Direkt zum Hauptbereich


Theater, das was zu sagen hat,

Premiere "Am Schwarzen See" am DT Göttingen

Dea Loher gilt als die wichtigste deutschsprachige Dramatikerin der Gegenwart. Am vergangenen Samstag inszenierte Wojtek Klemm ihr aktuelles Stück “Am Schwarzen See” am Deutschen Theater Göttingen.
Der Wellblechvorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf ein Bühnenbild, das keins ist. Ein flaches Podest bis tief ins Bühnenhaus hinein, vier Rattanstühle, ein Schriftzug, das reicht. Schonungslos offen, abgenutzt und roh, der erste Eindruck und der wird bleiben bis zum Schluss.
Vier Schauspieler, die wie freie Neutronen umherirren, ohne Ordnung. Wenn Kinder vor dem Eltern sterben, dann ist die göttliche Ordnung gestört. Wenn Kinder dies freiwillig tun, dann ist auch die menschliche Ordnung zerstört. In Dea Lohers Tragödie “Am Schwarzen See” liegt die Katastrophe bereits hinter den Helden. Nun sind sie zum Weiterleben verdammt. Die  Sisypos-Arbeit Erinnerung ist eine Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt, das steht am Ende der  Inszenierung von Wojtek Klemm in Göttingen.
Johnny und Else, Eddy und Cleo, zwei Paare treffen sich nach vier Jahren wieder, um über den Freitod ihrer Kinder zu sprechen. Floskeln, Halbsätze und Anspielungen lassen eine angestaubte Vertrautheit ahnen. Alle reden, doch alle reden aneinander vorbei. Die Bühne ist die nur Rampe, von der die Hinterbliebenen ihren bohrenden Schmerz in die Welt tragen.
Da ist Else, die Mutter von Nina, die nie ganz Teil dieser Welt und immer die Schutzbefohlene ihres Mannes Johnny sein wird. Ein Gesicht wie eine Maske und ein Kleid wie ein Peplos scheint Nadine Nollau einer griechischen Tragödie entsprungen.
Johnny ist der toughe Banker, der Sanierungsspezialist, der seine Familie im Zwei-Jahres-Rhythmus von Ort zu Ort zerrt. Ohne Bindung ist sein Ziel die Metropole, die Schaltzentrale der Finanzwelt und muss doch eingestehen, dass er immer ein kleines Rädchen sein wird. Der Preis war das Leben seiner Tochter. Andreas Jeßing ist das Entsetzen über das eigene Handel ins Gesicht und in die Gestik gemeißelt.
Eddie ist Brauereibesitzer in der dritten Generation und will doch kein Geschäftsmann sein. Nach der Katastrophe glimmt sein Freiheitsdrang nur noch, mit den Reparaturarbeiten am gemeinsamen Leben mit seiner Frau Cleo ist er überfordert. Meinolf Steiner bringt alle Nuancen dieses sehr traurigen Clowns zu Geltung, sein Wanken zwischen Flucht oder Weitermachen. Cleo hält den Laden zusammen. Sie muss die Starke sein und will doch nicht. Aus dieser Rolle kommt sie nicht heraus und die Erwartungen der anderen verhindern ihre Trauerarbeit. Verhärtung ist die Konsequenz.
Früher lebten alle vier einer eigenen Welt aus Geld und Arbeit, Arbeit und Geld. Aus dieser Welt haben sich ihre Kinder freiwillig verabschiedet. Heute lebt jeder für sich allein. Haltlos und permanent in Bewegung, ständig mit sich selbst beschäftigt, fehlt die Zeit für die entscheidende Frage. Das “Warum” schwebt 100 Minuten im Raum und in der letzten Konsequenz darf das Publikum die Antwort selbst finden. die Wahrheiten liegt zwischen den Bruchstücken der Erinnerung. Deshalb ist es die Inszenierung von Klemm eben Theater für Erwachsene.
Dieses Stück ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Diese Katastrophe kann überall geschehen und die Frage stellt sich automatisch: “Wass ist, wenn mir so etwas passiert”. Das ist einer der Gründe, warum dieses atemlose Stück niemanden unberührt entlässt. Das ist Theater, das etwas zu sagen hat.

 

Bild: DT

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Viel Abwechslung mit nur einem Instrument

Vier Cellisten beim Kammerkonzert im Kunsthaus Wer Piazzolla spielt, kann kein schlechter Mensch sein. Schon gar nicht, wenn´s gleich zweimal Piazzolla ist. Bis es soweit ist, darf das Publikum einige andere Highlights beim Kammerkonzert der vier Cellisten im Kunsthaus Meyenburg erleben. Das Programm ist zweigeteilt. Vor der Pause gibt es bedächtige Romantik, nach der Pause wird es rhythmusbetont. Kein Grund zur Besorgnis: Das Cello schafft das schon. Das Instrument und das Ensemble bringen dafür ausreichend Potential mit. Erst klassisch, .... Den Auftakt macht Joseph Haydn und sein "Divertimento in D-Dur". Dies hat er einst für eben die Besetzung des Abends geschrieben, für vier Celli. Im zweiten Satz ist das Quartett das erste Mal gefordert. Das Allegro di molto verlangt ein präzises Zusammenspiel, damit der Dialog der Instrument funktioniert und er funktioniert. Im Allegretto des anschließenden Menuetts zeigt Sebastian Hennemann, dass ein Cello tanzen und hüpfen kann...

Eine Inszenierung auf Tratsch-Niveau

 Im DT Göttingen bleibt "Der junge Mann" an der Oberfläche Zu viel Narrativ, zu wenig Analyse. Die Inszenierung von Jette Büshel leidet an Oberflächlichkeit. Die Figuren werden nicht ausgelotet. Deswegen war die Premiere von "Der junge Mann" am 3. November zwar unterhaltsam, ging aber nicht unter die Haut. Das ist schade für das Ein-Personen-Stück auf der Studio-Bühne. In der autofiktionalen Erzählung "Der junge Mann" berichtet Annie Ernaux von ihrer zurückliegenden Beziehung zu einem 30 Jahre jüngeren Mann. Das Buch liegt seit dem Frühjahr in deutscher Übersetzung vor und postwenden haben Jette Büshel und Michael Letmathe ein Stück für das DT Göttingen draus gemacht. Strube bereit zur Berichterstattung. Alle Fotos: Lenja Kempf/DT GÖ Der erste Ansatz verpufft gleich. Seit der Ehe von Brigitte Trogneux und Emmanuel Macron haben Beziehungen zwischen älteren Frauen und jungen Männer so gar nix skandalöses mehr an sich. Auch das Duo Klum-Kaulitz hat null S...

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...