Mittwoch, 7. Oktober 2020

Gegen Corona antanzen

Breites Spektrum bei der Ballettgala im Theater Nordhausen

Manchmal bringt die Not die besten Ergebnisse hervor. Das zeigte die Ballettgala im Theater Nordhausen. Der Schlussapplaus erreichte die Stärke der Vor-Corona-Zeit. 
Intendant Daniel Klajner und Ballettchef Ivan Alboresi begrüßten die drei neuen Mitglieder der Compagnie vor. Diese stellten sich dann mit eigenen Choreographien vor und nachdem Klajner seinen Ballettchef ausreichend gelobt hatte, gab dieser preis, dass er mindestens noch bis 2024 in Nordhausen bleiben wird. 
Spots brennen Lichtkreise auf den Tanzboden. Es sind Platzanweiser. Tänzer kommen auf die Bühne und wissen, wo sie hingehören. Nur so kann Ballett in den Zeiten des "Abstands halten" funktionieren und irgendwann ist das gesamte Ensemble auf der Bühne.
Den ersten Applaus gibt es, als alle ihre Masken aufsetzen. Tanztheater lässt sich nicht von einem Virus aufhalten. Das ist doch ein Statement. 

Es darf wieder getanzt werden.
Alle Fotos: Marco Kneise

Sind es wirklich nur Nummer, wie der Titel des Stücks nahe legt? Alboresi schafft es, aus dieser Ansammlung von einzelnen einen Corpus zu schaffen. Die Solisten finden sich mit den anderen Mitglieder des Ensemble immer wieder zu diesen organischen und wogenden Bewegungen zusammen, die so typisch für die Werke von Alboresi sind. 
Die zweite Choreographie ist der pure Kontrast. Immer wieder legt Luca Scaduto überraschende Wendungen hin, so dass man meint, ihm wären diese Bewegungen eben erst durch den Kopf geschossen. Es ist eine Choreographie, die mit ihrer Spontanität und Dynamik begeistert. 
Luca Scaduto ist Urgewalt und Naturtalent zugleich. Der 25-Jährige hat erst mit 18 Jahren mit dem Tanzen begonnen und seitdem einige bedeutende Wettbewerbe gewonnen. Allein schon sein Auftritt macht den Abend zum Gewinn. Choreografieren kann er wohl auch.

Corona-Zyklus


Hier Emotion, dort Ratio. Mit seinen fünfteiligen Corona-Zyklus wendet sich Ivan Alboresi vom Erzählballett ab und kehrt zu dem zurück, was er am allerbesten kann: Gemütszustände in Tanzschritte umsetzen. Dies geschieht aber mit analytischer Genauigkeit. Das fängt schon mit der Kostümierung an. Die Jogginghose ist zum universellen Kleidungsstück geworden. Lagerfelds Kontrollverlust lässt hier grüßen.
Die fünf Einzelteile beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Phasen seit dem Ausbruch der Epidemie. In “Schau nicht zurück” wirkt Thibaut Lucas Nury überraschend introvertiert. Er verkriecht sich immer wieder in die Retrospektive, um am Ende dann doch den dunklen Raum zu verlassen. 
Man darf auch wieder zu zweit tanzen, zumindest Martina Pedrini und Joshua Lowe.
Alle Fotos: Marco Kneise

Martina Pedrini und Joshua Lowe zeigen in “Eins”, was die Krise aus einem Paar machen kann. Mit großen Gesten durchtanzen sie die unterschiedlichen Stadien, die Beziehung durchlebt, wenn man aufgrund äußerer Umstände ganz auf sich selbst bezogen und zurückgeworfen ist. Da steht der Wunsch nach Nähe und Unterstützung gleich neben der vorübergehenden Ablehnung des anderen. 
Ähnliche Phasen durchleben Camilla Matteucci und Urko Fernandes Marzana in “Strange feelings”. Hier treffen zwei nach langer Trennung wieder aufeinander. Es ist ein Abtasten und Hände reichen, auf die Abstoßen und wieder Näherkommen im Wechsel folgen.
Doch den stärksten Eindruck in diesem Zyklus hinterlässt Ayako Kikuchi mit “Zum letzten Mal”. Das ist getanzte Einsamkeit. 
Die anderen Neuen in der Nordhäuser Compagnie sind Alfonso Lopez Gonzalez und Kino Luque. Ihr Pas de deux “Inefable” beschreibt auch eine Zweierbeziehung. Dabei setzen die Spanier auf wohl überlegtes Licht und erzeugen ein Schlussbild, das sich wegen seiner Dringlichkeit ins Gedächtnis brennt. 

Der Ausblick

Im letzten Teil des Abends gibt es den kompletten Wechsel. Haben bisher elektronisch Klänge und Klangcollagen dominiert, ist der Ausblick ein Zurück in die tiefste Romantik. Im Zentrum der diesjährigen Ballettproduktion steht Schuberts “Winterreise”. vorgesehen war "Carmen", aber dann kam ja Corona dazwischen.
Inefable, unbeschreiblich: Kino Luque tanzt.
Foto: Marco Kneise


In der Ballettgala gibt es drei kurze Proben aus der "Winterreise". Es ist Erzählballett, dessen Opulenz im Kontrast zur sparsamen Musik mit Flügel und Bariton steht. Verbunden ist damit die Rückkehr zu klassischen Tanzelementen. Schuberts Alter Ego dreht eine Pirouette nach der anderen. Ist es Ausdruck seiner Verwirrungen und Verzweiflung? Oder tanzt er sich im wallenden Mantel wie ein Derwisch in die Trance? Beide Antworten bleiben bis auf weiteres zulässig.

Die nächste Aufführungen  ist am Samstag, 10. Oktober, ab 19.30 Uhr. Die Premiere des Balletts “Die Winterreise” ist am Freitag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr im Theater Nordhausen.

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