Donnerstag, 16. Mai 2013

TfN: Shakespeare im Marx-Brothers-Modus gespielt




Wie ein Klassiker auf Speed

Das Theater für Niedersachsen destiliert aus Shakespeare die wesentliche Dinge heraus

Von den Marx Brothers ist nicht überliefert, ob sie sich jemals mit Shakespeare beschäftigt haben. Wenn sie es doch getan haben, dann hat es bestimmt genau so ausgesehen wie “Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt” in der Inszenierung des Theater für Niedersachsen (TfN). Die Premiere auf dem Hildesheimer Marktplatz zeigt eine atemlose Nummernrevue, schräg, schrill, schnell, manchmal am Rand der Geschmacklosigkeit, manchmal lehrreich, aber immer mit einen hohen Spaßfaktor für Publikum und Darsteller. Aber das darf es auch sein, denn Shakespeare war nun einmal so, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann.
Dieter Wahlbuhl ist old school und kann
zwischen den Zeilen lesen. Fotos: Kügler
Der Anspruch lautet 38 Stücke, 154 Sonette, 1834 Rollen und 120 Stunden Aufführungszeit in ein Furiosum für drei Schauspieler und 70 Minuten Dauer zu komprimieren. Die Idee stammt von Daniel Singer, Adam Long und JHess Borgeson. Als “Reduced Shakespeare Company” hatten die Amerikaner 1987 das Ergebnis ihre jahrelangen Straßentheaterarbeit beim Edinburgh Festival Fringe vorgestellt und waren mit Lob überschüttet worden.
Das TfN  hat  das Stück aktualisiert und so fließt die deutsch-deutsche Vergangenheitsproblematik und die biologische Uhr empfangsbereiter Frauen ebenso ein wie der Migrationshintergrund des maximal pigmentierten Othellos. Denn 37 Werke können Moritz Nikolaus Koch, Dieter Wahlbuhl und Dennis Habermehl bringen, nur eben jenen Mohr von Venedig nicht, aus Gründen der political correctness. Aber die Julia, die darf an Amy Winehouse erinnern.
Romeo (Moritz Nikolaus Koch) ist schon tot, Julia (Dennis Habermehl, rechts) auch bald.
Damit ist “Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt” eben ein ein kompletter Rundumschlag, Schenkelklopfer, Augenzwinkern und Lehrstück in einem. Merke: alle Komödien das Altmeistern lassen sich auf ein Prinzip zurückführen und somit könnten alle 16  Lustspiele in einem Fünf-Akter zusammengefasst werden. Es funktioniert.
Gleiches gilt für die Königsdramen. Egal ob Heinrich, Richard, Lear, Johann oder Macbeth, alle sind sie nur Auswechselspieler in einem hochdramatischen Fußballspiel. Hier wird nicht mit feiner Klinge gefochten und gestorben, sondern eher mit der Keule und Inszenierung verlangt von den Schauspieler mehr Kondition als Darstellungskunst. Das auch nicht der Anspruch, denn hier geht es vor allem um Unterhaltung und Klamauk darf dabei nicht fehlen und Satire übrigens auch nicht. Vorkenntnisse behindern den Genuss dabei nicht. An diesem Abend darf jeder, das aus dem Menschheitserbe des Dichters das herauslesen, was er will
Das alles steckt beim Übervater des englischen Dramas drin. Diese Inszenierung destilliert es heraus, auch wenn der selbstgebrannte Theaterschnaps an manchen Stellen zu scharf schmeckt. Die Biografie des größten Dramatikers aller Zeiten mit der des vermeintlich Größten Führers aller Zeiten zu vermengen, dass ist dann doch schon sehr starker Tobak. Nicht alle im Publikum können aus verständlichen Gründen darüber lachen..
Fast alle bekommen sie ihr Fett weg: Peer Steinbrück, der institutionalisierte Kulturbetrieb und die Theater-Schickeria, die Shakespeares Symbolismus bisher strukturell als kontrastierenden Kontext zur prä-nietzschen Mythenbildung gesehen. Das ist einfach falsch. Es geht darum Spaß zu haben und den haben Shakespeare-Laien hier ebenso wie Shakespeare-Fans. Denn das Publikum ist fester Bestandteil der Aufführung, muss schon mal als Ich, Es und Über-Ich agieren, wenn Dennis Habermehl Subtext für die Rolle der schreienden Ophelia braucht.
Shakespeare wurde schon an den seltsamsten Orten gespielt, auf dem Mond, im Streichelzoo und nun eben auf dem Marktplatz von Hildesheim. Der ist an diesem Abend rappelvoll und damit funktioniert das Projekt des TfN. Mit dem Versuch, dieses Stück im mobilen Theater auf den Marktplätzen Niedersachsen aufzuführen, beschreitet das TfN kein Neuland. Solche Aufführungen waren im 16. und 17. Jahrhundert Gang und Gebe. In Anlehnung an eine Fußball-Hymne könnte die drei Löwen auf der Bühne und ihr dankbares Publikum “It's coming home, it's coming home, it's coming, theatre's coming home” singen. Nach 75 Minuten Schreien, Sterben, Schwören, Singen, Abhacken, Rächen, Grübeln, Ertrinken, Erdolchen und Vergiften ist der Rest Applaus.


Die nächsten Aufführungen

19. September       Golsar, Marktplatz


Der Eintritt ist frei, nach alter Tradition geht ein Hut rum.

Das Stück

Anlässlich der Premiere in Hildesheim hatte der Fragensteller ein Interview mit dem Intendanten zu dieser Inszenierung geführt. 

Das Stück beim Extempore Sommertheater 2015 in Nordhausen