Direkt zum Hauptbereich

Stück für einen Schauspieler und sechs Puppen

Patrick Jech spielt mit der Weihnachtsgans Auguste


Eigentlich ist von Anfang an klar, dass die Gans zu Weihnachten nicht im Bräter landen wird. Aber wie das schwarzweissfigurentheater "Die Weihnachtsgans Auguste" zum guten Schluss kommen lässt, das ist das Allerschönste. Patrick Jech und Bianca Sue Henne ist eine Inszenierung gelungen, die Kinder und Erwachsene auf sehr unterschiedliche Weise verzaubert, weil in ihrer Aufführung zwei Ebenen miteinander verwoben sind, die beiden Ansprüchen gerecht werden. Auch Tammo, acht Jahre alt und der härteste aller Kritiker (siehe hier), zeigte sich zufrieden.
Mit einem Monolog und einer Strumpfpuppe fängt
alles an. Alle Fotos: Toni Burckhardt
Da ist die Geschichte um die Gans Auguste, die Freundschaft schließt mit dem sechsjährigen Peter, und da ist die spitzfindige und anekdotenreiche Darstellung einer Familie mit Großmutter und pubertierender Tochter, mit Vater, der gern Held wär, immer wieder geerdet wird, und der Mutter, die sich aus allem raushält, aber alles besser weiß. Dank dieser beiden Strängen kommen Kinder und Eltern zu ihrem Recht.
Der Opernsänger Leopold Löwenhaupt besorgte im November eine Gans, zu Weihnachten als Braten dienen sollte. Doch der Sohn Peter freundete sich mit dem Federvieh an. Der Versuch des Schlachtens wird zum Debakel. Das Tier überlebt und der Vater steht als verhindeter Mörder da. Auch der Trick mit dem Tabletten funktioniert nicht und zum Schluss triumphiert das Federvieh über den Menschen. Die Vorlage von Friedrich Wolf hat einige Anpassungen erfahren. Von drei Kindern sind zwei übrig geblieben: Peter und seine vierzehnjährige Schwester Elli. Die ist zeitgemäß Vegetarierin und situationsbedingt altklug. Aus der Haushälterin Theres wurde die Großmutter Theresia, immer noch Hausherren und mit dem Treiben ihres Sohns Leopold überhaupt nicht einverstanden.
Peter und die Gans freunden
sich an.
Die Perspektive reduziert die Aufregung auf ein kingerechtes Maß. Leopold Löwenhaupt erzählt. Vor der nächsten Aufführung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" erinnert er sich an die Ereignisse des letzten Jahres. Das Schlimmste liegt also schon hinter uns. Die Bühne ist mit ihrem Schminktisch ist eindeutig als Künstlergarderobe zu erkennen.  Man weiß nicht, ob die Übungen, die Peter Jech absolviert, der Vorbereitung auf "Hänsel und Gretel" oder der Vorbereitung auf die Weihnachtsgans dient. Egal, jedenfalls lenkt er den Blick der Kinder auf sich. Er wirkt aber nicht, wie ein großer Impressario. Mit seiner Aktentasche voller Requisiten ist er eher ein fleißiger Kulturangestellter, der Mann vom Theater nebenan, eben einer von uns, mit sein alltäglichen Problemen.
Kernstück des Bühnenbilds ist der Schminktisch, der mal Requisite ist, mal die Bühne für das Figurentheater ist. Dann gibt es noch einen Stuhl, einen Paravent und einen Weihnachtsbaum. Bianca Sue Henne und Peter Jech gelingt es, mit wenigen Stücken eine ganze Welt zwischen Theater und Eigenheim zu schaffen.
Peter Jech beginnt seine Erinnerungstortur als Monolog mit einer Strumpfpuppe. Mit wenig Mimik macht er das Elend des Vaters deutlich, der sich als Held fühlt und bei seinen Liebsten doch abblitzt. Seine Familie, dass sind fünf einfache Puppen, die Peter Jech in einer Doppelrolle als Akteur und Erzähler bedient. Die Kinder kommen damit klar. Der Schminktisch ist nun Bühne und Heim der Familie Löwenhaupt und auch dies ist nachvollziehbar. Später gibt es noch eine kurze Sequenz Kasperltheater und Schattentheater am Paravent.
Überhaupt ist die Ausstattung voller Details, die das sehende Publikum schmunzeln lassen. Da ist das Comic "Gans im Glück", der Weihnachtsbaum aus Plastik, der dritte grün-weiße Pullover zum Fest und vieles Mehr.
Zum guten Schluss erlebt die Gans ihre Wieder-
auferstehung 
zur Weihnachtszeit. 
Dem schwarzweissfigurentheater geht es nicht darum, zu zeigen, was alles möglich ist und auch das ist gut so. Jedes eingesetzte Mittel, jede Technik entwickelt sich aus der Erzählung und hat seinen logischen Platz. Das sieht auch der Härteste aller Kritiker so, auch wenn er sich in der Albtraumszene noch ein wenig mehr Grusel gewünscht hätte. Aber das ist situationsbedingt altklug. Für die jungen Zuschauer bedeutet der Wechsel der Erzählmittel mehr Tempo, für die Eltern ist es Vertiefung des Genusses. Dabei ist es dann klar, dass nicht immer alle an den selben Stellen lachen.
Der Wiedererkennungswert für die anwesende Erziehungsberechtigten steigt, als der Trick mit den Schlaftabletten auf den ersten Blick funktioniert. Nun kommt Vater Löwenhaupt in arge Erklärungsnöte und versucht mit Fantasie, das Schlamassel, den Gordischen Knoten zu lösen. Wie in jedem guten Märchen kommt ihm der Zufall zur Hilfe und zum guten Schluss löst sich alles in Wohlgefallen auf und die Ganswird mit der Verleihung eines Pullovers offiziell in den Kreis der Familie aufgenommen. Das junge Publikum freut sich, dass es eine schöne Geschichte um eine Gans erlebt hat, die es nachvollziehen kann, weil die Figuren so lebensecht sind. Das ältere Publikum freut sich, dass es eine Geschichte um eine Familie erlebt hat, die es nachvollziehen kann, weil die Figuren so lebensecht sind.

Die nächsten Aufführungen sind am 27. und 28. Dezember.

Das schwarzweissfigurentheater

Spielplan am Theater Nordhausen
Die Weihnachtsgans Auguste

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck. Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten. In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück. Nicht nur inhaltlich auch stilistisc...

Endlich ist Korruption gleichberechtigt

Premiere auf dem schmalen Grat: Gogols Revisor im Deutschen Theater Göttingen Um mal ins Olympia-Sprech zu verfallen: Die Premiere von "Der Revisor" am 14. Februar im DT Göttingen war eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine beeindruckende Perfomance. Alle Beteiligten waren auf den Punkt top-fit. Deswegen geht die Gold-Medaille zu recht an die Equipe von Regisseurin Ulrike Arnold. Raffgier ist ein ständiger Begleiter Die Vorlage des russischen Dramatikers Nikolai Gogol ist fast 200 Jahre alt. Doch die Inszenierung am DT Göttingen hat gezeigt, dass ihre Themen und ihre Akteure immer noch sind. Ein Stück zeitlos zu machen, indem man die treibenden Kräfte bloßlegt und aktuell hält, dass ist die hohe Kunst des Theater und das ist in dieser Aufführung durchweg. Dann auch noch mit einer Komödie, da doch Humor sehr zeitgebunden ist. Als falscher Revisor hat Marco Matthes (Mitte) leichtes Spiel mit den Provinzpromis.  Alle Fotos: DT Göttingen    Diese Kunststück ...

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...