Montag, 22. September 2014

Willkommen im Zauberwald

Die Zauberflöte überzeugt in allen Bereichen


Auch auf die Gefahr hin, in Phrasendrescherei zu verfallen. Diese Oper ist zauberhaft. Die Inszenierung am Theater für Niedersachsen überzeugt in allen Belangen und damit ist Volker Vogel ein großer Wurf geglückt. Es ist ihm und seinem Team gelungen, Mozarts beliebtestes Werk werkgetreu weiterzuentwickeln. Er greift alle Fäden und Motiven in diesem handlungsreichen Musiktheater auf und führt sie konsequent und facettenreich in die Jetztzeit vor, ohne den Geist des Stücks zu entkernen. Wer sich einen Abend lang verzaubern lassen will, der findet in der Zauberflöte des TfN genau die richtige Inszenierung.
Basis des Erfolg sind das großartige Bühnenbild und die fantasievollen Kostüme von Norbert Bellen, der mittlerweile zu den gefragtesten Bühnenbildnern Deutschlands gehört. Er nur schauen möchte, der erfreut sich an den prächtigen Bauten. Wer verstehen möchte, der sieht überall die Symbole der Freimaurer. Denn die Zauberflöte ist auch ein Werk über Erkenntnis und das ewige Spannungsverhältnis Vernunft, Weisheit und die menschliche Natur. Es geht auch um die Frage, ob die Menschen in der Lage sind, den Schleier der Unkenntnis zu lüften und zur Wahrheit vorzudringen.
Letztlich schafft es Papageno doch, die
bösen Geister zu vertreiben. Fotos: Quast
Diesen Schleier zeigt uns Bellen immer wieder, wenn die Rampe und die Hinterbühne optisch getrennt werden und der Hintergrund mal schemenhaft, mal unklar und drohend erscheint. Aber es ist auch ein Bühnenbild, das es schafft, die Pracht klassischer Werke in  das Hier und Jetzt zu transponieren. Der Zauberwald ist ein Zauberwald und bleibt ein Zauberwald und der Tempel der Erkenntnis hat eben doch Säulen.
Doch erst durch die Lichtführung kommt Bellens Konzept richtig zur Geltung. Einerseits herrscht Glanz und Klarheit, während andere Teile in der Dunkelheit verschwinden. Dann wechselt die Beleuchtung und die Bühne ist in voller Tiefe sichtbar. Doch schon im nächsten Augenblick ist das Publikum beim Solo ganz auf den Akteur im Spot konzentriert. Die strahlenden Helden kontrastieren mit der zwiespältigen Königin der Nacht im diffusen Schein, so malt man Charaktere mit Licht.
Dieses Konzept der vorsichtigen Transformation setzt Bellen bei den Kostümen fort. Natürlich  tritt Papageno im Vogelkostüm auf und die Tiere tragen Masken, die an allemanische Fastnacht erinnern. Doch der Rest des Ensemble ist opulent aber gegenwärtig gekleidet. Die Zauberflöte am TfN istzwar Ausstattungstheater, aber keins, das im Historismus ertrinkt.
Pamina und Tamino werden von Saratros(mitte) harten
Prüfungen unterzogen. Foto: Quast.
Auch auf die Gefahr hin, in Phrasendrescherei zu verfallen. Das beste Bühnenbild nützt nichts ohne Schauspieler und ohne Regie. Volker Vogel hat ein glückliches Händchen mit seiner Besetzung. Das Ensemble überzeugt mit Geschlossenheit, eine Schwachstelle kann man nicht ausmachen. Unter der vorsichtigen Regie scheinen alle zu großer Form aufzulaufen. Nur Konstantin Klironomos in der Rolle des Tamino  braucht bis zur 4. Szene im ersten Akt, bis er stimmlich in der Aufführung angekommen ist. Bis dahin singt zurückhaltend und wirkt wie ein Held mit angezogener Handbremse. Peter Kubik als Papageno und Antonia Radneva in der Rolle der Pamina singen so ein schönes Duett, dass man fast dahin schmilzt und den Wunsch hegt, das Libretto schnell mal umzuschreiben. Diese beiden Stimmen passen einfach zueinander und lassen dem Gegenüber auch genug Raum. Mit glasklarer Stimme und einer enormen Dynamik ist Martina Nawrath die Idealbesetzung für die energische und rachsüchtige Königin der Nacht.
Auch die heimlichen Stars sind an diesem Abend Mareike Bielenberg, Neele Kramer und Theresa Hoffmann als die drei Damen. Das ist ein Trio auf Augenhöhe, dass sich dort um den Jüngling streitet und somit der Inszenierung einen Einstieg verleiht, der besser nicht sein könnte. Auch die zurückhaltende Leitung von Werner Seitzer trägt seinen Teil zum überragenden Gesamteindruck bei. Hier übertönt niemand den anderen.
Aber es sind auch die kleinen, liebevollen Einfälle, die den verspielten Geist Mozarts aufnehmen und fortführen und diese Inszenierung damit so sehenswert machen, wie zum Beispiel die drei Knaben, die in der Gondel vom Himmel herabschweben. Oder die Sklaven, die unter dem Diktat des Glockenspiels ein Menuett tanzen und ballerinahaft abgehen. Volker Vogel beweist genug Selbstironie, für diese Oper, die gelegentlich mit Handlungssträngen und mit Erwartung überfrachtet wird



Spielplan am Theater für Niedersachsen
Die Zauberflöte

Der Regisseur VolkerVogel
Der Bühnenbildner Norbert Bellen