Samstag, 5. August 2017

Rock gegen Rheuma und Selbstmitleid

Stefan Gwildis und Band bringen Kloster zum Kochen

Das Rennen ist gelaufen. Zwei Stunden begeisterte Zuhörer, euphorische Fans und Klatschen als Daueraufgabe. Der Titel "Konzert des Jahres 2017" bei den Kreuzgangkonzerten geht eindeutig an Stefan Gwildis und Band. Alles, was vorher war, und alles, was noch kommen wird, muss sich wohl mit Platz zwei zufrieden geben.

Angekündigt war ein Programm aus dem aktuellen Album "Alles dreht sich". Seit dem Durchbruch mit "Neues Spiel" 2003 ist dies sicherlich die ruhigste Produktion, Gwildis in Moll gewissermaßen. Wer nun befürchtet hatte, einen besinnlichen Abend im Klostergarten zu verbringen, sah sich gleich zu Anfang arglistig getäuscht. Vom ersten Takt an war Dampf auf dem Kessel und schon beim Intro führte das Publikum die Handflächen rhythmisch und hörbar zusammen.

 Gwildis trägt den Stempel "Deutschlands bester Soulman". Doch das ist ein unzulässige Reduktion. Schon das Intro ist Funk im Stil der späten 70er und der 80er Jahre. Ein fetter Bass in Slap-Technik, dazu eine Percussion mit einer treibenden Snare-Drum, darüber ein Keyboard, dass Bläser imitiert und eine Gitarre, die die Melodie übernimmt. So einfach ist das.

Dieser Mann hat jede Menge Spaß und sein Publikum
mit ihm. Fotos: Kügler 
Natürlich gibt es an diesem Abend noch Soul, jede Menge sogar. Aber es wird auch Jazz geben und Blues und Rock und Bossa Nova und Samba. Ja, richtig gelesen: Samba. Überhaupt ist das Intro zu "Na ja, Na ja" einer der Höhepunkte des Abends. Dann erzeugt die fünffache Percussion einen solchen treibenden Rhythmus, dass sogar die berüchtigte Sambaschule der Ufa-Fabrik hier noch etwas lernen könnte. Gwilidis' Scat Einlage beim "Wenn der Mond über Hamburg" verdient immerhin 8 von 10 Punkten auf der Al-Jareau-Skala. Im Interview wird er später sagen, dass dies für hn alles irgendwie Soul ist. Ist ist beseelte Musik und es ist Musik, die an die Seele geht. In diesem Sinne hätte er im Klostergarten auch auf dem Kamm blasen können, die Fans wären trotzdem völlig elektrisiert gewesen.

Als Gwildis die Bühne betritt, heizt  die Stimmung gleich noch einmal zwei Stufen auf. Mit "Pollerhocken" bleibt das Tempo weiterhin hoch. Der Song hat einen hohen Mitsing-Faktor, dem die Zuhörer erliegen. Wer den Text  und Stefan Gwildis spielt einen auch gleich mit dem Publikum. Mehrfach wird es den berühmten  Ah-Oh-Yeah-und-Dubbido-Wechsel zwischen dem Mann auf der Bühne und den Menschen auf der Tribüne geben. Beim Intro zu "Der Einsame" von Heinz Erhardt erhebt er das Spielchen zur Kunstform.

Er ist nicht nur ein beseelter Musiker und Sänger, sondern auch ein begnadeter Entertainer. In der Kategorie "Rampensau" spielt Stefan Gwildis einfach in einer eigenen Liga.  Da gibt es keine Barriere zwischen Bühne und Tribüne und wenn er den Zuhörern das Du anbietet, ist das echt. Schließlich ist man an diesem Abend eine Feiergemeinde und in diesem Sinne sind eben alle Brüder und Schwestern. Es ist nicht wichtig, wer man ist oder woher man kommt. Wichtig ist, dass man da ist, so heißt es doch bei Martha & The Vandellas und im Klostergarten ist es an diesem Abend das Glaubensbekenntnis.

Marc Awounou beherrscht alle Spiel-
arten der 
populären Musik
Vor allem zeigt sich Gwildis gut vorbereitet. Er kennt die Ortsnamen in der Umgebung, weiß, wo Ellrich liegt. Das Publikum fühlt sich geschmeichelt. Aber vor allem haben er und die Band einen Walkenried-Love-Song-Blues im Gepäck. Fleißig lobt es das besondere Ambiente im Klostergarten. Das wirkt nicht wie Schmeichelei sondern wie ein echtes Statement.

Egal ob Achim Rafain am Bass oder Tobias Neumann an den Tasten oder Drummer Martin Langer, jeder der Musiker bekommt an diesem Abend mindestens einmal die Chance im Rampenlicht zu stehen. Jeder nutzt sie. Gitarrist Marc Awounou gleich mehrfach. Stefan ist eben ein echter Kumpel und deswegen lässt er jeden den Platz, den dieser braucht.

Deswegen kann sich bei "Tanzen übern Kiez" die männliche Hälfte des Publikums durchaus vorstellen, mit ihm über die Reeperbahn zu ziehen. Die weibliche Hälfte träumt sogar davon. Gwildis hat eben jenen Charme des ewigen Jungen und jede Menge Street Credibilty. Jeder Zuhörer kennt natürlich seine abwechslungsreiche Biografie.

Seine Themen sind Liebeskummer, das Leben überhaupt und seine Höhe und Tiefen, das Hinfallen und Wiederaufstehen und von der Freude an der Musik. Er singt vom Liebesrausch und von Scheidung, von Nutten und Schlägern und den Vollmondnächten in Hamburg. Im Südharz hat das natürlich einen Exotenbonus.

Trotz aller Nackenschläge hat Gwildis den Optimismus nicht verloren. Gwildis und seine Fans können nichts anfangen mit dem Selbstmitleid der Generation Y-ammerlappen. Seine Ratschläge sind einfach: Lass den Kopf nicht hängen, bleib einfach Mensch und mach immer mal was Neues. In "Eine Handvoll Liebe" findet diese Rezept seine musikalische Fassung.

"Mach man wie du meinst, aber geh den anderen nicht auffen Sack, dann komm' wir miteinander längs", ist die klare Essenz. Da steckt jede Menge Gelassenheit, aber auch Optimismus hinter.

Aber jetzt heißt es Spaß haben und den haben Musiker und Publikum, egal ob es bluest oder swingt oder soult. Das Programm ist eine Zusammenstellung aus den Alben der letzten Jahre und die Zuhörer werden fast immer zu Mitsängern. Die Bestuhlung im Klostergarten hat an diesem Abend eher eine dekorative Aufgabe. Man hätte sie auch abbauen können, denn das Publikum verbringt den größten Teil des Abends stehend und mitwippend.

Das Publikum ist geprägt von der Generation Ü 50 und damit ist der Abend wohl die größte "Rock gegen Rheuma"-Aktion, die es je in Südniedersachsen gab. Die Therapie wirkt sofort. Musikalisch gedopt tänzeln sich Musiker und Publikum locker bis zur Pause.

Manchmal ist weniger mehr.
Foto: Kügler
Ein Mikro, ein E-Piano und zwei Männer. Das zweite Set beginnt mit einem deutlichen Cut. Nur Stefan Gwildis und Tobias Neumann stehen auf der spärlich beleuchteten Bühne. "Keines Menschen Auge" heißt ihre Coverversion von Lucio Dallas "Caruso". Dieser Songs muss Gwildis was bedeuten, es ist einer wenigen, die hart an der Vorlage bleibt. Beim Solo von Neumann kann man hören, wie die berühmte Nadel fällt. Es ist tiefste Traurigkeit, gegossen in 7 Minuten 35 berührende Musik.

Doch der Kloss im Hals löst sich auf und das Konzert windet in die Spaß-Spur zurück. Schon beim "Heute ist der Tag" wird fleißig geschnippt und geklatscht. So geht das weiter bis mit das Programm mit "In meiner Kathedrale" furios ausklingt. Doch die Fünf unternehmen erst gar den Versuch, die Bühne zu verlassen. Die Zugabe ist Pflicht. Schon als "Papa will da nicht mehr wohnen" angespielt wird, kocht der Klostergarten endgültig. Vier Instrumentalisten und ein Sänger machen bei dem Tempations-Klassiker so viel Druck und Dynamik wie sonst nur eine große Besetzung mit Bläser-Sektion.

Aber alles Doping nutzt nichts. Auch das schönste "Rock gegen Rheuma" ist irgendwann zu Ende. Nach der dritten Zugabe trennen sich Musiker und Publikum gütlich. Müde aber glücklich. Selbst ein Schlipsträger lässt sich zu der Aussage "Mein Gott, war das geil" hinreißen. Das einzige, was an diesem Abend fehlte, war die Gwildis-Hymne "Sie ist so süß, wenn sie da liegt und schläft". Aber die wird das Publikum bestimmt beim nächsten Auftritt im Klostergarten einfordern.    




Gwildis #1: Die offizielle Website
Gwildis #2: Der Eintrag bei wikipedia

Gwildis #3: Glücklich sein in Herzberg im Herbst 2014
Gwildis #4: Glücklich sein in Göttingen im Frühling 2014

Gwildis #5: Das erste Interview mit dem Harzer Fragensteller
Gwilids #6: Das zweite Interview mit dem Harzer Fragensteller



Kreuzgangkonzerte #1: Die Website
Kreuzgangkonzerte #2: Der Auftritt bei facebook

Kreuzgangkonzerte #3: Das Programm