Dienstag, 22. September 2015

Vom Rheinischen Buddhismus lernen

Purple Schulz begeistert mit Konzert im Bürgerhaus Nordhausen

Wenn das Publikum schon beim ersten Song mitklatscht, dann muss entweder das Publikum  dem Interpreten treu ergeben sein oder der Mann vorne auf der Bühne verfügt über besondere Gaben. Mischformen sind aber auch zulässig. So geschehen beim Konzert von Purple Schulz im Bürgerhaus Nordhausen.

Westdeutscher geht es ja eigentlich nicht, Purple Schulz ist ein bekennender Kölner, Doch während er im Westen eher eine Nischenexistenz führt, genießt Purple Schulz im Osten Kultstatus. Das kann nicht allein am dem legendären Konzert im Palast der Republik im Sommer 1989 liegen. Vielleicht liegt es daran, dass im Osten die Tradition des genauen Zuhörens erhalten bliebt. Denn genauen Zuhören, das lohnt sich bei Purple Schulz allemal.

Doch, er ist ein Poet, Das beweist er gleich mit dem Opener "Ich habe Feuer gemacht". Mit bunten Bildern und Allegorien singt er von den Schwierigkeiten des Lebens und wie man ihnen man besten begegnet. Sofort hat er das Publikum auf seiner Seite. Doch. Purple Schulz ist ein Poet, aber eben keiner mit Nickelbrille und mit Gitarre und Lagerfeuer-Romantik, sondern einer mit einer riesigen Portion Glückshormone, die er gern mit seinem Publikum teilt.

Das ist nicht Woddy Allan, das ist Purple Schulz.
Alle Fotos: tok
Es ist ein treues Publikum, mit dem Purple Schulz spielen darf. Sein letzter Auftritt in Nordhausen liegt elf Jahre zurück, aber es scheint, als wäre er nur mal kurz weggewesen. Der Sänger und sein Auditorium, man kennt sich und man scherzt miteinander und auch übereinander und vor allem über die Tatsache, das man eben doch älter geworden ist.

Dennoch versprüht Purple Schulz immer noch den Charme eines frechen Jungen. Wo andere um ewige Jugend kämpfen, ist er de kölsche Jung durch und durch. Seine Themen sind eigentlich Liedermacher-tauglich und er geht auch sperrige Themen wie Demenz, physische Störungen oder religiösen Fanatismus an. In "Fragezeichen" erzählt er vom allmählichen Verschwinden seines Vaters in einer eigenen Welt. Doch wo andere sich in Larmoyanz wälzen oder in Moralin absaufen und den Zeigefinger erheben, da erzählt Purple Schulz einfach nur kleine Geschichten, die jeder nachvollziehen kann.

"Wir haben alle was zu erzählen" ist nicht nur ein Lied sondern auch sein Programm. Es zeugt davon, dass Purple Schulz die Menschen seiner Umwelt auch ernst nimmt. Auf der Bühne des Bürgerhaus stand an diesem Abend kein Star, sondern der Kumpel, der die Sorgen und die Träume des Publikums kennt.

Dennoch erklärt Purple Schulz sein Lebenskonzept, den rheinischen Buddhismus. Der ist geprägt von den zwei Weisheiten "Et kütt wi et kütt" (Es kommt wie es eben kommt), " Et hät noch emmer jot jejange" (Es ist bisher immer noch gut ausgegangen) und der Gewissheit, dass nichts so schlecht ist, dass es nicht für irgendetwas von Nutzen ist. Das ist eine Grundlage, auf der man nicht nur einen Abend gestalten kann. Das kann auch mitnehmen und sich an grauen Abend daran erinnern.

Ach, es gibt noch eine Weisheit: "Jede Jeck es anders" (Jeder Mensch ist anders). So verstechkt de kölsche Jung ein Plädoyer für Toleranz zwischen poppige Rhythmen. Grundlagen des rheinischen Buddhismus sind der gesunde Menschenverstand, Gelassenheit und Empathie. Aber man muss bei Purple Schulz eben ganz genau hinhören und das kann nicht jeder in Zeiten  von Moralaposteln, Schreihälsen und Angstmachern jeder Coleur.

Ooohhmmm. So kann man entspannt über den
rheinischen Buddhismus philosophieren. 
Weil Purple Schulz eben kein Rollkragenpulloverträger ist, ist seine Musik  eben keine Liedermachermusik. Ganz im Gegenteil, da treffen Rock und Pop auf karibische Klänge. Da funkt es wie in den 80er Jahren. Hat der kölsche Jung schwarze Verwandtschaft in den USA. Es gibt jeder Menge Rhythmus und der Mitklatsch-Faktor steigert sich im Laufe des Abends. Neben den klanggewaltigen Klavier im Stile des frühen Elton John stehen aber auch die leisen Töne des Geigensolo von Markus Wienstroer. Mit dem schwedischen Gitarristen hat Purple Schulz nach langen Jahren einen kongenialen Partner gefunden. Winstroer legt das Klangbett, auf dem sich der kölsch Jung austobt, und darf dann auch mal mit einem Solo glänzen.

Es gibt nichts zu beschönigen oder zu bekritteln. Je länger der Abend dauert, desto mehr steigert sich die Lebensfreude. Bei "Kleine Seen" singen und träumen alle mit und bei "Verliebte Jungs", dem vielleicht schönsten deutschen Liebeslied, bebt der Saal. Aber vielleicht liegt dort der Hase im Pfeffer. Seine größten kommerziellen Erfolge feierte Purple Schulz in der abebbenden Neuen Deutschen Welle. Aus dieser Schublade ist er im Westen nie wieder herausgekommen.

Dieses eine Lied darf natürlich nicht fehlen. Wenn Percy Sledge und "When a man loves a woman" der Urschrei der Pop-Geschichte ist, dann ist "Sehnsucht" der Urschrei des persönlichen Traumas. In den 80er Jahren war der Song vollgestopft mit synthetischen Klängen. Heute besteht er nur aus Stimme, Gitarre und Mundharmonika. Damit ist der Song nackt und auf sein Wesen reduziert. Deswegen wirkt er besser als vor 30 Jahren und mit dieser Selbsttherapie kann man sich voller Zuversicht auf die anderen Dingen im Leben konzentrieren. Das ist wohl die Botschaft dieses Abends.



Die offizielle Website
Purple Schulz bei wikipedia

Das OKN-Interview im Bild
Das OKN-Interview  im Stream und im Original