Direkt zum Hauptbereich

Zwei gute Lösungen

Theaterjugendclubs Nordhausen und Rudolstadt zeigen gemeinsames Projekt

Wenn man zwei unterschiedlichen Gruppen dieselbe Aufgabe stellt kommen zwei unterschiedliche Ergebnisse dabei heraus. Das Projekt "Aus dem Koffer" ist so etwas wie wohl kalkuliertes Improvisationstheater. Im letzten Herbst schickten sich die Theaterjugendclubs von Nordhausen und von Rudolstadt jeweils einen Koffer voller Requisiten zu. Aus den Gegenständen sollten bei Gruppen ein eigenes Stück entwickeln. Bei der Premiere am Sonnabend im Theater unter Dach präsentierten die Jugendlichen zwei sehr unterschiedliche Werke. Diese können nebeneinander bestehen und zeigen beide, auf welch hohen Niveau Jugendtheater sich bewegen kann.

Die Spielfläche ist in Schwarzlicht getaucht. Die Requisiten hängen im Halbkreis von der Decke und begrenzen die Aktionsfläche. Acht Jugendliche liegen als Knäuel auf dem Boden. Zur Sarabande von Händel erhebt sich einer nach dem anderem und wedelt mit einer Mullbinde. Diese Requisite wird das verbindende Element in diesem Stück. Entwirrt dreht jeder mit weit ausholenden Bewegungen seine Runden über die Spielfläche.

So abstrakt beginnt "frei.drehen", der Beitrag des Theaterjugendclub Rudolstadt. Kafkaesk wird es, als  eine Schauspielerin die Zitate mütterlicher Überforderung und Vereinsamung in das Publikum schreit. Damit steigt der Wiedererkennungswert  rapide. Überhaupt geht es im Werk der Gäste vor allem um Alltagserfahrungen, Enttäuschung und Verarbeitung.  Also bestens geeignet für ein Studiotheater. Das Kammerspiel der sieben Darstellerinnen und Victor Gluschkov als einzige männlicher Akteur erweist sich dabei als erstaunlich intensiv.

Manchmal gibt es auch Körperkontakt.
Alle Fotos: B. Susemihl
"frei.drehen" ist in einzelne Sketche aufgeteilt. Aus der Gruppe tritt ein Mitglied heraus, nimmt eine der Requisiten und erzählt von seinen Schwierigkeiten, vom Alkohol, vom Stress in der Schule, vom Druck der Gruppe, vom Mobbing, vom Kampf um Anerkennung, von den Erwartungen der Eltern. Meist starren die anderen Ensemblemitglieder dann rückwärts gewandt in das Dunkel der Hinterbühne. Nur selten kommt es zu Interaktion und Berührungen. Die Freiheit des "frei.drehen" ist vor allem die Einsamkeit.

Diese Einsamkeit ist vor allem ein Allein gelassen werden. Dies bekommt bedrückende Gewissheit in der Babysitter-Szene. Eine Schauspielerin spricht mit einem Kissen, als wäre es der kleine Bruder. Sie wiegt die Requisite als wäre es ein kleines Kind. Doch dieses Kind hört nicht auf zu Schreien. Es will sich nicht beruhigen. Die Szene eskaliert, als das Mädchen das Kissen auf den Boden schleudert und darauf herumtrampelnd. Sie schreit ins Publikum hinein "Immer lasst ihr uns allein. Warum? Warum?"

Keine der Figuren trägt einen eigenen Namen. Es gibt keine Biografie. Damit erhebt "Frei.Drehen" Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Inwieweit dieser erfüllt ist, dass muss jeder Zuschauer mit sich selbst klären.

"Pflicht oder Wahrheit" vom Theaterjugendclub Nordhausen wirkt wie ein Gegenentwurf. Es gibt einen Handlungsstrang, eine klare Rollenverteilung und Namen. Dennoch ist auch dieser Ausflug in die  jugendliche Welt nicht weniger eindrucksvoll. Schließlich geht es um Beziehungen und Verquickung in einer Gruppe, die tödlich enden werden.

Die Handlung erfolgt auf zwei Zeitebenen. Die Geschichte eines Mords wird in der Jetzt-Zeit erzählt, die Erklärung der Ereignisse erfolgt aus der Retrospektive. Von der dunklen Spielfläche treten einzelne Akteure nach vorn ins Spotlight. Sie nennen ihren Namen und erläutern warum sie bei der Halloween-Party waren, die so tragisch endete.

Das Unglück beginnt mit einer Runde "Pflicht oder

Wahrheit".    Foto: B. Susemihl
Da gibt es die dominante Vic und Verena, die ihren Freund enger an sich binden will. Der ist aber heimlich in Isabell verliebt. Dann sind da noch die Mitläufer, die nur auf die Party gehen weil die anderen auch hingehen und da ist Ebby, die Außenseiterin. Sie geht hin in der Hoffnung, ihre Beziehung zur Gruppe zu verbessern. Am Ende wird sie das Mordopfer sein.

"Pflicht oder Wahrheit" zeigt ein Stück aus der jugendlichen Realität, aber wo der Theaterjugendclub Rudolstadt auf Abstraktion bevorzugt, setzt Nordhausen auf das beispielhafte Handeln. Nach der Vorstellung der Handelnden wird die Geschichte in kurzen Szenen vorgetragen. Die Einleitung macht  immer unterbrochen von den Soli vor dunkler Spielfläche.

Dann stehen die Jugendlichen wieder im Scheinwerferlicht und Antworten auf die Fragen eines Polizisten aus dem Off. Zu setzt sich das Kaleidoskop der Untat zusammen. Es ist nicht wichtig, wer der Täter war. Die Motive sind entscheidend, die Motive und die Folgen der Tat.

"Aus dem Koffer" vereint zwei Produktionen, die die Lebenssituation von Jugendlichen widerspiegelt. Sie tun dies auf sehr unterschiedliche Art und Weise und beide Lösungen sind gut.



Der Spielplan am Theater Nordhausen
Das Stück

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Viel Abwechslung mit nur einem Instrument

Vier Cellisten beim Kammerkonzert im Kunsthaus Wer Piazzolla spielt, kann kein schlechter Mensch sein. Schon gar nicht, wenn´s gleich zweimal Piazzolla ist. Bis es soweit ist, darf das Publikum einige andere Highlights beim Kammerkonzert der vier Cellisten im Kunsthaus Meyenburg erleben. Das Programm ist zweigeteilt. Vor der Pause gibt es bedächtige Romantik, nach der Pause wird es rhythmusbetont. Kein Grund zur Besorgnis: Das Cello schafft das schon. Das Instrument und das Ensemble bringen dafür ausreichend Potential mit. Erst klassisch, .... Den Auftakt macht Joseph Haydn und sein "Divertimento in D-Dur". Dies hat er einst für eben die Besetzung des Abends geschrieben, für vier Celli. Im zweiten Satz ist das Quartett das erste Mal gefordert. Das Allegro di molto verlangt ein präzises Zusammenspiel, damit der Dialog der Instrument funktioniert und er funktioniert. Im Allegretto des anschließenden Menuetts zeigt Sebastian Hennemann, dass ein Cello tanzen und hüpfen kann...

Eine Inszenierung auf Tratsch-Niveau

 Im DT Göttingen bleibt "Der junge Mann" an der Oberfläche Zu viel Narrativ, zu wenig Analyse. Die Inszenierung von Jette Büshel leidet an Oberflächlichkeit. Die Figuren werden nicht ausgelotet. Deswegen war die Premiere von "Der junge Mann" am 3. November zwar unterhaltsam, ging aber nicht unter die Haut. Das ist schade für das Ein-Personen-Stück auf der Studio-Bühne. In der autofiktionalen Erzählung "Der junge Mann" berichtet Annie Ernaux von ihrer zurückliegenden Beziehung zu einem 30 Jahre jüngeren Mann. Das Buch liegt seit dem Frühjahr in deutscher Übersetzung vor und postwenden haben Jette Büshel und Michael Letmathe ein Stück für das DT Göttingen draus gemacht. Strube bereit zur Berichterstattung. Alle Fotos: Lenja Kempf/DT GÖ Der erste Ansatz verpufft gleich. Seit der Ehe von Brigitte Trogneux und Emmanuel Macron haben Beziehungen zwischen älteren Frauen und jungen Männer so gar nix skandalöses mehr an sich. Auch das Duo Klum-Kaulitz hat null S...

Turandot vergibt jede Menge Chancen

 Puccini-Oper wirkt wie Schülertheater Es bleibt dabei. Mit der Oper "Turandot" setzt das Theater Nordhausen den Reigen der belanglosen Aufführungen fort. Dabei bietet doch gerade dieses Werk von Puccini dutzendweise Anknüpfungspunkte zur Jetztzeit. Stattdessen serviert Benjamin Prins eine Ausstattungsoper, der man den Staub von hundert Jahren anmerkt. Puccini gilt als der letzte Vertreter des Verismo, also der italienischen Operntradition, auf der Bühne die gesellschaftliche Realität abzubilden. Aber auch er musste seine "Turandot" in die Vergangenheit und in ein fernes Land verlegen, um Kritik an der Gegenwart zu üben. Immerhin hatten zwei Jahre zuvor die Faschisten die Macht in Italien übernommen. Somit kann man König Timur durchaus als Abbild des entmachteten Viktor Emanuel III. betrachten kann. Nächste Parallele: Wie die Faschisten berufen sich die neuen Opernherrscher auf eine tausendjährige Tradition. Sohn und Vater können vorerst nicht zueinanderfinden.    ...