Direkt zum Hauptbereich

Ein Manager der Intrige

"Othello" wird bei den Domfestspielen zu Jagos Vernichtungsfeldzug

Für das Fremd sein in der Heimat ist Othello das Paradebeispiel. In der Inszenierung von Christian Doll ist der General überhaupt komplett falsch im ganzen Leben, deswegen wird er zum Spielball des Intriganten Jago. Der Krieger taugt nicht für Ränkespiele, also muss die Geschichte tragisch ausgehen. Am Ende bleibt ein starker Eindruck und die Vermutung: Wenn du geredet hättest, Othello, dann, vielleicht dann ...
Mario Gremlich ist der neue Typ des Jago,
ein Typ wie ihn jeder kennt.
In Gandersheim ist Shakespeares Tragödie vor allem ein Kammerspiel zweier Männer, das nur einen Gewinner kennt. Auf der einen Seite Jago, der Fähnrich, der bei der Beförderung übergangen wurde und von den höheren Kreise ausgeschlossen, sinnt er auf Rache. Auf der anderen Seite Othello, der siegreiche General in den Diensten der Republik Venedig, ein Krieger, der erst durch Desdemona zum Mensch wird. Sie wäscht seine Hände rein vom Blute, nimmt die Maske des Kriegers ab, gibt ihm ein neues Gesicht. Doch als er ihr entgleitet, da wir Othello wieder der Krieger.
Stolz, mit fester Stimme, mit breiter Brust und mit raumgreifender Gestik ist Günter Heun ganz der Liebling aller. So hat er auch Desdemona erobert, die Tochter des Senators Brabantio. Weil Othello am die besten Gewinnaussichten hat, beauftragt ihn der Senat, dieses Aufsichtsrats der Kriegsführung, mit dem Feldzug gegen die Türken. Christine Dorner, als Dogin mit Margret Thatcher-Appeal, hat es so entschieden. Der Krieg fällt ins Wasser, ein Sturm versenkt die türkische Flotte vor Zypern. Doch die Krieger können nicht in den Zivilmodus schalten. Wasser spielt eine große Rolle in der Ausstattung, aber die reinigende Kraft bleibt dem Element verwehrt. Ansonsten verzichtet das Bühnenbild von Cornelia Brey auf historizierende Schnörkel.  Othello ist als hilfloser Krieger auch ein Mitmensch der Jetzt-Zeit.
Die Inszenierung von Christian Doll bietet einen neuen Typ des Jago. Irgendwie ist dieser Fähnrich schon fast der nette Kumpel von nebenan, mit allen nur gut Freund und scheinbar loyal, versteht er es dennoch seine Mitmenschen zu seinen Zweck zu nutzen. Alle Fäden laufen bei ihm zusammen, er ist die Schnittmenge aller Dreieecksgeschichten. Dieser Jage ist nicht nur die Banalität des Bösen, er ist auch der Netzwerker, der Manager der Intrige. Das Jago zur zentralen Figur dieser Inszenierung wird, ist eindeutig der Verdienst von Mario Gremlich. Jagos Waffe sind die giftigen Worte und die weiß Gremlich passend zu setzen. Mit Unschuldsmiene und großen Augen sichert er allen seine Loyalität zu, doch nur um sie zu betrügen. Wer mit Hinterlist arbeitet, der verzichtet auf die großen Gesten. Dafür kennt er die Finessen der Sprache, ihre Konnotationen und die ganz feinen Akzentuierungen. Das ist die Stärke von Mario Gremlich.
Bald ist Othello dort, wo Jago ihn haben möchte.
Fotos: Hillebrecht
Solch einen Jago haben vielleicht viele zum Freund, aber man sollte ihn besser nicht zum Feind haben. Häppchenweise, Puzzleteil für Puzzleteil treibt er seinen Rachefeldzug voran, bis er Othello dort hat, wo er der große Held angreifbar ist. Seine raumgreifenden Gesten erinnern nun an einen Tanzbären, der tapsig nach der Pfeiffe des Strippenziehers tanzt. Der General Othello, Leutnant Cassio und alle anderen Männer in Tarnfleck müssen vor diesem Jago kapitulieren.  Denn sie kennen nur den Modus "Mutiger Krieger und aufrichtiger Kamerad". Selbst nach den leichten Sieg gegen die Türken verbleiben sie im Feldlager-Modus. Mit diesem eingeschränkten Verfallensmuster haben sie keine Chance gegen den Feind in den eigenen Reihen. Doch muss man sich die Frage stellen, ob solch ein Kesseltreiben nur unter Kommissköppen möglich wäre. Was wäre, wenn Othello der neue Vorstandsvorsitzende der "Kriegsführung Incorporation" wäre und Jago der Abteilungsleiter, der sich übergangen fühlt?
Der Kampf findet auf einer brutal ausgeleuchteten Bühne statt, aber die Schlacht wird in den Köpfen geschlagen und je länger das Spiel dauert, um so intensiver agieren Gremlich und Heun. Zwei Schwergewicht schaffen ein einer unheilvollen Allianz ein schiefe Ebene Richtung Verderben.
In Anlehnung an Joseph Konrad nennt Doll seinen Inszenierung eine Reise in das Herz der Finsternis. Das mag sein,aber es ist die Finsternis in  Jagos Thorax und in Orthello Schädel. Dort keimt die Saat der bösen Gedanken und kommt doch nicht nach draußen. Eifersucht ist ein Monster, aber dieses Monster kann nur auf dem Kompost der Ungewißheit gedeihen. Geredet wird viel, in Shakespeare-Sprech und in Gegenwartssprache, das schlägt die Brücke zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und den Kriegern der Jetzt-Zeit. Aber es reden nie, die sich villeicht mal aussprechen sollten, es wird immer nur angedeutet. Ach, wenn ihr nur geredet hättet, Othello und Desdemona. Es gibt doch soviel Gesprächstherapeuten.
Diesem geheimen Fürsten der Finsternis unterliegen alle: Othello, Desdemona, Cassio, Bianca und Rodrigo. Jago ist der Sieger in einem Kampf, der nur Verlierer kennt.Das Schlußwort bleibt Othello überlassen, doch so recht verstanden hat er immer noch nicht, wie ihm geschah.

Die nächsten Aufführungen sind am 25. und 29. Juni und am 6., 11., 14., 21. und 30.  Juli. Am 3. August ist dernier.

Karten gibt es über die Website der Gandersheimer Domfestspiel.

Das Stück in der Eigenbeschreibung.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...

Der Bremer Göttervater aus Hamburg

  Mit dem Borgward seine Isabella durch die Toskana des Nordens Rückwärtsgang  Die Geschichte der Isabella lässt sich nicht ohne die Geschichte der Borgward-Gruppe erzählen. Die taugt nämlich zur Legendenbildung und deswegen gab es vor einigen Jahren mal den Versuch eines Erben, zumindest den Namen zu reaktivieren. Auch das ging nicht gut aus. Doch neben dem Glanz der jungen Bundesrepublik steht Borgward auch für einen beispielhaften Crash, als das Wirtschaftswunder zu lahmen begann. Nicht umsonst gab es im letzten Jahr zu dem Thema einen Vortrag unter dem Titel „Mit Vollgas in den Konkurs“. Wer die einschlägigen Foren und FB-Gruppen durchblättert, stößt immer wieder auf Verschwörungstheorien. Borgward sei das Opfer der missgünstigen Konkurrenz geworden. Meist wird Marke mit dem Stern in diesem Zusammenhang genannt. Was nach heutigen Maßstäben überrascht, ist die Geschwindigkeit, mit der die Borgward-Gruppe in den Abwärtsstrudel geriet und unterging. Gerade mal anderth...

Die Göttin kam aus Bremen - V

  Mit Isabella durch die Toskana des Nordens Gang 4 Als alte Rallye-Hasen kennen wir das morgendliche Ritual. Proviant im Auto verstauen, Startnummer anbringen, Brötchen aus der Schubkarre schöpfen, frühstücken und auf das Briefing warten. In diesem Jahr war die Ungeduld besonders groß.  Wir wollen fahren, fahren, schweben. Deswegen erschien uns das Briefing in diesem Jahr besonders lang, zumal anders als im Vorjahr keine Änderung an der Strecke gab. Das Road Book vom Vortag hatte immer noch Bestand. Immerhin ist das Frühstück eine gute Gelegenheit, mit den Sitznachbarn ein Schwätzchen zu halten.  "Wo kommt ihr her - Seid ihr das erste Mal bei der PS.Speicher-Rallye dabei - Einfach eine tolle Veranstaltung - Ja die beste dieser Art - Das Frühstück ist rustikal, aber in Ordnung - Ja, das gehört einfach dazu - Wie lange will der eigentlich noch reden - Wir wollen auch los - Was fahrt ihr - Wir fahren eine Isabella Borgward".  Winken, cool gucken und bloß nicht die An...