Montag, 24. Juni 2019

Göttlich und mitreißend

"Spatz und Engel" eröffnen die Domfestspiele

Ich habe die Piaf gesehen, doch wirklich. Die steht in diesem Sommer in Bad Gandersheim auf der Bühne. Dort lebt, leidet und stirbt sie auch eindrucksvolle Weise. Doch hübsch der Reihe nach.

Man könnte es wohl Musiktheater nennen. "Spatz und Engel" von Daniel Große Boymann und Thomas Kabry behandelt das Verhältnis von Marlene Dietrich und Edith Piaf zueinander. Was dabei Historie und was Fiktion ist, bleibt in der Inszenierung von Sandra Wissmann zweitrangig. Die Möglichkeit ist entscheidend. Es könnte so gewesen sein, es könnte sich so zugetragen haben.

Die Aufführung vor der Stiftskirche entwickelt eine eigene Logik. Aber vor allem fesselt sie durch die gesangliche Leistung von Syliva Heckendorn. Damit erleben die 61. Gandersheimer Domfestspiele eine mitreißende Eröffnung.

Da ist sie noch die Kühle.
Alle Fotos: Kügler
Auf ihre spezifische Art und Weise haben Marlene Dietrich und Edith Piaf das Showgeschäft des 20. Jahrhunderts geprägt. Die Göttlich, wie Marlen Dietrich auch genannt wurde, hat als kühle Blondine ein neues Frauenbild installiert. Der Spatz von Paris hat ein bestehendes Frauenbild ins Absurde übersteigert. Die lebte selbstbestimmt, die andere getrieben. Bei allen Gegensätzlichkeiten gab es auch eine Gemeinsamkeit: Sie pfiffen auf Konventionen.

Das Stück beginnt mit einer Niederlage. Piaf erlebt 1948 in New York ein Debakel. Dann trifft sie auf Marlene Dietrich und diese nimmt sie unter ihre Fittiche. Dietrich wird zu Garantin des musikalischen Welterfolgs.

Die Inszenierung von Sandra Wissmann ist eine Studie über Abhängigkeiten. Die Dietrich versucht immer wieder die Kontrolle über das leben der Piaf zu erlangen. Doch damit muss sie scheitern. Die Französin entzieht sich immer wieder dem Zugriff auf ihr komplettes Leben.

Sind es anfangs kleine Schlupflöcher, kommt es bald zum Eklat. Das Projekt "Kontrolle" muss scheitern, weil sonst die Piaf'sche Tragödie nicht vollendet werden kann. Aber wer braucht hier eigentlich wem? Schwan macht deutlich, dass auch marlene Dietrich nur über ein beschränktes Repertoire an Verhaltensweisen hat. Anders formuliert: Sie kommt aus ihrer Haut nicht raus und deswegen bleibt ihr Werk unvollendet.

Was sich anhört, wie ein Ausflug in die Küchenpsycholgie, kommt aber als witzige, freche und rasante Revue daher. Allein schon, die Idee, das erste Treffen in der Damentoilette stattfinden zu lassen, ist auch heute noch Basis für einiges an pikierten Befremden.

Wenn auch die Moralvorstellungen in Sachen Sex großzügiger geworden sind, so mag doch mancher im Publikum mehrere "Ach ja"-Momente erlebt haben. Aber es ist vor allem die ungeschönte Sprache. Hier wird nichts beschönigt, es wird gesprochen wie die Münder gewachsen sind. Das Wort "Scheiße" fällt mehrmals und es wirkt noch nicht einmal aufgesetzt. Es passt dort, wo es auftaucht.

Im Eiltempo geht es durch 15 Jahre und zahllose Szenen, Umbau folgt auf Umbau und die Nebenrollen wechseln mitunter im Sekundentakt. das ist dem Thema und der zeit durchaus angemessen.

Aber es ist vor allem die Musik und insbesondere die Hauptdarstellerinnen, die diese Aufführung so großartig machen. Ferdinand von Seebach verzichtet auf das Orchestrale. Er sitzt am E-Piano und Vassily Dück spielt das Akkordeon. Manchmal gibt es auch nur E-Piano. Die Reduzierung stellt die Musik und ihre Aussage in den Vordergrund und nicht das Arrangement.

Diese beiden Damen haben für einen großen Abend
gesorgt.   Alle Fotos: Kügler
Miriam Schwan gibt eine Marlene Dietrich, wie sie dem Mythos entspricht: Kühl, bestimmt und selbstbewusst. Geht es um Handlung ist ihre Gestik ist meist gerade aus und fast schon kantig. Die Sprache knapp. Dann schaltet sie um in den Show-Modus und alles fließt. So macht die Eintopf-auf-den-Küchentisch-Szene deutlich, dass auch die Göttliche gelegentlich ganz menschlich war. Da passt der emotionale Vortrag von "Sag mir wo die Blumen sind" bestens dazu.

Doch das Zentrum, um das sich diese Inszenierung dreht, ist Sylvia Heckendorn. Der zur Schau gestellte akzent mag ein wenig aufgesetzt sein und der Rücken zu sehr vom Gram gebeugt, aber wenn sie sich freut, dann freut sich das Publikum mit ihr. Wenn sie leidet, dann leidet auch das weite Rund mit ihr. So viel Leben steckt in ihrem Spiel.

Aber das große Plus der gelernte Sängerin sind ihre Stimme und ihr Vortrag. Als sie nach gut zwanzig Minuten mit "Padam, Padam" einen Piaf-Song intoniert, herrscht im Auditorium  erstauntes Schweigen. Heckendorn ist nicht verdammt nahe dran am Original, sie legt auch noch ein Stück selbst Erlebtes mit hinein.

Bei "La vie en rose" summt das Publikum mit und als es bei "Milord" sogar mitklatscht ist die Grenze zum Konzert längst überschritten. Dennoch wird "Je ne regrette rien" nicht zur Schnulze sondern zu einem Bekenntnis. Man nimmt es Sylvia Heckendorn ab, das sie nichts bereut, sofern sie denn die Piaf wäre.







Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die Website
Material #2: Spatz und Engel - Das Stück

Material #3: Edit Piaf - Die Biografie
Material #4: Marlene Dietrich - Die Biografie


Sonntag, 23. Juni 2019

Trennung ohne Schmerz

David Orlowski Trio verabschiedet sich mit einem fulminanten Konzert

Es ist alles gespielt, es ist alles gesagt. So kann man ruhigen Gewissens auseinandergehen Mit einem fulminanten Konzert verabschiedete sich am Sonnabend das David Orlowsky Trio von seinem Publikum in Walkenried.

Nach zwanzig Jahren trennt sich das Ensemble im Herbst. Die drei Musiker gehen dann eigene Wege. Auf der Liste ihrer Abschiedstournee stehen nur Orte, die den Dreien besonders am Herzen liegen. Dabei war allein die Präsenz in Walkenried schon eine Auszeichnung genug. Das Auftritt war dann das Sahnehäubchen.

Vielleicht lag es auch an der Kabbala. Immerhin war es der siebte Auftritt des Trios bein den Kreuzgangkonzerten und die Sieben ist nach jüdische Mystik eine heilige Zahl.

Der Beginn ist fließend. Florian Dohrmann zupft die Saiten des Bass vorsichtig, Jens.Uwe Popp gibt etwas Gitarre dazu. Dann meldet sich Orlowsky zurückhaltend zu Wort. In den Schöpfungsgeschichten hat der Gott den Wesen das Leben eingehaucht. Einer alten Musikerlegende zufolge tat er dies mit einer Klarinette.

Schon im ersten Song "Noema" wird der ganz besondere Reiz der DOT-Kombination deutlich. Die perkussive Spielart der Gitarre erzeugt ein transparentes Klangbild, in den jeder einzelne Ton seinen Stellenwert hat. Die Klarinette produziert hingegen einen Strom an Tönen, der mal bedächtig fließt, mal quirlig sprudelt.

So viele Töne aus so einem kleinen Instrument.
Alle Fotos: Kügler
Die Aussage, dass dieses Trio Klezmer spielt, ist zu kurz gegriffen. Klezmer, Klassik und Jazz, Es sind unterschiedliche Traditionen, in denen sich die drei Musiker sehen. Damit haben sie in den letzten 20 Jahren ihr eigenes Genre geschaffen, die "world chamber music", das Kammerorchester der Weltmusik. gewissermaßen. Bei allen  Mischereien bleiben die Quellen aber erkennbar.

Dann kommt Leben in das Spiel. Der  "Night Train to Odessa" ist ein wahrer Schnellzug. Orlowski gibt ein Thema vor, das Popp aufgreift und beschleunigt. Dann nimmt die Klarinette den Ball wieder auf. Es entsteht eine Klanggewebe, das an Intensität kaum zu überbieten ist. Wer ist hier Schaffner und wer Heizer? Die Rollen wechseln ständig und beweisen die Gleichwertigkeit der drei Mitglieder des Trios.

Bei den letzten Auftritten zeigte sich das Trio eher zurückhaltend, nun haben alle drei deutlich an Lebendigkeit gewonnen. Vor allem haben sich die Gewichte hinzu den Saiteninstrumenten verschoben. dies sorgte noch einmal für mehr Dichte und für ein Plus an Ausdrucksmöglichkeiten. In "Insomnia" erzeugt Dohrmann mit Bogen einen meditativen Bass als Grundlage für Popps Gitarrensolo.

Im anschließenden "Valsa sem Nome" zelebrieren beide die Leichtigkeit brasilianischer Musik. Sie haben Spaß daran und den teilen sie mit dem Publikum. Eine ganze Welt liegt in diesem Klängen.

Mit dem "Schelm" von Florian Dohrmann und zwei Songs des legendären Naftule Brandwein kehrt das Trio dann zurück zur Rasanz des klassischen Klezmer.

Florian Dohrmann ist Basser.
Alle Fotos: Kügler
Nach der Pause ist  Orlowskys "Indigo" der gewohnt vorsichtige Einstieg in den nächsten Teil des Abends. Er versinkt in der Musik und das Publikum fokussiert sich auf die Klarinette. Die Schnelligkeit erstaunt, aber auch die Vielfalt der Klangbilder. Orlowskys Instrument kann alles: jubilieren, seufzen, klagen und auch feiern

Die Klarinette ist wieder mit einem Schöpfungsakt beschäftigt. Es scheint, als ob Orlowsky eben gerade in diesem Moment die Melodie erfindet. In der "Bucovina" ist diese Melancholie wie weggeblasen. Jetzt zeigt Dohrmann, dass ein Bass mehr ist als ein Rhythmusinstrument. Das Griffbrett rauf und runter und jeden Ton sauber gesetzt. Sein Solo wird mit Szenenapplaus belohnt.

In "Carnyx" treten wieder Gitarre Kontrabass in einen Dialog ein und in "Quinta" verdeutlicht Jens-Uwe Popp noch einmal, das die klassischen Gitarrenmusik sein Basislager ist. Seine filigranen Tongebilde könnten auch für sich allein stehen.

Mit "Jodaeiye" kommt ein Kontrastprogramm. Dohrmann lässt den Bass mit dem Bogen klingen wie Digeridoo, darüber setzt Popp eine Melodie, die der Musik Andalusiens verbunden ist. Hier treffen Welten friedlich aufeinander und beginnen einen Dialog.

Das Finale gehört wieder David Orlowsky. Seine Moderation beweist, dass er die verkopften alten Zeiten hinter sich gelassen hat. Souverän und selbstironisch führt die Zuhörer in "Goldfinger" ein. Er spielt mit dem Publikum und dies folgt seinen Anweisungen. So locker war Orlowsky noch nie. Als er dann noch den längsten Ton, der je auf einer Klarinette gespielt wurde, in den Kreuzgang haucht, steigert sich die Begeisterung zu Euphorie.

Zweimal erklatschen sch die Zuhörer an diesem Abend Zugaben. Als das Publikum bei "Donna Donna" vielstimmig mitsummt, ist klar: Danach kann nichts mehr kommen.






Material #1: Die Walkenrieder Kreuzgangkonzerte - Die Website

Material #2: David Orlowsky Trio - Die Website
Material #3: David Orlowsky Trio - Die Geschichte




Jesus Christ ist ein Superstar

Schlossfestspiele mit Musical eröffnet


Statt vieler Worte mal multimedial hier.Der Trailer zu "Jesus Christ Superstar" bei den Schlossfestspielen Sondershausen.






Material #1: Die Schlossfestspiele - Der Spielplan
Material #2: Jesus Christ Superstar - Das Musical

Donnerstag, 20. Juni 2019

Lazarus bleibt halbtot

Musical am DT Göttingen gefällt nur streckenweise

Die Reanimation ist nur ein Teilerfolg. Das Musical "Lazarus" am Deutschen Theater Göttingen bleibt hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Da helfen auch die großartigen Bilder und die Video-Projektionen nur bedingt.

Angekündigt ist das Stück als das Vermächtnis von David Bowie. Das Musical knüpft an den Roman "The Man who fell toEarth" aus der Feder von Walter Tevis. In dessen Verfilmung spielte Bowie 1976 die Hauptrolle des Thomas Jerome Newton.

Der Außerirdische reist durchs  All, um wasser für seinen Heimatplaneten zu besorgen. auf der Erde erlebt er Ruhm und Aufstieg, die große Liebe mit Mary-Lou  und die herbe Enttäuschung. Zum Schluss kann er die Erde nicht mehr verlassen, kann auch nicht leben und nicht sterben und verharrt im Dämmerzustand.

Knapp vierzig Jahre später schrieb Bowie zusammen mit dem Dramatiker Enda Walsh die Geschichte fort. Newton lebt als schwer reicher Exzentriker völlig zurückgezogen in seinem Luxusappartement. Erst tritt Elly in sein Leben als seine neue Assistentin und dann das namenlose Mädchen. Dieses wurde geschickt, um Newton auf seinen Heimatplaneten zurückzuholen.

Lazarus ist aus dem Bett auferstanden.
Alle Fotos: Birgit Hupfeld
Die Inszenierung ist geprägt von einer eigen Optik und die zeichnet sich durch Poesie aus und wird durch das nasse Element bestimmt. Noch bevor sich der Vorhang öffnet hockt Volker Muthmann am linken Bühnenrand und spielt mit dem Wasser. Der Spot von rechts oben wirft faszinierende Reflexionen auf den Vorhang.

Dieser geht hoch und macht deutlich, dass die gesamte Bühne unter Wasser steht. Newton bewegt sich auf die Insel in der Bühnenmitte. Dort empfängt er seinen ehemaligen Kollegen Michael. Muthmann und Gerd Zinck schauen sich minutenlang an und ihre verklemmte Gestik macht die gewachsene Entfremdung der beiden Protagonisten deutlich. Schauspielerisch ist das eine solide Leistung

Dieses Schweigen mag für ein Musical befremdlich erscheinen. Aber die erzwungene Stille ist eben der andere Teil der Poesie in dieser Inszenierung. Dann kommt Andrea Strube als Elly ins Spiel und es ist vorbei mit der Ruhe. Als Elly, die Newton benutzt, um aus ihrer erstarrten Ehe zu fliehen, zeigt Strube in diesem Ensemble der Selbstzweifler eine Darbietung voller Kraft und Entschlossenheit.

Da ist ihr Daniel Mühe als Valentin Ergänzung und Widerpart zugleich. Er fährt eine andere Strategie und Mühes Mimik und Artikulation ist geprägt von Hinterlist und Umwegen, die doch zum Ziel führen.

Wie heißt es so schön: Held nur für
einen Abend.  Foto: Hopfeld
Mit dem ersten Song "Lazarzus" kann Muthmann die Schwachstellen noch übertünchen. Aber je länger der Abend dauert desto deutlich treten die Defizite zutage und die liegen vor allem im musikalischen Bereich. Schauspieler sind eben Schauspieler und Bowies Musik stellt eben doch so seine Anforderungen.

Spätestens bei "Absolute Beginners" wird dies deutlich. Gesanglich ist nicht jeder seiner Aufgabe gewachsen und die in diesem Song so notwendigen Bläser versacken. Die Dynamik ist gleich null. Überhaupt stimmt die Tonmischung nicht. Der Sound ist schwammig und auf dieser Grundlage wirken gerade die weiblichen Stimmen ohne eigenes Zutun gelegentlich überzogen wirken.

Die Legende von Lazarus ist die Geschichte einer Reanimation. Es scheint, als ob Bowie und Walsh das Musical nutzen wollten, um alten Songs neues Leben einzuhauchen. Dabei ist die Reihenfolge in der Göttinger Aufführung nicht immer schlüssig. Glam-Rock der 70-er mischt sich mit Edelpop der 80-er und mit Balladen der 10-er. Auf der Playlist finden sich sämtliche großen Hits von David Bowie, dennoch wirkt es streckenweise wirkt es wie die Compilation "The second Best of David Bowie". Bekanntes Material wurde hier einfach nebeneinander gestellt. Nur die Popularität der Songs scheint das Kriterium gewesen zu sein. Nicht immer wird die Verbindung von Songs zum Spiel klar. Lediglich "Changes" trägt was zur Handlung bei, wenn Elly klar macht, das sich ihr Leben ändern wird.

In einzelnen Szenen werden die Protagonisten vorgestellt, immer unterbrochen von einem Song, alle hübsch der Reihe. Dann gibt es Rückblenden in die Vergangenheit und einzelne Fetzen. Das nimmt Zeit in Anspruch und wirkt wie eine Revue der zerplatzten Träume. Anstatt hier weiter zumachen, werden nach einer Dreiviertelstunde alle die Fäden zu einem Strang zusammen geflochten und eben damit kommt der ärgerliche Bruch. Die Inkonsequenz. Die Inszenierung bekommt so hat den Charme eines Schülermusicals. Da ist noch Potential für eine dramaturgische Straffung.

Es ist eine Geschichte über die verschiedenen Arten der Reanimation und der Projektion. Elly will ihrem Leben wieder Schwung verleihen und reanimiert Mary-Lou, das Mädchen will die Hoffnung in Thomas Newton reanimieren und was Valentine reanimieren will, das wird nie so klar. Auf jeden Fall will jeder Kontrolle über den Außerirdischen.

Alle zusammen: Absolute Beginners.  Foto: Hopfeld
Da passt sich die Inszenierung von Moritz Beichl bestens ein.  Auf weiten Strecken wirkt sie wie eine Roadshow durch die 70-er Jahre im schwülstigen Sound einer Rock-Oper. Alles ist auf retro getrimmt und ist somit halbtot. Aber er schafft es, großartige Bilder im Glam-Rock-Look entstehen zu lassen. Nur leider sind es meist Unikate, die für sich allein stehen.

Immerhin machen die Video-Projektionen von Moritz Hils  deutlich, dass seit der Filmpremiere über 40 Jahre vergangen sind. Sie stecken voller Symbole, die sich erst später erschließen. Aha-effekt mit Verzögerung. Sie sind aber auch eine sinnvolle Ergänzung, wenn das Mienenspiel von Volker Muthmann in Großaufnahme gezeigt wird.

Das Element mit der Faszination ist aber das Bühnenbild von Valentin Baumeister. Es besticht nicht nur mit dem omnipräsenten Wasser. Er fesselt auch mit den sechs Vorhängen aus Riesenlametta. Sie heben und senken und trennen die Ebenen des Bewussten, des Sichtbaren, vom Unterbewussten, vom Latenten. Sind alle unter, das entsteht auf der Bühne des Dickicht aus Metallstreifen, ein Urwald, der je nach Beleuchtung in unterschiedlichen Farben schimmert. Sind alle oben, dann herrscht die weite Leere der blanke Bühne. Dann ist Einsamkeit angesagt.

Lazarus mag das Vermächtnis von David Bowie sein. Aber vieles wirkt hier aufgewärmt. Man muss schon ein großer Fan sein, um daran Gefallen zu finden.






Material #1: Deutsches Theater - Der Spielplan
Material #2: Lazarus - Das Musical

Material #3: Lazarus - Zwei Legenden

Material #4: David Bowie - Die Biografie
Material #5: Enda Walsh - Die Biografie



Montag, 10. Juni 2019

Der Abend des Bassisten


Jazz der Extraklasse mit Till Brönner und Dieter Ilg

Zwei Hochkaräter auf der Bühne der Kreuzgangkonzerte: Am Freitag gastierten Till Brönner und Dieter Ilg im Kloster Walkenried. Sie präsentierten ihr aktuelles Programm und machten deutlich, wie schön zeitgemäßer Jazz sein kann.

Es ist ziemlich genau zwei Jahre, als genau diese Kombination aus Trompete und Kontrabass bei den Kreuzgangkonzerten die DNA des Jazz freigelegt hat. In dieser Zeit haben sich die Akzente deutlich verschoben. Auf dem Album „Nightfall“ aus dem letzten Jahr zeigen die beiden Ausnahmemusiker, was man im Jazz so alles machen kann.

Eine weitere Verschiebung gab es auf der Bühne. Stand der Auftritt 2017 ganz im Zeichen von Till Brönner, war es diese Mal der Abend des Dieter Ilg. Er zeigte, was auf dem Bass so alles möglich ist, ohne die Nerven des Publikums zu strapazieren.

Brönner denkt sich seinen Weg durch die Melodie.
Alle Fotos: Kügler
Brönners Ruhm beruht nicht auf temporeichen Spiel. Da gibt es in der Geschichte des Jazz eine ganze Reihe von Trompetern, die wesentlich schnellere Finger haben. Brönners Ruhm beruht auf diesem einzigartig weichem Spiel, das machen die einleitenden Songs „A Thousand Kisses Deep“, „Nightfall“ und „Nobody Else but me“ deutlich.

 Brönner pustet die Töne nicht heraus, er lockt sie mit einer Geschmeidigkeit, die an den mittleren Miles Davis erinnert. Er spielt nicht nach Blatt, sondern Brönner denkt sich seinen Weg durch die Melodie. Jeder Ton scheint gerade erst erfunden und zwar in einer Logik, die auch dem Publikum im Kreuzgang Walkenried klar ist. Damit wird jeder Song zu einem eigenständigen Werk, selbst wenn er Jazz-Standards spielt wie eben „Nothing else but me“ oder später „Body and Soul“.

Dabei lässt er die Grenze zwischen den Schublade verschwinden. Spätestens bei der Hommage an Charlie Parker stellt sich die Frage, ob das Cool oder ob das Bebop ist. Schon nach der Pause machen Brönner und Ilg mit „Scream & Shout“ von den Black Eyed Peas einen Ausflug in den Hip-Hop. Der kann auch geschmeidig und ganz ohne Macho-Attitüden daherkommen, lautet die Erkenntnis.

Den weichen Flow von Brönner kontrastiert Dieter Ilg mit einem akzentuierten Spiel auf dem Kontrabass. Er ist derjenige, der an diesen Abend die Vitalität in das Programm bringt. Leichtfüßig und schnell macht er aus dem scheinbar schwerfälligen Kontrabass einen musikalischen Schmetterling. Belohnt wird er mit reichlich Szenenapplaus.

In den zahlreichen Soli an diesem Abend wird das Rhythmusinstrument zum Melodieführer und der Bass scheint sogar zu singen. Manchmal intoniert er einen düsteren Blues und manchmal swingt er locker vor sich hin.

Ilg hat ein inniges Verhältnis zu
seinem Instrument.     Foto:Kügler
 
Das Highlight setzt Ilg dann vor der Pause. „Eleanor Rigby“ ist sicherlich der Song der Beatles, der den meisten Jazz-Appeal hat. Aber was das Duo Trompete-Bass daraus machen, geht über die Erwartungen hinaus. Während Brönner über der bekannten Melodie improvisiert, kontert Ilg mit den Akkorden aus „Come together“. Das passt einfach großartig. In dieser Dichte und Intensität hat mach die Beatles wohl noch nie gehört.

Es ist aber auch eine unterhaltsame Lehrstunde. Eleanors Klage über die Einsamkeit setzen Brönner und Ilg die Beatles Hymne der Gemeinsamkeit entgegen. Das thematisiert nur nicht die Entwicklung der Fab Four. Es zeigt vor allem, wie weit der Weg der Fab Two seit dem letzten Auftritt vor zwei Jahren war.

Brönner und Ilg machen sich an diesem Abend auf einen gemeinsamen Weg, nicht händchenhaltend, sonder jeder auf seiner Straßenseite. Aber sie treffen sich immer wieder, mal diesseits der der Mittellinie, mal jenseits. Dabei gehen gelegentlich auch bis an die Grenze zum Free Jazz. Bei „Wetterstein“ überschreiten sie diese dann auch mal. Die Klangcollagen finden sich dann aber wieder zusammen in einer Melodie, die wohl von der musikalischen Tradition des Wettersteingebirges geprägt ist. Ein schöne Referenz.

Eine Grenzverletzung gibt es noch mit „Peng! Peng!“, einer weiteren Eigenkomposition. Aus dem Antwortspiel zwischen Trompete und Kontrabass entwickelt sich ein Ilg-Solo, das sogar die Erotik dieses Instruments offenbart. Das wird gekratzt und geklopft und es ergeben sich Töne, die man so nicht für möglich gehalten hätte.

Mit dem Kirchenlied „Ach bleib mit deiner Gnade“ schicken Brönner und Ilg das Publikum beseelt auf den Heimatweg.


Material #1: Walkenrieder Kreuzgangkonzerte - Das Programm
Material #2: Die DNA des Jazz - Das Konzert 2017

Material #3: Till Brönner - Die Website
Material #4: Dieter Ilg - Die Website





Mittwoch, 29. Mai 2019

Freude und Innerlichkeit zugleich

Sakrale Werke mit dem Coro e Orchestra Ghislieri

Die Händel Festspiele meinen es ernst mit dem Engagement in der Fläche. Das zeigte "Dixit Dominus" in Duderstadt. Das Konzert mit Rachel Redmond und dem "Coro e Orchestra Ghislieri" bot sakrale Werke der Extraklasse und viele Gänsehaut-Momente.

Das Ensemble ist das Werk von Guilio Prandi. Er gründete "Coro e Orchestra Ghislieri" 2003 und ist auch dessen Chefdirigent. Der historischen Aufführungspraxis verbunden, haben sich die Musiker und Sänger seitdem in die erste Reihe gespielt, wenn es um das geistliche Repertoire aus dem 18. Jahrhundert geht.

Somit brachte es reichlich Erfahrung und Reputation mit nach Duderstadt. Schon in der Ouvertüre zu "Beat Vir" von Niccolo Jommelli wurde es den Erwartungen gerecht. Unter dem deutlichen Dirigat von Guilio Prandi faszinierte es mit einem dynamische Klang, der gleich die gesamte Kathedrale füllte. Das gesamte Kirchenschiff war nur noch Musik.

Weltklasse im Eichsfeld: Rachel Redmond singt in
Duderstadt den Jommelli. Alle Fotos: Kügler
Die Lebensfreude der Streicher übertrug sich schnell auf die Zuhörer. Bläser, ob Holz oder Blech, fehlten völlig. Damit blieb das Klangbild leicht und luftig. Die Töne gewannen die Gestalt von agilen Insekten. Über den Celli und den Bässen schwirren die hellen Geigen filigran.

Dann ist da plötzlich diese Stimme, hell und klar scheint sie allen anderen zum Schweigen zu bringen. Rachel Redmond zeigt sich schnell als ebenbürtige Partnerin im Dialog mit den den Streichern und dem Chor. Ihr glockenheller Sopran schwingt in erstaunliche Höhen, ohne jeglichen Verlust. Von der Decke der Kathedrale kommt das zarte Echo zurück und unterstreicht das Engelhafte im Vortrag der Sängerin. An Intensität ist das kaum zu überbieten.

Mit erstaunlicher Sicherheit bewegt sie sich die Tonleitern hoch und runter. Rachel Redmond wird diesem Abend ihren Stempel aufdrücken. Es scheint, als ob der doch so starke Chor ihr nur antworten kann im Wechsel der Stimmen. die helle Stimme brilliert im sechsten Satz auf dem dunklen Gruppengesang.

Ensemble und Solistin wissen die Akustik eindrucksvoll zu nutzen. Das Orchester schweigt und Redmond schickt zwei, drei einsame Töne in das hohe Kirchenschiff. Dort verhallen ganz langsam und sanft. Großartig selbst beim zweien und dritten Mal.

Das Publikum ist schwer beeindruckt und dankt schon zur Pause mit tosenden Applaus.

Der Händel 


Zum Salve Regina von Händel zeigt sich das Orchester in kleiner Besetzung. Nun geht es um Innerlichkeit und das Instrumentarium wurde auf drei Streicher, Cembalo und Orgel eingedampft.

Der Sopran von Paola Valentina Molinari ist ganz anderer Natur. Das sanfte Vibrato erzeugt einen dunklen Unterton. Damit wird ihr Vortrag sanfter und weicher. die von Händel geforderte Barmherzigkeit liegt somit in jedem Ton. Molinaris Gesang überzeugt vor allem durch die Vielschichtigkeit und ihre Fähigkeit, unterschiedlichste Stimmungen in kürzester Zeit in Musik umzusetzen.

War es im ersten Stück des Abend die Dynamik und Dichte, mit der das Orchester aufhorchen ließ, so ist es nun das filigrane Klangbild. Jedes Instrument verfolgt eine eigen Melodielinie, die insgesamt ein gelungenes Ganzes ergibt. Das Cembalo, das bis dahin eher blass blieb, kann sich im Allegro durch das Wechselspiel mit der Orgel bemerkbar machen.

Tenor Balthazar Zuniga bereitet sich vor.
Alle Fotos: Kügler
Im Dixit Dominus kann sich der Chor noch einmal auszeichnen. Der Kanon im ersten Satz landete punktgenau trotz eines enormen Tempo. Es wird deutlich, dass sich dramatische Dinge abzeichnen.  Das überschwängliche Dirigat von Guilio Prandi ist die Grundlage für den euphorischen Darbietung.

Nach reichlich Sopran ist der Alt von Marta Fumagalli eine willkommene Abwechslung. Das Wechselspiel von Orgel und Cemballo im zweiten Satz weiß sie nicht nur zu begleiten sondern gar zu bestimmen.

Caterina Ioca und Marta Redaelli können in der letzte Sopran-Arie des Abends noch einmal Ausrufezeichen setzen. Mit dem Tenor Balthazar Zuniga und dem Bass Matteo Belloto schickt der Chor noch zwei weitere starke Sänger nach vorne in die Solisten-Rolle.

Nach diesen beeindruckenden Vorträgen will der Applaus gar nicht enden. Das Coro e Orchestra Ghislirie und sein Dirigent quittieren das Lob mit einer Zugabe.










Material #1: Händel - Die Festspiele
Material #2: Dixit Dominus - Das Konzert

Material #3: Rachel Redmond - Die Website
Material #4: Coro e Orchestra Ghislieri - Die Website

Material #5: Jommelli - Die Biografie





Mittwoch, 22. Mai 2019

Hausmusik für 800

Händel & Co mit Cembalo & Flöte in der PS.Halle

Nach einem guten Konzert verzeiht man seinen ärgsten Feinden und sogar den eigenen Verwandten. Nach diesem Konzert verzeiht man auch dem Rest der Welt und sogar dem Finanzamt. Bei "Händel & Co." in der PS.Halle in Einbeck widerlegten Dorothee Oberlinger und Laurence Cummings die Vermutung, dass solch ein Kombination limitiert sei, sehr eindrücklich.

Die Flöte erfreute sich gerade im Großbritannien des 17. und 18. Jahrhunderts enormer Beliebtheit. Dies lag sicherlich an der einfachen Handhabung dieses Instrumentes. Aber anderseits galt die Flöte seinerzeit als das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten käme.

Mit eben jener Kombination Flöte & Cembalo eignete sich das aufstrebende Bürgertum die Musik der großen Häuser und Komponisten an. Damit steht auch dieses Konzert in der Tradition historischer Aufführungspraxis. Flöte und Cembalo sind ein Teil der kulturellen Emanzipation und wohl der Beginn der kleinbürgerlichen Hausmusik. Zum Glück waren in der PS.Halle Weltklasse-Interpreten am Start.

Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber
Cummings ist ein Magier. Alle Fotos: Thomas Kügler
Vor vier Jahren debütierte diese Kombination und dieses Duett bei den Händel Festspielen. Während das Konzert in Duderstadt zum ersten Mal zwei preisgekrönte Solisten zusammenbrachte, ging es an diesem Abend darum, wie sich das Team weiterentwickelt hat.

Damals begeisterte die überraschende Vielfalt der Klangfarben, jetzt liegt der Fokus auf der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Stimmungen. Das Konzert lebt vom Kontrast zwischen weichem, gesetztem aber strukturiertem Spiel Cummings und dem lebhaften und verspielten Vortrag Oberlingers. Hier steht Ruhe und Reflektion, dort dominiert ausgelassene Freude. Dennoch finden beide immer wieder zusammen. Diese Gegensätze erhöhen letztendlich Dichte und Intensität der Werke. das spüren auch die 800 Zuhörer in der ausverkauften PS.Halle.

Cummings ist nicht nur einer der besten Cembalisten. Er ist ein Magier und streichelt die Töne gewissermaßen aus dem Instrument heraus. Schon im Präludium zu "A New Ground d-Moll" bleibt die Zeit stehen und das Publikum ist tief entspannt im Ying und Yang. Jeder einzelne Ton umhüllt die Zuhörer und wiegt sie in Harmonie.

Dann setzt die Altflöte ein. Oberlinger gelingt hier ein erstaunlich agiles Spiel mit dem behäbigen Instrumen. Ihre Melodien bewegen sich geradezu tänzerisch über dem Basso continuo. Dieser Eindruck verstärkt sich, als Oberlinger auf die C-Blockflöte umsteigt. Dieser Kontrast zwischen Blasinstrument und Cembalo belebt den ganzen Abend.

Händels Sonate F-Dur war eigentlich für Geige und Cembalo komponiert. Aber mit Flöte und Cembalo funktioniert sie genauso gut. Während Cummings im Largo wieder seine Instrument streichelt, gelingt Oberlinger in den beiden Allegri etwas außergewöhnliches. Sie spielt mit tremolo, just so wie sonst nur eine Geige.

Konzentriert und locker zugleich
Cummings kann auch anders. Die Suite C-Dur von Henry Purcell gibt ihm genug Raum, die Vielfalt seines Könnens zu zeigen. Nun streichelt er die Tne nicht nur, er fordert sie. Damit bekommt auch das Cembalo nun diesen tänzerischen Charakter und setzt die Teile der Suite eben sinnbildlich und gekonnt.

Ebenso verspielt zeigt sich Purcell in "A new Scotch tune" und den anschließenden "A New Irish tune". Der Frohsinn steckt wohl. Auf jeden Fall erheitert Cummings das Publikum als brummender Dudelsack. Hochkultur und Volksmusik gehen hier eine belebende Symbiose ein.

Mit Telemanns Fantasia Nr. 1 A-Dur gehört die Bühne ganz allein Dorothee Oberlinger. Hier wird die unterschiedliche Anlage des Spiels noch einmal deutlich. Während Cummings auf den weichen Ton setzt, kann Oberlinger in der Fantasie mit klaren und konturierten Spiel begeistern. Das gibt dem filigranen Klang die nötige Transparenz. Jeder einzelne Ton steht für sich.

Dass es auch anders herum geht, zeigt die zweite Zugabe mit einer Händel-Arie. Ja, die Flöte ist der menschlichen Stimme nah, aber hier ist sie zurückhaltend und vorsichtig, während Cummings am Cembalo die triumphierenden Töne anschlägt.

Zwei Instrumente und trotzdem ein ganzes Universum. Das ist nur dank des außergewöhnlichen Könnens der beiden Musiker und ihres ähnlichen Verständnisses von Musik möglich.



Material #1: Händel - Die Festspiele
Material #2: Händel & Co. - Das Konzert


Material #3: Oberlinger & Cummings - Das Konzert 2015

Material #4: Laurence Cummings - Die Biografie
Material #5: Laurence Cummings - Die Website

Material #6: Dorothee Oberlinger - Die Biografie
Material #7: Dorothee Oberlinger - Die Website






Dienstag, 21. Mai 2019

Familienkrach in höchsten Tönen

Händel Festspiele zeigen beeindruckenden Saul

Das Experiment ist gelungen. Mit der Aufführung des Oratoriums Saul haben die Händel Festspiele Hochkultur auf flachs Land gebracht und die Aufführung in der St. Blasius Kirche in Hannoversch Münden vereinte einen großartigen Chor mit einem fantastischem Orchester und begeisternden Solisten.

Händels Oratorium "Saul"  ist Musik wie für solche Orte gemacht. Die filigrane Tonkunst geht eine verzaubernde Symbiose mit den gotischen Architektur ein. Jeder Ton ist eine Perle und strebt himmelwärts nach ganz oben ins Kirchenschiff.

Händel wollte einst die Bibel in Musik umsetzen. Als  der Geist des Samuels von der Empoe der Orgel ruft, deutet diese Aufführung an diesem Ort an, wie Händels Vorstellungen wohl ausgesehen haben. Damit wird das vermeintliche Ausweichquartier St. Blasius zu einem deutlichen Gewinn für die Festspiele. Das macht schon die Ouvertüre klar.

Für dieses Werk aus seiner Reihe alttestamentarischer Oratorien strebte Händel ein Klangbild an, dass sich an der vermeintlichen Musik der Antike orientiert. Also wurde das Festspielorchester um weitere Blechbläser ergänzt. Zudem spielt auch die Orgel eine Nebenrolle.

Perfekt wird die Überraschung erst mit dem Glockenspiel und der Harfe. Laurence Cummings weiß diese einzusetzen, um Widersprüche zwischen Zorn, Prophezeiung und Vergebung, Machtstreben und Mystik deutlich zu machen.

Die Bevan-Schwestern als Kontraste.
Alle Fotos: Kügler
"Saul" erzählt die Geschichte vom Kampf um den Thron Israels. Diese endet für Vater und Sohn tödlich. Auf der einen Seite Amtsinhaber Saul, der sich in den Wahn steigert und final den Nachwuchs tötet.

Passend verkörpert wird diese Tragik von Markus Brück, der die für Händel seltene Chance nutzt und seinen Barion gekonnt in Szene setzt. Da dräut und droht es von Anfang an. Brücks grimmige Mimik macht klar, dass der König nicht bereit ist, hier auch nur irgendetwas abzugeben.  Seine Arie in der dritten Szene ist in Töne umgesetzt Entschlossenheit.               

Eric Jurenas als David setzt mit dem reinen Countertenor da schon stimmlich den Widerpart. Er braucht aber doch bis zu Szene fünf, um sein Potential zu entfalten. Da liefert eine Arie in den höchsten Tönen, der alle Spitzen fehlen.  Die einsetzende Harfe unterstreicht den Charakter des unschuldigen Jünglings, der nichts Böses im Sinn hat.

Doch das erste Ausrufezeichen setzt Mary Bevan. Die Einleitung durch den NDR-Chor im Andante kontert sie im Allegro. Der Huldigung des Gottes beendet sie mit ganz irdischen Tönen. Im Wechselspiel erarbeitet der Chor die ganz Palette von menschlichen Emotionen, um dann in einem überirdischen Halleluja zu enden.

Mary Bevan bestimmt auch die zweite Szene mit der Brillanz ihrer Huldigungsarie. Das sind schon Koloraturen der Extraklasse. Doch dann lässt Sophie Bevan als Merab einen Sopran erklingen, der in die Kategorie weich und lyrisch gehört.

Der Vortrag geht die Tonleiter rauf und runter und bleibt sauber und transparent. Das Lied strebt wieder himmelwärts. Damit leitet Sophie Bevan eine Teamleistung ein, die das Publikum in den Bann zieht. Somit gehört ihr Vortrag zu den Höhenpunkten der Aufführung.

Es ist schon erstaunlich, dass die Bevan-Schwestern ein solch breites Spektrum an Gesangsleistung bieten. Dabei zeigt Mary Bevan im Duett mit dem Glockenspiel am Ende der zweiten Szene auch ihre lyrischen Seiten. Auch das Wechselspiel mit den Flöten in der dritten Szene macht ihre Klasse deutlich.

Bei aller Fixierung auf die Opern in Göttinge, erinnert diese Aufführung doch daran, dass die Oratorien für Händel denselben Stellenwert haben. Der Äußerlichkeit des Musiktheaters setzt er hier tiefes Empfinden entgegen. Das Fazit ist das Gleiche. Am Schluss triumphiert die Liebe über den Ehrgeiz. Das macht diese Aufführung deutlich.





Material #1: Händel - Die Festspiele
Material #2: Saul - Die Inszenierung

Material #3: Saul - Das Oratorium
Material #4: Händel - Die Biographie

 








Eine Oper im Paintball-Modus

Ein recht bunter Rodrigo bei den Händel Festspielen

Ein Punktsieg für die Modernisten. Mit der Oper "Rodrigo" hat Walter Sutcliffe bei den Händel Festspielen eine Inszenierung vorgelegt, die dem alten Meister wohl selbst gefallen hätte: Bunt bis schrill und durchaus handlungsstark. Das Publikum bedankte sich mit tosenden Applaus.

Schon die Ouvertüre zeigt sich ungewohnt. So gilt Rodrigo zwar als Händels erste italienische Oper. Doch die Dominanz der Streicher durchbricht er mit prägnanten Holzbläsern. Dabei gelingt es Laurence Cummings immer wieder, das filigrane Klangbild in den Vordergrund zu stellen. So werden die drei Sätze der Ouvertüre zu ersten Genuss.

Auf der Bühne sieht es aus wie bei Hempels vor Sofa. Das Werk von Dorota Karolczak wirkt wie aus einer Lost-Place-Fotoserie. Es zeigt einen Palast, der sich schon seit längerem in Auflösung befindet. Die Botschaft ist klar: Die Macht des Hausherren hat nicht mehr lange Bestand. Durch das Loch im Dach fällt bald die Außenwelt herein. Das Licht von Susanne Reinhardt setzt im Laufe das Abends immer wieder sehr gekonnt andere Details in Szene.

Sieht aus wie bei den Geissens: Rodrigo findet in
einer Lost-Place-Kulisse statt: Alle Foto: HNDL Gö
Der klassizistische Stuck wird mit einem Mobiliar kontrastiert, das man aus RTL II-Soaps kennt. Überall falscher Glanz und ein Schreibtisch zwängt sich auch noch in das Wohnzimmer. Das ist von Anfang bis zum Ende die Arena.

Auch ansonsten ist die Ausstattung und die Kostümierung ganz gegenwärtig. Rodrigo und sein Hofstaat wirken wie die netten Potentaten von nebenan. Gewissermaßen die Geissens der Völkerwanderung. Eine Gattin mit Blumentick und Hang zur Selbstverstümmlung gehört zu dieser missratenen Idylle der Mittelschicht.

Noch weit vor dem Gesang machen Anna Dennis als Florinda und Erica Eloff als Rodrigo klar, dass beide ihr Vergnügen am außerehelichen Sex haben. Nur dumm für Rodrigo, dass seine Gespielin daraus andere Konsequenzen zieht und Anna Dennis das in ihrer ersten Arie auch gleich deutlich macht.

Es ist ein fulminanter Auftakt, den die Sopranistin dahin legt. Sie kennt sich eben aus mit Händel und Zorn und Enttäuschung münden ein atemberaubenden Koloraturen. Erica Eloff kann der Dynamik wenig entgegensetzen und so gerät Rodrigo bereits am Anfang in die Defensive.

Überhaupt steckt diese Aufführung voller Symbolik, voller Gesten mit Hintergrund. War es im Barock die Arbeit mit den Händen, so finden sich in der Inszenierung von Sutcliffe Dutzende von Andeutungen. Da ist der Hund des Herrschers, der nach der verlorenen Schlacht als Symbol des Machtverlusts auf dem Grill landet.

Sutclife entwickelt die Vorlage damit weiter in die Gegenwart, aber einige seiner Andeutung stehen ohne Bezug und somit wirkt sein Rodrigo gelegentlich wie eine Ideensammlung. Aber dies war das Werk schon zu den Zeiten seiner Uraufführung 1707. Rodrigo dient Händel später als Speicher für die musikalischen Ideen seiner Oratorien. Also interpretiert Sutcliffe den Meister folgerichtig.

Rodrigo gehört zu Händels Frühwerken mit Optimierungsbedarf. Dazu gehört auch die Besetzung der drei Hauptfiguren. Dreimal Sopran ist doch zu dicht beieinander, so dass im Dreigestirn neben Anna Dennis nur Fflur Wyn in der Rolle der betrogenen Köngin Elisena  die Akzente setzen kann.

Eine Arie zum niederkien: Fflur Wyn als Königin
Elisena.   Alle Fotos: HNDL gö 
Aber das sind Momente aus der Kategorie Gänsehaut. Während Dennis auf unglabubliche Dynamik setzt kontert Wyn mit Lyrik und Empathie. Der Höhepunkt dieser Aufführung ist ohne Frage ihr Duett mit Elisabeth Blumenstock an der Solo-Geige. Das ist nicht nur Hingabe und Vergebung in Noten gegossen. Das sind die Augenblicke, in denen die Zeit stillsteht und das Publikum den Atem anhält.

In der dritten Szene des zweiten Akts treffen diese so gegensätzlichen Sopranistinnen direkt aufeinander. Rache und Vergebung kristallisieren sich in einem Duett. Hier legt Fflur Wyn den Grundstock für das versöhnliche Ende.

Doch erst einmal wird gekämpft. In der eigenen Logik muss dazu natürlich der Kronleuchter von der Decke runter auf den Boden der Tatsachen stürzen. Die Scharmützel und das um die Ecke lugen, die Kostümierung und die Ausstattung wirken dabei wie ein Treffen in der lokalen Paintball-Arena.

Jorge Navarro Colorado verkörpert in der Rolle des Guilano den Umschwung im Handlungsstrang durchaus nachvollziehbar. Dabei kann er mit seinen lyrischen Tenor jegliches Heldengehabe vermeiden.

Neben Dennis und Wyn ist das Festspielorchester die tragende Säule dieser Aufführung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie trotz aller Dramatik der Klang doch ein feines Gespinst bleibt, in dem jede Stimme, jedes Instrument zu seinem Recht kommt. Zisseliert und mit ungewöhnlichen Klangfarben überrascht und verzückt das Ensemble immer wieder. Das wird der Kunst von Händel mehr als gerecht und stellt den experimentellen Charakter dieses Werks passend in den Fokus.   




Material #1: Händel - Die Festspiele
Material #2: Rodrigo - Die Inszenierung

Material #3: Rodrigo - Die Oper
Material #4: Händel - Die Biographie


Donnerstag, 9. Mai 2019

Einheit in der Vielfalt

Selbst gemacht: Tänzerinnen und Tänzer zeigen eigene Werke

Soviel Vielfalt ist selten. Die dritte Auflage der "Freiträume" präsentiert am Theater Nordhausen fünf Choreographien sehr unterschiedlicher Art. Dabei kann nicht jede überzeugen.

Die Mitarbeiter werden zum Chef. Zum Kammerballett "Freiträume" darf die Compagnie eigene Werke erarbeiten. Die Präsentation im Theater unterm Dach hat durchaus Wundertüten-Flair. Auch in diesem Jahr gab es Stück von ambitioniert bis ausgereift.

Unbreak heißt zusammenfügen und heilen.
Alle Fotos: TNLos
Körper in Bewegung und in Interaktion. Impulse, die weitergegeben werden, die aufgegriffen  und verarbeitet werden, um zum Schluss etwas anderes zu ergeben. Das ist das Kennzeichen von "Unbreak" von Ruan Martins. Das wogende Tutti ergibt faszinierende Bilder, denen man die Zusammenarbeit mit Ivan Alboresi anmerkt. Drei Tänzerinnen und zwei Tänzer fügen sich immer wieder zusammen, brechen auseinander und heilen sich dann gegenseitig. Die stengen Cello-Klänge sorgen dafür, dass sich das Publikum in den Bewegungen verliert. Das ist durchaus eine reife Leistung des jungen Brasilianers.

Den Kontrapunkt zum ersten Philosophieren über das Leben setzt "G-O-S-H" von Keiko Okawa. In ihrer heitern Choreographie setzt sie klar auf die Freude an der Bewegung. Gekennzeichnet ist das Stück durch witzige Momente. Da sind mal vier Arme zu sehen, mal drei, mal schwebt Eleonora Peperoni, während Partner David Nigro unsichtbar wird.

Diese Momente sind zwar flüchtig, aber es kommt immer wieder Ersatz und neues Futter für die Augen. Einen Pas de deux mit Spitze und Röckchen zu wummernden Disco-Beats tanzen zu lassen, das zeugt schon von Mut.

Gabriela Finardi tanz den Sohn.
Alle Fotos: TNLos!
Weniger wäre mehr gewesen, mag man bei "Limits to Growth" von David Nigro denken. Es geht um Verhaltensweisen, die nicht nur vor der Außenwelt verborgen werden, die auch das Ego erschrecken. Zum Schluss verstört man sich selbst.

Es ist nicht das Tänzerische. Da gleicht Nigros Beitrag dem ersten Werk des Abends. Die Dramaturgie weist Schwächen auf. In drei Teile gegliedert, beginnt jedes Mal eine neue Erzählung, der die Anbindung an die Vorgängerin fehlt. Somit zerfällt die Choreographie in ihre Einzelteile.

Das Stück heißt zwar "U Figghiu", der Sohn, aber es ist ein Solo für eine Tänzerin. Gabriela Finardi  feiert in der Choreographie von Andrea Zinnato ein Gottesdienst des Körpers. Ruhig und gelassen und ohne Effekte zeigt sie, was so alles möglich ist. Die räumliche Enge im Theater unterm Dach verstärkt die intensive Wirkung

Wie setzt man einen Gegenstand in Ballett um? Dominic Bisson zeigt es mit "Rubik´s Cube". Diese Choreographie  ist ohne Frage die ausgefeiltestes des Abend. Musik, Tanz, Gestik, Licht und Musik zeigen sich als Einheit. Das beginnt mit den farbigen Söckchen des Ensemble in den prägnanten Zauberwürfelfarbe und endet noch lange nicht bei den charakteristischen Handbewegungen, die das Drehen des Würfels nachahmt.

Neun Tänzer, vier Farben, ein Würfel.
Alle Fotos: TNLos!
Die neun Tänzerinnen und Tänzer starten im Quadrat, das sich auflöst und neu formiert. Der Würfel fällt auseinander und wird wieder zusammengefügt. Selbst die kleinen Tricks der Rubikaner lässt Bisson nicht aus und bringt sie auf die kleine Bühne. Jeder, der das Gerät jemals, in der Hand hatte, fühlt an dieser Stelle mit.

Das Schwarzlicht geht an, die Spots aus. Die Farben verschwinden und die Teile des Würfels werden gleichförmig. Fast unbemerkt kommt ein großartiger Trick. Langsam wird das Bühnenlicht wieder eingeblendet. Die Farben kehren zurück und alle bekommen ihre Identität wieder. Dazu liefert David Nigro Klangcollagen, die an Industrial Beats der frühen 80-er Jahren und an Cabaret Voltaire erinnern. Großartig.

Der Zauberwürfel ist Geometrie, die sich durch Bewegung immer wieder neu findet. Ballett ist auch Bewegung und somit hat Dominic Bisson endlich das Wesen des Geräts ergründet. Seine Choreographie ist fraglos die stärkste in dieser Aufführung.




Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Freiträume 3 - Der Abend




Mittwoch, 8. Mai 2019

Ein Stück wie eine Axt

Ein beeindruckender Michael Kohlhaas am TfN

Wenn man Literatur so auf die Bühne bringt, dann darf man sich nicht wundern, dass das Publikum hinterher begeistert ist. Mit seinem "Michael Kohlhaas" hat Moritz Nikolaus Koch am Theater für Niedersachsen eine Inszenierung vorgelegt, die zugleich verstört und begeistert. In der Uraufführung gab es schon zur Pause tosenden Applaus.

Kleist Novelle ist das Synonym für einen Menschen, der ein berechtigtes Anliegen hat, aber bei der Umsetzung jegliches Gefühl für die Verhältnismäßigkeit verloren hat. Berechtigte Empörung schlägt hier in Hass um. Für Kleist ist Kohlhaas das Opfer aristokratischer Ränke und damit ein dunkler Held aufklärerischer Ambitionen gegen staatliche Willkür.

In seiner Bühnenfassung verschiebt Koch die Akzente deutlich. Aus dem Opfer wird schnell ein Täter und damit die Blaupause für einen Wutbürger in der übersteigerten Form. Er ist kein bürgerlicher Don Quichote im Sinne von Ernst Bloch sondern einfach ein arger Wüterich.

Kohlhaas hat sich nicht die Hände schmutzig gemacht,
er badet im Blut. Fotos: TfN
Das funktioniert so gut, weil er in Dennis Habermehl einen kongenialen Partner gefunden hat. In Sekundenbruchteilen umschaltend von kühl-zynisch auf tobend-vernichtend drückt er mit seinem Spiel dieser Inszenierung den Stempel auf.

Seine Stimme ist zwar immer am oberen Limit schlägt aber nie um. Mit raumgreifenden Gesten beherrscht er die Bühne und selten hat auf einer deutschen Bühne jemand so überzeugend die Axt geschwungen.

Die Inszenierung beginnt gemächlich. Drei Männer unterhalten sich auf der Vorbühne. Die ist mit Rindenmulch eingedeckt. Der eiserne Vorhang ist unten und fliegende Wolken werden dort projiziert. Das Spiel findet lediglich auf diesem knappen Streife statt. Platzangst ist vorprogrammiert.

Koch hat Kleists Universum auf drei Rollen reduziert. Habermehl darf sich auf den Titelhelden konzentrieren. Abgesehen von einer kleinen Rolle als Pferd ist Oliver Niess für die Klangcollagen zuständig. Für den Rest ist Dieter Wahlbuhl zuständig. Die mehr als zwanzig Personen der Novelle werden auf ein Dreigestirn reduziert. Kohlhaas wird eindeutig zum Zentralgestirn der Aufführung.

Die Vorbühne ist übersichtlich bestückt. Links stehen die Musikinstrumente, in der Mitte ein ein kleiner und ein großer Hackklotz. Hier wird später Habermehl wie ein Berserker wüten. an der Rampe stehen zwei Mikrofone auf Ständer und links und rechts hängen zwei Plakatwände, die im Laufe des Abends vollgekleistert werden.

Koch reduziert das Kleistsche Universum auf ein
Dreigestirn. Fotos: TfN
Wahlberg und Habermehl beginnen mit dem Vortrag. Sie rezitieren die Einleitung und das im Kleist-Sprech. Die Verwendung der antiquierten Sprache erzeugt nicht nur einen Kontrast zum postmodernen Bühnenbild. Das Publikum denkt sich rein in die Vergangenheit irgendwo zwischen Renaissance und Biedermeier.

Im Trab erzählen Habermehl und Wahlbuhl von der Reise nach Leipzig, vom Betrug durch den Junker von Tronka und von der Rückkehr nach Brandenburg. Das Tempo steigert sich schnell auf Galopp. Es wird gleich deutlich, dass es auf dieser schrägen Ebene keinen Halt geben wird. Daran ändern auch die kurzen retardierenden Momente nichts.

Dann greift Habermehl zum ersten Mal zur Axt. Nicht das Modell "Baumarkt, dritte Regalreihe rechts", sondern eine Axt für Männer, eine echte Mordwaffe. Als er auf den Hauklotz eindrischt, staunt das Publikum. Es fliegen Späne.

Habermehl wird noch häufiger auf das Holz einhauen, jedes Mal mit mehr Wut. die Wirkung liegt zwischen beeindruckend und erschreckend.  Hier steigert sich jemand in seinen Hass. Habermehl präsentiert auch hier die passende Mimik.

Der protagonist unterliegt vor Gericht und zieht die Konsequenz und die fällt vernichtend aus.
Er ist bereit, für seinen Rachefeldzug Haus und Hof und Familie dranzugeben. Nur kurz kann sein Frau ihn beruhigen. Doch als sie stirbt, inszeniert Moritz Koch ein Inferno mit zwei Darstellern. Mehr braucht es nicht.

Die Axt steht am Ende.
Alle Fotos: TfN
Rauch wabert, die Musik donnert, das Stroboskop zuckt und überall wird gebrandschatzt. Habermehl greift mehrfach zum Megafon, um seine Forderungen in die Welt zu brüllen. Der Wutbürger hat sein Forum gewunden. Doch man hegt keine Sympathie mit dem Betrogenen, der das Recht in die eigenen Hände nimmt.

Auch er ist ein Mörder und Koch macht dies eindrucksvoll deutlich. Habermehl gießt sich einen Eimer Theaterblut über den Kopf. Er hat sich nicht die Hände schmutzig gemacht, er badet im Blut. Im Gegenlicht auf dem Hackklotz stehend streckt er die Axt nach vorn. Nicht mehr das Wort und das Recht sind sein Waffen, sondern der blutgetränkte Stahl. Am Schluss schließt sich der Kreis, die Axt wird zum Richtschwert und beendet sein Leben. Wer sich der Axt bemächtigt, kommt durch sie um sein Leben. .

Dieser Kohlhaas ist alles andere als ein Sympathieträger. Mit seiner Inszenierung zertrümmert Moritz Koch alle romantischen Vorstellungen darüber, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Neben alle eindrucksvollen Szenen bezieht er damit eindeutig Stellung. Dies ist eine mutige Aussage in Zeiten, in denen das Gewaltmonopol von rechts wie von links in Frage gestellt wird.





Material #1: TfN - Der Spielpan
Material #2: Michael Kohlhaas - Das Stück

Material #3: Michael Kohlhaas - Die Novelle





Montag, 6. Mai 2019

Händel muss man einfach lieben

Auftakt der Festspiele mit Ruby Hughes und Laurence Cummings

Das Konzept hat sich bewährt. Mit kleiner Besetzung und großartiger Musik gab es am Freitag das Präludium zu den diesjährigen Händel-Festspielen. Unter der Überschrift „Händels letzte Primadonna“ sangen und spielten Ruby Hughes und Laurence Cummings im Muthaus der Burg Hardeg Werke von Händel, Arne, Ciampi und Smith.

„Magische Saiten“ ist das Motto der Festspiele 2019. Die englische Sopranistin macht daraus eindeutig ein magische Stimme. Bereits nach zwei Stücken stimmte ihr das Publikum zu, dass man Händel einfach lieben muss. Gekrönt wurde der Abend mit einem Laurence Cummings, der die ganze Pracht des Cembalos zur Geltung brachte.

Versprechen auf die Zukunft: Ruby
Hughes liebt Händel. Fotos: Kügler
Erst seit drei Jahren arbeiten Hughes und Cummings zusammen und haben doch schon ein erstaunliches Niveau an blinden Verständnis erreicht. Bei der Beschäftigung mit Händels sind sie immer wieder auf den Namen Giulia Frasci gestoßen. Auf der Liste der Primadonnen, die einst für Händel sangen, ist dies der letzte Eintrag. Deren Zusammenarbeit fällt in die Zeit, als Händel sich von der Opera seria abwendete. Er hatte das Oratorium als die passende Form für eine neue Innerlichkeit entdeckt.

Dementsprechend zurückhaltend war auch das Programm zusammengestellt. Schon mit „Crystals streams in murmur flowing“ aus dem Oratorium „Susanna“ zeigt Ruby Hughes ihre Ausnahmestellung. Wenn der Begriff „lyrisch“ auf Sopranistinnen angewendet werden darf, dann kann bestimmt auf die Engländerin. Weich und fließend ist ihr Vortrag, wirklich ein Murmeln der Kristalle.

Sie schafft dies mit einer einzigartigen Verzögerung der Töne, die zwei Millisekunden zu spät zu kommen scheinen, dann aber aufblühen wie eine Pfingstrose.  Dabei ist aber keine Verlust an Brillanz oder Dynamik zu beklagen. Jeder ist brillant gesetzt und alle bilden ein transparentes Klangbild. Es dauert keine drei Minuten und das Publikum ist eins mit dieser Welt.

Lebhafter zeigt sie sich dann in „There the brisk sparkling nectar drain“. Leichtfüßig springt sie die Tonleiter empor und verharrt auf einzelnen Stufen mit erstaunlichen Koloraturen. Ganz ohne Spitzen und weich mit der besungenen Nektar. Das ist Lautmalerei in einer anderen Dimension.

Mit der Suite Nr. 2 F-Dur macht Cummings deutlich, warum er zu den besten Cembalisten und Händel-Interpreten zählt. Der Vortrag ist leichtfüßig und die Pracht des Cembalos kontrastiert den bisher introvertierten Vortrag. Dabei bleibt die Melodieführung transparent und nachvollziehbar.
Manchmal schimmern Klänge durch, die man eher in einem simpel klingenden Synthie-Solo von Ralf Hütter oder Florian Schneider vermutet. Ein genialer Komponist trifft auf einen genialen Interpreten und die Grenzen von Zeit und Raum sind an diesem Abend aufgehoben.


Aber Frau Hughes kann auch anders. Spätestens mit „La per l’ombrossa sponda“ ist es vorbei mit der Innerlichkeit. In dem Stück von Vincenzo Ciampi geht es um Zorn und Verzweiflung. Nun ist  die Sopranistin ganz Primadonna. Alles weiche und runde wird hinweggefegt vom Sturm der Rache und es ist besser, ihr nicht im Wege zu stehen.

Dreigestirn der Barockmusik: Händel, Cummings und
Hughes.   Fotos: Thomas Kügler
Fast schon experimentell wird es nach der Pause mit Ausschnitten aus Händels „Theodora“. Einer kurzen Symphonie folgt ein Rezitativ, das mit einer Arie abgeschlossen wird. Alles in zwei Durchgängen und wieder trifft der Cembalo der Spitzenklasse und Gesang der Extraklasse. Hughes  zeigt jetzt die gesamte Bandbreite ihres Vortrags, bei man gelegentlich auch auch ein wenig Expressionismus erahnt.

Mit seinem leichten Spiel nimmt Cummings dem „Arrival of the Queen of Sheba“ alles majestätische. Statt mit Pomp wird die Ankunft der Regentin mit Fröhlichkeit gefeiert. Eine wahre Flut an Klängen ergießt sich in das Auditorium. Solch einen Besuch sieht und hört man gerne.
Mit „Will the sun forget to streak“ kehren bei Interpreten dann wieder in die Besinnlichkeit zurück. Damit schließt sich der Kreis und das Publikum ist begeistert vom Konzept und vom Vortrag.



Material #1: Händel Festspiele - Die Website
Material #2: Händels letzte Primadonna - Das Programm

Material #3: Laurence Cummings- Die Biografie

Material #4: Laurence Cummings -Die Website

Material #5: Ruby Hughes - Die Biografie
Material #6: Ruby Hughes - Die Website




Sonntag, 5. Mai 2019

Das Leben ist härter als das Cabaret

Ein packendes Musical  

Große Gefühle und tiefe Verzweiflung, belebende Musik und mitreißende Tanzszenen und zwei unglückliche Liebesgeschichten verpackt in ein visuelles Gesamtkonzept. Alles gepaart mit einem überragenden Hauptdarsteller. Die Inszenierung von "Cabaret" am Theater Nordhausen hat alles, was man von einem Musical erwarten kann.

Die Erwartungen sind hoch gesteckt, denn "Cabaret" hat als Film die Wahrnehmung der frühen 30-er Jahre mitgeprägt. Dabei hat sich Ivan Alboresi aber für eine Inszenierung entscheiden, die sich stärker am Musical aus dem Jahre 1966 orientiert als am Streifen von 1972.

Deutlich wird dies an der Namensgebung. Alboresis Held heißt wie in der literarischen Vorlage „Goodbye to Berlin“ Clifford Bradshaw und damit wird die persönliche Perspektive des Autors Christopher Isherwood übernommen, wie sie den Ursprungsroman „I am a Camera“ bestimmt.

Auf der dunklen Bühne steht ein einsamer Mann im Spotlicht von oben. Im Hintergrund läuft Trumans Erklärung zum Sieg der Alliierten im Mai 1945. Der Mann fängt davon zu erzählen, wie es war, damals als in Berlin die ganze Geschichte begann.
David Arnsperger: Zwischen Teufel und Jedermann,
Zirkusdirektor und SS-Mann.  Alle Fotos: Marco Kneise

Dann springt ein anderer Mann nach vorn. Ein Gesicht geschminkt wie eine Mischung aus Totenschädel, Gründgens Mephisto und Batmans Joker. David Arnsperger singt „Willkommen, bienvenue, welcome!“. Das Leben ist ein Cabaret und manche sind nur Zuschauer und manche eben die Akteure.

Gesteckt in ein Kostüm aus Zirkusdirektor und SS-Tracht ist Arnsperger als Conferencier die Schimäre. Er ist mehr als der Beobachter, aber er wird nie zum Handelnden, mehr als Kommentator aber weniger als ein Supervisor. Damit gehört auch er als Figur am Ende zu den Verlierern.
Gleich beim ersten Einsatz macht er deutlich, wer hier das Zentrum des Geschehens ist, ohne selbst zu Handeln. Böse, teuflisch oder einfach nur Jedermann? Das muss das Publikum für sich klären

Arnspergers Präsenz ist beeindruckend, sein Tenor nicht nur kraftvoll, sondern auch differenziert genug für die Zwischentöne und das Mienenspiel trotz der Fratze vielschichtig. Daran müssen sich in dieser Inszenierung alle messen lassen.

Die Kulisse öffnet sich, es dampft, im Hintergrund signalisieren drei Lichter im Dreieck die Front einer Dampflok. Im Vordergrund sitzt Bradshaw im Zug von Paris nach Berlin. Hier trifft er auf den zwielichtigen Ernst Ludwig, der von Jörg Neubauer durchaus nachvollziehbar dargestellt.

Später fahren ein Bett und ein Schreibtisch auf die Bühne und wieder ab, manchmal kommen auch Separees. Dieses schnelle Schnitte imitieren in der Dramaturgie den Film als das atemberaubende Medium der frühen 30.er Jahre. Mit wenigen Handgriffe und ohne Pausen wechseln die Orte vom Zug zur Pension zum Kit Kat-Club. Das verleiht der Inszenierung einen deutlichen Zuwachs an Tempo.

Liebeslied für eine Ananas: Thomas Kohl und Brigitte
Roth.        Foto: Marco Kneise
Das durchdachte Lichtkonzept schafft auf der großen Bühne nicht nur Inseln für die kleinen und intimen Handlungen. Es schaltet sogar in Sekundenbruchteilen von Galnz auf Elend und wieder zurück einmal durch den Stimmungswechsel.

Bradshaw trifft auf seine Vermieterin Fräulein Schneider, Typ ewige Jungfrau. Brigitte Roth gibt der Vertreterin der unteren Mittelschicht immer an der Grenze zum wirtschaftlichen Abstieg nicht nur ein Gesicht sondern auch eine Stimme. Sie macht die Freuden und Ängste dieser grauen Maus greifbar. Randnotiz: Sie hat schon in allen Cabarets am Theater Nordhausen mitgewirkt. Vielleicht verschafft das nötige Verständnis

Zu den ganzen Selbstdarsteller ist sie der Kontrapunkt und ihre Duette mit Thomas Kohl als Witwer und Gemüsehändler Schultz sind die lyrischen, die anrührenden Momente. Nie zuvor wurde eine Ananas auf einer deutschen Bühne so liebevolle besungen.

Nun fährt der obere Teil des Bühnenbilds hoch und gibt den Blick frei auf die Big Band des Loh-Orchesters. Das zeigt sich an diesem Abend in bester Spiellaune. Es gibt Hot Jazz, Swing und Blues und jede Menge Stimmung. Henning Ehlert hat seine Musiker bestens eingestellt

Hunderte von Glühbirnen leuchten. It‘s Showtime. In Sekunden gelang der Quantensprung vom Elendsquartier in den Kit Kat-Club und der hat sogar eine Showtreppe. Es ist eine Hommage an die große Zeit der Musicals und Musikrevuen und an die sexuelle Befreiung im Berlin der späten 20-er und frühen 30-er Jahre.

Die Ballett-Compagnie des Theater Nordhausen erobert die Bühne und die Grenzen zwischen Männer und Frauen sind fließend. Die Tänzerinnen und Tänzer sind in dieser Inszenierung nicht nur Staffage. Es ist nicht verwunderlich, dass ihre Choreographien mit Dynamik, Ausdruck und erzählerisches Vielfalt überzeugen. Aber so viel Freizügigkeit mag auch heute noch manchen die falsche Schamesröte auf die Wangen treiben.

Sally kann auch traurig.    Foto: Marco Kneise
Mit Eve Rades als Sally Bowles bekommt Arnsperger eine gleichwertige Partnerin. Da ist bei der Besetzung ein Glücksgriff gelungen. Die junge und unverbrauchte Stimme reißt nicht nur in den Up-Tempo-Partien mit. Ihr „Maybe this time“ rührt schlicht und einfach zu Tränen. Dazu gelingt ihr die Darstellung der Sally Bowles als ahnungsloses Revuegirl bestens.

Showtime is over. Vor der Pause hängt die NS-Fahne wie ein Damoklesschwert über dem Kit Kat-Club. Das ist kein billiger Blickfang. Es ist der Einbruch der Realtität und damit die Wendemarke. Es gibt ein Leben außerhalb des Kit Kat Clubs und das ist alles andere als schön. Aus der rasanten Revue mit den Hits der 30-er Jahre und jeder Menge Glanz und Glammer wird nun eine feine Studie über den Aufstieg der Nationalsozialisten.

Aus dem Musical wird ein Drama mit Musik, das zeigt, wie die Nazis die Gesellschaft Stück für Stück durchdringen und wie das Bürgertum dies nicht sehen will. Es ist ein umgedrehtes Deja vu, zu beobachten, wie rechtsextreme Standpunkt häppchenweise zum Mainstream werden. Damit ist Alboresi die Anknüpfung an die Gegenwart gelungen.

Nun kann sich auch Marian Kalus auszeichnen. Er schafft es, den Bradshaws Wechsel vom Ignoranten zum Widerpart zu verdeutlichen. War er bisher lethargisch, sondern steckt seine Präsenz nun vor lauter Trotz und Widerwillen gegenüber den kommenden Machthabern.

Aus der Dauerparty wird ein Trauerspiel. Aus dem rasanten Musical ein eindringliches Drama. Damit ist Ivan Alboresi ein weiterer Clou gelungen, der auf das Publikum auf allen Ebenen mit nimmt.




Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan

Material #2: Cabaret - die Inszenierung



Material #3: Cabaret - Das Musical

Material #4:  Goodbye to Berlin Das Buch









Donnerstag, 21. März 2019

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne

Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck.

Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten.

In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück.

Nicht nur inhaltlich auch stilistisch war das Buch eine Herausforderung für die Zeitgenossen. Mit kurzen Szenen, harten Schnitten und schnellen Wechseln imitierte Kästner den Stil eines Films. Ruth Messing greift diese Elemente reichlich auf in ihrer Inszenierung am Deutschen Theater. Das erfordert schon eine andere Sehgewohnheit.

Ein kleinbürgerliches Panoptikum.
Alle Fotos: Thomas Müller
Dabei beginnt die Aufführung eher beschaulich. Michael Frei ist der Mann am Klavier und improvisiert über ein bekanntes Thema. Gregor Schleuning sitzt im Bühnenbild und gibt eine lakonische Einführung in die Situation. Anleihen an den Film noir werden deutlich. Der deutsche Expressionismus der 20-er Jahre ist einer seiner Eltern.

Das Bühnenbild ist eine Herausforderung. Eine gekachelte Wand mit drei Nischen auf der Vorderbühne versperrt den Blick und will auch gar nicht verschwinden. Sollen hier Menschen zur Schlachtbank geführt werden wie in Upton Sinclairs "Dschungel". Ruth Messing reiht Bezug an Bezug, um so das Klima der Zeit zu verdeutlichen.

Die ungewöhnliche Position noch vor dem ersten Prospekt engt den Raum ein, auch für die Zuschauer. Klaustrophobie kommt auf. Man kann dem Spiel nicht entgehen. Im Laufe des Abends entwickelt es sich mit seiner Dominanz zum Schauspielverhinderungsbühnenbild.

Scheuning beginnt als Fabian einen Dialog mit den unbekannten Musiker und schlägt seinen Rat aus. Dann betritt Marius Ahrendt als Stephan Labude die Bühne und das Spiel wiederholt sich. Nun kommt Gaia Vogel als Cornelia Battenberg, das spiel wiederholt sich. Ein Prise absurdes Theater gefällig.

Alle drei klettern in das Bühnenbild und betreten unsichtbar das, was man heute einen Swingerclub nennt. Die sexuelle Befreiung fand in den 20-er Jahren statt und Kästners Vorlage spiegelt das wieder. In dieser Inszenierung wird Sex in all seinen Varianten zum bestimmenden Thema. Die ersten 30 Minuten finden nur zwischen den Beinen statt.

Der Kopf wird nur dann gefordert, wenn sich im schnellen Wechsel Szene an Szene reiht und Handlungen nebeneinander herlaufen. Das Sammelsurium zitiert die frühen Filme von Bunuel. Doch das Panoptikum ist nicht immer durchschaubar.

Die sexuelle Freizügigkeit ist zu sehr auf Schockeffekt konstruiert. Gelegenheitsprostituierte, Sexsüchtige, Kriegsversehrte, Sadisten,die Figuren wirken als wären sie einem Bild von Georg Grosz entsprungen. Rebecca Klingenberg als Selow und Christina Jung als Kulb sind die wichtigsten Elemente in diesem Gemälde

Wenn Labude auf Fabian trifft, hält das Karussell an
Alle Fotos: Thomas Müller
Aber der Schnitt durch die Gesellschaft der Übergangszeit fehlt. Politik und Arbeitswelt in der beginnenden Weltwirtschaftskrise werden nur angerissen. Der Weltkrieg als prägende Erfahrung bleibt außen vor, deswegen ist Stephan Labude als Figur auch unvollständig.

Erst jetzt wird das Publikum Zuschauer einer Szenerie, die durchaus als Parallelwelt zur Gegenwart taugt. Akademiker ohne Perspektive, Jobs, die sich nicht lohnen, Mieten, die das Gehalt auffressen und eine Mittelschicht, die zu verschwinden droht.

Seine Rolle als Zuschauer gibt Fabian erst auf, als es persönlich wird und jetzt wird Scheuning auch stark.Hier funktioniert das Dreigestirn Fabian, Stephan und Cornelia.Somit ist die Selbstmord-Szene eben eine der intensivsten in dieser Aufführung. Der lauten Hektik setzt Ruth Messing hier Stille entgegen.

Fabians Leere wird hörbar. Er hat seine Rolle als zuschauender Moralist aufgegeben und bekommt dafür nichts. Scheuning liefert hier die stärkste Leistung an diesem Abend ab. Danach zerfällt sein Welt immer mehr. Der Job ist weg, die Liebe auch. Jetzt wird die Inszenierung anrührend und erlebt ihre stärksten Momente.

Es kann so nicht weitergehen. Der Freitod des Titelhelden erscheint zwangsläufig. Damit bekommt der Abend ein rundes Ende.







Material #1: Deutsche Theater - Der Spielplan
Material #2: Fabian - Das Stück

Material #3: Erich Kästner - Die Biographie
Material #4: Fabian - Der Roman

Material #5: Fabian. Der Vergleich - Kästner am TfN