Direkt zum Hauptbereich

Keine falsche Scham

Theater für Niedersachsen begeister mit Puppenmusical

Sollten Waldorf und Statler eines Tages ein Musical schreiben, dann wird es  genau so aussehen und klingen. Am Sonntag zeigte das Theater für Niedersachsen (TfN) "Avenue Q" in der Stadthalle in Clausthal-Zellerfeld. Die Inszenierung von Intendant Jörg Gade untermauerte den Ruf des TfN als experimentierfreudiges Ensemble, das es versteht, anspruchsvolle Unterhaltung zu liefern.

Waldorf und Statler? Ach ja, die Logenbesetzer aus der Muppets-Show. Auch wenn die Puppen die Hauptrolle spielen, dieses Musical  ist alles andere als jugendfrei. Denn es um die Themen, die die Erwachsenen so bewegen: Sex, Geld, Beruf, Freundschaft, Einsamkeit, der Sinn des Lebens und Sex.

Brian (Alexander Prosek) und Kate Monster finden
es zu Kot....
  Foto: tok
Nach dem Examen ist Princeton arbeitslos. Auf der Suche nach einer Wohnung landet er in der Avenue Q. In deren billigen Absteigen leben Menschen und Puppen zusammen und jagen ihren Träumen nach. Hier tun sich ein wahres Panoptikum durch die Es sind die Gestrandeten wie Brian, der pointenfreie Komiker, oder Daniel Küblböck, der vergessene C-Promi, die in dieser Straße wohnen. Dann gibt es noch Chrismas Eve, die japanische Psychologin, die in einem China-Restaurant kellnern muss, Terry Monster, den Porno-Produzenten oder Rod, den Investmentbanker, der mit seinem Coming-Out hadert.

Mit "Avenue Q" landeten Robert Lopez, Jeff Whitty und Jeff Marx 2003 einen Überraschungserfolg. Das Musical schaffte den Sprung vom Off-Broadway an die Hauptstraße, heimste eine Reihe von Preisen und Auszeichnungen ein und wird am Off-Broadway immer noch gespielt. "Avenue Q" ist ein offener und schonungsloser Blick an die Ränder der Gesellschaft. Es geht um den amerikanische Traum vom permanenten Wohlstand und von Aufstieg. Der Traum ist zwar nicht tot aber doch schwer vergrippt. Und es geht um die Beziehungsneurosen von Großstädtern.

Alles ist verpackt in eine musikalische Mischung aus klassischen Broadway-Swing, Blues und Rockballaden. Gerade der Kontrast zwischen den überbordenden Bläser-Arrangements und der ausgefeilten Choreographie auf der sonnigen Seite und dem Ernst der Lage macht die trostlose Situation der Avenue-Bewohner deutlich. Dazu steht auch das Puppenhaus-Ambiente des Bühnenbildes von Hannes Neumaier  im belebenden Widerspruch zum Text.

Sandra Pangl und Tim Müller haben ihre Figuren
gut im Griff. 
Dabei geht es von Anfang derb und zielsicher zur Sache. In "Es ist zum Kotzen" swingen sich Brian und Kate Monster gegenseitig ihre Sorgen und Nöte zu und das ist erst der Auftakt.

Das Miteinander von Menschen und Puppen funktioniert wunderbar. Man könnte fast die strapazierte Redewendung "auf Augenhöhe" überdehnen. Besonders Sandra Pangl als Puppenführer der Kate Monster hebt die Statik des Genres auf. Sie scheint eins zu werden mit ihrer Figur.

Mit der Auswahl von "Avenue Q" ist Jörg Gade ein Glücksgriff gelungen. Es ist ein Musical, das sich ohne falsche Scham de Nöte und Hoffnungen von echten Mitmenschen und Mitpuppen auf die Bühne bringt. Mit Muppets Show hat es wenig zu tun. Mit der Inszenierung hat Jörg Gade wieder einmal den Ruf des TfN als experimentierfreudige Bühne bestätigt.



Das Stück in der Selbstdarstellung
Der Spielplan im TfN

Die Auszeichnungen für Avenue Q


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck. Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten. In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück. Nicht nur inhaltlich auch stilistisc...

Endlich ist Korruption gleichberechtigt

Premiere auf dem schmalen Grat: Gogols Revisor im Deutschen Theater Göttingen Um mal ins Olympia-Sprech zu verfallen: Die Premiere von "Der Revisor" am 14. Februar im DT Göttingen war eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine beeindruckende Perfomance. Alle Beteiligten waren auf den Punkt top-fit. Deswegen geht die Gold-Medaille zu recht an die Equipe von Regisseurin Ulrike Arnold. Raffgier ist ein ständiger Begleiter Die Vorlage des russischen Dramatikers Nikolai Gogol ist fast 200 Jahre alt. Doch die Inszenierung am DT Göttingen hat gezeigt, dass ihre Themen und ihre Akteure immer noch sind. Ein Stück zeitlos zu machen, indem man die treibenden Kräfte bloßlegt und aktuell hält, dass ist die hohe Kunst des Theater und das ist in dieser Aufführung durchweg. Dann auch noch mit einer Komödie, da doch Humor sehr zeitgebunden ist. Als falscher Revisor hat Marco Matthes (Mitte) leichtes Spiel mit den Provinzpromis.  Alle Fotos: DT Göttingen    Diese Kunststück ...

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...