Sonntag, 1. Juli 2018

Nicht für immer aber vielleicht für zwei Spielzeiten

Fame - Das Musical bei den Domfestspielen

Rasante Tanzszenen, ein wenig Herzschmerz und Musik mit hohen Mitklatsch-Faktor. Was kann man von einem Musical mehr erwarten. Auf jeden Fall erfüllt "Fame" bei den Gandersheimer Domfestspielen diese Erwartungen und dafür gab es bei der Premiere a lot of standing ovations. Zurecht.

Mit "Fame" hat Alan Parker 1980 Filmgeschichtschen geschrieben und die neue Sparte Tanzfilmmusical begründet. In den 80-er Jahren folgte eine ganze Reihe von Streifen, die sich um das Drehen von Pirouetten drehen. Nach der Fernsehserie von 1982 bis 1987 folgte 1988 das Musical. Aber Achtung, das Bühnenstück setzt weder Fim noch Serie eins zu eins um.

Die Ausgangslage ist aber dieselbe. Acht aus einer Reihe von Kandidatinnen und Kandidaten schafft die Aufnahme. Das Publikum begleitet die Eleven durch die Höhen und Tiefen ihrer Ausbildung. Zum Schluss darf man begutachten, wer sich weiterentwickelt hat.

Auch ein Clash of Cultures: Dinipiri Collins Etebu
als Tyron Jackson und Susannen Panzner als gestrenge
Miss Shermann.         Alle Fotos: Hillebrecht
Auch wenn sich die Namen der Figuren zwischen den unterschiedlichen Versionen ändern, alle Acht stehen für Typen und sind durchaus stereotyp. Da ist der Kämpfer aus dem Ghetto, der Musiker, der unter dem Übervater leidet, der Latin Lover, der mehr Kasper als Don Juan ist, das Mauerblümchen, das in Laufe der Aufführung aufblühen wird, die Strebsame, die für den Aufstieg auch mal die Beziehung opfert, der Strebsame, der die wahre Kunst sucht und natürlich den pummeligen Klassenclown.

Ähnlich gilt für den Lehrkörper. Da ist die strenge Klassenlehrerin, die doch nur das Beste will und manchmal übers Ziel hinausschießt und da ist die verständnisvolle Tanzlehrerin, die mit Empathie und Glauben ihre Eleven zu immer neuen Höchstleistungen motiviert. Da ist der verkopfte Schauspiellehrer, der nur von wenigen verstanden wird und der etwas weltfremde Musiklehrer, der aus der Zeit gefallen ist.

Das bietet wenig Ecken und Kanten und kaum Reibungsfläche. Aber eben jede Menge Identifikationsmöglichkeiten und Projektionsfläche. Irgendwie findet jeder im Publikum sich in einer der Figuren wieder, kann mit ihnen fühlen und fühlt sich zugleich eingebunden. Denn die meisten gehören eindeutig zur Fame-Generation. Wer Tragödie will, geht nicht ins Musical. Alle anderen sind hier sehr gut aufgehoben.

Wer ins Musical geht, der möchte Musik hören und Tanz sehen und von beidem gibt es in der Inszenierung von Marc Bollmeyer reichlich. Die Choreografien sind nicht nur rasant sondern eben auch spektakuläre bis an die Grenze zur Akrobatik. Im Laufe des Abend gibt es nicht nur einmal große Augen und offene Münder.

Bei aller holzschnittartigen Ausstattung können die Darstellerinnen und Darsteller trotzdem fesseln. Denn sie spielen zum großen Teil ihre eigene Geschichte. Der Besetzung war ein zweitägiges Casting vorausgegangen. Weil eben alle eine wahre Geschichte spielen und das eben auch mit Engagement machen, deswegen wirkt die Darstellung so glaubwürdig.

Musikalisch packt Ferdinand von Seebach das große Besteck aus. Swing, Pop, Rock und Rap, es ist fast alles dabei, was musikalisch Anfang der 80-er Jahre so auf dem Markt war. Die Festspielband setzt alles ohne Verlust um und bleibt doch immer zurückhaltend im Hintergrund. Tanz und Gesang bleiben im Vordergrund, denn sie erzählen die Geschichte. Nur an der Transparenz des Klangbildes sollte das Ensemble noch ein wenig arbeiten.

Stefanie Köhm hat die stärkste Stimme, darf aber nur
einmal glänzen
.         Foto: Hillebrecht
Ein wenig schade ist es schon, dass Stefanie Köhm in der Rolle der Mabel Washington nur diese eine Solo hat. Ihr Kühlschrank-Gen-Gospel zeigt, dass sie die stärkste Stimme von allen Beteiligten hat.er Etwas mehr davon wäre sicherlich ein Gewinn, schließlich hat sie auch schon an anderen Orten mit stimmgewaltigen Partien überzeugt.

Das Mauerblümchen blüht auf. Den größten Wandel macht Sarah Wilken in der Rolle der Serena Katz mit und vor allem deutlich. Aus der Unbedarften wird die einzige, die alles durchschaut. Diese Entwicklung kann Wilken mit Stimme und Geste überzeugend darstellen und vermitteln. Ihre Meryl-Streep-Hymne ist so ergreifend, dass die Anzahl der feuchten Augen schlagartig nach oben geht.

Aber auch ihr Liebhaber mit Widerwillen zeigt seine starken Seiten. Lucas Baier, eigentlich der Musical-Spezialist unter den Darsteller, kann als Romeo im zweiten Anlauf zeigen, dass er neben dem Tanz auch das Schauspiel beherrscht. Damit macht er in der Rolle des Nick Piazza selbst ein Entwicklung durch.

Eindeutig den stärksten Eindruck als Tänzer hinterlässt Dinipiri Collins Etebu. Auf die Gefahr, klischeehaft zu sein. Der Hamburger hat nicht nur Street Credibility und Rhythmus im Blut sondern eben auch eine atemberaubende Akrobatik.

Das Bühnenbild von Thomas Döll teilt die Spielfläche in drei Zonen. Links mit den Bücher der Klassenraum als Ort der intellektuellen Auseinandersetzung aber auch der stillen Ereignisse, rechts die Zeile mit den Spinden als Ort der komischen oder dramatischen Ereignisse und in der Mitte als Zentrale die Tanzfläche, denn der Tanz steht im Mittelpunkt. Eine Show-Treppe gibt es auch noch, aber die versprüht keinen Glanz und für Carmen Diaz wird sie eindeutig zum Stairway to Heaven.

Eine Antwort bleibt Döll aber schuldig: Wo hat er bloß diese ganzen 80-er Klamotten her? Auch wenn es mit dem "I'm gonna live forever" wohl nichts wird, reicht es aber vielleicht für zwei Spielzeiten.

Nach zahllosen Szenen-Applausen gibt bedankt sich das Publikum nach zwei unterhaltsamen und mitreißenden Stunden mit einem donnernden Beifall. Zu Recht. Wer Musik und Tanz an der Grenz zur Akrobatik erleben will, ist hier genau richtig.






Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die offizielle Website
Material #2: Fame - Das Musical - Die Beschreibung