Sonntag, 17. Juni 2018

So macht Sterben Spaß

Ein beeindruckender Jedermann bei den Gandersheimer Domfestspielen

Es war ein Wagnis und es ist gelungen. Mit der Premiere des Jedermanns in der Inszenierung von Laura und Lisa Goldfarb eröffneten die Gandersheimer Domfestspiele nun auch offiziell. Das Publikum war zu Recht begeistert.

Kein Stück ist so sehr verwoben mit diesem Festival wieder Hofmannsthals Spiel vom sterbenden des reichen Mannes. Der Jedermann eröffnete die erste Spielzeit und der Jedermann stand zum 50. Geburtstag noch einmal auf dem Spielplan.

Kurz, aber nicht zu knapp, präzise aber doch allgemeingültig, spektakulär aber nicht erschreckend, bleibende Bilder aber nicht erdrückend. Das Update der Goldfarb-Schwestern überzeugend eigentlich in allen Belangen. Das multifunktionale Bühnenbild und die Ausstattung von Simone Graßmann und vor allem die zurückhaltende Musik von Ferdinand von Seebach. Es passt einfach alles.

Aber es ist vor allem die Energieleistung des Hauptdarstellers. Neunzig Minuten zeigt Marco Luca Castelli eine Achterbahnfahrt zwischen Hochmut, Verzweiflung und Demut, die mitreißt. Castelli vermittelt die ganze Palette menschlicher Emotionen in Extremsituationen mehr als glaubhaft.

Sie sind alle diese Welt geworfen und müssen doch
bald wieder gehen.     Alle Fotos: Kügler
Rauch weht über die Bühne, zu den verhaltenen Tönen des Trios von Seebach, Frank Conrad und Martin Werner schleichen 15 Darsteller im Walking-Dead-Modus über die Bühne und durchs Publikum. Zum Schluss der Szene steigen sie alle in ihre Kisten, die auf der Bühne wie dahin geworfen verteilt sind. Und Deckel drauf, das war's.

Was auf den ersten Blick wie ein Eingeständnis an den Zeitgeschmack wirkt, ist die einzige erhebliche Änderung an der Vorlage von von Hoffmannsthal. Laura und Lisa Goldfarb erzählen ihren Jedermann aus der Retrospektive.

Doch dahinter versteckt sich mehr als eine kosmetische Operation. Der Drops ist gelutscht und der Kampf ist gekämpft. Es gibt keine Aussicht auf Entrinnen, lautet die Botschaft. Nach anderthalb Stunden wird Jedermann in einer Mischung aus Resignation, Zufriedenheit und Erleuchtung wieder in seine Kiste steigen.

Dazwischen haben die Goldfarb-Schwestern einen Reigen von Szenen gepackt, die nicht weniger als das ganze Leben erklären sollen. Manche dieser Szenen wirken wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch, manche wie ein Live-Übertragung aus einem hippen Club. Die Nutzlosigkeit menschlichen Strebens vor der Kulisse des nahenden Todes war schon im 15. Jahrhundert ein Thema und im 21. ist es immer noch eins. Der Ewigkeitsanspruch wird mit dem Erhalt der antiquierten Sprache untermauert. Nur die "Hoffnung" musste aus logischen Gründen entfallen.

Es sind Szenen, die mit großen Bildern und Massenszenen beeindrucken sowie auch Szenen, die mit intimen Spiel zwischen Jedermann und seinem Gesellen, seiner Mutter oder seine Buhlschaft. In deren Rolle ist Felicitas Heyerick der zweite Pfeiler der Inszenierung. Sie zeigt eine enorme Präsenz und darf die Stimme noch stärker variieren als der Jedermann und kann damit ihr gesamtes Können aufbieten.

Nicht drängeln, für jeden ist eine Kiste da.
Schwarz-Weiß und Grau und mit Rot die farblichen Akzente setzten, Augenmerk und Betonung schaffen. Diese Konzept fesselt. Auch die Ausstattung von Simone Graßmann ist einleuchtend. Der Weg des Jedermanns ist ein allgemeiner, am Schluss sind wir alle tot. Deswegen sind auch alle gleich gekleidet: Schwarz und grau. Nur die roten Schuhe der beiden Hauptdarsteller machen die besondere Stellung deutlich.

 Schauspiel auch auf der Tribüne gehört in Bad Gandersheim schon dazu. Es ist gewissermaßen die vierte Dimension, wenn das Publikum einbezogen wird. Die fünfte Dimension ist in diesem Jedermann aber die Musik von Ferdinand von Seebach. Sie liegt irgendwo zwischen Oldtime Jazz und Ambient. Meist zurückhaltend wird sie dann doch gelegentlich zum Träger der Handlung, wenn in der Party-Szene Jedermann, die Buhlschaft und alle Gäste ausgelassen tanzen, als wäre es ihr letzter Tag.

Dann ist da noch die sechste Dimension und die lautet Vertikalakrobatik. Ja, es ist spektakulär, wenn die Boten des Todes die Fassade der Stiftskirche zur Bühne machen und an Seilen in die Tiefe stoßen oder wenn sie den Mammon unerreichbar in die Höhe entführen.


Laura und Lisa Goldfarb habe es geschafft, mit den Einlagen am Kirchenturm optische Highlights zu schaffen. Doch diese unterwerfen sich der Logik der Inszenierung und dominieren diese nicht. Das ist schon eine sehr starke Leistung.

Bombastische Bilder, atemberaubende Akrobatik, eine Inszenierung, deren Konzepte eindringlich sind und zwei Hauptdarsteller in Höchstform. Dieser Jedermann wird noch lange nachwirken. Ein großartiges Geschenk zum 60. Geburtstag der Domfestspiele.





Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die Geschichte
Material #2: Gandersheimer Domfestspiele - Offizielle Website
Material #3: Jedermann - Die Inszenierung

Material #4: Laura und Lisa Goldfarb - Offizielle Website

Material #5: Jedermann - Das Stück
Material #6: Hugo von Hofsmannsthal -  Die Biografie