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Eine Oper, drei Pole

Verdis “Nabucco” am Theater Nordhausen

Wer sich in diesen Zeiten auf ein Stück mit religiösen Zwistigkeiten einlässt, der begibt sich auf ein schwieriges Parkett. Katharina Thoma hat sich mit Verdis Oper “Nabucco” auf dieses Wagnis eingelassen. Ihre Sicht auf die Geschichte um den assyrischen König überzeugt mit einer neuen Gewichtung der Akteure. Die Inszenierung am Theater Nordhausen stellt sowohl Traditionalisten und als auch Erneuerer mehr als zufrieden.

Nabucco hat die Israeliten be-
siegt. Alle Fotos: Tilmann Graner
In “Nabucco” hat Verdi  ist die Geschichte des historischen Königs Nebukadnezar, der sich zum Gott aufschwingt, tief fällt und doch noch die Wende zum Guten schafft, verarbeitet. Die Oper erzählt  auch vom Kampf der Israeliten gegen die babylonische Gefangenschaft. Für Verdis Zeitgenossen galt dies als Sinnbild der Auflehnung gegen die französische und österreichische Fremdherrschaft. So wurde der Gefangenen-Chor zur Hymne des italienischen Freiheitskampfs und ein Teil des kollektiven Musikgedächtnisses.

Für Verdi wurde diese Oper zum Triumph nach den Misserfolgen in Mailand und dem Tod seiner beiden Kinder und seiner Frau. “Nabucco”steht am Anfang seines produktivsten Phase. Dieser Bedeutung wird die Inszenierung von Katharina Thoma gerecht. Sie bewahrt das Erbe und schafft trotzdem den Verweis in die Gegenwart. Zudem liefert sie Erklärungsmöglichkeiten für die Persönlichkeiten im Machtkampf zwischen Nabucco und Abigaille.

Im Präludium, noch vor dem ersten Akt, erleben wir die Geschichte vor der Geschichte. Rein mit Pantomime erzählen Yoontaek Rhim, Paul Kroeger und drei Kinder aus der Statisterie vom gemeinsamen Aufwachsen der Fenema und der Abigaille. Wir werden Zeuge der Benachteiligung der Abigaille und wir werden Zeuge der Entführung des Prinzen Ismaele. Wir sehen wie die zarte Liebe zu Fenema entsteht und wie die Prinzessin den Gefangenen befreit und ihn in das umkämpfte Jerusalem begleitet. Dann setzt die bekannte Handlung ein

So öffnet Katharina Thoma eine neue Dimension. Abigaille will nicht nur Macht, sie will Genugtuung für jahrelange Demütigung. Die Erklärung für die Zukunft liegt in der Vergangenheit. Dies wird im zweiten Akt deutlich, als zur Arie “Anch’io dischiuso un giorno” die Schulbank aus vergangenen Tagen und das kindliche Alter Ego auf der Bühne auftauchen. Auch später taucht die Schulbank als Symbol der Demütigung wieder auf.  Die Zeichensprache von Katharina Thoma ist eindeutig. Dies gilt besonders im dritten Akte, als sie die Siegesparty der Abigaille von den hängenden Gärten Babylons in eine Loft verlegt.

Zwischenzeitlich sieht Abigaille wie die Siegerin
aus. 
Kränkung, Verzweiflung und Sehnsucht nach Anerkennung, all dies bringt Arona Bogdan hier zum Ausdruck. Aber sie beherrscht auch die Rolle des Racheengel. Zorn, Rachegelüste und kalter Plan liegen auch in diesem Sopran. Entsprechend den Idealen des Belcanto ist der Gesang der Abigaille mit Koloraturen gepflastert. Arona Bogdan meistert sie alle. Dies zeigt sie bereits im ersten Akt, als sie von Fenena und Ismael die Freundschaft erfleht.

Ihr starker Gegenspieler ist Yoontaek Rhim in der Titelrolle. Als assyrischer König mit Hang zum Größenwahn liefert der Tenor seine beste Leistung in Nordhausen ab. Besonders sein Solo am Beginn des vierten Akts erzeugt Gäsenhaut. Gespenstisch tauchten die Figuren der Vergangenheit im Halbdunkel auf. Mit Rhim und Bogdan treffen in Nordhausen zwei Gegner auf Augenhöhe aufeinander. Der Gewinner ist das Publikum.

Die dritte treibende Kraft ist in dieser Inszenierung der Chor. Schon Verdi hatte dem Ensemble gegen die Gepflogenheit der Zeit diese tragende Rolle zugestanden. Der Opernchor Nordhausen unter der Einstudierung von Markus Popp erfüllt die Erwartungen zur Gänze. Mit dem Orchester bildet das Ensemble über weite Strecken eine Einheit.

Der Chor ist die dritte Kraft in dieser
Inszenierung.
Aber natürlich hat das Ensemble seinen stärksten Momente mit “Va pensiero sull’ ali dorate”, jenem weltbekannten Gefangenenchor im dritten Akt. Summend wird er von Florian Kontschak in der Rolle des Priester Zaccaria eingeleitet. Bevor die ersten Silben erklingen, summen alle mit: Solisten, Chor und Publikum. Dass das Ensemble hinter Bauzäunen eingesperrt ist wie die Flüchtlinge an den europäischen Grenzen, verstärkt den bleibenden Eindruck noch einmal.

Überhaupt arbeitet die Ausstattung von Sibylle Pfeiffer und Barbara Häusl stark mit Versatzstücken der Gegenwart. Die Truppen des assyrischen Königs sind gekleidet wie Terrormilizen, das Volk der Israeliten ähnelt den Flüchtlingen der Gegenwart.

Bestimmendes Element des Bühnenbildes ist die Kulisse auf Rollen. Eine Seit zeigt eine Mauer, die an das babylonische Ischtar-Tor erinnert, die andere Seite weckt Assoziationen zur Klagemauer. Die mobile Ausführung erlaubt schnelle Szenenwechsel, die der Inszenierung das Tempo der Gegenwart verleihen.

Der Verdienst von Katharina Thoma liegt bei dieser Aufführung darin, dass sie nicht im Historizismus stecken bleibt, sondern besonders nach der Pause die Parallelen zur Gegenwart deutlich herausarbeitet. Nabucco landet nach seiner Entmachtung nicht im Kerker, sondern ruhiggestellt auf der Krankenstation. Das babylonische System sind nicht mehr die einzigartigen hängenden Gärten sondern Cocktail-Partys, wie sie auf jeder zweiten Chefetage stattfinden. Damit ist der “Nabucco” am Theater Nordhausen eine zeitgemäße Interpretation, die die geschichtliche Grundlage nicht ignoriert.


Der Spielplan in Nordhausen
Das Stück

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