusammen mit der Harb ergibt das passenden Song für eine endlose Sommernacht.

Genug gechillt, mit "Ilona" wird es wieder rau und ungezüngelt. Jetzt geht Cloud 6 ganz ungehemmt mit Zitaten und singt vom "Great Ball of Fire". Referenzen müssen eben doch sein. Nun legt Vollmer auch deutlich mehr Tempo in sein Solo, während Shastri die rechte Ende seines Pianos strapaziert.

Und dann ist es doch da, das Männer-Gejammer über die leere Kassen, die leeren Flaschen und das Girl, das ist gone in the morning: "Going Down" erfüllt alle Kriterien eines Chicago Blues. Doch die straighte Gitarre und die toughe Rhythm Section bewahrt den Song vor dem Abkippen in die Weinerlichkeit. Das klappt bei "Red Wine" nicht ganz so gut.Das Gebrummel in der Tom-Waits-Stimmlage wirkt ein wenig aufgesetzt.

Valentin Vollmer setzt viele Akzente. 
Doch es geht noch persönlicher als "Leaving Home". "Nothing takes the place of you" erzählt davon, was bleibt wenn alles vorbei ist. Shastris Tenor geht ins Nasale, ein bissche Snare-Darum dazu und ein Rhodes, das jault wie ein Coyote in der Vollmondnacht. Kitschig? Nee, herrlich.  Da hat das anschließende "Mary" feine Grenze wohl schon überschritten.

Eine Blues-Scheibe, die mit Kloß im Hals endet. Doch Cloud 6 schaffen das. Nur Stimme, E-Piano, manchmal schimmert die Hammond durch und auch das Schlagzeug meldet sich gelegentlich, dann übernimmt die Gitarre die Melodie. "I will be there" ist fein konstruiert, ehrlich, ein anrührender Schluss und ein Versprechen auf mehr.

Sind Blues und Poesie vereinbar? Doch, Leaving Home zeichnet sich eine eigene Lyrik aus. Dieses Album kann man auch mal an einem regnerischen Tag auf der Fensterbank hörenund sich auf Wolke Nummer 6 träumen. Langweilig wird es nicht, weil die vier Musiker immer noch eine Überraschung parat haben in ihrer erstaunlichen Vielfalt.







Material #1: Cloud 6 - Die offizielle Website
Material #2: Cloud 6 - Bei Facebook
Material #3: Cloud 6 - Bei Instagramm



Freitag, 24. August 2018

Lieder mit Krokodilstränen


Ein Besuch in der Bar zum Krokodil musste sein

Was aus den ersten Blick wie eine amüsante Revue von Evergreens und Gassenhauer erscheint, entpuppt sich als eingängige Zusammenfassung von rasanten gesellschaftlichen Umbrüchen. Auf jeden Fall können Christian Doll und Heiko Lippmann mit dieser Form eines musikalischen Dokumentationstheaters überzeugen

Der erste Weltkrieg ist vorbei und Deutschland gehört zu den Verlierer. Das alte Morsche ist zerbrochen und der Kaiser hat sich nach Holland abgesetzt. Regisseur Ulf Dietrich gelingt es, diesen Zustand mit wenigen Mitteln deutlich.

Es sind unruhige und ungewisse Zeiten und hektisch patrouillieren die verbliebenen Ordnungshüter vor dem Bahnhof. Klara ist auf der Suche nach ihrem Mann, der aus dem Felde zurückkehren soll. Die Pickelhauben vertreiben sie ein ums andere Mal.

Während Mario Gremlich als Unternehmer Wilhelm darüber klagen darf, dass mit dem Krieg nun auch die guten Geschäfte vorbei sind, schwenkte ein Bolschewist eine rote Fahne und wird von der Polizei gejagt und kehrt doch zurück.

Der Kampf der Platzhirsche hat Slapstick-Qualitäten.
Foto: Freilichtspiele Hall
Es wirkt wie ein Setzkasten der Revolution, den Dietrich hier entwirft. Die Treppe als Bühne in der Vertikalen erweist sich als Glücksfall. Kleine und große Taten können nebeneinander und miteinander und gegeneinander ablaufen, fast wie  im richtigen Leben. Es ist ein wahres Panoptikum, das sich auf einer horizontalen Bühne nicht in dieser überschaubaren Form entfalten. Dietrich weist die Besonderheiten in Hall bestens und gewinnbringend zu nutzen.

Doch, doch, die 8 Akteure haben durchaus Namen, aber die kommen nicht zur Sprache. Sie vertreten eben Idealtypen, ohne dabei schematisch zu agieren. Das muss man schon mal hinbekommen.

Mario Gremlich spielt den Unternehmer, der die alten Eliten vertritt, die weitestgehend unbeschadet durch den Krieg und die Nachkriegszeit kommen. Große Klappe und breite Brust, Gremlich scheint auf zwielichtige Typen spezialisiert. Es gelingt ihm aber auch, dem Wilhelm heitere, fast schon satirische Seiten abzugewinnen.

Rob Pitcher ist als Hans der Gegenentwurf. Dem Tenor gelingt hier vielleicht die beste schauspielerische Leistung. Als Kriegsversehrter muss Hans sich als Barkeeper durchschlagen. Sein Leben wurde umgekrempelt und entwertet. Ob seine Klara den Versuchungen immer widerstehen kann, bleibt unklar. Schon früh tönt der Enttäuschte deutschnational und nationalsozialistisch.

Pitcher gelingt es, diesen Werdegang mit wenigen Worten deutlich zu machen. Die stärkste Leistung ist sicherlich der Boxkampf mit Nico Went als Heinrich. Zwei Platzhirsche treffen hier aufeinander und benehmen sich wie Clowns. Da passt es, dass sich der Kampf in einem Slapstick-Fight wie bei Buster Keaton auflöst. Dietrich setzt hier mit Zeitlupen und Hghspeed auf Elemente des damals aufregenden Mdeium Film. Das Ensemble hat sichtbaren Spaß daran und das Publikum hat den größten Gewinn. Es gibt reichlich Szenenapplaus.

Wie sehr sich der Regisseur und die Autoren in den Geist der Zeit eingearbeitet haben, zeigt eben auch diese Szenen. Schließlich war Boxen als Symbol über den Überlebenskampf der Sport der 20er Jahre. Sogar Bert Brecht hat sich zu mehreren Lobgesängen hinreichen lassen.

Aber auch das Bühnenbild von Dietrich Teßmann trägt seinen Teil zur Rasanz dieser Inszenierung bei. Aus dem Bahnsteig wir mit wenigen Griffen eine Bar, die sich zum Boxring wandelt und dann als Schiff endet. Das passt.

Jasmin Eberl ist der blonde Engel
und Gremlich liegt zu Füssen. 
Überhaupt die Versuchungen. Das Tief des verlorenen Kriegs wird mit exzessiven Leben verarbeitet. "In der Bar zum Krkodil" lässt diese Beschleunigung wieder Fahrt aufnehmen und die Arrangements treiben die Handlung voran. Doll und Lippmann verlassen sich bei der Beschallung fast ausschließlich auf zeitgemäßes Material. Da gibt es viel Friedrich Hollaender und Zeitgenossen. Auch wenn die Inszenierung durchaus politisch ist, tut der Verzicht auf Brecht, Weil und Eissler durchaus gut. Diese Inszenierung traut dem Publikum genug Beobachtungsgabe zu, also kann man Brachialliteratur verzichten.

Der Exzess war auch eine Form der sexuellen Befreiung. Die Inszenierung wirkt manchmal wie ein Gemälde von George Grosz und mancher Zuschauer wirkt ein wenig verstört, wenn sexuelle Vielfalt so offen thematisiert wird. Das erspart Dietrich dem Publikum aber nicht, es geht ja auch um Dokumentationn und Sex in offener und verklemmter Form prägte das Kulturleben der 20er Jahre. Dabei verdient Jasmin als freizügige und laszive mindestens 8 Punkte auf der Blauer-Engel-Skale 

Kann man die Geschichte einer Epoche nur in Lieder erzählen. Ja, das geht zumindest hier. Niederlage, Rausch, Hyperinflation, Goldene Zwanziger, Aufstieg der Nazis und die vermeintliche Machtergreifung. Mit Musik lässt diese Inszenierung diese Zeit ohne falsche Romantik vorüberziehen, als es dann 1933 bombastisch übertönt.

Dan machen die Autoren noch etwas deutlich, was nur wenigen bewusst ist. Mit der äußeren und inneren Emigration zog die Sehnsucht in deutsche Liederbücher ein. Die Situationsbeschreibung wurde durch Fernweh-Gesänge ersetzt. Lobenswert wie diese Darstellung ist, gerät der Sehnsuchtsteil zu lang und vermittelt einen schmusigen Schluss zu einer Gesichte, die gar nicht gut ausgegangen ist.






Material #1: Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall - Offizielle Website
Material #2: Die Bar zum Krokodil - Das Stück



Donnerstag, 9. August 2018

Der Käpt'n ist erst am Anfang der Reise

Max Prosa debütiert mit einer Performance beim Theaternaturfestival

Ein Festival der darstellenden Künste zu sein, das ist der Anspruch von Theaternatur auf der Waldbühne in Benneckenstein. Deswegen gibt es auch Workshops, Konzerte und Kino und eben auch ein Performance. Die hier ist von Max Prosa, heißt "Die Reise des lausigen Kapitäns" und kommt noch nicht so recht von der Stelle. Mehr als "Leinen los" ist nicht drin.

Max Prosa wird unter dem Label Singer-Songwirter geführt und ist er der zahlreichen Vertreter der neuen deutschen Innerlichkeit. Nicht umsonst heißt sein aktuelles Projekt "Im Stillen" und versammelt Lieder, Lyrik und Erzählungen in einem Band und dies ist auch die Vorlage für die Performance "Die Reise des lausigen Kapitäns". Bei der Uraufführung in Benneckenstein ist ihr recht schnell der Wind ausgegangen.

Der lausige Kapitän ist Ex-Student und einst wollte er zu Reisen jenseits des Horizonts aufbrechen. Doch er ist nie aus der Fußgängerzone herausgekommen und verdient dort sich seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker. Per Zufall trifft er auf zwei alte Weggefährten, die die Reise schon frühzeitig abgebrochen haben und sich nun wieder im konventionellen Fahrwasser befinden.

Ein Abend voller Selbstbetrachtung.
Foto: Kügler
Das ist der Ausgangspunkt und von diesem hält der lausige Kapitän Rückschau auf sein Leben. Auf der LED-Wand tauchen die Geister, die er rief, Stück für Stück auf. Mit Musik und Texten arbeitet sich Max Prosa nun daran ab.

Es ist Lyrik vom allerfeinsten. Jedes Wort passt, nichts ist zuviel und die Bilder, die er mit Sprache mal, sind eingängig. Das Publikum ist in wenigen Augenblicken in Reiselust. Das ist wohl der Zauber der Poesie.

Musikalisch ist es leichte Reisekost, reduziert auf Stimme, Gitarre und E-Piano.  Der Dialog Sänger - E-Piano mit der Ex-Liebe Maria gehört sicherlich zu den intimsten Momenten. Der Tanz mit dem Maria-Tuch lässt die Zeit still stehen. Doch das trägt nicht ein ganzes Abendprogramm. Was im intimen Club funktionieren mag, das läuft auf der großen Bühne ins Leere.

Es erinnert sehr an Jacques in seinen depressiven Phasen, wie die Long-Version von "Ne me quitte pas". Leider geht Max Prosa die Energie des legendären Belgiers völlig ab. Er stellt Fragen, zeigt aber keine Möglichkeiten auf. Es scheint, als ob die Generation Klettverschluss kaum der Pubertät entronnen schon in der Midlife-Krise angekommen ist.

So ehrlich ist Max Prosa dann doch. Hier wir kein Aussteigertum verherrlicht. Er hinterfragt die falsche Romantik durchaus. Während die Kumpels im seichten Fahrwasser vor sich hindümpeln scheint der lausige Käpt'n in die Sackgasse geraten zu sein.

Was eine poetische Betrachtung zum Thema "Kein richtiges Leben im Falschen" werden könnte, scheitert am spröden Spiel der drei Akteure. Was die Aussprache und die Varianz der Stimme anbelangt, da muss der lausige Kapitän aber noch mal ordentlich nachsteuern. Von Anfang bis Ende befindet er sich in ein und derselben Tonlage.

So bleibt die Gewissheit, an Bord einer Uraufführung gewsen zu sein und und einem Experiment beigewohnt zu haben. Dennoch sei dem lausigen Kapitän für die weiteren Fahrten immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel gewünscht. 






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