Dienstag, 30. April 2013

Ich will jemanden unter die Haut gehen und ich will, dass mir jemand unter die Haut geht



Das Theater Rudolstadt zeigt in Nordhausen die “Jugend ohne Gott” als Kinder ohne Eltern



Ödön von Horváth “Jugend ohne Gott” zeigt, was passiert, wenn die Menschlichkeit aufgekündigt wird. Das Werk wurde als treffende Beschreibung des Werteverfalls im faschistischen Europa gefeiert. Das Theater Rudolstadt hat die Bühnenadaption von Andre Rößler zu einer Beschreibung des Werteverfalls im Du-bist-mir-doch-egal-Europa gemacht und daneben Brechts Weisheit, dass Theater die Beschäftigung mit den Themen der Zeit sei, neues Leben eingehaucht. Doch neben allen Prinzipien sind erst vor allem starke schauspielerische Leistungen und ein geschlossenes Konzept, die diese Inszenierung tragen.


Es ist ein Mord geschehen, Schüler N wurde erschlagen. Der Lehrer und Fernsehpfarrer Biene wollen den Fall aus der Retrospektive erklären und ihre Rahmen ist eine Talkshow. Mit allen Weihwassern der televisionären Seelsorge gewaschen, nehmen wir Matthias Winde diesen Talkmaster der windelweichen Varianten von der esten Minute an ab. Souverän erfüllt er diese Rolle und souverän spielt er mit dem Publikum. Johannes Arpe als Lehrer wirkt da wesentlich kantiger aber auch abgeklärter. Burkhard Wolf gibt den Wutbürger, der vor laufender Kamera ein Streit vom Zaun bricht. Pfarrer, Lehrer und Wutbürger werfen sich Plattitüden an den Kopf und das Publikum blickt nicht ganz durch. Es geht auch nicht um Inhalte, sonder um die Talkshow-gerechte Präsentation von Ratlosigkeit, die in Zorn umschlägt. Das bleibt nicht der einzige starke Auftritt von Wolf.





Der Lehrer (rechts) findet keine Bindung
zu seinen Schülern. Fotos: Peter Scholz
Als Nummernrevue werden die Stationen aufgezählt, die zum ungeheuerlichen führten. Auch dem Horváthschen Weltkriegsveteran ist ein PR-Fachmann und Afghanistankämpfer geworden, der als Mann der Praxis gern in den Lehrbetrieb aufgenommen wird. Ute Schmidt spielt die resolute Direktorin, Martin Andreas Greif spielt das resignierte Alter Ego des Lehrers bis zur bitteren Neige konsequent. Ohne Halt im eigenen Wertekatalog wird er es bei den Schülern schwerhaben, weil er keine Orienierung geben kann.  So ist es konsequent, dass dieser Lehrer den Hilferuf des Schüler N nicht versteht und so ist es konsequent, dass die Verletzung der Grenze zwischen Lehrer und Schüler, der Blick ins das Tagebuch von Schüler E, aus dem Drama eine Tragödie macht. Wer sich selbst nicht achtet, der kann auch den Anderen nicht achten. Aber ist er Agitator oder ist er nur Katalysator?


Der diagnostizierte  Werteverfall ist auch ein Verfall des Bildungssystems. Hier wird die “Jugend ohne Gott” zur Abrechnung mit Thüringens Bildungsmisere, die sich in ähnlicher Form auch in den anderen Bundesländern wiederfinden. Ist es der Putz, der von den Wänden rieselt oder der Kalk aus den Köpfen einer überalterten und überforderten Lehrerschaft. Der Lehrer zitiert Volker Pisper: “Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt, Deutschland wird an der Hauptschule verteidigt.” Wie bereits gesagt, Theater ist die Beschäftigung mit den Themen der Zeit.


Das Bühnenbild ist auf das Wesentliche reduziert, löst somit das kommende Geschehen von einem konkreten Ort und hebt die Bindung an einen historischen Rahmen auf. Die Halfpipe im Hintergrund erzeugt das Bild einer schiefen Bahn. Es erlaubt aber auch die klaustrophobischen Elemente, wenn das Bühnenbild kein Entrinnen zulässt, wenn der Gerichtssaal zum Pranger , zum Marterpfahl wird.


Die Kostümwelt ist dreigeteilt. Die Erwachsenen sind in Overalls gekleidet, deren Grün an die Uniform der Volkspolizei erinnert, die Schüler sind uniform in schwarz-weiß der internationalen Jugend-Mode aus Kapuzen-Shirt und Jogginghose gekleidet. Nur Julius Cäsar, Eva und der zweite Polizist stechen durch ihre Farbigkeit hervor.


Julius Cäsar ist ein tuntiger Jesus mit Pferdeschwanz.
Julius Cäsar ist die zweite Glanzrolle von Burkhard Wolf an diesem Abend. Aus dem mystischen Ratgeber der Vorlage wird ein schräger Freak, ein tuntiger Jesus mit Bowling-Tasche und Pferdeschwanz, der Altersweisheiten von sich gibt, aber keine Hilfe sein kann.


Im Laufe der Vorstellung schmiegt sich die Inszenierung immer stärker an die Vorlage, ohne jedoch kongruent zu werden. Als die Klasse ins Zeltlager fährt, ist die Katastrophe vorgezeichnet. Aus dem gewohnten Umfeld gerissen und der Natur ausgeliefert, werden die Schüler auf sich selbst zurückgeworfen, erkennen ihre Verletzlichkeit und erzählen ihre Biografien. Es sind Biografien, die von Einsamkeit geprägt sind und vonabwesenden Eltern. Erst in der Begegnung mit dem Straßenmädchen Eva erkennt Schüler E seine Seele und den Verlust durch den Selbstmord seiner Schwester. Da ist Schüler N,stark und trotzig, der sich doch nur nach den zärtlichen Momenten mit seinem Vater zurücksehnt. Man kann die Stille im Saal hören, als Jörg Schlüter seinen Vortrag beendet.


Der Gänsehaut-Moment ist da als Schülerin T in ihrer Schlussplädoyer von der emotionalen Kälte erzählt, vom Zeitalter der Fische und davon, dass sie spüren möchte und das sie gespürt werden möchte: “Ich möchte jemanden unter die Haut gehen”. Gerade noch die kesse Pubertierende ist Miriam Gronau im nächsten Moment ein Kind, das aus Verzweiflung mordet und sich selbst richtet. Als im Schlussbild die Totenkopf-Bowlingkugel die schiefe Bahn hinunterrrollt,wird klar, das eine Jugend ohne Gott auch eine Frage von Sein oder Nichtsein ist.


Wenn Ödön von Horváth mit “Jugend ohne Gott” 1937 einen Schnitt durch den moralischen Zustand der Welt geleifert hat, dann bietet das Gastspiel des Rudolstädter Ensemble in Nordhausen einen Querschnitt durch die zahlreichen Gründe, warum die Jugend ohne Maßstäbe sein kann. In diesem Sinne ist die Inszenierung von André Rößler eine intensive Beschäftigung mit den Themen der Zeit, ein Werk, dass dem Gest der Zeit einfängt, ohne aber dem Zeitgeist verhaftet zu bleiben.


Die nächsten Gastspiele in Nordhausen finden am 11. und 17. Mai statt.


Das Stück




Das Ensemble

Der Trailer bei yotube