Dienstag, 2. Februar 2016

Romeo und Julia für Youtuber

Theater für Niedersachsen zeigt einen Tod, der zum Heulen schön ist

Zu Shakespeares Tragödie “Romeo und Julia” ist schon fast alles gesagt und geschrieben worden. Dennoch blätter  Gero Vierhuff mit seiner Inszenierung am Theater für Niedersachen neue Aspekte in der berühmtesten Liebesgeschichte der Welt. Die Premiere war am 16. Januar in Hildesheim.

Das öffentliche Leben in Verona wird vom Konflikt zwischen den Familien Capulet und Montague bestimmt. Die Streitigkeiten werden gern auch mal mit dem Degen ausgetragen. Doch dann wird die Lag kompliziert, denn Romeo Montague verliebt sich in Julia Capulet und Julia verliebt sich in Romeo.

Julia liebt Romeo und Romeo liebt Julia.
Alle Fotos: Quast/TfN
Für den Franziskanermönch Lorenzo ist dies Gelegenheit, den Streit der Familien zu beenden. Also vermählt er die beiden heimlich. Doch der Plan geht gehörig daneben. Romeo tötet Julias Cousin Tybalt. Der Montague wird nach Mantua verbannt. Nun fasst Lorenzo einen neuen Plan. Doch der geht erst recht daneben. Zum Schluss bleiben Romeo und Julia nur der Freitod.

Dass man den Geniestreich von Shakespeare nicht mehr erzählen kann oder erzählen muss wie zur Uraufführung 1597, dass weiß das Publikum spätestens seit Bernsteins “West Side Story”. Aber statt einer gewaltsamen Versetzung in die Gegenwart wagen Regisseur Gero Vierhuff und Dramaturgin Cornelia Pook einen Spagat aus Originaltext und Jetzt-Zeit.

Aber ihre Inszenierung ist ein Wagnis, auf das einzulassen sich lohnt. Denn neben der Liebesgeschichte stehen bei ihnen Fragen nach der Identität, nach dem Verhältnis zwischen Einzelnen und Gruppe und nach Schuld und Sühne. Das Bühnenbild von Hannes Neumaier ist auf vier Elemente reduziert. Es gibt drei Rampen auf Rollen, die auf der Piazza eine Arene bilden können oder im Verlaufe der Aufführung als Balkon, als Bett oder als Totenbahre dienen. Den Abschluss zur Hinterbühne bildet eine weiße Stoffbahn, die in unterschiedlichen Farben beleuchtet wird.

Der Verzicht auf schmückende Element macht deutlich, dass “Romeo und Julia” kein Mantel-und-Degen-Schülertheater ist. Es geht hier um grundlegende, um zeitlose Themen wie Liebe und Hass, Schuld und Tod. Deswegen ist auch die Kostümierung ganz im 21. Jahrhundert angesiedelt. Auch die Reduzierung der Akteure von 24 auf 8 Handlungsträger trägt zur Konzentration bei.

Jungadelige im Modus dauerpubertierend.
Foto: Quast
Sprachlich ist die Inszenierung zweigeteilt. Treffen Romeo und Julia zusammen, dann verbleiben sie im Shakespeareschen Original. Ihre Liebe scheint so rein, dass sie von keinem Gegenwartstrend getrübt werden darf. Überhaupt sind die Duette von Marek Egert und Julia Gebhardt in den Titelrollen die Höhepunkte der Premiere. Aufkeimen des Liebesglück und endgültige Verzweiflung wirken so echt, dass man mitheulen möchte.

Die sprachliche Gegenwart erreicht die Inszenierung immer dann, wenn Romeo sich mit Mercutio oder mit Benvolio im Modus der dauerpubertierenden Jungadligen treffen. Dann fällt auch schon mal der ein oder andere Kraftausdruck. Dann dröhnen auch schon mal Techno-Beats durch das Theater. Aber auch Tom Waits und ein Country-Song stehen auf der Playlist. Doch die Musik wirkt nicht erzwungen, die Songs sind eingepasst in ein schlüssiges Konzept.

Die Bestimmung des eigenen Ichs durch die Verortung in der Gruppe und die soziale Herkunft sind die anderen Themen. Die Verbannung kommt für Romeo dem Tode gleich, denn er ist seiner gesellschaftlichen Basis beraubt. Durch den Druck der Gruppe fühlt sich Mercutio zu Taten beflügelt, die die Liebesgeschichte letztendlich zum tödlichen Ende führt.

Dabei trägt Moritz Nikolaus Koch leider zwei Spuren zu dick auf. Sein Mercutio wirkt wie die Reinkarnation eines Punk auf Droge. Einzig seine Sterbeszene und sein fünffacher Fluch auf die Familien Montague und Capulet bleibt in Erinnerung. Er dreht den Lauf der Dinge endgültig Richtung Abgrund. An dieser Stelle wird aus der Liebesgeschichte eine Tragödie.

Als Romeo Thybalt tötet ist Schluss mit Lustig.
Foto: Quast
Hier vollzieht die Aufführung einen logischen Wechsel. Aus schnell, laut und schrill wird leise und eindringlich. Die grell erleuchtete Bühne taucht fast in Schwarz ab. Nur noch einige Spots setzten Akzente. Eindrucksvoll tauchten die Akteure aus dem Dunkel der Hinterbühne auf und verschwinden dort auch wieder.

Die Gegenwartssprache verschwindet fast gänzlich, es werden nun zeitlose Fragen wie Liebe und Gehorsam den Eltern gegenüber verhandelt. Schon Julias Monolog nach der Pause erzeugt Gänsehaut. Überhaupt ist der zweite Teil der Aufführung reich an starken Momenten, die in Erinnerung bleiben. Dazu gehört eindeutig die Fassungslosigkeit des Romeos angesichts des vermeintlichen Tods seiner Geliebten.

Die Musik hat auf sphärische Klänge umgeschaltet und das Mehr an Reduktion legt die Tiefe des Konflikts zwischen Julia und ihren Eltern offen. Die Brutalität von André Vetters als Capulet und die Hilflosigkeit von Michaela Allendorf als Mutter schockieren. Das tragische Ende ist unabwendbar und selten wurde beim TfN so eindringlich gestorben.

Zum Schluss darf Dennis Habermehl den letzten Akzent setzen. Sein Monolog über die tödlichen Folgen des Hasses lässt den Klassiker aus dem 16. Jahrhundert im Januar 2016 landen. Mit der Mischung aus Shakespeares Original und den Versatzstücken der Pop-Kultur ist  Gero Vierhuff eine Glanzleistung gelungen, die den Ruf des TfN als experimentierfreudig und experimentierfähig bestätigt. Diese Tragödie vereint sowohl die Generation der Youtuber als auch die der Rollkragenpullover-Träger.




Der Spielplan am Theater für Niedersachsen
Das Stück am Tfn
Romeo und Julia bei wikipedia

Das sagen die Kollegen
Romeo und Julia am DT Göttingen