Sonntag, 19. Februar 2017

The most sexy Blasinstrument

Wildes Holz bei den Jazzfreunden Osterode

Warum eigentlich haben sich Generationen von pubertierenden Jungs mit der Gitarre abgemüht? Haben sich die zarten Finger an rauen Saiten ruiniert? Alles nur, um die Mädels zu beeindrucken. Hätten sie geahnt, dass man das auch mit der Blockflöte machen kann, wären ihnen einige erspart geblieben. Aber die züchtigen Musiklehrer haben es verschwiegen. Ob aus Unkenntnis oder mit Absicht, das sei dahingestellt.

Aber Gott sei Dank gibt es ja Tobias Reisige und Wildes Holz. Das Trio war am Freitag zu Gast bei den Jazzfreunden Osterode und es hat nicht nur den kleinen Mädels imponiert. Am Ende des zweistündigen Konzerts tobte der ganze Saal, trotz des fortgeschrittenen Alters des Publikums.

Tobias Reisige hat noch ganz andere
Blockflöten im Arsenal. Fotos: tok 
Seit 1998 ist das Trio unterwegs und es hat eine Mission. Handgemacht Musik ist mehr als bedächtiges Sinnieren über die Schlechtigkeit der Welt. Auch unplugged kann richtig abgehen.

Ach ja, die Entstehungsgeschichte basiert auf jenen Zufällen, die die Musik manchmal  deutlich voranbringt. Auf jeden Fall hatten Tobias Reisige, Anto Karaula und Markus Conrads schon Erfahrungen in anderen Bands als sie 1998 in der Musikschule Recklinghausen aufeinander trafen. Seitdem ist die Musikwelt nicht mehr dieselbe.

Was machen sie eigentlich? Ist es Jazz? Ist es Akustik-Pop? Ist es Rock? Oder was ganz anderes? Doch, man muss schon die überstrapazierte Formulierung vom "Überwinden der Genregrenzen" bemühen, um annähernd zu beschreiben, was Wildes Holz. Wer es genauer wissen will, der muss die Band eben mal live erleben.

Mal swingt es, mal rockt es, mal bossa novat es und dann schimmern Klassik und Barock hindurch. Conrads, Karuala und Reisige bedienen sich sehr frech im Fundus der Musikgeschichte  und kreieren ihren sehr eigenen und gelegentlich eigenartigen Stil. Aber es funktioniert und es fasziniert.

Zumindest war das Publikum in der BBS 2 vom ersten Augenblick an in den Bann gezogen, obwohl die drei Musiker doch mit großen Vorschusslorbeeren angereist war. Das erste Set war noch so etwas wie ein Abtasten. Auch wenn das Tempo recht war, ging ruhiger zu als erwartet.

Karaula und Conrads sind weit aus mehr
als nur Begleitpersonal. 
Conrads, Karaule und Reisige machten das Auditorium erst einmal mit der Konzept bekannt. Wildes Holz liefern keine Interpretationen von Standards in eigenartigen Arrangements ab. Aus den Versatzstücke der Musikgeschichte schaffen sie eigenes. Doch, doch Johann Sebastian Bach und Michael Jacksons Billy Jean passen zusammen in ein musikalisches Bett, neben einigen anderen Lichtgestalten natürlich. Auch Mozart passt noch unter diese Decke.

Jon Lord, Roger Glover, Ian Paice und Ritchie Blackmore finden da auch noch ihr Plätzchen. Allen pubertierenden Gitarreros sei  gesagt, das "Smoke on the Water" in der Holz-Version verdammt cool klingt klingt.

Natürlich steht die Befreiung der Blockflöte in ihren unterschiedlichen Spielarten im Vordergrund. Doch Anto Karaula an der Gitarre und Markus Conrads am Kontrabass sind nicht das Begleitpersonal sondern kongeniale Partner,

Ein Konzert mit Wildes Holz ist ach ein wenig Work in progress. Es ist jedes Mal etwas anders als beim vorhergehenden und damit einzigartig. Tobias Reisige führt sein Arsenal an Blockflöten vor, spielt jeweils ein paar Noten und dank Loop-Technik wird das vorherige zur Begleitung des aktuellen. So entsteht Schritt für Schritt, Note für Note ein ganzes Flötenensemble und am Ende erklingt Coldplays "Vida la vida" für Holzbläser. Großartig.

Überhaupt, wer meint, eine Flöte kann nur wie eben eine Flöte klingen, der kennt Tobias Reisige nicht. Mal macht er aus seinem Instrument Klanghölzer, mal klingen seine Flöten wie eine Snare Drum und ein Hi Hat. Die Blockflöte als Perkussionsgruppe? Doch, es geht.

"Born to be wild" für Solo-Kontrabass.
Wildes Holz beherrschen auch das Spiel mit dem Publikum. Willfährig gespielt lässt es sich an diesem Abend auf alles ein, was die Drei auf der Bühne da vorne fordern. Zuvor haben sie mit Eddy Grants Superhit "Gimme me hopa Joanna" die letzten Schranken fallen lassen. Wie bitte? Eddy Grant,  Township Jive und Blockflöte? Doch, das passt und das geht richtig ab und zwar so sehr, dass zum Schluss Flöte und Auditorium schnaufen wie eine alte Dampflok.

Danach können die Drei machen, was sie wollen, das Publikum jubelt sowieso. Gemeinsam feiert man ein Fest der Musik und mit der Holz-Version von Black Sabbaths "Paranoid" legen sie noch einmal 'ne Schippe drauf.  Alles endet in einem furiosen Finale mit "Born to be wild" für Kontrabass. Trotz des fortgeschrittenen Alters tobt das Publikum.

Wildes Holz hat sein Mission. An diesem Abend wurde die Blockflöte vom Image des schäbigen Kinderspielzeugs befreit. Das sollten sich Musiklehrer mal zu Herzen nehmen und alle Jungs, die den Mädels Gitarre spielend imponieren wollen.





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