Direkt zum Hauptbereich

Güttler füllt den Kreuzgang

Hochgefühle mit dem Blechbläserensemble

Schon mit dem ersten Tönen ist es da, dieses barocke Hochgefühl. Ein satter Klang, der den Raum ausfüllt und wie eine Woge von der Bühne durch den Kreuzgang. Jubilierende Töne aus hellen Trompeten, die die Spitzbögen hinauflaufen, gen Himmel streben und die Zuhörer mitnehmen, sie von irdischen Ballast befreien.
Mit den ersten Ton ist es da und beim Konzert von Ludwig Güttler und seinem Blechbläserensemble im Kloster Walkried kehrt es zum Schluss noch einmal wieder.
Eine Woge an Wohlklang brandete durch den
Kreuzgang im Kloster Walkenried. Fotos: tok
Das Gebäude scheint wie geschaffen für diese Musik und Güttler spielt mit der Akustik. Zwei Trompeten und eine Posaune bleiben im Seitengang versteckt und tönen aus der der Ferne. Dies gibt den Klang eine Tiefe, in die man sich gern verliert. Einfach aber genial. So wird eine dialogisierende Mehrchörigkeit möglich, die typisch ist für die Tänze des Renaissance-Musikers Tylman Susato und die später bei den Barock-Werken ausgebaut wird.
Somit zeiht sich der Dialog der Instrumente als bestimmendes Thema durch den gesamten Abend. 
Zur Hornpipe aus Händels Wassermusik verlassen wieder einige Musiker die Bühne und bauen sich im Seitengang auf. Nun intoniert das Ensemble gar ein Spiel von Rufen und Antworten. Faszinierend. Wer solch ein Wagnis eingeht, der muss sich seiner Sache sehr sicher sein.
Noch viele Worte über Ludwig Güttler zu verlieren, wäre Eulen nach Athen oder Trompeten nach Jericho tragen. Aber es ist ja kein Güttler-Solo-Konzert. Das Blechbläserensemble spielt unter der Leitung von Güttler, das ist ein Unterschied. Dieser Abend steht im Zeichen des Barock, Barockmusik ist Orchestermusik und kennt nur wenige Soli. Deswegen kann auch der Star warten, deswegen erklingt der typische Güttler-Klang erst mit der Bach-Motette "Der Geist hilft unserer Schwachheit".
Im Ensemble ist Güttler
primus inter pares.
Das Blechbläserensemble Ludwig Güttler existiert seit 1978 und es ist eben ein eingespielter Klangkörper. Dazu gehören sechs Trompeten, ein Waldhorn, vier Posaunen in unterschiedlichen Stimmlagen und ein Tuba. Den elf Musikern ist die Freude am eigenen Tun immer noch anzuhören. Jeder Ton sitzt, nichts wird verschliffen, in den Dialog-Teilen stimmen die Übergänge exakt. Immer wieder wird die Sitzordnung geändert, um den best möglichen Zusammenklang zu erzielen. Es gibt ein Publikum und offensichtlich auch Ansprüche an das eigene Schaffen, die beide befriedigt werden. Die Zuhörer bedanken sich mit Szenenapplaus, weil  das Auditorium merkt, das es Teil einer einmaligen Vorstellung ist.
Das erklärte Ziel des Ensembles und seines Leiters ist es, vergessene Musik wieder zu Gehör zu bringen oder Hörgewohnheiten zu reizen. Deswegen trägt das Programm den Titel "Original und originell". So versammelt dieser Abend Tänze, Hofmusik und geistliche Musik in einem Zug und  geht über 3 Jahrhunderte von der Renaissance bis in die Spätromantik. Dazu gehören die selten gespielten Werke von Tylman Susato, Moritz Landgraf von Hessen, Bach-Schüler Gottfried August Homilius und Samuel Scheidt. Leider wirken Bruckner und Brahms in dieser Zusammenstellung als Fremdkörper. Sicherlich ist es aus musikwissenschaftlicher Sicht nachvollziehbar, Orgelwerke und Chörale des 19. Jahrhunderts für Blechbläser umzuschreiben. Der Musiktheoretiker möchte wohl zeigen, was alles möglich ist. Aber dennoch liegen Brahms und Bruckner mit ihrer todessehnsüchtigen Finsternis an diesem heiteren Abend schwer im musikalischen Magen.
Doch mit der den Tänzen von Scheidt und in der zweiten Zugabe, da ist es wieder da, dieses barock Hochgefühle, die jubilierenden Töne aus klaren Trompeten, die an den Spitzbögen emporlaufen und gen Himmel streben.

Die nächsten Kreuzgangkonzerte

Ludwig Güttler bei wikipedia und in der Selbstdarstellung, mit Terminkalender

Das Blechbläserensemble bei MyVideo

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...

Der Bremer Göttervater aus Hamburg

  Mit dem Borgward seine Isabella durch die Toskana des Nordens Rückwärtsgang  Die Geschichte der Isabella lässt sich nicht ohne die Geschichte der Borgward-Gruppe erzählen. Die taugt nämlich zur Legendenbildung und deswegen gab es vor einigen Jahren mal den Versuch eines Erben, zumindest den Namen zu reaktivieren. Auch das ging nicht gut aus. Doch neben dem Glanz der jungen Bundesrepublik steht Borgward auch für einen beispielhaften Crash, als das Wirtschaftswunder zu lahmen begann. Nicht umsonst gab es im letzten Jahr zu dem Thema einen Vortrag unter dem Titel „Mit Vollgas in den Konkurs“. Wer die einschlägigen Foren und FB-Gruppen durchblättert, stößt immer wieder auf Verschwörungstheorien. Borgward sei das Opfer der missgünstigen Konkurrenz geworden. Meist wird Marke mit dem Stern in diesem Zusammenhang genannt. Was nach heutigen Maßstäben überrascht, ist die Geschwindigkeit, mit der die Borgward-Gruppe in den Abwärtsstrudel geriet und unterging. Gerade mal anderth...

Die Göttin kam aus Bremen - V

  Mit Isabella durch die Toskana des Nordens Gang 4 Als alte Rallye-Hasen kennen wir das morgendliche Ritual. Proviant im Auto verstauen, Startnummer anbringen, Brötchen aus der Schubkarre schöpfen, frühstücken und auf das Briefing warten. In diesem Jahr war die Ungeduld besonders groß.  Wir wollen fahren, fahren, schweben. Deswegen erschien uns das Briefing in diesem Jahr besonders lang, zumal anders als im Vorjahr keine Änderung an der Strecke gab. Das Road Book vom Vortag hatte immer noch Bestand. Immerhin ist das Frühstück eine gute Gelegenheit, mit den Sitznachbarn ein Schwätzchen zu halten.  "Wo kommt ihr her - Seid ihr das erste Mal bei der PS.Speicher-Rallye dabei - Einfach eine tolle Veranstaltung - Ja die beste dieser Art - Das Frühstück ist rustikal, aber in Ordnung - Ja, das gehört einfach dazu - Wie lange will der eigentlich noch reden - Wir wollen auch los - Was fahrt ihr - Wir fahren eine Isabella Borgward".  Winken, cool gucken und bloß nicht die An...