Dienstag, 3. März 2015

Mit ruhiger Hand in de Abgrund

Florian Eppinger inszeniert das Fräulein Pollinger als Befreiung

Sie solle ihr erotisches Potential doch effizient machen, diesen Ratschlag gibt der Herr Kastner seiner Nachbarin, der arbeitslosen Näherin Agnes Pollinger. Damit beginnt eine Odysse, die nach bürgerlicher Lesart ein Abstieg ist und die man auch als Befreiung deuten kann. "Euch zahl' ich's heim, euch zahl' ich's heim", beendet Agnes Pollinger diese Tour de Force durch die Niederungen der 20er Jahre. 
Es sind nur 36 Stunden, die die arbeitslose Näherin zur Prostituierten machen. Doch in seiner Inszenierung verzichtete Florian Eppinger auf Effekthascherei und künstliche Beschleunigung. Es ist ein Aufführung, die mit Stille und mit Ruhe über, die in den Momenten der Reflexion dem Publikum die Zeit lässt, selbst Tritt zu fassen, selbst im Stück anzukommen und den Handlungsfaden nachzuvollziehen. Deshalb überzeugt Epppinger mit seiner Darlegung.

Agnes Pollinger und Eugen Reithofer sind zwei Ge-
strandete in den Wirren der Krise. Foto: Winarsch
In der Milieustudie "Das Fräulein Pollinger" fasste der Herausgeber Traugott Krischke die Erzählungen "Sechsunddreißig Stunden" und "Der ewige Spießer" seines Schützling Ödon von Horváth zusammen. Zentrale Figur ist die arbeitslose Näherin Agnes Pollinger. Früh zur Waise geworden und den Launen der Tante ausgeliefert, ist sie ein Solitär in einer sich rasant wandelnden Welt der beginnenden Wirtschaftskrise im Jahr 1929. Ganz Kleinbürgerin gehört der Traum von der großen Liebe zu den bestimmenden Momenten ihres Lebens. Doch die Männer nutzen sie nur aus. Selbst Eugen Reithofer, den sie auf dem Arbeitsamt kennenlernte, will schlussendlich mit Sex für seine Gefälligkeiten entlohnt werden. Unter den Entwurzelten gibt es keine Solidarität, in der Not ist sich jeder der Nächste. Diese Botschaft bleibt am Schluss.
Es sind sechs Szenen, die den Verlust aller bürgerlichen Illusion deutlich machen und Demaskierung ist das bindende Glied. Zwei Mauern aus Kartons grenzen das Spielfeld der Gefühle ab. Sind die Mauern Schutz oder engen sie oder  bilden sie die Arena.Viele Lesarten sind möglich.
Der Kunstmaler Lachner ist sich selbst Genüge.
Foto: Isabel Winarsch
Akkordeon und Klarinette aus dem Off. Das sind die Klänge der Einsamkeit und wird hier bald etwas Trauriges passieren. Die Szene im Arbeitsamt führt das Publikum in die Umstände ein. Eine schüchterne Agnes Pollinger erzählt dem arbeitslosen Oberkellner Eugen Reithofer von ihrem Schicksal und den Wechselspiel ihres Berufslebens. Reithofer berichtet von seinem schweren Leben. Es ist ein Wettbewerb der Enttäuschten im gegenseitigen Übertrumpfen, ein Wettrennen derer, die nicht am Leben teilhaben dürfen. Trotz aller Gemeinsamkeiten bleiben sie Solitäre, des hat nicht den Eindruck, als könnten sie zueinander passen.Selbst in der Nort bleibt der Mensch allein.
Aber in diesem Wettbewerb zählt jedes Wort, jede Nuance und Rahel Weiss und Lutz Gebhardt wissen um die Hürden und bewältigen sie eindrucksvoll. Sie machen auch deutlich, dass hier zwei zusammenfinden wollen, aber doch nicht können. Immer wieder nehmen sie Anlauf und bleiben dann doch an den Konventionen hängen und viel zu sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt. 
Szenenwechsel: In der Wohnung der Tante wird Agnes vom Nachbarn Kastner bedrängt. Bardo Böhlefeld lasst der Aggressivität des enttäuschten Liebhabers sehr kontrollierten Lauf. Stimmlich am oberen Limit, immer um die passenden Worte bemüht, der ganze Körper unter Spannung. Der Zuschauer bekommt es mit der Angst zu tun, er muss fürchten, dass  schon bekommt der Zuschauer Angst, er muss befürchten, dass Kastner der jungen Frau ans Leben. Eindrucksvolle Leistung. Stalker gab es also schon vor 90 Jahren.
Agnes und der Zuhälter Fredy Wondruschka haben ein
professionelles Verhältnis. Foto: I.Winarsch
Diese Szene hat zwei Funktionen. Zum einen erfährt das Publikum, dass Agnes Pollinger keinesfalls die Unschuld vom Lande ist. Schon in der Vergangenheit hatte sie das ein oder andere Verhältnis und Sex als Gefälligkeit. Damit zerbricht die Idylle und der vermeintliche Abstieg beginnt. Sie solle ihr erotisches Potential doch effizient machen, diesen Ratschlag gibt der Herr Kastner seiner Nachbarin. In ihrer Situation müsse sie halte praktische denken. Monetarisierung des Persönlichsten, damit landet das Werk in der Jetzt-Zeit. Und es beginnt Pollingers Werk in die Professionalität. Prostitutiert hat sie sich schon vorher. Kastner vermittelt Agnes Pollinger als Nacktmodell an den Kunstmaler Arthur Maria Lachner.
Larmoyant und selbstgefällig, nicht mehr ganz Herr seiner Gedanken, schleppender Schritt und hängender Kopf, große Gesten und hohle Phrasen. Die Rolle des Künstlerimitators in Schaffenskrise ist der große Auftritt von Lutz Gebhardt an diesem Abend. Und eins bleibt noch hängen: Im Grunde genommen ist auch Lachner nur ein Zuhälter, der das Mädchen ausnimmt und weiterreicht.
Am Ende der Tour landet sie bei Fredy Wondruschka. Die Musik hat auf Mambo gewechselt. Nun ist Leidenschaft im Spiel. Wondruschka ist berechnend und offen zugleich. Nun schaltet Böhlefeld gekonnt auf eiskalt und souverän um. Er macht ihr deutlich, dass sie mit Prostitution viel Geld verdienen kann. Sie begreift, dass dies ein Weg aus den prekären Verhältnissen ist und willig ein. Bürgerliche Moral ist doch in erster Linie verlogen und jeder nur auf seinen Vorteil bedacht, lautet die Botschaft. Wenn du schon keine Chance hast, dann nutze sie wenigstens, lautet die alte Forderung von Achternbusch.
Damit präsentiert Eppinger eine Interpretation, die sich wohltuend auf die Mittel des klassischen Studiotheaters konzentriert, die dem Publikum Zeit zum Atmen und Raum für die eigene Reflexion lässt. Er zeigt eine Fallstudie, die nicht in Moralin ertrinkt und die sich von Heilsarmee-Ethik fernhält. In Zeiten der Neo-Spießer ist dies schon sehr viel wert.

Der Spielplan im DT
Das Stück
Der Regisseur

Selbes Haus, ähnliches Thema, andere Sicht: Doku-Theater Rotlicht