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Das Glück im Unglück suchen

Der Fliegende Holländer als Abhängigkeitsstudie

Wagners Singspiel ist nicht ein Drama um einen verfluchten Kapitän. Bei den Schlossfestspielen in Sondershausen wird die Oper zur Tragödie weil die Heilserwartungen nicht aufgehen können-Alle suchen Glück und Erlösung, das kann nicht gut gehen. Getragen wird die Aufführung des Nordhäuser Ensembles bei den Schlossfestspielen vor allem von einer starken musikalischen Leistung des Orchesters, dreier Sänger und Kathleen Parker als Senta. Auf dieser Basis kann Toni Burkhardt in seiner Inszenierung eine neue Seite bei Wagner aufschlagen, die vor allem die Abhängigkeiten der Handelnden in den Vordergrund stellt
Schon im Präludium begeistert das Loh-Orchester mit Dynamik und malt das kommende Unglück musikalisch in die Sommernacht. Vor allem das präzise Zusammenspiel im Dialog mit den Sängern zeigt das Ensemble unter der Leitung von Markus Frank seine ganze Klasse. Kraftvoll, wenn es kraftvoll sein muss, leise, wenn Zurückhaltung geboten ist und nie in den Vordergrund drängend. Mit den operettenhaften Teilen im zweiten Akt wiegt das Orchester das Publikum in kurzen Augenblicken der Freude.
Da zieht ein Sturm herauf. Fotos: Graner
Senta, Tochter des Kapitän Daland, gehört in der Sonderhausener Inszenierung die erste Szene. Allein tanzt sie gegen die Gemeinschaft die Gruppe der  Seleute und der Dorfbewohner an. Es ist deutlich, sie gehört nicht zur grauen Masse und sie will hinaus aus der Enge der norwegischen Provinz. Diese Senta ist kein Leidensträgerin oder sondern bereit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Dann folgt die Aufführung wieder dem Wagnerschen Erzählstrang.
Daland ist ein erfolgreicher Kapitän und nun mit seinem Schiff auf den Weg in die Heimat. Seine Mannschaft hat er fest im Griff, er ist die Nummer eins und nur die Naturgewalten können ihn aufhalten. Dies macht Roger Krebs in der Rolle des norwegischen Kapitäns deutlich, ohne in eine Karikatur zu verfallen. Da passt einfach alles. Nur hat Sonja Hesse ihm nicht die Kleidung eines Seemanns zugestanden, sondern ihn in die Gewänder eines saturierten Unternehmers des 19. Jahrhunderts gesteckt. Denn Daland ist eben auch ein Kaufmann, der am Ende des ersten Akts seine Tochter verschachert. Er gibt vor an ihr Glück zu denken, meint doch aber nur das eigene.
Festgefahren in den Kodex und die Verhaltensmuster seines Standes und seiner Generation verliert er die Kontrolle, als er auf den Holländer trifft. Kai Günther erscheint in der Titelrolle eher als ein Racheengel. Während seiner Gesang das Publikum mitnimmt auf die Reise in die erhoffte Erlösung, bleibt seine Minenspiel in der Kategorie „Grimmig“ verhaftet. Das ändert sich auch nicht als er auf Senta trifft. Vielleicht ist er wegen fortgesetzter Unfreundlichkeit verdammt? Aber der Holländer will keine Liebesbeziehung, er hat ein Geschäft abgeschlossen: Erlösung gegen Geschmiede. Und Senta hat auch einen Tausch vor: Gefolgschaft gegen Befreiuung aus kleinlichen Verhältnissen. Ist das noch Interdependenz oder liegen hier schon Ko-Abhängigkeiten vor?
Kai Günther und Kathleen Parker sind die
Schicksalsgemeinschaft Holländer - Senta.
Damit wäre die Schicksalsgemeinschaft perfekt, wenn da nicht der enttäuschte Liebhaber wäre. Doch Joshua Farrier ist kein wilder Jäger aus Norwegens Wäldern, sondern ein Sachwalter der bestehenden Verhältnisse, ein verhinderter Held mit Ärmelschonern. Man will ihm das versprochene Glück nehmen und selbst dagegen kann er sich nicht wehren.
Mit der Ausstattung holt die Sonderhausener Inszenierung Wagners Oper aus dem Historizismus und macht sie zu einem Stück über Zwang und Gegenwehr, über die Flucht aus beengenden Verhältnissen. Das die Situation so ist, daran lässt schon das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning keinen Zweifel. Alles ist Schiff und von einer Reeling umgeben. Liegt dort ein Mastbaum quer oder ist es ein Kreuz?
Mit dem „Fliegenden Holländer“ begann Richard Wagners Aufstieg und viele sehen darin den Beginn des Musikdramas. Mit dieser Inszenierung haben Toni Burkhardt, das Nordhäuser Ensemble und das Loh Orchester Sondershausen das Werk fortgeführt und Fragen gestellt, die auch schon der Komponist stellte. Damit haben sie Wagner neu interpretiert und Verhältnisse und Verhaltensmuster aufgezeigt, die heute noch aktuell sind.

Die nächsten Aufführungen bei den Schlossfestspielen finden am 12., 13., 14, 19. und 20. Juli statt.

Karten und Beschreibung gibt es hier.

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