Montag, 24. Juni 2013

Güttler füllt den Kreuzgang

Hochgefühle mit dem Blechbläserensemble

Schon mit dem ersten Tönen ist es da, dieses barocke Hochgefühl. Ein satter Klang, der den Raum ausfüllt und wie eine Woge von der Bühne durch den Kreuzgang. Jubilierende Töne aus hellen Trompeten, die die Spitzbögen hinauflaufen, gen Himmel streben und die Zuhörer mitnehmen, sie von irdischen Ballast befreien.
Mit den ersten Ton ist es da und beim Konzert von Ludwig Güttler und seinem Blechbläserensemble im Kloster Walkried kehrt es zum Schluss noch einmal wieder.
Eine Woge an Wohlklang brandete durch den
Kreuzgang im Kloster Walkenried. Fotos: tok
Das Gebäude scheint wie geschaffen für diese Musik und Güttler spielt mit der Akustik. Zwei Trompeten und eine Posaune bleiben im Seitengang versteckt und tönen aus der der Ferne. Dies gibt den Klang eine Tiefe, in die man sich gern verliert. Einfach aber genial. So wird eine dialogisierende Mehrchörigkeit möglich, die typisch ist für die Tänze des Renaissance-Musikers Tylman Susato und die später bei den Barock-Werken ausgebaut wird.
Somit zeiht sich der Dialog der Instrumente als bestimmendes Thema durch den gesamten Abend. 
Zur Hornpipe aus Händels Wassermusik verlassen wieder einige Musiker die Bühne und bauen sich im Seitengang auf. Nun intoniert das Ensemble gar ein Spiel von Rufen und Antworten. Faszinierend. Wer solch ein Wagnis eingeht, der muss sich seiner Sache sehr sicher sein.
Noch viele Worte über Ludwig Güttler zu verlieren, wäre Eulen nach Athen oder Trompeten nach Jericho tragen. Aber es ist ja kein Güttler-Solo-Konzert. Das Blechbläserensemble spielt unter der Leitung von Güttler, das ist ein Unterschied. Dieser Abend steht im Zeichen des Barock, Barockmusik ist Orchestermusik und kennt nur wenige Soli. Deswegen kann auch der Star warten, deswegen erklingt der typische Güttler-Klang erst mit der Bach-Motette "Der Geist hilft unserer Schwachheit".
Im Ensemble ist Güttler
primus inter pares.
Das Blechbläserensemble Ludwig Güttler existiert seit 1978 und es ist eben ein eingespielter Klangkörper. Dazu gehören sechs Trompeten, ein Waldhorn, vier Posaunen in unterschiedlichen Stimmlagen und ein Tuba. Den elf Musikern ist die Freude am eigenen Tun immer noch anzuhören. Jeder Ton sitzt, nichts wird verschliffen, in den Dialog-Teilen stimmen die Übergänge exakt. Immer wieder wird die Sitzordnung geändert, um den best möglichen Zusammenklang zu erzielen. Es gibt ein Publikum und offensichtlich auch Ansprüche an das eigene Schaffen, die beide befriedigt werden. Die Zuhörer bedanken sich mit Szenenapplaus, weil  das Auditorium merkt, das es Teil einer einmaligen Vorstellung ist.
Das erklärte Ziel des Ensembles und seines Leiters ist es, vergessene Musik wieder zu Gehör zu bringen oder Hörgewohnheiten zu reizen. Deswegen trägt das Programm den Titel "Original und originell". So versammelt dieser Abend Tänze, Hofmusik und geistliche Musik in einem Zug und  geht über 3 Jahrhunderte von der Renaissance bis in die Spätromantik. Dazu gehören die selten gespielten Werke von Tylman Susato, Moritz Landgraf von Hessen, Bach-Schüler Gottfried August Homilius und Samuel Scheidt. Leider wirken Bruckner und Brahms in dieser Zusammenstellung als Fremdkörper. Sicherlich ist es aus musikwissenschaftlicher Sicht nachvollziehbar, Orgelwerke und Chörale des 19. Jahrhunderts für Blechbläser umzuschreiben. Der Musiktheoretiker möchte wohl zeigen, was alles möglich ist. Aber dennoch liegen Brahms und Bruckner mit ihrer todessehnsüchtigen Finsternis an diesem heiteren Abend schwer im musikalischen Magen.
Doch mit der den Tänzen von Scheidt und in der zweiten Zugabe, da ist es wieder da, dieses barock Hochgefühle, die jubilierenden Töne aus klaren Trompeten, die an den Spitzbögen emporlaufen und gen Himmel streben.

Die nächsten Kreuzgangkonzerte

Ludwig Güttler bei wikipedia und in der Selbstdarstellung, mit Terminkalender

Das Blechbläserensemble bei MyVideo