Donnerstag, 21. März 2019

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne

Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck.

Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten.

In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück.

Nicht nur inhaltlich auch stilistisch war das Buch eine Herausforderung für die Zeitgenossen. Mit kurzen Szenen, harten Schnitten und schnellen Wechseln imitierte Kästner den Stil eines Films. Ruth Messing greift diese Elemente reichlich auf in ihrer Inszenierung am Deutschen Theater. Das erfordert schon eine andere Sehgewohnheit.

Ein kleinbürgerliches Panoptikum.
Alle Fotos: Thomas Müller
Dabei beginnt die Aufführung eher beschaulich. Michael Frei ist der Mann am Klavier und improvisiert über ein bekanntes Thema. Gregor Schleuning sitzt im Bühnenbild und gibt eine lakonische Einführung in die Situation. Anleihen an den Film noir werden deutlich. Der deutsche Expressionismus der 20-er Jahre ist einer seiner Eltern.

Das Bühnenbild ist eine Herausforderung. Eine gekachelte Wand mit drei Nischen auf der Vorderbühne versperrt den Blick und will auch gar nicht verschwinden. Sollen hier Menschen zur Schlachtbank geführt werden wie in Upton Sinclairs "Dschungel". Ruth Messing reiht Bezug an Bezug, um so das Klima der Zeit zu verdeutlichen.

Die ungewöhnliche Position noch vor dem ersten Prospekt engt den Raum ein, auch für die Zuschauer. Klaustrophobie kommt auf. Man kann dem Spiel nicht entgehen. Im Laufe des Abends entwickelt es sich mit seiner Dominanz zum Schauspielverhinderungsbühnenbild.

Scheuning beginnt als Fabian einen Dialog mit den unbekannten Musiker und schlägt seinen Rat aus. Dann betritt Marius Ahrendt als Stephan Labude die Bühne und das Spiel wiederholt sich. Nun kommt Gaia Vogel als Cornelia Battenberg, das spiel wiederholt sich. Ein Prise absurdes Theater gefällig.

Alle drei klettern in das Bühnenbild und betreten unsichtbar das, was man heute einen Swingerclub nennt. Die sexuelle Befreiung fand in den 20-er Jahren statt und Kästners Vorlage spiegelt das wieder. In dieser Inszenierung wird Sex in all seinen Varianten zum bestimmenden Thema. Die ersten 30 Minuten finden nur zwischen den Beinen statt.

Der Kopf wird nur dann gefordert, wenn sich im schnellen Wechsel Szene an Szene reiht und Handlungen nebeneinander herlaufen. Das Sammelsurium zitiert die frühen Filme von Bunuel. Doch das Panoptikum ist nicht immer durchschaubar.

Die sexuelle Freizügigkeit ist zu sehr auf Schockeffekt konstruiert. Gelegenheitsprostituierte, Sexsüchtige, Kriegsversehrte, Sadisten,die Figuren wirken als wären sie einem Bild von Georg Grosz entsprungen. Rebecca Klingenberg als Selow und Christina Jung als Kulb sind die wichtigsten Elemente in diesem Gemälde

Wenn Labude auf Fabian trifft, hält das Karussell an
Alle Fotos: Thomas Müller
Aber der Schnitt durch die Gesellschaft der Übergangszeit fehlt. Politik und Arbeitswelt in der beginnenden Weltwirtschaftskrise werden nur angerissen. Der Weltkrieg als prägende Erfahrung bleibt außen vor, deswegen ist Stephan Labude als Figur auch unvollständig.

Erst jetzt wird das Publikum Zuschauer einer Szenerie, die durchaus als Parallelwelt zur Gegenwart taugt. Akademiker ohne Perspektive, Jobs, die sich nicht lohnen, Mieten, die das Gehalt auffressen und eine Mittelschicht, die zu verschwinden droht.

Seine Rolle als Zuschauer gibt Fabian erst auf, als es persönlich wird und jetzt wird Scheuning auch stark.Hier funktioniert das Dreigestirn Fabian, Stephan und Cornelia.Somit ist die Selbstmord-Szene eben eine der intensivsten in dieser Aufführung. Der lauten Hektik setzt Ruth Messing hier Stille entgegen.

Fabians Leere wird hörbar. Er hat seine Rolle als zuschauender Moralist aufgegeben und bekommt dafür nichts. Scheuning liefert hier die stärkste Leistung an diesem Abend ab. Danach zerfällt sein Welt immer mehr. Der Job ist weg, die Liebe auch. Jetzt wird die Inszenierung anrührend und erlebt ihre stärksten Momente.

Es kann so nicht weitergehen. Der Freitod des Titelhelden erscheint zwangsläufig. Damit bekommt der Abend ein rundes Ende.







Material #1: Deutsche Theater - Der Spielplan
Material #2: Fabian - Das Stück

Material #3: Erich Kästner - Die Biographie
Material #4: Fabian - Der Roman

Material #5: Fabian. Der Vergleich - Kästner am TfN




Dienstag, 19. März 2019

Heldinnen in Cargo-Hosen

Ein nachdenklicher "Julius Cäsar" am Theater Nordhausen

Händel mal ganz anders und doch sehenswert. So präsentiert sich derzeit "Julius Cäsar" am Theater Nordhausen. Die Absolventen der Hochschule "Felix Mendelssohn Bartholdy" zeigten bei der Premiere eine reife Leistung. Schon vor dem Schlussvorhang gab es reichlich Applaus.

Julius Cäsar hat die Schlacht von Pharsalos gewonnen. Sein Feind Pompeo ist auf der Flucht. Der Sieger wird in Alexandria erwartet. Männer in Tarnfleck und Security-Look mit Knopf im Ohr hasten über die Bühne, stellen Stuhlreihen auf und platzieren ein Rednerpult. Die Siegesfeier wird vorbereitet und das Jubelvolk wird wie Stimmvieh auf die Bühne getrieben.

Dann darf der Chor zum Lobgesang ansetzen. Er agiert als Versammlung der Einzelnen und zeigt ein wunderbar transparentes  Klangbild. Sänger und Sängerinnen bleiben klar erkennbar. Davide Lorenzato hat in der Einstudierung hervorragende Arbeit geleistet.

Der Imperator und das Jubelvolk.
Alle Fotos: Siegfried Duryn
In der ersten Szene scheint Matthias Oldag stark von jener Salzburger Inszenierung beeinflusst, die 2012 einen Diskurs über die Moderne in der antiken Oper auslöste. Doch der Regisseur aus Leipzig löst sich schnell von dieser Vorlage. Nur noch einmal zitiert er jene Inszenierung. Seine Interpretation geht über Salzburg hinaus.

Mission accomplished ist im Hintergrund zu lesen Der Auftritt Cäsar wird zur Show. Es werden Bilder wach, die man schon hundertfach im Fernsehen gesehen hat. Auch das Treffen mit dem ägyptischen König Tolomeo bemüht die Stereotypen der medialen Inszenierung. Es fehlen einzig das Blitzlichtgewitter und die Kameras im Zuschauerraum.

Leider erfüllt der erste Auftritt von Lars Conrad in der Titelrolle nicht alle Erwartungen. Er klingt noch ein wenig dünn. Aber Conrad singt sich noch warm und kann schon später mit rührenden Arien und Duetten beeindrucken. Doch ein Heldentenor ist er nicht. Mit seiner lyrischen Interpretation und und den butterweich gesetzten Tönen passt er genau in diese Aufführung, die männliche Riten zur Disposition stellt. Irgendwann wird klar: Als Imperator hat man es nicht leicht. Manchmal ist man damit einfach überfordert.

Max Dollinger ist da aus anderem Material. Glasklar setzt er seine Arien. Allein schon aus den Gründen des Kontrastes wünscht man sich mehr Einsätze des Curio. Doch es bleibt Wunschdenken. Den Kontrast muss Frieder Flesch als Achillas leisten. Doch diese Figur ist in ihrer Brutalität alles andere alles ein Publikumsliebling. Doch mit dieser Darstellung reiht sich Flesch ein in die Liste der überzeugenden Leistungen.

Schmerz in Person: Susana Boccato
als Cornelia.      Foto: Duryn
Den Höhepunkt in der ersten Szene setzt aber Susana Boccato als Cornelia. Ihr Vortrag steckt voller Emotionen und echten Schmerz und ihre Koloraturen setzen an diesem Abend die Maßstäbe. Sie kann aber auch feinfühlig. Das Duett im zweiten Akt mit Eva Zalenga als Sextus ist der erste Gänsehaut-Moment an diesem Abend.

Doch die Herrscherin der Bühne ist eindeutig Yeeun Lee als Kleopatra. Ihr Sopran ist nicht nur von einer beeindruckenden Dynamik, er bleibt dabei auch klar und frei von Spitzen. Ihre Koloraturen sind denen von Boccato mindestens ebenbürtig und jede Einzelne ein Erlebnis.

Leider fällt ihr Auftritt und ihr Werben um Cäsar an einige Stellen sehr aufdringlich aus. Manchmal meint man, nicht die ägyptische Thronanwärterin sondern die König des Rotlichtviertels zu erleben. Aber diese Kleopatra zieht eben geschickt die Fäden, bis sie das bekommt was sie will: Die Herrschaft und den Herrscher. Es sind die starken Frauen, die diese Aufführung bestimmen.

In den Duetten mit Lars Conrad versteht Yeeun Lee es, sich zurückzunehmen, und dem großen und zarten Gefühl der Liebe den nötigen Raum zu lassen. Schließlich ist dies eine Aussage dieser Inszenierung: Am Ende obsiegt die Liebe, egal in welcher Form, über die Gewalt.

Als Julius Cäsar 1724 die Uraufführung erlebte, war Händel auf dem Höhepunkt seines Opernschaffens. Dieses gilt seither als Paradebeispiel einer Heldenoper. "Julius Cäsar" hat alles: Krieg und Frieden, Hiebe und Liebe und jede Menge große Gefühle. Das ganze Leben halt. Das findet man hier in seiner Fülle wieder und gut transportiert.

Bei Oldag sind es Heldinnen, die vorzugsweise Cargo-Hosen tragen und die Geschichte voranbringen. Die Männer enden meist blutig. Aber der Kern bleibt vital und deswegen ist es eine lohnende

Diese Verschiebung setzt das Loh Orchester um. Unter der Leitung von Henning Ehlert  zeigt es ein eher zurückhaltendes Spiel, dass auf die mächtigen Töne meist verzichtet. Stattdessen ist das Klangbild transparent und filigran. Die feinen Strukturen im Zusammenspiel und Händels Ideenreichtum bleiben erkennbar.

Held mit Burnout.
Alle Fotos: Siegfried Duryn
Kongenialer Partner der Inszenierung ist das Bühnenbild von Barbara Blaschke. Auf zwei mobile Wände in L-Form reduziert, baut es nicht nur einen starken Kontrast zur barocken Vielfalt. Mal rostiger Stahl, mal goldener Wandbehang In unterschiedlichen Drehungen und Wendungen und mit gekonnten gesetzten Licht erschafft es eine Welt, die aber begrenzt bleibt. So erleichtert es die Interpretation in allen Szenen und erweist sich als kongenialer Partner.

Das Ensemble aus Leipzig legt mit dieser Inszenierung eine reife Leistung vor. Es war sicherlich ein Wagnis, jungen Sängerinnen und Sänger solch eine Aufgabe zu stellen. Aber alle Darsteller haben trotz der Jugend den Geist des Werks gespürt. Sie erledigen mehr als reine Darstellung. Für drei Stunden leben sie den Julius Cäsar und deswegen wird es nie langweilig.






Material #1: Julius Cäsar in Ägypten - Die Oper
Material #2: Georg Friedrich Händel - Die Biographie

Material #3: Julius Cäsar - Die Inszenierung
Material #4: Theater Nordhausen - Der Spielplan

Material #5: Felix Mendelssohn Bartholdy - Die Hochschule







Sonntag, 3. März 2019

Uelzen ist nicht Celle

DT ist außer Rand und Band

Noch nie wurden auf der Bühne des Deutschen Theaters so viele Türen geknallt. Doch die Komödie "Außer Kontrolle" ist mehr als ein Spaß für alle. Die Inszenierung von Antje Thoms kann man auch als feine Analyse verstehen. Muss man aber nicht. Auf jeden Fall ist temporeich und vielschichtig.

Richard Kleiber ist ein Minister der niedersächsischen Landesregierung. Doch anstatt sich an diesem Abend der mühseligen Parlamentsarbeit zu widmen, trifft er sich mit Johann Schulze zum homoerotischen Abenteuer im Maritim am Flughafen Hannover. Kleiber ist Stammgast in der Suite 548 und wird als VIP vom Hotelmanager intensiv betreut.

Doch zum Vollzug des Geschlechtsaktes kommt es nicht. Es stören eine Leiche, ein eifersüchtiger Ehemann, ein trotteliger Kellner, eine Pflegekraft mit Kontrollzwang und noch so einige Mitmenschen wie Kleibers Ehefrau. Zum überraschenden Schluss gibt es die Erkenntnis, dass manchmal die die Kontrollen haben, von denen man es am wenigsten geglaubt hätte. Es bleibt eine Lektion in Sachen Moral, über die einfach mal nur kräftig lachen darf.

Es herrscht Plüsch-Alarm im DT. Die Vorbühne ist abgebaut und auf dem zusätzlichen Raum wartet Jan-S. Beyer als Hotelmusiker auf das Publikum. Im Hintergrund dudelt zart Easy Listening. Mit einem Sakko in Bordeaux und einer monströsen Heimorgel im Hintergrund wirkt Beyer, als käme er gerade vom Franz-Lambert-Nachfolge-Seminar.

Der Minister und sein Model.
Alle Fotos: Isabel Winarsch
Von links betritt Paul Wenning, als Zimmerkellner Mischewald, ebenfalls in Bordeaux gekleidet, den Zuschauerraum. Die Parallelen zum James aus dem "Dinner for One" sind nicht zu übersehen. Die  Litanei über die Vorzüge des 2013er Chateau de Dingenskirchen de Grand Vin wird zu seinem same procedure. Aber es ist herrlich, wie er hier die Plattitüden und Versatzstück der Sommeliers, Connaisseurs und anderer Blender aneinanderreiht.

Er füllt das Edelgetränk in eine Karaffe um und ersetzt ihn durch TetraPak-Wein. Der Reigen des Betrügereien ist eröffnet und die Karaffe spielt zum Schluss noch eine Nebenrolle beim Siegermahl. Nichts von wegen Humor auf dem Niveau eines Vorschlaghammers. Die Farce ist bis ins Detail durchdacht und durchkonstruiert.

Der Vorhang öffnet sich in gibt den Blick frei auf die Suite 548 des Maritim Airport. Dem Original nachgebaut geizt es nicht mit dem hölzernen Charme der Provinz. Die passende Bühne für Landespolitiker mit Ambitionen und jeder Menge Bauernschläue.

Es wird keinen Umbau geben. Alles was passiert, passiert genau in dieser Suite. Das verdichtet das Geschehen und gibt ihm eine klaustrophobische Note. Kein Entrinnen möglich.

Auf jeden Fall ist Christoph Türkay in der Rolle des Richard Kleiber vom ersten Augenblick die beherrschende Figur auf dieser Bühne. Breite Brust, knappe Sätze, bestimmter Ton und souveräne Gestik zeigen, dass er alles unter Kontrolle hat.

In den nächsten zwei Stunden wird ihm diese Gewissheit abhanden kommen, Stück für Stück. Auch diesen Machtverfall veranschaulicht Christoph Türkay indem ihm Stück für Stück die Gesichtszüge entgleisen, bis er sein Gesicht am Ende nur noch einer Maske gleicht. Aber bis dahin versucht er die Figuren auf seinem eigenen Schachbrett hin und her zu schieben. Menschen sind ihm so egal, dass er sich noch nicht einmal deren Herkunftsort oder deren Namen merken will. Aber die unterkühlte Sprechweise macht deutlich, dass er sich überlegen fühlt. Diesen Tonfall verlässt Türkay den ganzen Abend nicht.

Sirtaki mit Leiche: Weber und Kleiber versuchen den
Kellner zu täuschen.

Alle Foto: Isabell Winarsch
Eine diese Figuren ist Johann Schulze, der homosexuelle Sekretär des Oppositionsführers. Dass Regisseurin Antje Thoms und Dramaturg Matthias Heid aus der Hetero-Affäre einen schwulen Schwank gemacht haben, ist einfach ein zeitgeistiges Attribut. Dieses Verhältnis wird nicht weiter ausgearbeitet und bringt damit keine zusätzliche Brisanz.

Es bleibt beim Kern: Hier tut jemand etwas, was er besser hätte sein lassen, und dabei wird er empfindlich gestört. Um sein Tun zu Vertuschen, tritt er eine Lawine an Lügen los, verstrickt sich darin und begibt sich immer stärker in Abhängigkeiten. Kontrolle und Befreiungsschlag gehen anders.

Daniel Mühe hat die Schachfigur Johann Schulze mit jeder Menge Girlie-Appeal angelegt. Ständig mit seinem Reisetäschen unterwegs ist er die männlich Version eines IT-Girls. Immer mit gesenkten Kopf und eingezogenen Schultern. Immer bedacht, sich klein zu machen. Da wundert es nicht, dass er ständig hin und her und ins Schlafzimmer abgeschoben wird. Celle und nicht Uelzen ist sein Same Procedure, dass das Publikum bald schon mitspricht.

Das Vorspiel wird gestört, es folgt der zweite Auftritt von Paul Wenning als Kellner. Er bringt dem 2013er Chateau de Dingenskirchen de Grand Vin. Man ahnt bereits, dass er dies im Laufe das Abends noch häufiger tun wird und diese Erwartung wird erfüllt. Kleiber erkauft sich sein Wohlwollen und ahnt nicht, dass dies der erste Schritt in die Abwärtsspirale ist. Er begibt sich in die Abhängigkeit und zum Schluss ist das Verhältnis gekippt. Die Kellner Mischwald konrolliert auf seine subtile Weise das Geschehen und erinnert ein wenig an Riff Raff aus der Rocky Horrot Picture Show.

Auftritt Leiche, das Vorspiel ist endgültig vorbei. Lutz Gebhardt hat wohl den schwersten Job an diesem Abend. Er muss einen Toten spielen und doch lebendig bleiben. Das macht er mit stoischer Ruhe. Er wird herumgeschubst und gefahren. Das erinnert ein wenig an die 80-er Jahr Komödie "Immer Ärger mit Harry", wirkt in der Abstrusität aber immer noch. Nach der Auferstehung mimt Gebhardt wunderbar den Gedächtnisverlust und am überraschenden Ende stellt man fest, dass auch dies wohl nur ein Spiel war.

Wer ist hier Knecht und wer der Herr. Das Verhältnis
zwischen Kleiber und Kellner kippt.

Foto: Isabell Winarsch
Dann kommt Georg Weber ins Spiel. Er soll für seinen Chef die Kastanien aus dem Feuer holen und die Leiche ins Moor bringen. Marco Matthes spielt den netten Fahrradhelmträger von nebenan über die gesamte Achterbahn. Meist am Rande der Verzweiflung und immer ein wenig devot, legt Matthes dann eine erstaunliche Entwicklung an den Tag. Im zweiten Akt geht regelrecht ein Ruck durch den Mann und auch die Stimme wandelt in den Modus "bestimmt". Am Ende hat der Mitmacher wieder die Kontrolle über sein Leben. Damit bringt Matthes wohl die stärkste Leistung auf die Bühne.

It's a man's world. Im ersten Akt bevölkern nur Männer die Bühne und solange funktioniert Kleibers Krisenmanagement, auch wenn die Situation immer vertrackter wird, das Lügengeflecht immer dichter wird. Aber dann kommen zwei Frauen und eine Regierungskrise ins Spiel und damit fällt Kleibers Konstrukt zusammen. Andere übernehmen die Kontrolle und damit ist die Farce auch ein Frage nach dem Machtgefüge. Auf jeden Fall ist das Spiel auf Zeit vorbei und im Publikum macht sich Schadenfreude breit. Kleiber hat Stellvertreterfunktion und so einen hat man das immer schon mal gewünscht.

Autor Ray Cooney beherrscht die Kunst der Farce, der in Deutschland leider zu selten gehuldigt wird, weil man sie zu oft mit Schenkelklopfern gleichsetzt. Dabei seziert Cooney aber doch mit den Mittel der Übertreibung hier Typen, Prozesse und Abhängigkeiten. Au h wenn er dabei auf die Mittel des Boulevardtheaters wie knallende Türen und scheppernde Fenster setzt, meint er es trotzdem ernst.

Antje Thoms und  Matthias Heid ist mit dieser Inszenierung mehr als eine Übersetzung ins Niedersächsische gelungen. Sie zeigen uns, dass die Kontrolle dann doch bei ganz Anderen als den vermeintlich Mächtigen. Das Siegermahl ist ein Triumph der Öffentlichkeit, die sich nun die nächsten Blender vornimmt. Mit donnernden Applaus sichert das Göttinger Publikum die Unterstützung zu.




Material #1: Ray Cooney - Die Biografie

Material #2: Der Spielplan - Die DT-Website
Material #3: Außer Kontrolle - Die Inszenierung





Samstag, 2. März 2019

Die heilende Kraft des Laufen

Ein Sportroman, der nach innen schaut 

Uwe Prieser ist wieder voll auf der Höhe. Er hat sein Tief überwunden. Mit „Der Lauf ihres Lebens“ hat Deutschlands einziger Sportschriftsteller ein Buch vorgelegt, das nicht nur fesselt. Es überzeugt vor allem durch seine Tiefe, durch die Beobachtung und die Charaktere, die wirken wie von nebenan.

Prieser hat zurückgefunden zu seiner einfachen und präzisen Sprache. Langatmige Satzkonstruktie wäre bei dem Thema auch nicht angebracht. Die Sprache scheint dem Sportteil entnommen und das gibt der Erzählung ein eigenes Tempo. Satz für Satz wie Schritt für Schritt über die lange Distanz. Das ist dem Thema angemessen. Dabei verzichtet Prieser zum Glück auf die Scheinwissenschaftlichkeit, der sich manche Sportjournalisten so gern bedienen. Er schaut lieber nach innen in die Athletinnen.

Eben diese Reduktion lässt den Lesern ausreichend Platz, um mit eigenen Gedanken und Bildern vermeintliche Lücken zu füllen. Prieser nimmt sein Publikum ernst und das darf sich seine Gedanken machen, so wie ein langer Lauf vieles klärt. Laufen ist Kopfsache.

Darin liegt die Faszination dieser Art der Fortbewegung. Deswegen verfallen so viele dem Laufen und kommen davon nicht mehr los. Prieser macht das klar und dafür gebührt ihm Platz eins.

Dabei gelingtPrieser das Kunststück, die Lebenslinien dreier Frauen spannendmiteinander zu  erweben und zu verschränken. Da ist die alternde Bibliothekarin, die junge Navajo und die Olympiasigerin in Sachen Marathon. Schlüssig entwickelt Prieser ihre Biographien bis zur überraschenden Wende.

Drei Erzählstränge laufen nebeneinander her und die Fäden werden zu einem elastischen Gewebe versponnen. Dabei gelingt ihm die Verquickung von Realität und Fiktion meisterhaft und die Grenzen zwischen den Welten verschwinden. Innen wird zu außen und außen zu innen. Das gelingt ihm aber in einer schnörkellosen Sprache, die nicht gehetzt wirkt, sondern gleichmäßig atmet wie eine Langläuferin.

Was die drei Frauen verbindet ist die mehr oder weniger glückliche Liebe zum Sport. Für alle drei ist Laufen de Weg, sich aus der Masse hervorzuheben, unbefriedigenden Verhältnissen zu entkommen. Die Bahn wird für alle zur Projektionsfläche.

Doch neben den Plänen, da gibt es auch noch die unbekannte Größe Schicksal. Das Leben ist eben nicht planbar wie ein Rennen. Letztendlich erreichen alle die Ziellinie. Nur der Zustand in diesem Augenblick unterscheidet die Menschen. Da darf man auch mal an der süßen Doppeldeutigkeit von "Lauf des Lebens" naschen.

Uwe Prieser ist nicht der Erfinder des Genre „Sportroman“, aber in der Disziplin sicherlich Deutschlands bester Athlet. Ihm gelingt hier mit „Der Lauf meines Lebens“ wie eine überzeugende Leistung.




Material #1: Der Lauf seines Lebens - Uwe Prieser bei wikipedia
Material #2: Sämtliche Werke - Uwe Prieser im DNB-Katalog

Material #3: Kleine Fische - Der Verlag





Sonntag, 24. Februar 2019

Quicklebendiges Tanztheater

Grandioser Ballettabend im Theater Nordhausen

Das Herz des Tanztheaters schlägt in Nordhausen. Steile These? Von wegen, als Beweis dient der Ballettabend "Kontraste". Die anderthalb Uraufführungen zeigten die Bandbreite des aktuellen Tanztheaters und ernteten dafür donnernden Applaus.

Der Abend vereint zwei Choreographien mit unterschiedlichen Charakter unter dem Titel "Kontraste". Nur den könne man genießen, den Zustand weniger, zitiert das Programmheft Siegmund Freud. Das ist eine weitere steile These, die im Verlauf aber widerlegt wird.

"Der Tod und das Mädchen" ist fast eine Solo-Show von Ivan Alboresi. Nordhausens Ballettdirektor ist nicht nur für die Choreographie verantwortlich. Auch die Musikauswahl und das Bühnenbild stammen aus seiner Feder.

Das Mädchen und die Eltern
Alle Fotos: TNLos!
Dieses zeigt sich in beklemmender Optik. Holz rechts, links und hinten. Ist das ein Puppenheim oder gar ein Sarg? Konstantina Chatzistavrou betritt als das Mädchen den eingeengten Spielraum. Körperhaltung und Gestik machen deutlich, dass sie sich verlassen fühlt. Monotone Elektrobeats runden den hoffnungslosen Eindruck ab.

Der Tod taucht auf als Schatten. David Nigro wir in Schwarzweiß auf den Hintergrund gebeamt. Das Mädchen nimmt seine Bewegungen und es beginnt der Pas de deux mit der Videoanimation. Mensch und Maschine in einer Bewegung, eine faszinierende Idee.

Sägende Streicher intonieren Schubert. Es ist aus mit der Träumerei, die Realität tritt ein. Die Eltern betreten die Bühne. Gabriela Finardi und Joshua Lowe ertanzen in beeindruckender Weise dieses schwierige Dreiecksverhältnis Kinder, Mutter, Vater, diese Mischung aus Zuneigung, Behütung und Unterordnung.

Da ist er wieder, dieser Alboresi-Stil. Pas de deux auch zu dritt, einige Pirouetten gemischt mit viel Hebefiguren und der Linien längs und quer durch den Raum. Alboresi bleibt sich in dieser Choreographie treu. Die Klassik ist die Basis, auf der moderne Figuren aufgebaut werden. Jenseits aller theoretischen Überlegungen bietet "Der Tod und das Mädchen" unzählige Momente des Bestaunens ohne jegliche Intention. Vor allem, wenn die Compagnie als die Schatten wie ein tanzender Organismus die Bühne dominiert. Das ist einfach nur schön.

Häwemann gegen Samt: Das Mädchen und der Tod.
Alle Fotos: TNlos!
Trotz der Vorliebe für die Klassik gibt es kein Tütü an diesem Abend. Anja Schulz-Hentrich hat Kostüme vorgelegt, die im Hier und Jetzt verankert sind. Finardi und Lowe sind im Business-Look gekleidet und der Tod kommt im roten Samt daher. Nichts finsteres und morbides, sondern einfach nur ein Hingucker. Gegen dieses optische Ausrufzeichen hat das Mädchen im Kleinen-Häwemann-Dress von Anfang an keine Chance.

In einer weiteren Teildisziplin bleibt sich Nordhausens Ballettchef treu. Es ist die Choreographie des Ensembles. Jedes Mitglied bliebt ist im tutti ein Individuum, eingebunden in ein Ganzes. Diese vielen Organe ergeben einen tanzenden Körper, der mit wallenden und wogenden Bewegungen immer wieder fasziniert.

Der Tod schleicht sich auf die Bühne und die Spielfläche erweitert sich. Die Wand fährt nach hinten, schafft Raum, beendet die Enge und gibt auch den Blick frei auf das Streicherquartett im Gegenlicht. Hier ist Alboresi ein echter Wow-Effekt gelungen. Ballett in der fünften Dimension gewissermaßen.

Das Mädchen, die Schatten und das Quartett.
Alle Fotos: TNLos!
Vorlage für die Choreographie ist das gleichnamige Gedicht von Matthias Claudius. Doch Alboresi liefert hier kein reines Erzählballett ab. Der Handlungsstrang ist durchsetzt mit Stationen des Innehaltens und Reflektierens.

Wenn ein Kind vor den Eltern stirbt, dann ist eigentlich die göttliche Ordnung gestört. Hier lautet das Ergebnis anders. Der Tod ist eben eine das Finale des Lebens und es ist durchaus möglich, dass Menschen auch schon in jungen Jahren sterben. Damit muss man sich abfinden.

Es ist vor allem eine poetische und filigrane Inszenierung, die die empfindsame Lyrik von Claudius in Ballett umsetzt. Alboresi setzt hier die kleinen Zeichen und verzichtet auch die kraftvollen und raumgreifenden Bewegungen. Er verzichtet aber auch auf das Morbide. Der Tod ist kein Faszinosum. Er gehört zum Leben dazu.

Lebensfreude: Ballett 50 Zentimeter überm Tanzboden.
Alle Fotos: TNLos!
Marguerite Donlon zählt zu den wichtigsten Ballettdirektorinnen der Gegenwart. Allein die Tatsache, dass sie in Nordhausen choreografiert, ist eine Auszeichnung. Die Irin weißt aber auch die konzentrierte Arbeit kleinen Häusern zu schätzen.

"Ruff Celts" feierte 2016 Premiere am Visceral Dance in Chicago. Anschließend war es der Publikumsrenner in New York. Solch eine Produktion nach Nordhausen zu holen, ist ein Clou.

Für die Version 2019 und extra für die Nordhäuser Compagnie hat Marguerite Donlon einen achtminütigen  Prolog ausgearbeitet. Damit war an diesem Abend "Ruff Celts XL" zumindest eine halbe Uraufführung.

Während bei Alboresi das Individuum im Vordergrund steht, konzentriert sich Donlon auf die Interaktion in der Gruppe. Bei allen Kontrasten tun sich hier Gemeinsamkeiten auf. Das Ensemble setzt sich zusammen aus Einzelteilen, die im Ganzen als ein Organismus agiert. Dieser Körper produziert dann diese faszinierenden wogenden Figuren, die hier für reine Freude an der Bewegung  stehen.

Du bist dran: Der Impuls wird weitergereicht.
Alle Fotos: TNLos!
Deutlich  wird dies in der Schattenspiel-Szene, als ein Impuls durch die gesamte Compagnie weitergereicht wird. Auch die Armarbeit, der Umgang mit den oberen Extremitäten, bestätigt, dass  Donlons Einfluss auf die Arbeit von Alboresi nicht zu übersehen ist.

Doch die Basis der "Ruff Celts" ist nicht das klassische Ballett sondern der irische sean nós dance, der von Fußarbeit und linearen Aufbau bestimmt ist. Doch daraus entwickelt Donlon eine Dynamik, die streckenweise an Anarchie erinnert. Sie überschreitet die Grenzen des Herkömmlichen und das Publikum hat seine Freude daran. Es kommt nie dass, was man erwartet.

Das gilt auch für die Kostümierung. Diese vereint unvereinbares: Stockings, Kilts und die Halskrausen des 16. Jahrhunderts. Immerhin stehen die in der britischen Wahrnehmung für die englischen Eroberer. Manchmal braucht es dafür keine Erklärung. Es reicht, dass der Kontrast tragfähig ist.

Zusammen mit Sam Auinger hat Donlon einen Soundtrack entwickelt, der alles vereint, was man für irisch hält. Sinéad O'Connor kommt dabei ebenso zur Geltung wie Fiddle und Whistle. Aber ist  auch ein Spiel mit den irischen Klischees.

Staun, staun, wow: Tänzer, Mehl und Licht.
Alle Fotos: TNLos!
Während Alboresi einen Erzählstrang verfolgt, hat Donlon ihre Choreographie in kleine Episoden. Sie alle erzählen mit einem Augenzwinkern vom Miteinander und Gegeneinander der Menschen. Das machen sie immer mit schnellen raumgreifenden Bewegungen und ein großer Teil davon findet 50 Zentimeter über dem Tanzboden statt. Lebensfreude pur und das Ensemble ist davon auch schon angesteckt. Nach dem andächtigen "Tod und Mädchen" tut das gut und damit hat der Abend eine überzeugende Dramaturgie.

Dabei verzichtet Donlon auf ein Bühnenbild. Es geht um die Konzentration auf den Tanz. Einzig das Licht ist ein weiteres Gestaltungsmittel. Zusammen mit den Mehlwerfern ergibt dies die Staun-Momente in der ansonsten rasanten Choreografie.

Zwei so unterschiedliche Choreografien an einem Abend zu tanzen, das ist eine beeindruckende Energieleistung der Compagnie. Deswegen kommt ihr ein großen Teil des donnernden Applaus und der standing ovations zu.








Material #1: Mehr Bilder
Material #2: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #3: Kontraste - Der Abend

Material #4: Marguerite Donlon - Die Biographie
Material #5: Ruff Celts - Das Video
Material #6: Marguerite Donlon - Die Website









Sonntag, 3. Februar 2019

Viva la Pömpel, viva!

Wie füreinander gemacht: Die stillen hunde lesen Don Quixote

Der Aufführungsort, die Intonation, die Mimik und das Bühnenbild. Es passt alles zusammen. Am Freitag zeigten die stillen hunde ihre Version des Klassikers "Don Quixote" im Rittersaal im Schloss Herzberg. Die Erwartungen wurden übererfüllt, Pöhlde fand seinen Platz in der Kulturgeschichte und das Publikum war schlichtweg begeistert.

Zum Edelmann aus der Mancha hat jeder Bilder im Kopf. Huber und Dehler greifen diese auf. Ein Barhocker und ein Schrubber sind das Pferd Rosinante. Ein Schemel und ein Handfeger mutieren zum Esel. Ein Pömpel wird zur Lanze. Bühnenbild und Requisiten erinnern an dem Don-Quixote-Zyklus von Picasso.

Dann betreten die Matadore die Arena und die Aufgabenverteilung ist gleich deutlich. Sie verbleibt im stille-hunde-Schema. Christoph Huber kümmert sich um die derben Rollen, Stefan Dehler darf filigran sein. Das funktioniert nicht erst seit Laurel und Hardy, Heinrich Eickemeyer und Fritze Brinkmann so. Die Zuschauer können sich schnell orientieren.

The Ritter sings the Blues.
Alle Fotos: Kügler
Ihr Einstieg im Wechsel findet in jenem sachlichen Ton statt, den man von Vorlesern erwartet, gerade bei der umständlichen Sprache vergangener Zeiten. Doch das ist schnell vorbei. Zur Einführung der Personen zeigt Huber Tafeln. Diese sind leer und jeder darf seine Bilder darauf projizieren. Huber  trägt  sie umher wie ein Nummerngirl beim Boxkampf ihre Tafeln.

Dann fällt noch jener Satz, dass die Mancha gewissermaßen der Harz von Spanien sei, nur eben ohne Berge und schon haben die hunde die Zuschauer auf ihrer Seite. Aber die sind sowieso ihre Fans. Die meisten waren schon beim letzten Gastspiel da und beim vorletzten und beim vorvorletzten.

Dehler und Huber beherrschen das Spiel mit dem Publikum wie kaum ein anderes Ensemble. Ein Platz in der der ersten Reihe ist immer gefährlich. Ehe man sich versieht, ist man Teil der Aufführung. So auch an diesem Abend. Es treten auf zwei Professionelle, ein Knecht, eine Herzensdame und eine Angebetene.

Dulcinea wird umgetauft auf Hilde und ihr Wohnort wird nach Pöhlde verlegt. Es folgen noch einige weitere Bemerkungen über Pöhlde. Das macht sich gut und es zeigt, dass sich die hunde beim Veranstalter über das Spannungsverhältnis Herzberg-Pöhlde informiert haben. Da amüsieren sich nicht nur die Helden in Feinripp über die dörflichen Bekleidungsangewohnheiten. 

Vorsicht im Verkehr: Pömpel von rechts.
Dann steigt Dehler auf sein Pferd und das eigentliche Spiel beginnt. Textgetreu arbeiten die beiden Vortragenden diesen Teil ab. Das wirkt gelegentlich langatmig, weil das Publikum auf die bekanten Highlights wartet. Doch Stefan Dehler trumpft hier mit Mimik auf, er jagt sein Gesicht durch alle Stadien der Verblödung und des Erstaunen. Sein Grimassenspiel durchzieht den gesamten Abend und hier läuft er zu großer Form auf. Das Wechselbad der Ereignisse spiegelt sich eins zu eins in seinem Gesicht wieder.

Was ihm sicherlich gelingt, ist die Darstellung des Don Quixote als einen Menschen, der hoffnungslos aus der Zeit gefallen ist, der einfach 150 Jahre zu spät dran ist. Seine Weigerung, dies zu erkennen und die Realität anzuerkennen, macht ihn zur tragischen und zugleich sympathischen Figur. Das schafft Dehler.

Christoph Huber ist an diesem Abend eher beschränkter. Aber das gehört zu den Rollen, die der an diesem Abend lesen und spielen muss. Es sind vor allem diejenigen, die am Ende eine ordentliche Tracht Prügel beziehen.

Ohne Worte. 
So ziehen sie also durch das karge spanische Hinterland, das irgendwo zwischen Herzberg und Pöhlde liegt. Der gestelzte, verschrobene und allwissende Edelherr und sein Knappe. Es erinnert ein wenig an die Ritter der Kokosnuss aus Monty Pytons Flying Circus.

In der gewohnten Art und Weise spielen Dehler und Huber auch hier ihrer Frotzeleien aus. Geben sich gegenseitig Ratschläge zur Darstellung und Regieanweisungen. Manchmal geraten diese gespielten Eifersüchteleien sogar in den Vordergrund.

Die stillen hunde arbeiten sich nicht am gesamten Werk ab, aber die Szene mit den Windmühlen, die darf nicht fehlen. Damit das Publikum diese in allen Feinheiten genießen darf, haben Dehler und Huber hier jede Menge Slow-Mo-Technik hereingepackt. Manchmal ist das Lachen schon da, bevor der Gag ausgereizt ist. Man weiß ja, was unweigerlich kommen wird.

Auch die Schlacht gegen die Schafe und Hirten wird detailgetreu wiedergegeben und einige andere Raufereien. Am Ende steht eine Netto-Spielzeit von drei Stunden. Den Getreuen unter den Fans ist das recht. Aber es gibt durchaus noch Möglichkeiten der Zuspitzung.

Sie scheinen aber wie füreinander gemacht, der Ritter von der traurigen Gestalt und sein Knappe und die stillen hunde. Damit ist dies wohl eine der besten Produktionen des Ensembles









Material #1: stille hunde - Die Website
Material #2: Don Quixote - Das Stück

Material #3: Miguel de Cervantes - Der Dichter
Material #4: Don Quixote - Das Buch

Material #5: Stichwort stille hunde - Gesucht und gefunden
Material #6: Die Schatzinsel -  eine hunde-produktion







Der Ikarus der Humangenetik

Friedel verknüpft Schubert mit den großen Themen des Lebens

Das Leben, der Tod und der ganze Rest vom menschlichen Universum. In seinem "Schwanengesang" verknüpft Christian Friedel die Musik von Franz Schubert mit Elektro-Beats, Schauspiel und Tanz. Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Mensch seinem tödlichem Schicksal nicht entrinnen kann. bis dahin zeigt sich das Stück als gelungene Revue.

Die Vorstellung beginnt weit vor dem ersten Vorhang. Im DT-Bistro verwehrt ein Absperrband den Zutritt zum Obergeschoss. Angeblich tagt hier eine Gesellschaft für Humangenetik. doch es entpuppt als Teil der Inszenierung.

Florian Eppinger begrüsst das Publikum, als wäre es Teilnehmer eben dieser Tagung. Als Dr. Bottmann will er einen Überblick über den Stand, die Entwicklung und die Zukunft der Gen-Technik geben. Ein Wissenschaftler allein auf leerer Bühne gleich am Anfang eines Welterklärstücks. Das erinnert ein wenig an Goethes Faust.

Glückliche Zeiten waren das in den 70-ern.
Alle Fotos: DT
Er spricht über seine Motive, sich dieser Genetik zu widmen und diese sind recht persönlich. Der frühe Herztod der Mutter und dieselbe Erkrankung beim Bruder. Das kann man durchaus unprofessionell nennen. Aber scheint besessen von der Angst vor der Krankheit. Allmachtsfantasien beflügeln ihn. Im Nano-Kosmos der Gene ist er auf der Suche, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält

Eingeklemmte Schultern und gepresste Intonierung, Florian Eppinger gelingt hier in wenigen Minuten das Portrait eines Mannes, der bei genauer Betrachtung einer Getriebener ist und nicht die treibende Kraft. Schon in der Einleitung muss er seine Lücken offenbaren.

Christian Friedel hat seine Revue in sechs Abschnitte gegliedert. Solch starken Bilder hat an am DT schon lange nicht mehr gesehen. Ein harter Schnitt. Auf der Hinterbühne interpretiert ein Streichquartett Lieder von Franz Schubert aus dessen "Schwanengesang"-Zyklus. Dabei ist die Entfernung zur musikalischen Vorlage aber durchaus deutlich. Später kommen Elektrobeats und Stroboskop dazu.

Als Mutter hat Gaby Dey zwei Kinder an der Hand. Es ist dunkel und Bedrohung liegt in der Luft. Sind es die Bombennächte, von denen Bottmann zuvor sprach? Es beleibt unbestimmt- Die Kostüme ermöglichen auch eine andere Datierung und die Bedrohung damit allgegenwärtig und jederzeitig.

Der nächste Schnitt. Im Gegenlicht kommt eine große Gruppe aus dem Bühnenhaus nach vorne. Das  junge Volk ist gut gelaunt. Sie schieben eine Drehbühne nach vorn. Die Kostüme datieren das folgend Geschehen in die 70er Jahre. Es ist ein Zeitsprung. Volker Muthmann spielt den Wissenschaftler am Beginn seiner Laufbahn. Rebbeca Klingenberg seine Gattin.

Es wird rasant, die Bühne dreht sich und wird zur U-Bahn, zum Büro, zum Labor. Dann kommen wieder Gäste und es werden die abgestandenen Scherze des letzten Treffens serviert. Dann dreht sich die Bühne, wird zur U-Bahn und zum Labor. Direkt und doch mit den Mitteln des Theaters  inszeniert Friedel hier die rasante Entwicklung der Forschung in den letzten 40 Jahren. Die Impulse, die Bühnenbildner Alexander Wolf hier gibt, sind großartig und einleuchtend.

Aber die nachhaltige Wirkung setzen Rebbeca Klingenberg und Volker Muthmann. Immer angespannter, immer verklemmter. Mit kleinen Nuancen verdeutlichen sie den Niedergang ihrer Ehe. Als sie geht herrscht Schweigen im Publikum.

Der Vogel des Todes schwebt über Ikarus.
Ale Fotos: Kneise/DT
Sech großartige Bilder sind es, die Friedel und das Ensemble aufbauen. Das Versprechen lautet, alle großen Themen abzuarbeiten. Aber nicht alles ist verständlich und manches wirkt nur dekorativ. Das barocke Schäferstündchen die Liebe symbolisieren, überrascht die Eingeweihten nicht, wirkt aber gelegentlich auch albern.

Am Ende bleibt aber die Dekonstruktion. Das Leben zerfällt in die Einzelteile und einer davon heißt Sterben. Ein Krankenbett vor Schwarz. Im letzten Bild lauert der Tod auf karger Bühne auf den Forscher. Der Text tritt hinter hinter die Choreographie zurück. Zum Schluss schwebt der Gevatter wie ein Todesvogel über den im Bett zerschmetterten Forscher. Noch ein Ikarus.

Es sind großartige Bilder, die Friedel, Wolf und das Ensemble auf der Bühne des DTs entstehen. Es ist eine gelungene Komposition aus den Musik, Theater und Ballett, die auf das Publikum einwirkt. Aber die Wucht erdrückt nicht, es bleibt allen noch der Raum zum Atmen und Nachdenken und Assoziieren. Das macht diese Inszenierung so sehenswert macht.





Material #1: Deutsches Theater Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Schwanengesang - Das Stück

Material #3: Christian Friedel - Regisseur und Musiker

Material #4: Franz Schubert - Die Biografie
Material #5: Schwanengesang - Der Liederzyklus




Sonntag, 27. Januar 2019

Ein Rausch in Farben und Tönen

Die Märchen-Oper Cendrillon am Theater Nordhausen

Leicht und locker und ein Rausch in Farben und Kostümen, dazu ein ganz großer Sack voller witziger Ideen. So präsentiert sich die Annette Leistenschneiders Inszenierung von Cendrillon am Theater Nordhausen. Das Publikum bei der Premiere am Freitag war verzaubert.

Das Libretto dürfte bekannt sein. Im großen und ganzen erzählt die Oper von Jules Massenet die Geschichte vom Aschenputtel. Die Mutter verstirbt früh und der Vater heiratet erneut. Die Stiefmutter bringt zwei Töchter mit und für die Halbwaise beginnt die Hölle der Patchwork-Familie

Das Trio Infernale.
Alle Fotos: TNLos
Doch dann kommt die Chance in Gestalt eines Prinzen. Der ist nämlich auf der Suche nach der Frau und dem Sinn seines Lebens.  Es ist Liebe auf den ersten Blick, doch  die Konvention der Zauberwelt trennt die Beiden. Alles, was zurückbleibt, ist ein Schuh aus Glas.

Während die deutsche Märchenversion im sozialen Niemandsland verbleibt, trifft Annette Leistenschneider  eine eindeutige Festlegung vor. Sie macht eine Schuhmanufaktur zum Ort der Handlung und verlagert das Intrigenspiel damit in die gutbürgerliche Etage.

Als sich der Vorhang öffnet, geht das erste Aahhh durchs Publikum. Das Bühnenbild von Andreas Becker ist eine Augenweide: eine Werkstatt, die funktioniert, aber im Detail zeigt, dass sie auch schon bessere Tage gesehen. Sie liegt irgendwo zwischen dem 19. Jahrhundert und den 50-er Jahren.

Alles in wunderbaren Bonbon-Farben, als ob die Träume kleiner Mädchen wahr geworden sind. Aber es ist kein Schauspielverhinderungsbühnenbild. Es ist reichlich Raum, damit sich ein munteres Spiel entwickeln kann. Leistenschneider kann den Ideenreichtum von Becker bestens nutzen.

Dass Becker auch einfacher kann und trotzdem verzaubert, beweist er im dritten Akt. Dunkelheit und  viele kleine Lichter entwickeln ihre Magie und nehmen das Publikum mit an einen verwunschenen Ort. Hier verschwinden die Grenzen zwischen Realität und Wunsch, so wie der Baum des Todes nie klar zu sehen ist.

Cendrillon ist eine Ausstattungsoper im besten Sinne. Das opulente Bühnenbild wird ergänzt durch eine Rausch an Farben und Falten, Rüschen und Pailletten. Gekrönt wird die Ausstattung durch aberwitzige Frisuren. Was Carolin Schumann als Stiefschwester Dorothée da an Haarpracht mit sich rumträgt, ist schon preisverdächtig.

Alles wird gut, dank Fee.
Alle Fotos: TNLos
Dabei geht die Farborgie quer durch die Jahrhunderte. Chanel trifft auf Rokoko und Biedermeier auf Rck'n'Roll. Märchen sind eben zeitlos und es gibt immer ein Aschenputtel, das sich aus der Asche erhebt. Dazu ist diese Aufführung gespickt mit Hunderten von witzigen Einfällen, die dann doch ein Ganzes ergeben.

Cendrillon ist eine Oper für den Mädelsabend, denn die Kerle sind durch die Reihe eher Witzfiguren. Das beginnt schon in der erste Szene. Thomas Kohl als Vater hat alles mögliche, nur nicht die Hosen an. Rückwärts gewandt kann er die Herausforderungen bestimmt nicht annehmen und seiner Zweitgattin die Stirn bieten.

Auch Philipp Franke in der des Königs ist alles andere als ein Potentat, er gerät eher zur Witzfigur. Doch am weitesten entfernt von den üblichen Vorstellungen ist Prinz Charmant. Das ist bestimmt kein Junge, der auf dem weißen Pferd daherkommt. Stattdessen fährt er Tretroller und trägt Strampler statt Schwert. Erwachsen zu werden scheint nicht zu seinem Plan A zu gehören. Mit der dauerhaften Pubertät ist er die Blaupause für gegenwärtige Generationen. Selbst zur Brautjagd muss er getragen werden. So dekonstruiert Annette Leistenschneider genüsslich die Klischees und liefert noch eine Aussage zur Jetztzeit.

Dazu passt der verhaltene Vortrag von Kyounghan Seo. Immer mit einer ordentlichen Portion Schmelz in Stimme, kann er seine Fähigkeiten erst im dritten Akt andeuten und im vierten ausbauen. Erst die Liebe befreit ihn aus dem Tal des Selbstmitleids.

Es sind die Frauen, die diese Inszenierung bestimmen. Da ist das Trio Infernale aus Stiefmutter und ihren Töchter. Hier gibt Anja Daniela Wagner  eindeutig den Ton an. Klar und kräftig in der Stimme und bestimmt in der Gestik, behauptet sie ihre Position. Ehrgeiz und Missgunst sind ihre Wegbegleiter.

Gegenpol und Gegenentwurf ist Amelie Petrich als die gute Fee voller Güte und Empathie. Mit Dynamik und glasklarem Vortrag setzt sie die Höhepunkte an diesem Abend. Ihre Koloraturen verzaubern ein ums andere Mal. Schon im ersten Akt wird deutlich, wer hier die Fäden zieht und ihr musikalischer Optimismus macht klar, dass es ein gutes Ende geben wird.

Der Prinz muss zur Braut-Jagd getragen werden.
Ale Fotos: TNLos
So viel Klischee sei erlaubt. Cendrillon ist aus einem anderen Grund eine Oper für den Mädelsabend. Schließlich geht es ständig um Schuhe, um Stiefel, Pomps und High Heels. Ständig steht die Fußbekleidung im Mittelpunkt. Mit irgendwas muss sich frau ja auf den Weg machen.

Jules Massenet bietet hier alles auf, was die Schatztruhe der Neo-Romantik zu bieten. Es schmettert und es klagt, Pauke trifft auf Klarinette. In Cendrillon steht die Opulenz im Tutti der Larmoyanz in den Soli gegenüber. Doch leider sind die Gewicht ungleich verteilt und der verhaltene Vortrag nimmt der Inszenierung einiges an Tempo. Da kann man noch zulegen, denn in einigen Szenen wird doch gezeigt, was an Dynamik möglich wäre.

Am Schluss bleibt ein rauschendes Fest für Augen und Ohren und die Aufforderung der Fee, jetzt doch ordentlich zu feiern. Annette Leistenschneider  setzt damit fort, was sie mit den "Lustigen Weibern von Windsor" begonnen hat.










Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Cendrillon - Die Inszenierung

Material #3: Jules Massenet - Der Komponist
Material #4: Cendrillon - Die Oper





Montag, 21. Januar 2019

Der Mensch als Ungeheuer

Ulrich Tukur liest Moby  Dick im DT

Die Geschichte vom weißen Wal und von  Käpt'n Ahab, dessen Rachsucht ein Schiff und seine Mannschaft in den Tod reißt,  ist Weltkulturerbe. Ulrich Tukur und der Pianist Sebastian Knauer haben sich dieses Schwergewicht angenommen.  Ihre musikalische Lesung am Samstag im Deutschen Theater erfüllt die Erwartungen gänzlich.

Links ein Flügel,  rechts ein Tisch, die Bühne ist übersichtlich bestückt. Ein dunkelblauer Vorhang trennt Vorschiff und Achterdeck. Seine Farbe erinnert an die Tiefsee und in diesem  Abgrund werden Schiff und Mannschaft verschwinden.

Der Tisch steht auf gedrechselten Beinen. In der Mitte seiner Kreuzüberblattung ruht eine Weltkugel. Das Möbel gehört einfach in die Kajüte eines Käpt'n. Das hat das kollektive Gedächtnis in Dutzenden Piratenfilmen gesehen.

Das Theaterschiff ist voll, nur Käpt'n und
Steuermann fehlen noch.  Alles Foto: Kügler
Die Ankündigung verspricht eine eigenständige   Textfassung. Tukur setzt das Versprechen um, indem er eine Einleitung vorweg schickt.  Es geht um die Vorsehung und darum, dass man diese nur mit einem Lachen und zwar lauthals  ertragen kann. Im letzten Abschnitt wird es wieder um Vorsehung gehen. So schließt Tukur den Kreis des Lebens.

Dann setzt die Musik ein.Sie ist mehr als Beiwerk und auch keine Umrahmung. Knauers Spiel ist präzise, ohne falschen Pathos und es  gliedert den Abend. Es kündigt die Zeitsprünge an und leitet die zahlreichen Wendungen ein. Als Stimmungsmacher ist die Musik wesentlicher Teil der Inszenierung. Als die Pequod in See sticht, umtosen stürmische Töne ihren Bug. Zurückhaltendes Spiel leitet dann das Finale im windstillen Ozean ein.

Auf dem Programm stehen Werke von Schubert, Debussy und anderen Früh- und Spätromantikern. Knauer geht sehr frei mit dem Material um und nur der Mussorgsky ist eindeutig zu erkennen. Auch mit einer Ragtime-Nummer und etwas Swing, ist die Musik doch vom tragischen Ende her konstruiert. Warum die Klagelaute nicht mal von einem Bandoneon erklingen lassen. Das wäre sicherlich eine andere Klangfarbe.

Vielen gilt Melvilles “Moby-Dick” als der Beginn der modernen Literatur. Die Erzählperspektive ist radikal persönlich und die Ansprach direkt. Dazu kommt der lakonische Ton, der die Coolness des 20 Jahrhunderts vorwegnimmt, und sich nicht immer der Hochsprache bedient. Die rasanten Wechsel im Tempo hätten dem Geheimrat aus Weimar und seinen Epigonen wahrscheinlich den Herztod bereitet.

Knapp 170 Jahre nach der Veröffentlichung hat Moby Dick davon nichts eingebüßt. Das macht Tukur mit dem Einstieg in die Originalgeschichte deutlich. Mit jeder Menge Ironie schildert er die Situation des Erzählers Ismael und so ganz nebenbei auch die Geschichte des Walfangs an der amerikanischen Ostküste. Das Schmunzel, das sich einstellt, hat durchaus einen sarkastischen Unterton  und den trifft Tukur genau. Aber er entwirft nebenbei auch das Ideal einer multikulturellen Gemeinschaft , die am gemeinsamen Ziel des Überlebens arbeitet. Damit ist Tukur ganz der Jetzt-Zeit verhaftet.

Die Melancholie der ersten Absätze wird von einem Orkan verblasen, als der Erzähler auf den Harpunier Queequeg trifft. Es holtert und poltert und kracht und vor dem geistigen Auge entsteht das Universum einer zweifelhaften Hafenspelunke bei Nacht. Tukur schmeißt Deutsch und Englisch durcheinander und wenn auch nicht alles verständlich ist, so wird das Bild doch lebendig und das scheint das Ziel zu sein.  

Am Horizont deutlich zu erkennen: Steuermann und
Käpt'n sind jetzt an Bord.
Dass er dies vielstimmig macht, mal nuschelt, mal klar artikuliert, mals hektisch plappert und mal die Sprache verschleppt, das kann das Publikum durchaus erwarten und als Tukur die Erwartungen erfüllt, ist die Freude im Parkett dennoch groß. Sogar den Versprecher im dritten Kapitel nehmen Vorleser und Zuhörer mit Humor. Der kleine Fehltritt steigert sogar die Sympathie für einander

Das Ende ist klar: Der Kahn säuft ab und mit ihm alle bis auf einen. Deswegen verschiebt Tukur die Gewichte von der Action-Geschichte weg zur Charakterstudie. Die Handlung tut hier nichts zur Sache. Es geht nicht darum, einen Sachverhalt darzulegen, denn das Publikum ohnehin kennt. Die Typen darlegen, den Menschen erklären, so lautet das holde Ziel.

Es geht um die Tragödie, um das unaufhaltsame schlimme Ende und die Menschen, die darauf zusteuern. Bis alle tragenden Figuren vorgestellt sind, bis das ganze Universum aus Offizieren, Schiffseigner, Matrosen und Ex-Matrosen entworfen ist, lassen Tukur und Knauer aber immerhin 50 Minuten vergehen. Erst dann kommt die allseits bekannte Geschichte.

Der Mensch ist das wahre Ungeheuer. So lautet die Aussage in der Ankündigung. Für Tukur gibt es hier nur das eine Ungeheuer und das heißt Ahab. Im Vortrag macht Tukur deutlich, wie das Schiff und die Mannschaft von Ahab quasi in Geiselhaft für den Rachefeldzug genommen werden.

Es braucht nicht viel Transferleistung, um zu erkennen, dass Tukur hier einen Typen Mensch entwirft, der heute so weit verbreitet ist, wie nie zuvor. Diese Transferleistung trauen die Künstler ihrem Publikum zu. Schließlich ist es nicht nur erwachsen sondern auch weit gereist

Doch wenn er bei der Darstellung der Handelnden aus einem reichhaltigen Schatz an Stimmenvielfalt schöpfen kann, so bleibt der Ahab weitestgehend eindimensional. Tukur rezitiert ihn leider nur im Brüllton. Mal ein leises Wort scharf gesetzt, das würde ihn viel lebendiger machen. Einzig die Szene des Kartenstudiums in der Kajüte mit Flüsterstimme und viel Hall auf der Anlage, lässt den Käpt’n kurz ins Gespenstige abgleiten. Das hätte man ausbauen können.

Das Finale ist furios. Im Eiltempo berichtet Ismael vom Angriff des weißen Wals und vom Untergang der Pequod. Doch dann ist plötzlich Stille und das Licht erlischt. Einfach und wirkungsvoll. Das Publikum bedankt sich für diese Inszenierung und die gute Leistung mit reichlich Beifall.





Material #1: Moby-Dick - Das Werk
Material #2: Herman Melville - Die Biographie

Material #3:Ulrich Tukur - Die Website
Material #4: Ulrich Tukur - Die Biographie

Material #5: Sebastian Knauer - Die Website
Material #6: Sebastian Knauer - Die Biographie


Material #7: DT Göttingen - Der Spielplan




Montag, 14. Januar 2019

Ein Parzival für alle Fälle

Sven Mattke entstaubt für Junges Theater Nordhausen

Es bedarf keines Wunder, damit Sohn und Vater mal einer Meinung sind. Es braucht nur ein mitreißendes Stück Theater und schon sind sie sich einig. So geschah es am Sonnabend im Theater unterm Dach in Nordhausen. Sven Mattke und Nele Neitzke zeigten in der Uraufführung von "Young Parzival" eine großartige Aufführung.

25.000 paarweise Verse umfasst der Epos von Wolfram von Eschenbach aus den Jahren 1200 bis 1210. In Buchform sind das 16 Bände. Nele Neitzke hat es geschafft, dieses literarische Monstrum auf 65 Minuten Schauspiel zu komprimieren und konzentrieren. die Meisterleistung besteht darin, dass nichts verloren geht.

Krone auf: Sven Mattke spielt den König Artus.
Alle Fotos: András Dobi
Der Dramaturgin und Regisseurin ist es gelungen, die lange Legende auf die Eckpunkte zu reduzieren. In beeindruckenden Schlüsselszene  setzen sie die Wegmarken. Die Entwicklung des jungen Manns, sein Prozess der Reifung wird deutlich und nachvollziehbar. Es fehlt nichts.

Sven Mattke schafft es, ein gesamtes Universum entstehen zu lassen. Er ist Parzival, Gahmuret ebenso wie Herzeloyde oder Artus.  Er spielt den Sohn, den Vater, die Mutter gleichfalls wie den Sagenkönig ohne Verlust.

Krone auf den Kopf oder rote Lederjacke an, ein Bein nach vorne gestellt und die Lanze auf die Schulter. Es sind nur wenig Requisiten und Gesten, die den Rollenwechsel deutlich machen. Das beeindruckt vor allem den härtesten aller Kritiker. Vergleichbares hat er in seiner 6-jährigen Karriere als Theaterbegutachter noch nicht erlebt.

Es ist vor allem die freche Darstellungsweise, die die jüngeren im Publikum anspricht. Mattke schaft dies, ohne sich anzubiedern. Da wirkt nichts aufgesetzt. Wenn Mattke rappt, dann rappt er halt. Das ist nun mal die Sprache der Jugend und es ist eine Inszenierung am Jungen Theater Nordhausen. Zielgruppe genau erkannt und gut angesprochen, kann man das zusammenfassen.

Aber schon mit kleinen Mitteln, mit einem Wechsel in Gestik und Stimmlage schafft er ebenso den Sprung in Erwachsenenalter. Das mancher der Helden, dabei zur Karikatur wird, ist durchaus beabsichtigt. Es sorgt für eine deutliche Entkrampfung, wenn man die Denkmäler von den Sockeln holt.

Parzival ist unterwegs.
Aber den härtesten aller Kritiker in seinen reifen 13 Jahren begeistert vor allem der lockere Umgang des Darstellers mit seinem Publikum. Mattke sammelt Vorschläge, stellt Fragen, geht souverän über die Gummi-Baum-Panne hinweg und animiert alle zum Konzertleuchten. Mit dem Dialog mit Souffleur Christopher dekonstruiert er zudem die Geheimnisse des Theaters. Die Regieanweisungen für den Mann am Licht spricht er auch gleich mit. Nicht staunende Faszination sondern laute Begeisterung für das Theater ist sein Ziel.

Trotzdem kippt die Aufführung nie in den Trash ab. Dafür sorgen die Schlüsselszenen wie die Hirschjagd des Jüngling. Mattkes Stimme steigert sich vorlaufend im Tempo, im Kopfkino sieht man den Hirsch immer schneller fliehen. Das steht im starken Kontrast zu ehr starren Darstellung und dem Mangel an Bewegung. Das Erweckungserlebnis des Jüngling findet fast nur im Text statt und ist deswegen um so eindringlicher. Dann fließt das Blut aus der Gießkanne und einen Moment lang herrscht Sille. Dramaturgisch gelungen.

Gleiches gilt für die Suche des Parzivals nach dem Gral. Minutenlanger Moonwalk und Sven Mattke kommt nicht von der Stelle. So einfach und verständlich kann man Plackerei in Bewegung fassen. Da ist es doch gut, das sich all der Aufwand am Schluss doch lohnt und das Stück in Frieden und Freunden in Festivitäten endet. Die Liebe besiegt alle Widrigkeiten ist die Botschaft und dafür gibt es Applaus im Pop-Konzert-Qualität









Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Young Parzival - Das Stück

Material #3: Parzival - Die Legende




Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf
Der härteste aller Kritiker - Teil zwölf
Der härteste aller Kritiker - Teil dreizehn
Der härteste aller Kritiker - Teil vierzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil fünfzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil sechzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil siebzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil achtzehn





Donnerstag, 10. Januar 2019

Erst bedingt witzig, dann doch rasant

Theater Rudolstadt tagt als Festkomitee in Nordhausen

Es existiert kein englischen Wort für die deutsche "Vereinsmeierei". Dennoch gibt es sie auf der Insel zu Genüge. Das lehrt das Stück "Das Festkomitee" von Alan Ayckbourn. Für das Theater Rudolstadt hat Steffen Mensching die Komödie inszeniert. Die Premiere in Nordhausen zeigt ein sehr langes Vorspiel, das erst nach der Pause Fahrt aufnimmt und bis dahin nur bedingt witzig ist.

Eigentlich ist es eine tolle Idee. Die Kleinstadt soll ein Fest bekommen, wie es in Pendon noch keins gegeben hat. Dafür hat Ray eine Geschichte aus der Vergangenheit ausgegraben. Um "Die Zwölf von Pendon" soll ein Historienspiel entstehen, an dem die ganze Bevölkerung teilnehmen kann. Schließlich steckt hier alles drin, was die Gegenwart braucht: Freiheitsdrang, Widerstand und Gerechtigkeit.

Also lädt Ray ein paar Mitbürger zur Gründung eines Festkomitees ein. Doch aus dem gemeinsamen Projekt wird schnell ein Zankapfel. Jeder will sein eigenes Süppchen daraus kochen und Weltansichten prallen aufeinander. Neid, Missgunst und Streit brechen aus und die Aufführung des Historienspiels endet im Chaos.

Auch in der Weihnachtszeit tagt das Festkomitee.
Alle Fotos: Lisa Stern
Alan Ayckbourn kennt sich aus in der englischen Provinz und in deren Kulturbetrieb. Schließich hat er mehr als 40 Jahre das Stephen Joseph Theatre in Scarborough geleitet. Daneben hat er sich zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Dramatiker Großbritanniens geschrieben und wurde dafür in den Adelsstand erhoben.

Die zivilisatorische Decke ist dünn und des braucht nur wenig, um die englische Mittelschicht aus dem emotionalen Sattel zu heben. Das ist Ayckbourns immer wieder kehrendes Thema und im "Festkomitee" lässt er die verschiedenen Vertreter dieser Spezies aufeinander los. Es sind aber Menschen wie du und ich. Zudem sind es Typen, die jede und jeder, die und der schon mal Lebenszeit auf Sitzungen vernichtet hat, zu Genüge kennt. Da sind dem Autor und dem Regisseur realistische Beschreibungen gelungen.

Da ist Oberorganisator Ray als bürgerlicher Durchschnitt. Er hat zwar die Idee und bringt die Menschen an einem Tisch zusammen. Belohnt wird er mit dem Posten des ersten Vorsitzenden. Schnell gibt er das Heft des Handelns aus der Hand und beschränkt sich aufs Vermitteln und auf Erhaltung des Status Friede-Freude-Festival. Schließlich ist er ja mit dem Vorsitz sediert.

Die Gestik immer etwas eingeschränkt und die Stimme immer im Mittenbereich. Mit seiner gehemmten, leicht verklemmten Darstellung gelingt Rayk Gaida eine schlüssige Beschreibung des Biedermeiers, der die Brandstifter nicht sehen will. Selbst die kurzen Wutausbrüchen passen da ins Gesamtbild.

Die Intimfeinde Helen und Eric.
Foto: Lisa Stern
Gewohnt souverän, aber etwas zurückhaltender als sonst und vor allem im Bereich Leisetreter. Matthias Winde kann in der Rolle des Stadtrats Evans überzeugen. Jede Kleinstadt kennt diesen Berufsjugendlichen, der arg engagiert ist in Sachen Kultur, aber keine Ergebnisse aufweisen kann und im Hotel Mama wohnt. Aber für alle hat er einen guten Ratschlag. Abgerundet wird das Bild mit der stimmigen Kunstlederhose.

Da ist Oliver Baesler in der Rolle des kämpferischen Lehrers Eric Collins der passende Gegenentwurf. Brust raus, große Gesten, grimmige Mimik und immer mit fester Stimme, stets unter Spannung und auf dem Sprung. Aus solchem Holz sind wahre Revoluzzer geschnitzt.

Da ist die Rolle der Helen vielschichtiger angelegt. Ulrike Gronow schafft es, der Gattin von Ray  unerwartete Tiefe zu verleihen. Ihr Spiel ist vielschichtiger als das ihres Widerparts Eric. Von schnösselig über zickig bis hin zu empathisch aber auch kämpferisch vermag Gronow die Gemütszustände der Middleclass zu vermitteln. Dabei wirkt ihr Spiel immer ehrlich.

Für Sophie wird die Arbeit im Festkomitee zu einem Prozess der Emanzipation. Vom Mauerblümchen zur Mitbestimmerin. Laura Bettinger bringt eben diese Befreiung in Etappen in jeder Szene nachvollziehbar auf die Bühne. Das macht sich in ihrem Äußerem bemerkbar. Mathias Werner hat es geschafft, diese Entwicklung in die richtigen Kostüme zu stecken.

Der Vorhang ist schon lange vor der Aufführung geöffnet. Er gibt den Blick frei auf ein Interieur mit einem morbiden Charme. Stockflecken an den Wänden, vertrocknete Grünpflanzen und Lücken in den Tapeten. Das ist also das Biotop, in dem große Träume Wirklichkeit werden sollen. Dem Publikum ist schon auf den ersten Blick klar, dass in solch einem Ambiente nur wenig gedeihen kann. Mathias Werner hat auch hier gute Arbeit geleistet.

Doch die lange Tischreihe an der Rampe wirkt nicht nur wie das letzte Abendmahl. Sie ist auch  eine Barriere. Vieles von dem wenigen, was in Bewegung ereignet, findet für die Zuschauer somit im toten Winkel statt. Erst als nach der Pause diese Schranke fällt, bekommt die Inszenierung auch Tempo. Oder lautet Steffen Menschings Credo: Das,was am Tisch passiert, hindert den Mensch am Mensch sein.

Ayckbourns Werk präsentiert Typen und Aussagen mit Ewigkeitsanspruch. Dass es dann doch schon 42 Jahre alt ist, merkt man der Aufführung dann doch an. Hier hätte einer dramaturgischen Auffrischung bedurft. Beinharte Marxisten kennen nur die Wenigstens aus eigener Erfahrung. Somit verpufft ein großer Teil der Auseinandersetzungen zwischen Helen und Eric in einer luftleeren Geschichtsträchtigkeit. Umstürzler mit Beamtenstatus kommen heutzutage als Grüne daher.

Die Ritter von der traurigen Gestalt.
Foto: Lisa Stern
Ähnliches gilt für die schwierige wirtschaftliche Situation, die im Hintergrund immer wieder durchschimmert. War sie damals eine Spätfolge des untergegangenen Empires, ist sie jetzt dem selbst verschuldeten Brexit zuzuschreiben. Da wäre mehr Aktualität möglich gewesen.

Auch der Aufbau entspricht den Gewohnheiten der 70-er Jahre. In den Szenen einer Planung tagen die Protagonisten dreimal. Anfang, Mitte und kurz vor dem Ende. Von der Idee über die Planung zur Umsetzung. Die Spannungen bauen sich vor der Pause häppchenweise auf, um sich dann in einem furiosen Finale zu entladen. Das ist leicht verständlich und leicht verdaulich, aber eben auch ein wenig altbacken.

Bis dahin glänzt die Inszenierung mit scharfen Wortgefechten und kleinen Details, die beobachtet werden müssen, wie die Stoffhunde von Sophie. Mann muss genau hinhören und genau hinschauen. Die Wortbeiträge sind sicherlich wie aus dem wahren Leben und bieten einen hohen Wiedererkennungswert, für alle, die schon mal Lebenszeit auf Sitzungen vernichtet haben.

Der Orkan im zweiten Akt fegt dann all diese zivilisatorischen Errungenschaften hinweg. Es bleibt nichts. Für diejenige, die ihren Humor an Woody Allen geschult haben, ist diese Inszenierung ein zusätzlicher Gewinn.






Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Das Stück- Website des Theater Rudolstadt

Material #3: Alan Ayckbourn - Die Biographie auf deutsch
Material #4: Say it in englisch - Die komplette Biografie