Dienstag, 4. April 2017

Wie verwandelt

Theater Nordhausen zeigt Kafka als Musiktheater

Das ist wohl ein Einstand nach Maß. Christoph Ehrenfellner, Composer in residence, hat aus Kafkas "Verwandlung" eine Stück Musiktheater gemacht, dass die eigenständige Tradition und das Heute miteinander vereint. Wer sich auf den Mix der Genres einlässt, wird mit starken eindrücken belohnt.

Ach so, für diejenigen, die mit "Composer in residence" nichts anfangen: Das ließe sich mit Komponist vor Ort übersetzen. Der Composer in residence soll in den nächsten zwei Jahren die Produktionen am Theater Nordhausen mit eigenständigen Kompositionen ergänzen.

"Die Vewandlung" ist Ehrenfellner erst selbstständige Arbeit am Theater Nordhausen. Dabei ist er durchaus ein hohes Risiko eingegangen, aber Figurentheater, Pantomime, Sprechtheater und Musik ergänzen sich, greifen ineinander und gehen in dieselbe Richtung. Sie ergeben eine Inszenierung, die bei aller Beklemmung auch komische Momente bietet.

Gregor Samsa hat sich in ein riesiges Insekt
verwandelt.           Alle Fotos: Susemihl
Gregor Samsa ist Handelsreisender, er lebt zusammen mit seiner Familien in einer ARt Wohngemeinschaft. Er ist der Haupternährer. Eines Tages erwacht er und ist ein riesiges Insekt verwandelt. Von nun an nimmt das Unglück seinen Lauf und es die tragische Situation kann am ende nur mit dem Tod des Protagonisten ausgelöst werden. Das ist der Ausgangs- und Endpunkt in Kafkas Erzählung "Die Verwandlung".

Doch Ehrenfellner hat Mutter Samsa aus dem Ensemble gestrichen. Somit verschärft sich die Situation von Gregor gegenüber der Vorlage, denn mit dem Wegfall dieser Figur verliert der Verwandelte den letzten Anknüpfungspunkt zur hinfälligen Familienidylle. Gregor Samsa ist jetzt dem Unmut der Schwester und des Vaters ausgeliefert.

Auch ansonsten hat Ehrenfellner die Figuren auf das Wesentliche reduziert. Neben Vater und Schwestern bleiben nur der Prokurist und ein Untermieter. Sie sind die Vertreter der feindlichen Außenwelt in dieser klaustrophobischen Inszenierung.

In der Interpretation bleibt Ehrenfellner dem Mainstream treu. Es sind zwanghafte Verhältnisse, in denen Gregor Samsa lebt und seine Verwandlung ohne Vorankündigung steht für die Entfremdung vom eigenen Ich. Sie ist Protest gegen den übermächtigen Vater, aber vor allem der einzige Weg, sich diesem zwangshaften Leben und der zwanghaften Tätigkeit als Handelsreisender zu entziehen. Dies macht vor allem die Auseinandersetzung mit dem Prokuristen deutlich. Danach gibt es keinen Weg mehr zurück.

Handelsreisender = Außendienstmitarbeiter

Aber dort ist eben die Anknüpfung an das Heute. Die Gregors Samsa heißen nicht mehr Handelsreisender sondern Außendienstmitarbeiter, Klinkenputzer sind sie trotzdem geblieben. Sie fahre nicht mehr mit dem 5-Uhr-Zug, sondern sitzen in Skoda Octavias, aber der Druck ist immer noch derselbe. Damit ist diese Aufführung keine Reise in die Vergangenheit. Die Arbeitswelt und die familiären Erwartungen ergeben einen giftigen Cocktail. Das Grundproblem ist also mehr als 100 Jahre alt.

Prokurist, Vater und Schwestern können es nicht
verstehen.
Unter dem Druck der Veränderung, in der Krise bricht das Gefüge auseinander. Es bleibt ihr auch nichts anderes übrig, da mit solch einer überraschenden Situation niemand gerechnet hat und niemand dafür Lösungen hat. Die geübten Verhaltensmuster geben das nicht her.

Das Bühnenbild st auf das Minimum reduziert. Es besteht im Wesentlichen nur aus einer schwenkbaren Wand und jeder Menge schwarzen Vorhängen. Ansonsten bleibt die Spielfläche frei für die Fantasie, denn der Rest entsteht im Kopf. Jeder tut seinen Teil dazu. Jeder füllt die vermeintlichen Lücken mit Erinnerungen, Erfahrungen oder gesehenen Bildern und Assoziationen auf. Ehrenfellner traut seinem Publikum etwas zu und das macht er richtig.

Die wenigen Elemente vermitteln vor allem Enge, beklemmende Enge einer schwarz-weißen Welt. In der Intenistät der Studiobühne unterm Dach verstärkt sich dieser Eindruck noch einmal. Kein Licht dringt in den Mikrokosmos der Familie Samsa ein und diese Welt kennt eben nur diese beiden Nichtfarben.

Neue Akzente

Aber Ehrenfellners Kafka-Adaption setzt vor allem neue Akzente. Dies liegt vor allem der gelungenen Kombination der unterschiedlichen Genres. Figurentheater und Pantomime, Sprechtheater und Musik gehen eine expressive Symbiose ein.

Zum Schluss bleiben nur Vater und
Schwester übrig. Alle Fotos: Susemihl
Der tragende Teil der Inszenierung ist die Musik, sie erzeugt nicht nur die Stimmung sondern trägt die Handlung in den textfreien Passagen voran. Es wird geklopft, gehämmert und gezupft. Das Trio aus Cello, Klavier und Oboe klingt wie die Neutöner des frühen 20. Jahrhunderts und ist damit Kafkas Zeit verhaftet. Wie bei Schönberg auch finden sich aber immer wieder spät- und nachromantische Passagen doch der expressionistische Anteil überwiegt deutlich.

Die Masken wirken wie dem Panoptikum vor George Grosz entnommen. Riesige Köpfe, die als Fratze eingefroren sind und die zu keinem menschlichen Ausdruck mehr möglich sind. Die Einschränkungen der Sprechanteile macht das Ensemble durch eine ausdrucksstarke Choreographie mehr als wett. Die Bewegung ersetzt das gesprochene Wort. Die starre Pose macht manchmal jede Erläuterung überflüssig. Eine Geste, ein Körperhaltung sagt mehr als tausend Worte.

Mit dieser Inszenierung liefert Christoph Ehrenfellner ein starkes Debüt ab. Das Interesse an mehr ist geweckt und er bestätigt noch einmal den Eindruck, dass seit dem  Herbst ein frischer Wind durch das Theater Nordhausen weht und ein Zeitenwechsel stattgefunden hat.





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