Mittwoch, 19. April 2017

Den Doktor Faust zeitlos gemacht

TfN-Inszenierung zeigt das Optimum für die Oper

Es gibt die seltenen Fälle, in denen eine Inszenierung weit über das hinausgeht, was die Vorlage liefert. "Doktor Faust" am Theater für Niedersachsen ist solch ein Fall. Hier stimmt alles. Sie stellt die Frage nach dem menschlichen Verhalten in Phasen des Zeitenwechsels, des radikalen Umbruch und nach der Moral. Deswegen gab es zur Premiere am Karsamstag auch jede Menge Applaus.

Grundlage der Oper von Ferruccio Busoni ist die  Legende um ist Johannes Georg Faust. Er war  zu Beginn des 16. Jahrhunderts im süddeutschen und mitteldeutschen Raum als Wunderheiler, Wanderprediger, Alchemist und Magier tätig. Er gilt als zweifelhafte Randfigur einer Ära, in der sich im deutschsprachigen Raum Wissen, Humanismus und Neuzeit aus den Zwängen des Mittelalters und des Klerus befreiten. Damit gibt er die optimale Projektionsfläche für die Kritik der klerikalen Restauration ab.

Schwarz Inszenierung zeigt einen Menschen, der mit den wechselnden Rahmenbedingungen und den Zerwürfnissen einer Umbruchphase überfordert ist. Der seinen Wertehoriznt verloren hat, keinen neuen aufbauen kann und deswegen scheitert.

Faust liefert sich den Dämonen aus.
Alle Fotos: Quast
Seit 150 Jahren gibt es in Mitteleuropa gefühlt alle acht Wochen eine Zeitenwechsel. Auch die 1920er Jahre Busonis galten nach den Zerstörungen des 1. Weltkriegs nach Umbruchphase, als neue Ära. Nach der Individualisierung in der Postmodernen wird das Leben akutell digitalisiert und aus gewohnten analogen Bezügen gelöst. Und der nächste Wandel lauert bestimmt schon an der Straßenecke. Also kann man Uwe Schwarz nur dafür danken, dass er auf jegliche historizierende Elemente verzichtet.

Sein Faust ist in einem zeitlosen Raum angelegt, der alle Zeiten zugleich umfasst, weil sich die Situation immer wiederholt und sich die Problemlage immer wieder neu stellt. Wie verhält sich das Individuum in Zeiten, in denen sich traditionelle Bindungen und Werte auflösen. Faust wählt den egoistischen Weg und scheitert deshalb kläglich. Sein Wertehorizont verwandelt sich in einer schiefe Eben und lässt andere mit ins Unglück purzeln.

Umgesetzt wird diese Interpretation durch das starke stark reduzierte Bühnenbild von Philippe Miesch. Eine blanke Spielfläche begrenzt durch weiße Wände, die als Projektionsflächen dienen. Die lange Flucht der blanken Wände, die sich scheinbar im Endlosen treffen, zeigen die Grenzen auf, die sich gelegentlich verschieben, wenn eine Querwand die Spielfläche begrenzt. Die wechselnde Beleuchtung und wenigen Requisiten machen aus dem Studierzinmer eine Kirche, aus der Kirche einen Ballsaal, aus dem Ballsaal eine einsame Landstraße.

Der Herzog von Parma ist ein eitler Geck.
Foto: TfN/Quast
Hier ist der Mensch ganz auf sich geworfen, symbolisiert durch den überdimensionalen Zerrspiegel. Um 180 Grad gewendet verwandelt sich diese Requisite in einen Beichtstuhl. Nun ist  der Mensch seinen Taten ausgesetzt und wird zu Verantwortung gezogen. Eine mutige Aussage, dass sich hinter einem Priester manchmal der Mephistopheles verbirgt.

 Schon im ersten Vorspiel ist dies angelegt und zieht sich als wiederkehrender Topos durch die ganze Inszenierung. Nach dem Besuch der Krakauer Studenten verharrt Faust quälend lange Minuten in visueller Isolationshaft und beschwört seine Dämonen. Der Chor bleibt dabei im Dunkel verborgen und dräut aus dem Hintergrund und dem Untergrund.

Schwarz nutzt die Seitenflächen und die Halbvorhänge als Projektionsfläche. Er lässt dort ein Sammelsurium aus religiösen und wissenschaftlichen Symbolen entstehen, ein Miteinander und ein Gegeneinander. Aber vor allem der Schriftzug "Faust. Ewiger Wille" weckt Assoziationen zu Schopenhauers These von der Welt als Wille. Wie weit ist der Mensch also Herr der Verhältnisse? Die ästhetische Seite eines philosophischen Disputs.

Anders als im Goethe'schen Faust ist dieser Doktor nicht Gegenstand einer göttlichen Wette, sondern wählt sich seinen Mephistopholes selbst. Busonis Faust ist eine Handelnder, kein Umhertappsender, kein Verführter. Auf der Zeitleiste setzt die Handlung später ein, mit dem Tod des Mädchens hat Faust den ersten Sündenfall bereits hinter sich, auch ohne Zutun des Mephistopholes. Der Verfall ist vorprogrammiert.

Faust hat den Kontakt zu den Studenten verloren.
Foto: TfN/Quast
Leider haben Schwarz und Generalmusikdirektor Werner Seitzer das Zuspitzungspotential nur teilweise ausgenutzt. Manche Passage zieht sich dahin in ständiger Wiederholung bekannter Positionen und genügt sich in Ausübung des Symbolismus. Musikalisch macht sich diese Unentschlossenheit im ständigen Wechsel zwischen Rezitativ, Arioso und Arie beim Aufeinandertreffen von Doktor und Dämon bemerkbar

Aber die starken und eindrucksvollen Szenen überragen eindeutig und hinterlassen einen durch und durch begeisternden. Alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Sei es nun der Disput der Wittenbergischen Studenten oder die Ouvertüre am Hofe von Parma. Vor allem Auftritte des Chors gehören dazu, die im Vergleich zur Vorlage personell aufgestockt wurden.

Die Massenszene am Hofe von Padua gehört sicherlich zu den eindruckvollsten in dieser Aufführung. Ein Teufel und ein Doktor, die sich wie Rockstars aufführen, haben eine Bande im Griff, die sich kleidet wie Banker aus London. Bowler, Aktentasche und schwarze Mantel. Zum Schluss bleibt wenig von der Maskerade, weil Doktor Faust auch ein Ver-Führer ist.

Gesanglich hinterlässt hier Antonia Radneva als Herzogin von Parma den stärksten Eindruck. Ihre Sehnsuchts-Arie offenbart tiefe Sehnsucht auf einer leeren Bühne und sorgt für Gänsehaut-Momente.

Mephistopheles feiert den Sieg mit
einem
Solo auf der Luftgitarre.
Foto: TfN/Quast
Bariton Albrecht Pöhl überzeugt durchweg, aber er begeistert erst in der Gewissensszene. Eine Spur der Verwüstung hinter sich lassend kehrt es nach Wittenberg zurück und steht mit leeren Händen da. Aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird der Gewissenlose verbannt, sein einstiger Famulus Wagner übernimmt die Professor.

Nun plagen ihn die Gespenster der Vergangenheit, allesamt Menschenopfer. Das verführte und tote Mädchen erscheint ihm wie Gott sie schuf. Die Herzogin überricht ihm das tote gemeinsame Kind. Starke Bilder, starker Gesang, beides bleibt in Erinnerung. Viel Mut beweist Uwe Schwarz, als ausgerechnet Mephistopheles das nackte Mädchen als Gekreuzigte auf dem Altar männlicher Eitelkeit enthüllt.

Hier geht es nicht um Ästhetizismus, Attitüde oder sinnbefreite Effekte. Schwarz und Miesch haben  in diesen Stück starke visuelle Elemente geschaffen, die immer eine Aussage bieten, die über das Hier und Jetzt hinausgehen. Gepaart ist die mit überzeugenden Leistungen der Solisten und des Chors.

Abgerundet wird der überragende Gesamteindruck durch die Glanzleistung der TfN-Philharmonie. In seiner letzten Produktion als GMD schafft Werner Seitzer mit dem Ensemble einen transparenten Klang, der die spätromantischen und die neoklassischen Verzierungen zur Geltung bringen, ohne an Kraft zu verlieren.

Immerhin verstand Ferruccio Busoni dieses Werk als die Krönung des Schaffens. Schwarz und Miesch habe es nun vollendet.  



Theater für Niedersachsen #1: Der Spielplan
Theater für Niedersachsen #2: Doktor Faust - Die Oper


Busoni #1: Der wikipedia-Eintrag
DoktorFaust #1: Der wikipedia-Eintrag