Direkt zum Hauptbereich

Zum Glück wurde niemand verletzt

Ralf Bauer zeigt sich in Walkenried verliebt

Ja, doch, Ralf Bauer kann mehr als Surfen. Im Kreuzgang des Kloster Walkenried zeigte sich auch für andere Themen offen. Zusammen mit Pat Fritz präsentierte Ralf Bauer ein Literatur- und Musikprogramm, bei dem die Liebe im Mittelpunkt stand. Natürlich zeigte er sich als Charmeur und als Spieler mit dem Publikum. Dabei sprengte Ralf Bauer gelegentlich die Grenzen der üblichen Präsentation, aber bis zum Schluss wurde niemand verletzt.
Doch der Abend beginnt tiefschürfend und mit dem Vorspiel auf dem Theater aus Goethes Faust. Überhaupt wird der Dichterfürst an diesem Abend oft bemüht und auch schon einmal von seiner anzüglichen Seite gezeigt. Aber wenn der Vortragende diese im Dress eines Zeitungsjungen der 20-er Jahre, mit Ballonmütze, weißes Hemd und Weste, macht, dann können selbst die Goethe-Puristen ihm nicht sauer sein.
Ralf Bauer hat immer noch den Charme eines kleinen
Jungen. Alle Fotos: tok
Aber der Mann hat ja auch eine Mission. Ralf Bauer möchte das Publikum für den Zauber der Literatur  begeistern. Dazu muss man die Halbgötter eben manchmal vom Sockel holen oder eben an Säulen springen, auf Tische steigen und auf Leitern klettern.
Doch bei allem Klamauk ist die Liebe, von der Ralf Bauer spricht, meist ein zartes Gewächs und in sich gekehrt. Das himmelhochjauzend muss wohl noch warten. Dafür sorgt auch der zweite Mann an diesem Abend. Begleitet wird Ralf Bauer vom Pat Fritz. Der Gitarrist führt sich mit einer sehr reduzierten Cover-Version vom "Every Breath you take" ein. Es ist nicht das Spiel der flinken Finger, mit denen Pat Fritz das Publikum begeistert. Er hypnotisiert mit seiner einmaligen Stimme, ein Bass mit Timbre, viel Schmelz und doch reichlich Dynamik. Die Töne kommen aus ganz aus der Tiefe und reichen bis zum bluesig verzweifelten "Woooaaahhuuuu" hoch.
Doch die Musik ist im gemeinsamen Programm kein Klangteppich, keine Soundtrack. Es ist ein eigenständiges Statement zum gesprochenen Wort, es ist eine andere Sicht auf dasselbe
 Ding, das sich Liebe nennt. Deswegen sorgt Pat Fritz an diesem Abend auch für den Gänsehaut-Moment. Als er die Tom-Waits-Version von "Waltzing Matilda" auf seine sehr eigene Art intoniert, da steht die Zeit still,  da füllt die Geschichte des Alkoholikers, der seine Liebste um Verzeihung bittet, den gesamten Kreuzgang und die Köpfe des gebannt lauschenden Publikums.
Pat Fritz 
Ralf Bauer ist der Kontrapunkt. Er spielt mit Publikum, nimmt direkten Kontakt auf und macht die Zuhörer zu Mitspielern. Da ist der Dialog am Brunnen aus Goethes Faust, als er einer jungen Dame nicht nur Geleit, sondern auch das Mikrofon angedeihen lässt. Dabei ist  auch Improvisationstheater, bei dem das Publikum auf Zuruf den emotionalen Modus des Vortrags bestimmen darf. Heiterkeit, Trauer oder Gleichgültigkeit, Bauer bewältigt sie  alle. Als im Wut-Modus die Trittleiter auf die Bühne kracht, sorgt das für Aufsehen, aber alles bleibt heil. Trotz allen Getöses ist Ralf Bauer eben doch kein Bilderstürmer, sondern ein großer Junge, der spielen will, spielen darf und diesen Spaß am Spiel auch vermitteln und vor allem mit dem Publikum teilen kann.
Das literarische Programm verbleibt im Bildungskanon. Neben viel Goethe stehen an diesem Abend viel deutschsprachige Lyrik aus dem 20. Jahrhundert auf dem Stückzettel: Rilke, Ringelnatz, Hesse und Erhardt. Da ist immer wieder der Rekurs auf die Schule und die Lehrerschaft und das Auditorium nickt dazu wissend. Publikum und Vortragender erarbeiten sich gemeinsam den Spaß an der Poesie zurück, den der Bildungsapparat ihnen genommen hat.
Wenn Ralf Bauer Hermann Hesse zitiert,
dann steht die Welt Kopf. 
Diese Mission gelingt, weil im Zusammenspiel von Ralf Bauer und Pat Fritz immer noch genug Spontanität und auch gegenseitige Wertschätzung steckt. Damit ist der Titel "Bauer in love" vielleicht zu kurz gegriffen. "Bauer in love with Fritz" wäre vielleicht. Auf jeden Fall nehmen die beiden ihre Zuhörer mit auf eine Reise in das Land des Verliebtseins. Der Treibstoff ist die Sehnsucht nach diesem besonderen Zauber auch im Alltag und deswegen kommen Bauer, Fritz und das Auditorium dort an, wo sie hin wollten. Dafür bedankt sich das Publikum mit so viel Applaus, dass Ralf Bauer und Pat Fritz ihren Zuhörerinnen noch einen Song auf den Heimweg mitgeben: "Miami Beach". Leider zeigt das Duo erst in dieser Zugabe, dass Liebe auch swingen kann, das Liebe auch Anlass für eine gelassene Freude sein kann.


Ralf Bauer bei wikipedia
Die offizielle Website Bauer.tv

Pat Fritz bei wikipedia
Die offizielle Website www.pat-fritz.de

Die Kreuzgangkonzerte

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck. Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten. In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück. Nicht nur inhaltlich auch stilistisc...

Endlich ist Korruption gleichberechtigt

Premiere auf dem schmalen Grat: Gogols Revisor im Deutschen Theater Göttingen Um mal ins Olympia-Sprech zu verfallen: Die Premiere von "Der Revisor" am 14. Februar im DT Göttingen war eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine beeindruckende Perfomance. Alle Beteiligten waren auf den Punkt top-fit. Deswegen geht die Gold-Medaille zu recht an die Equipe von Regisseurin Ulrike Arnold. Raffgier ist ein ständiger Begleiter Die Vorlage des russischen Dramatikers Nikolai Gogol ist fast 200 Jahre alt. Doch die Inszenierung am DT Göttingen hat gezeigt, dass ihre Themen und ihre Akteure immer noch sind. Ein Stück zeitlos zu machen, indem man die treibenden Kräfte bloßlegt und aktuell hält, dass ist die hohe Kunst des Theater und das ist in dieser Aufführung durchweg. Dann auch noch mit einer Komödie, da doch Humor sehr zeitgebunden ist. Als falscher Revisor hat Marco Matthes (Mitte) leichtes Spiel mit den Provinzpromis.  Alle Fotos: DT Göttingen    Diese Kunststück ...

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...