Sonntag, 29. März 2015

Das Deutsche Theater kann auch Musical

Beate Baron inszeniert einen "Black Rider", der Spaß macht

Na klar erhöht es das Vergnügen, wenn man die Musik von Tom Waits mag. Nein, man muss nicht zugedröhnt sein wie einst William S. Burroughs, um an diesem "Black Rider" Gefallen zu finden. Beate Baron und das DT-Team legten bei der Premiere am 28. März eine Inszenierung vor, die einfach nur Spaß macht. Der Rausch kommt aus der gekonnten Clownerie und dem Überschwang der Einfälle und der gelungenen Umsetzung. Das großartige Bühnenbild von Silke Bauer liefert einen großen Beitrag zu diesem Erfolg. Auch die Gesangsqualitäten einiger Ensemble-Mitglieder überzeugen.
Die Grundlage für "The Black Rider" war für Burroughs, Waits und Wilson die Legende vom Freischütz. Die Amerikaner orientierten sich aber mehr an der Urversion aus der Feder von Apel und Schulze als an der geglätteten Opern-Version von Carl Maria von Weber. Deswegen geht das Musical auch tragisch.
So muss wohl wahre Liebe aussehen.
Alle Fotos:  Thomas M. Jauk
Es geht um einen Vater, der auf Tradition besteht und damit das Unheil heraufbeschwört, und es geht um einen Jüngling, der mit dunklen Mächten paktiert und somit das Unheil vollendet. Ort des Geschehen ist ein Forsthaus irgendwo im finsteren Forst, an der Grenz zwischen der Menschenwelt und dem Reich der Sagengestalten.
Der Schreiber Wilhelm liebt die Förstertochter Käthchen und die Förstertochter Käthchen liebt den Schreiber Wilhelm. Doch der Förster will sein Ja-Wort erst geben, wenn der Neuling nach alter Sitte seine Manneskraft mit dem Gewehr bewiesen hat. Für Vater Bertram ist es auch ein Kampf der Kulturen, denn der Städter kann wohl kaum wissen, welche mysteriösen Kräfte im Wald wirken und wie man sich mit ihnen arrangiert.
In seiner Verzweiflung schließt Wilhelm einen Pakt mit dem mysteriösen Hinkefuß. Die ersten Erfolgen machen ihnen übermütigt. Dem Höhenflug folgt die Verzweiflung und als er die magischen Dinge selbst in die Hand nimmt, bringt er die Welten aus dem Gleichgewicht und zerstört nicht nur sein eigenes Glück.
Damit haben die drei Amerikaner mitten ins deutsche Gemüt getroffen. Sie widmen sich einem schwülstigen Thema der Romantik mit den Mittel des Expressionismus, der gleichfalls ur-teutonisch ist. Sprachlich machen sie dort weiter, wo Mark Twain begonnen hatte. Sie amüsieren sich über die deutsche Sprache, diesem Konstrukt aus harten, kehligen Klängen, die zu Wortungetümen und Schachtelsätzen zusammengefügt werden, die dann bedeutungsschwanger daherkommen, die mehr Andeutung als Aussprache und doch nur eine Aneinanderreihung von Plattitüden sind. Die brisante Inhalte verstecken sich treudeutsch hinter dem Nichtgesagten. Für Burroughs waren Sprache und ihre Bedingungen das bestimmende Thema seiner späten Jahre.
Wilhelm trifft auf Urahn Kuno, dem Urheber der
försterlichen Kugelfixierung. Foto: Jauk
Das Ensemble hat Spaß an diesem Verwirrspiel und diese gehörige Portion Ironie in den Schüttelgereimten Texte kann es an das Publikum weiterreichen. Willst, wulst oder warst, egal. alles Wurst. Besonders Ronny Thalmeyer in der Rolle des väterlichen Försters Bertram entpuppt sich an diesem Abend als Meister der schwülstigen Andeutung und der düsteren Ahnung. Es macht einfach Spaß,ihm zuzuhören, wenn er in seinem Solo, das  zu den Höhepunkten zählt, kleinbürgerlich über das Wesen des Städters, die Urgewalt des Waldes und die Mächte, mit denen man sich nicht anlegen sollte, schwadroniert. Wer sich darin nicht selbst erkennt, dem fallen auf Anhieb fünf Mitmenschen an, die ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen.
Wahrscheinlich braucht es den bissigen Blick von außen, bis man sich auch in Selbstironie übt. Auf jeden Fall dekonstruieren Waits, Burroughs und Wilson auf überspitze und überdrehte Weise die deutsche Gedankenwelt und Beate Baron und Dramaturg Matthias Heid fügen sie passend wieder zusammen und geben dem Stück mit dem überraschenden Ende eine neue Wendung. Damit verzichten sie aber ganz auf dem Klebstoff Moralin. 25 Jahre nach der Welturaufführung atmet das Stück immer noch den Geist des Anything Goes aus den 80er Jahren. "Tut, was ihr wollt", so lautet der Ratschlag von Anton von Lucke in der Rolle des Urahn Kuno an Enkelin Käthchen und ihren Geliebten. Zum bösen Schluss ahtn das Publikum, dass sie damit besser gefahren wären. Der Zwang zur Tradition endet nämlich tödlich.
Beim Black Rider wird auch in den Glücksmomenten
viel mit den Gewehren gefuchtelt. Foto: T.M. Jauk
Die einzige Mission, die der Black Rider hat, ist die Vermittlung von Dummsinn mit Hintersinn auf höchsten Niveau. Je länger der Abend dauert, umso mehr sieht Emre Aksizoglu  wie Groucho Marx im Paillettenkleid aus. Dass man dafür auf eine küchenpsychologische Untersuchung über den Zusammenhang von Gewehr und sublimierter Libido verzichten muss, das steigert den Wert der Aufführung eher. Das kann aber jede und jeder für sich selbst nachholen.
Vanessa Czapla gehört  zu den Stützen des DT-Ensembles und an diesem Abend zeigt sie, dass sie durchaus auch singen. Mit dem Naivchen Käthchen hat sie dieses Mal eine ganze neue Rolle. Zu den Höhepunkten gehört ohne Frage das Liebes-Duett mit Moritz Schulze  als Wilhelm im (dieses Wortungetüm muss gestattet sein) verliebten Wohnzimmersesselballett. Einfach ein grandioser Einfall. Romeo und Julia brauchten einen Balkon, Wilhelm und Käthchen rollen stattdessen durch das Gelsenkirchner Barock. Als Wilhelm zum Racheengel wird und Leichen wie im Italo-Western seinen Weg pflastern, da hat Moritz Schulze  seinen stärksten Auftritt.
Auch Gerd Zinck kann in der Rolle des Erzählers Burroughs Akzente. Doch die stärkste Szene ist eine Ensemble-Leistung. Ganz sprachlos, mit viel Mimik und Gestik zeigen neun Akteure das große Final des Probeschusses in einer Zeitlupen-Pantomime-Slapstick-Nummer und jeder versteht es. Das ist großartiges Theater und die Reaktionen reichten an diesem Abend von Schmunzeln bis zum lauten Lachen. Damit Beate Baron der viel zitierte große Wurf gelungen.
Als Wilhelm alle Patronen ver-
schossen hat, ziehen dunkle Wolken
herauf.
Ein großer Wurf ist auch das Bühnenbild von Silke Bauer. Zentrales Element ist eine Rampe auf einer Drehbühne. Die Rampe ist mal Show-Bühne und Laufsteg, mal Haus und sicheres Versteck und dann wieder Wald mit Kuckucksuhren-Ambiente. Ein Zitat aus Metropolis, dem filmischen Monument des deutschen Expressionismus hat sie auch noch passend untergebracht. Vieldeutig ist auch die Behausung von Urahn Kuno. Ist das nun ein Schrank, eine Standuhr oder gar ein Plumps, in dem der Geist des Stammvaters untergebracht ist. Es bleibt jedenfalls viel Raum für eigene Gedankenspielerein
Aber halt, "The Black Rider" firmiert ja unter Musical. Ja, eine gewisse Affinität zum Schaffen  von Tom Waits erhöht den Genuss eindeutig. Der Kalifornier widersetzt sich seit Jahrzehnten erfolgreich dem Schubladendenken der Rock-Polizei. Er hat keine Scheu, sich am Musikschatz der Welt zu bedienen, zu dekonstruieren und rekonstruieren. Polka, Walzer, Vaudeville, Jazz, Swing, Blues, Klezmer und Blasmusik und andere Versatzstück, das sind die Zutaten zu diesem Konzept. Mal ist das Ensemble am Broadway, mal ist es im Stetl und manches Mal klingt es, als hätten Weill und Brecht den Soundtrack zum deutschen Wald geschrieben. Aber alles ist schlüssig und im Anything goes gibt es nur zwei Kriterien. Es muss passen und es muss Spaß machen und das macht es.
The Rolling Bones setzen das Konzept der musikalischen Seelenverwandtschaften bestes um. Die Säge singt, der Bass wummert, die Klarinetten klagen. Mal klingt es nach Jahrmarkt und Panoptikum, mal nach Bierzelt oder Broadway. Die Welt ist voller schöner und schräger Töne und The Rolling Bones scheinen sie alle persönlich zu kennen. Die Zusammenarbeit mit den Personal auf der Bühne klappt bestens. Ist das Zusammenspiel gleichwertiger Partner, niemand drängt sich in den Vordergrund. Und wenn sich Kristina van de Sand mit ihrer Violine unter das spielende Volk mischt oder Brautjungfer Nancy Pönitz mit dem Akkordeon unter der Decken hängt, dann werden auch die Grenzen zwischen Orchester und Schauspieler aufgehoben. "Tut was ihr wollt" ist nicht nur Vermächtnis, sondern auch Konzept und es tut gut, dem DT-Ensemble bei der Umsetzung zuzuschauen und zuzuhören.
Diese Inszenierung macht einfach Spaß, bezaubert und überrascht und wenn dabei noch jemand ein wenig über Rollenbilder und dramatische Traditionen nachdenkt, dann ist auch dem pädagogischen Ansprüchen Genüge getan. Die Empfehlung ist ganz eindeutig. Diese Inszenierung sollte man nicht vielleicht mal demnächst und unter Berücksichtigung gesehen haben. "The Black Rider" am Dt, den muss man gesehen haben und eben auch gehört haben.


Der Spielplan am DT
Das Stück

Tom Waits bei wikipedia und auf der offiziellen Website
Mehr zu William S.Burroughs
Robert Wilson bei wikipedia
Das Musical