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Ein Universum implodiert

Theater für Niedersachsen macht

Mannsche Fabuliersucht und theatralische Dramatisierung, kann dass überhaupt zusammenpassen? Bereits vor zehn Jahren lieferte John von Düffel eine Bühnenversion der “Buddenbrooks”, Bettina Rehm hat am Theater für Niedersachsen daraus das spannende Psychogramm einer Familie gemacht, deren Universum implodiert.

Ein Mensch liegt gekrümmt auf den Boden, eine Frau in Dienstkleidung verrichtet einfache Hausarbeiten, aus dem Off kommt eine Stimmen. Die Aufführung beginnt einfach so, ohne Vorhang und ganz beiläufig. Der Zuschauer schlittert in die Geschichte, er beobachtet zwei Menschen in einem intimen Moment und in einem banalen Moment. Das Publikum wird zu Voyeur. Mit diesem Einstieg bändigt Regisseruin Bettina Rehm die Angst vor diesem Monument der deutschsprachigen Literatur.

Zentralgestirn der Aufführung ist das Familienbuch, in dem die Geschwister Antonia und Thomas so gerne lesen. Seit Jahrhunderten notieren die Familienoberhäupter darin die Zeichen ihre Geschichte. Geburten, Hochzeiten und Tod, alles muss notiert werden. Der Kaufmann führt sein Kontor auch daheim weiter. Für die Kinder ist das Familienbuch Zeugnis der Abstammung, Fundament der Existenz und Wegweiser in die Zukunft. “Alles ist vorbestimmt”, versichert Thomas Buddenbrook. Auch er kreist wie ein Trabant um dieses Zentralgestirn und muss zuschauen wie die Fliehkräfte seiner Geschwister immer stärker werden.

Weizen ist die Grundlage des Reichtums.
Alle Fotos: TfN
Hüter der göttlichen Ordnung ist Konsul Jean Buddenbrook. Er versucht die Geschäfte weiterzuführen wie es die Tradition und die Etikette verlangt und er versucht, seine Familie zu führen, wie er auch seine Firma führt. Er hat das Leben in Zahlen, in Zahlen und noch mal in Zahlen gefasst. André Vetters gibt einen Hanseaten, den man sich steifer oder kühler gar nicht vorstellen kann. Selbst in der Katastrophe bleibt gefasst. Die Stimme entgleitet ihm nicht einmal im größten Unglück

Es sind zwei Enzyme, die die schwere Kost der Vorlage löeicht verdaulich machen.  Rehm hat zum einem den Erzählstrom in kleine Episoden aufgeteilt, sich auf die Wendemarke in der Familiengeschichte konzentriert. Dies gibt der Inszenierung eine leichtigkeit, die in der literarischen Vorlage leider nicht zu finden ist. Da sticht vor allem das Eindringen des Hochstaplers Grünlich in das Familienuniversum hervor. Dies setzt eine Kettenreaktion in Gang, die selbst der Konsul nicht mehr kontrollieren kann. Der Familien-GAU nimmt seinen Lauf. Dennoch schafft es das Ensemble die Episoden nicht zur Nummern-Revue verkommen  zu lassen. Der Zusammenhang und die Richtung bleiben allzeit klar.

Und es ist die Konzentration auf wenige Figuren der Familie, die aber genau nachgezeichnet werden. Der Vielzahl der Figuren eines hanseatischen Kaleidoskop setzt Rehm die Reduzierung auf die tragenden Personen der Geschichte entgegen. Dies ist das zweite Enzym. In der Summe ergeben die Einzelschicksale aber die komplette Familiengeschichte. Aber die Hildesheimer Inszenierung mach deutlich, dass das Familienbuch das einzige Bindemittel ist.

Kristallisationspunkt ist das Schicksal der Tochter Antonia Buddenbrook, die von Julia Gebhardt einfühlsam und überzeugend dargestellt wird. Sie beherrscht die Verliebheit eines Teenagers ebenso wie die Berechnung einer Hanseatentochter.

Die Liebe von Morten und Toni hat keine Chance.
Die Sprünge in der Biografie kennzeichnen auch die Rolle des Thomas Buddenbrook. Seie nicht standesgemäße Liebschaft mit Anna beendet er sachlich und kühl, weil die Ausbildung in Amsterdam ansteht, nach dem Tod des Vaters wird er schlagartig zum Statthalter und doch nur in dem Momenten mit der Schwester Antonia wird er zum Mensch. All diese Sprünge kann Thomas Strecker glaubwürdig und sehenswert vermitteln.

Dennis Habermehl wird in dieser Inszenierung einiges mit den Rollen des Hochstaplers Bendix Grünlich, des Morten Schwarzkopf und das Alois Permaneder einiges abverlangt. Sei es die kühle Berechnung des Betrügers, die tiefe Liebe des Jüngling oder die enttäuschte Lebensfreude des Gatten, Habermehl erledigt die Aufgaben mit Bravour.

>Heimlicher Star der Inszenierung ist das Bühnenbild von Swana Gutke, das sich auf wenige Elemente konzentriert. Das warme Sepia der Kulisse weckt Erinnerungen an glücklich, unbeschwerte Sommertage an der See  und steht damit im Kontrast zu dem kühlen bis düsteren Geschehen. Überall ist Weizen, er rieselt durch die Finger, wird hin und her geschoben, dient Lager und das Sprungtuch. Die Frucht der Felder ist seit Jahrhunderten die Grundlage des Buddenbrook’schen Reichtums. Doch der Weizen wird mehr und mehr zur Verfügungsmasse.

Auch die Möblierung ist sparsam. Sie verbleibt aber ebenso wie die Kostüme nicht im 19. Jahrhundert, sondern wagt einen Schritt in die Tiefe des 20. Jahrhunderts. In Zeiten, in denen wieder alles dem ökonomischen Zwang unterworfen, hat eine Geschichte wie die “Buddenbrooks” ungeahnte Aktualität. Dies ist wohl die wichtigste Aussage an diesem Abend

Der Spielplan
Das Stück

Die Vorlage bei wikipedia

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