Sonntag, 26. Oktober 2014

Zum Glück wurde niemand verletzt

Ralf Bauer zeigt sich in Walkenried verliebt

Ja, doch, Ralf Bauer kann mehr als Surfen. Im Kreuzgang des Kloster Walkenried zeigte sich auch für andere Themen offen. Zusammen mit Pat Fritz präsentierte Ralf Bauer ein Literatur- und Musikprogramm, bei dem die Liebe im Mittelpunkt stand. Natürlich zeigte er sich als Charmeur und als Spieler mit dem Publikum. Dabei sprengte Ralf Bauer gelegentlich die Grenzen der üblichen Präsentation, aber bis zum Schluss wurde niemand verletzt.
Doch der Abend beginnt tiefschürfend und mit dem Vorspiel auf dem Theater aus Goethes Faust. Überhaupt wird der Dichterfürst an diesem Abend oft bemüht und auch schon einmal von seiner anzüglichen Seite gezeigt. Aber wenn der Vortragende diese im Dress eines Zeitungsjungen der 20-er Jahre, mit Ballonmütze, weißes Hemd und Weste, macht, dann können selbst die Goethe-Puristen ihm nicht sauer sein.
Ralf Bauer hat immer noch den Charme eines kleinen
Jungen. Alle Fotos: tok
Aber der Mann hat ja auch eine Mission. Ralf Bauer möchte das Publikum für den Zauber der Literatur  begeistern. Dazu muss man die Halbgötter eben manchmal vom Sockel holen oder eben an Säulen springen, auf Tische steigen und auf Leitern klettern.
Doch bei allem Klamauk ist die Liebe, von der Ralf Bauer spricht, meist ein zartes Gewächs und in sich gekehrt. Das himmelhochjauzend muss wohl noch warten. Dafür sorgt auch der zweite Mann an diesem Abend. Begleitet wird Ralf Bauer vom Pat Fritz. Der Gitarrist führt sich mit einer sehr reduzierten Cover-Version vom "Every Breath you take" ein. Es ist nicht das Spiel der flinken Finger, mit denen Pat Fritz das Publikum begeistert. Er hypnotisiert mit seiner einmaligen Stimme, ein Bass mit Timbre, viel Schmelz und doch reichlich Dynamik. Die Töne kommen aus ganz aus der Tiefe und reichen bis zum bluesig verzweifelten "Woooaaahhuuuu" hoch.
Doch die Musik ist im gemeinsamen Programm kein Klangteppich, keine Soundtrack. Es ist ein eigenständiges Statement zum gesprochenen Wort, es ist eine andere Sicht auf dasselbe
 Ding, das sich Liebe nennt. Deswegen sorgt Pat Fritz an diesem Abend auch für den Gänsehaut-Moment. Als er die Tom-Waits-Version von "Waltzing Matilda" auf seine sehr eigene Art intoniert, da steht die Zeit still,  da füllt die Geschichte des Alkoholikers, der seine Liebste um Verzeihung bittet, den gesamten Kreuzgang und die Köpfe des gebannt lauschenden Publikums.
Pat Fritz 
Ralf Bauer ist der Kontrapunkt. Er spielt mit Publikum, nimmt direkten Kontakt auf und macht die Zuhörer zu Mitspielern. Da ist der Dialog am Brunnen aus Goethes Faust, als er einer jungen Dame nicht nur Geleit, sondern auch das Mikrofon angedeihen lässt. Dabei ist  auch Improvisationstheater, bei dem das Publikum auf Zuruf den emotionalen Modus des Vortrags bestimmen darf. Heiterkeit, Trauer oder Gleichgültigkeit, Bauer bewältigt sie  alle. Als im Wut-Modus die Trittleiter auf die Bühne kracht, sorgt das für Aufsehen, aber alles bleibt heil. Trotz allen Getöses ist Ralf Bauer eben doch kein Bilderstürmer, sondern ein großer Junge, der spielen will, spielen darf und diesen Spaß am Spiel auch vermitteln und vor allem mit dem Publikum teilen kann.
Das literarische Programm verbleibt im Bildungskanon. Neben viel Goethe stehen an diesem Abend viel deutschsprachige Lyrik aus dem 20. Jahrhundert auf dem Stückzettel: Rilke, Ringelnatz, Hesse und Erhardt. Da ist immer wieder der Rekurs auf die Schule und die Lehrerschaft und das Auditorium nickt dazu wissend. Publikum und Vortragender erarbeiten sich gemeinsam den Spaß an der Poesie zurück, den der Bildungsapparat ihnen genommen hat.
Wenn Ralf Bauer Hermann Hesse zitiert,
dann steht die Welt Kopf. 
Diese Mission gelingt, weil im Zusammenspiel von Ralf Bauer und Pat Fritz immer noch genug Spontanität und auch gegenseitige Wertschätzung steckt. Damit ist der Titel "Bauer in love" vielleicht zu kurz gegriffen. "Bauer in love with Fritz" wäre vielleicht. Auf jeden Fall nehmen die beiden ihre Zuhörer mit auf eine Reise in das Land des Verliebtseins. Der Treibstoff ist die Sehnsucht nach diesem besonderen Zauber auch im Alltag und deswegen kommen Bauer, Fritz und das Auditorium dort an, wo sie hin wollten. Dafür bedankt sich das Publikum mit so viel Applaus, dass Ralf Bauer und Pat Fritz ihren Zuhörerinnen noch einen Song auf den Heimweg mitgeben: "Miami Beach". Leider zeigt das Duo erst in dieser Zugabe, dass Liebe auch swingen kann, das Liebe auch Anlass für eine gelassene Freude sein kann.


Ralf Bauer bei wikipedia
Die offizielle Website Bauer.tv

Pat Fritz bei wikipedia
Die offizielle Website www.pat-fritz.de

Die Kreuzgangkonzerte