Samstag, 23. April 2016

Auch Hamster brauchen mal Trost

Theater der Nacht lüftet Händels musikalisches Geheimnis

Simply great, semplicemente fantastico, eifach huere guet. Mit "Händels Hamster" zeigt das Theater der Nacht mal einen ganzen anderen, einen erfrischenden Zugang zu Händels Schaffen und es gibt eine begeisternde Antwort, auf die Frage "Wie konnte der Meister die Krise des Jahres 1738 überwinden?"Geschichte, Tempo, Darsteller, Ausstattung, Musik und Rhythmus, bei dieser Antwort stimmt alles.

"Händels Hamster" ist sicherlich nicht das erste Mal, dass das Leben des Komponisten Vorlage für ein Figurentheater ist. Aber es ist bestimmt das beste als Figurentheater zu diesem Thema. Wortwitz und überraschende Wendungen, überzeugende Charaktere und eine schlüssige Handlung. Bei der Premiere am Freitag gab es viel Applaus, noch mehr Lacher und nichts zu bemängeln. Dem Meister selbst hätte es bestimmt gefallen.

Giovanni (rechts)muss Händel (2. v.l.) mal wieder
erklären, wie man komponiert. Alle Fotos: da Silva
Die Verschwörungstheoretiker der Musikgeschichte behaupten, dass Händels Werk einzig auf den Noten beruht, die er in Hamburg bei seinem Mentor Reinhard Keiser mitgehen ließ. Das ist natürlich völliger Mumpitz. Händel verdankt seinem Erfolg dem singenden und komponierenden Hamster Giovanni, den der Hallenser einst auf seiner Italienreise gekauft hatte. Seitdem haust der Nager in London und greift dem Meister beim Komponieren an den entscheidenden Stellen unter die Tasten.

Das ist der Ausgangspunkt im Libretto von Neville Tranter. Von diesen Punkt aus spinnt er einen bunten Faden zu einer der wichtigsten Phasen in Händels Birografie. Dabei lässt er Figuren auftreten, die entscheidende Rolle im Leben des Komponisten hatten. So tritt der Starkastrat Senesino auf ebenso wie der Theaterdirektor Johann Jacob Heidegger. Der erste exaltiert wie es das Klischee einer italienischen Primadonna zuschreibt, der andere grantelig und geldfixiert, wie es nur ein Schweizer sein kann. Und eien Groupie gibt es auch und die heißt Mary. Dabei wirkt der Deutsch-Italienisch-Englisch-Schwyzerdütsch-Sprachmix belebend und ist Grundlage mancher Witze.  I

"Händels Hamster" ist ein Werk aus der Kategorie "Wer Ahnung hat, hat mehr davon".  Für Menschen, die nicht vom Fach sind, ist es bunter Spaß mit vielen schrägen Ideen. Menschen, die die Rahmenbedingungen kennen, haben noch mehr Spaß und noch mehr Lacher auf ihrer Seite. Aber auf alle Fälle ist das Stück ein unverkrampfter Zugang zu einer Zeitenwende in der europäischen Musikgeschichte. Schließlich geht es um nicht weniger als das Ende der italienischen Oper im London, den Aufstieg des volkstümlichen Musiktheaters und Händels Hinwendung zu den Oratorien. Ohne Giovanni hätte er diesen Wege nicht gefunden.

Schräg und rasant, wie das Stück ist, bleibt Neville Tranter aber immer auf der richtigen Seite an der gefährlichen Grenze zum Klamauk. Ein bißchen Tiefe und Lebensweisheit gibt es auch, wenn der Hamster eben einsehen, muss dass er ein Hamster ist und bleiben wird und eben keine Primaballerina.

Händel hat eine Überraschung für den Hamster.
Foto: da Silva
"Händels Hamster" verzaubert  vor allem durch die überragende Leistungen von Ruth und Heiko Brockhausen auf der Bühne. Traurigkeit und hängende Schulter oder Jubel und glänzende Augen, es ist alles drin und alles wird mitfühlend geboten. Ja, richtig gelesen, hier funkeln sogar die Glasaugen der Puppen. Fast schon möchte man Giovanni in den Arm nehmen und trösten, so traurig schaut er, als Händel vom Hamsterdreck spricht.

Wenn Puppen agieren wie echte Menschen, dann ist das Figurentheater auf dem höchsten Niveau. Ruth und Heiko Brockhausen müssen immerhin fünf Rollen sprechen, doch die Stimmen passen immer, setzen die Stimmung fest und tragen an vielen Stellen die Handlung voran.

Schon der Einstieg verzaubert. Mit drei Minuten Pantomime führen Ruth und Heiko sich als die Bediensteten des Meisters ein. Überhaupt werden sie als Mr. Smith und die unbekannte Gouvernante stumm bleiben. Das Personal hat weniger zu sagen als der Hamster und möchte sich doch wenigstens mal exotisches Obst sichern.

Danach kommt gleich die nächste von unendlich vielen grandiosen Szenen. Mit einem Kaffeeservice erzählen Ruth und Heiko Brockhausen die erste Begegnung von Hamster und Händel. Die Kanne wird zum Komponisten und die Zuckerdose muss als Tierhändler herhalten, einfach großartig, simply great, semplicemente fantastico, eifach huere guet. Geradezu magisch.

Zum guten Schluss wird der König der Komponisten
gekrönt-      Foto: da Silva
Man kann nicht mitzählen, wie viele dieser fantastischen und bezaubernden Szenen nun folgen. Auf jeden Fall gibt es zum Schluss die verdiente Krönung des Hamster. Bis dahin gibt es jede Menge an Historie bunt verpackt und auch ein wenig Musik von Deep Purple und den Beatles.

Das Bühnenbild ist auf wenige Requisiten wie ein Obstkorb, ein Cembalo und das Bild des Königs reduziert. Und doch schwelgt die Bühne in barocker Opulenz. Eigentlich ein Widerspruch, aber die geschickte Lichtsetzung hebt dieses Paradoxon auf.

Aber natürlich sind die Puppen die Stars der Inszenierung. Ein runder und zufriedener Händel, ein diabolisch funkelnder Heidegger, eine Mary mit Klipperaugen wie Betty Boop und ein Senesino mit der längsten Nase seit Pinocchio, das ist Form gewordene Satire und könnte fast schon allein für sich stehen.

MIt "Händels Hamster" sind dem Theater der Nacht und den Händel-Festspielen ein erfrischender und großer Wurf gelungen. So einfach ist das. Es bleibt zu hoffen, dass das Stück seinen Weg auf den regulären Spielplan des Theaters findet. Auf jeden Fall gastiert das Werk im Juni im Händel-Haus. Halle kann sich schon einmal freuen.


Die Internationalen Händel-Festspiele
Das Stück

Das Theater der Nacht

Händels Hamster in Halle