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Nur bedingt tauglich

Das DT belebt Brechts Puntila und dessen Knecht Matti

In einer Friede-Freude-Eierkuchen-Ära unbequeme Fragen zu stellen, die Wohlfühl-Politik mit dem Thema Macht und Herrschaft zu kontern, ist grundsätzlich löblich. Das war der Ansatz von Christoph Mehler. Doch seine Inszenierung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Deutschen Theater in Göttingen erfüllt die selbst gesteckten Ziele nur zum Teil. Was ein Kommentar zur Zeit sein könnte, gerät über weite Strecken zur historisierenden Schaustellung.

Als das Licht angeht, geht der Blick ins Leere. Die Bühne ist komplett abgeräumt und es das Bühnenhaus ist nackt. In der Ferne baut sich der Chor auf und eine Stimme schüttelreimt den Anfang. Hier ist die Aufführung Brechtischer als Original. Die zahlreichen Nebenrollen hat Christoph Mehler in einem Chor zusammengefasst, der in vielen Stücken Brechts eine große, kommentierende und reflektierende Rolle spielt.

Noch ist der Herr bei Sinnen und bestimmt nicht
nüchtern.  Foto: Georg Pauly
Doch der Puntila-Chor hat eher den Charakter der manipulierbaren und gesichtslosen Masse. Und er ist das Werkzeug der Mächtigen, nicht zu übersehen  bei der Vertreibung des Attachées. Zumindest die Besetzung hätte dem Autor wohl gefallen. Alle 18 Chormitglieder sind Laiendarsteller.

Die Reduzierung auf die vier Personen Gutsherr, Tochter, Attaché und Chauffeur ermöglicht zwar die Konzentration auf die vier Handlungsträger, nimmt aber viele Reflexionsmöglichkeiten. Die Inszenierung gerät fast zur One-Man-Show und zum Monolog. Nur an wenigen Stellen wie der Badehaus-Szene oder der Prüfung der Eva wird die Dominanz der Titelfigur gebrochen. Aber der Beherrscher ist nicht mehr Elaborat einer sozialen Schicht und Ausstellungsstück eines gesellschaftlichen Umfeld sondern nur Produkt seiner selbst. Dadurch geht viel Brecht'sche Gesellschaftsanalyse verloren.

Verbunden ist diese Reduzierung auch mit Brüchen im Erzählstrang. Manchmal holpert es deutlich,  der Kontext geht verloren und nicht nur das Publikum wirkt orientierungslos. Hier sollte dramaturgisch noch einmal feinjustiert werden.

Auf jeden Fall ist der Herr Puntila Gabriel von Berlepsch auf den Leib geschrieben. Er hat eine diebische Freude an dieser Rolle und gehört damit zu den Höhepunkten in dieser Aufführung. Sein Puntila ist angelegt irgendwo zwischen Nosferatu und Charles Montgomery Burns. Richtig, der Chef von Homer Simpson.

Da sind sie alle schön versammelt.
Foto: Georg Pauly
Leider ist dies die einzige Anleihe an die Jetztzeit. Optisch steckt der Rest der Inszenierung irgendwo zwischen Klassizismus und 1940er Jahre fest. Mehr Mut zur Aktualität hätte der Aufführung durchaus gut getan.

Volker Muthmann  bekommt in der Rolle des Matti nur wenig Gelegenheiten, sein Potential auszuschöpfen. Leider gerät seine große Szene, die Examierung der Eva, zu einer Orgie häuslicher Gewalt. Die kommt unmotiviert daher und liefert doch die prägnanteste Aussage diese Inszenierung. Macht basiert auf Gewalt und wer beherrscht wird, der möchte auch mal unterdrücken und sei es mit Gewalt.

Dieses System ist so allgegenwärtig und umfassend, dass man sich dem nicht entziehen kann. Deswegen bleibt Matti in dieser Inszenierung entgegen der Vorlage seinem Herren treu und verharrt im Kreislauf aus Suff, Herrschaft und Gewalt.

Die einzige Figur, zu der das Publikum eine emotionale Bindung entwickelt ist Puntilas Tochter Eva. Doch man möchte fast schon Mitleid mit Dorothée Neff in dieser Rolle haben. Schnell mutiert sie von der verzogenen Nervensäge zur echten Person und damit zur Verfügungsmasse ihres Vaters. Der reicht sie herum wie einen Strauß weißer Rosen. Letztendlich ist sie das Opfer männlicher Gewalt und ist damit die große Verliererin. Aber Neff macht diesen Prozess glaubwürdig und erfahrbar.

Bei aller Sympathie für den Versuch, die Frage nach Herrschaft mal wieder zu stellen, bleibt in dieser Inszenierung ein durchwachsener Gesamteindruck und das Gefühl, dass hier irgendwann mal der Faden verloren ging.








DT Göttingen #1: Der Spielplan
DT Göttingen #2: Die Inszenierung

Brecht #1: Leben im Exil
Brecht #2: Das Stück







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