Freitag, 19. Mai 2017

Luthers Laute klingt besinnlich

Händel Festspiele sind mit Renaissance-Musik zu Gast in Walkenried

Selbst die Händel Festspiele kommen in diesem Jahr nicht an Luther vorbei. Zum Reformationsjahr brachten Franz Vitzthum und Julian Behr die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts mit ins Kloster Walkenried. Im Kapitelsaal sangen und spielten sie Werke von Luther, von Zeitgenossen und Weggefährten.

Dank der Moderation von Franz Vitzthum konnte das Publikum die Stücke auch in den historischen Kontext stellen. Den Menschen eine Vorstellung davon geben, welche Musik im Hause Luther gespielt wurde, dies sei der eigene Anspruch, erklärt der Countertenor zu Beginn. Schließlich war der Reformator auch ein begeisterter Musiker. Das gesungene Wort war für ihn zudem ein wichtiges Transportmittel des Glaubens und die Laute das Instrument der damaligen Hausmusik.

Julian Behr blätter schon einmal. Alle Fotos: tok
Neben Luther taucht im Programm immer wieder der Name Hans Neusiedler auf. Der Mann aus Nürnberg gilt als der beste Arrangeur seiner Zeit im deutschsprachigen Raum. Mit Luther verband ihn eine Seelenverwandtschaft. Die Innerlichkeit und das persönliche Verhältnis zu christlichen Glaubenssätzen steht auch bei Neusiedler im Zentrum. Das Gewicht liegt auf dem Individuum und somit ist er eindeutig ein Kind der Renaissance.

Mit dem Lauten Solo „Ein sehr guter Organistischer Preambel“ liefert Julian Behr einen besinnlichen Einstieg. Musiker und dann auch Publikum scheinen in der Musik zu versinken. Damit ist die Spur für diesen Abend vorgegeben.

Da wirkt Luthers „Das Patrem zu deutsch – Wir glauben all an einen Gott“ als Kontrast. Himmelhoch jauchzend klingt es, doch der lyrische Countertenor Vitzthum nimmt dem Werk die Spitze. Den Vortrag beginnt er in der Sakristei und trotzdem bringt er deutlich durch. Das ist nicht nur ein kleiner Showeffekt, es zeigt zudem, wie viel Volumen in seiner Stimme steckt.

Mit den folgenden musikalischen Vergleichen machen Behr und Vitzthum den Geist jener Zeit deutlich. Dem „Non moriar, sed vivam“ des Renaissancler Ludwig Senfl stellen sie die Version des Gegenwartskünstler Raitis Grigalis gegenüber. Das „Mille regretz“ von Josquin de Prez muss sich mit Neusiedlers Version vergleichen.

Vitzthum ist ganz versunken.
Behr und Vitzthum verzichten auf die zeitgenössische Vielstimmigkeit. Sie entfernen schmückendes Beiwerk und reduzieren die Musik auf Laute und Countertenor und bewirken damit die Konzentration auf die Inhalte. Das ist sicherlich im Geiste Luthers.

Aber Luther ist nicht nur Innerlichkeit sondern auch ganz weltlich. Mit dessen „Sie ist mir lieb, die werte Magd“ kommt eine neue Qualität in den Abend. Es wird lebhaft und deutet zumindest an, dass es Luther war, der Satz vom verzagten Arsch und dem fröhlichen Furz prägte. Vor der Pause steigert sich das Programm dann sogar  zum rhythmusbetonten „Nun treiben wir den Babst hinaus“.

Innerlichkeit und das persönliche Verhältnis zu den Glaubenssätzen sind keine deutsches Monopol. Das zeigt der zweite Teil des Abends. Mit Goudimel und Ravencroft tauchen zwei Komponisten im Programm auf, die an der Schwelle zu Frühbarock stehen. Behr und Vitzthum spanne damit den europäischen Bogen. Der historische Kontext wird deutlich und der blick des Publikums erweitert sich auf unterhaltsame Weise.

Es ist sicherlich ein Wagnis, mit den Händel Festspielen aus Göttingen herauszugehen und dann auch gleich noch ein Programm zu präsentieren, dass abseits des barocken Mainstream liegt. Es hat sich gelohnt






Händel Festspiele Göttingen #1: Die Website
Händel Festspiele Göttingen #2: Lautenkonzert mit Hille Perl 2015

Kreuzgangkonzerte #1: Das Programm