Direkt zum Hauptbereich

Ein Yeti in Afrika

Impro-Theater mit Acker Nordhausen

Im Improvisationstheater hat Konjunktur. Warum, das zeigte die Premiere von "Acker Nordhausen" im Theater unterm Dach. Auf jeden Fall war die Premiere am Sonnabend ein voller Erfolg.

Wie schreibt man eine Kritik zu einer Vorstellung, die einmalig ist, die es so nie wieder geben wird? Am besten wohl gar nicht. Oder man beschränkt sich auf eine Schilderung dessen, was ImproTheater, wie die Eingeweihten sagen, so ausmacht und worin für den Zuschauer und für die Zuschauerin der Reiz besteht.

Also vorweg, keine Vorstellung ist reproduzierbar.  Das liegt daran, dass  das Publikum ein wichtiger Teil ist. Ach ja, das Publikum. Es ist der Motor der Veranstaltung. Nein, nicht der Motor sondern eher die Gangschaltung. Es legt per Akklamation die  und die Akteure fest. Damit nimmt es Einfluss auf das Tempo, ohne aber zu wissen, wohin die Reise geht. Damit sind die Grenzen zwischen Darstellern und Zuschauern aufgehoben.

Auf geht's, Acker Nordhausen.
Foto: TNLos Drobi
Wie unwahrscheinlich es ist, dass dieselben Leute dieselben Zwischenrufe in derselben Reihenfolge zweimal machen, darüber kann nur der zweitgrößte jemals gebaute Computer aus dem "Hitchhicker's Guide to the Galaxy" spekulieren. Damit ist eine Premiere und jeder weitere Auftritte ganz dem Hier und Jetzt verhaftet. So weit so gut.

Dann ist da noch das Lenkrad und das heißt an diesem Abend Christian Georg Fuchs. Er erläutert die Vorgehensweise, siedelt sich irgendwo zwischen Animateur und Referee an und achtet darauf, dass die "Fünf, vier, drei, zwei, eins, Klatsch und los geht es"-Regel auch eingehalten wird. Er gibt die Rahmenbedingungen vor, ob Dialog, Triplette und Vierer-Gespräch. Ganz so frei ist das Spiel dann doch nicht. Aus den Zurufen des Publikums wählt er aus.

Er bleibt aber ernst und glänzt mit trockenen Humor und ein wenig Ironie. Schließlich hat sich ja die Fan-Base auf die Tribüne geschlichen und die muss ausgebremst. Damit baut Christian Georg Fuchs einen netten Kontrast zum überdrehten Ambiente an diesem Abend. So in etwa funktioniert auch das Animationsprogramm auf einem Ausflugsdampfer.

Ach ja, dann sind da ja auch noch die Darsteller: Zehn Jugendliche aus dem Theaterjugendclub. Erstaunlicherweise gibt es ein männliches Übergewicht. Jeder und jede bekommt eine Nummer und wird dadurch zum ausführenden Organ.

Also, nach all diesen theoretischen Erwägungen, Analogien und Vergleichen, nun zur Praxis: Es macht einfach Spaß.

Im Laufe des Abends bevölkern ein wahres Panoptikum die Bühne im Theater unterm Dach und egal, wer auftritt, es sind fast nur Situationen am Rande des Merkwürdigen. Es ist nicht immer brüllend komisch. Es gibt Piloten und Stewardessen und auch ein afrikanischer Yeti spielt eine kleine Rolle.

Das ist nicht die Aufstellung der üblichen Ver-
dächtigen sonder der Akteure.    Foto: Drobi
Vieles entspringt der reinen Fantasie und in einigen Beipsilen spiegelt sich auch überdrehte Alltagserfahrung mit. Trotzdem ist es bewundernswert, mit welcher Geschwindigkeit die Darstellerinnen und Darsteller eine skurrile Situation an die andere Reihe.

Das klappt nicht bei jeder Aufgabe gleich gut, manchmal stockt das Spiel und ringen die Akteure sichtbar um den nächsten witzigen Einfall. Es ist halt Theaterjugendclub. Aber dennoch spricht es für die exzellente Arbeit, denn nichts verlangt so viel Vorbereitung wie die Spontanität.

Welche Tücken dieses Model haben kann, zeigt sich aber auch. Aus dem sicheren Dunkel heraus fordern die Zuschauer eine Szene mit einem Drogendealer. Die vier Jugendlichen haben sichtbare Bauchschmerzen mit dieser Szene und nehmen die Herausforderung an. Das Ergebnis ist dementsprechend nur bedingt witzig.

Aber das ist der einzige Hänger an diesem Abend. Spaß haben aber alle. A
lso bleibt zu hoffen, dass es noch viele Abende mit Acker Nordhausen geben wird.




Material #1: Der Theaterjugendclub
Material #2: Acker Nordhausen
Material #3: Spielplan am Theater Nordhausen




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck. Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten. In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück. Nicht nur inhaltlich auch stilistisc...

Endlich ist Korruption gleichberechtigt

Premiere auf dem schmalen Grat: Gogols Revisor im Deutschen Theater Göttingen Um mal ins Olympia-Sprech zu verfallen: Die Premiere von "Der Revisor" am 14. Februar im DT Göttingen war eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine beeindruckende Perfomance. Alle Beteiligten waren auf den Punkt top-fit. Deswegen geht die Gold-Medaille zu recht an die Equipe von Regisseurin Ulrike Arnold. Raffgier ist ein ständiger Begleiter Die Vorlage des russischen Dramatikers Nikolai Gogol ist fast 200 Jahre alt. Doch die Inszenierung am DT Göttingen hat gezeigt, dass ihre Themen und ihre Akteure immer noch sind. Ein Stück zeitlos zu machen, indem man die treibenden Kräfte bloßlegt und aktuell hält, dass ist die hohe Kunst des Theater und das ist in dieser Aufführung durchweg. Dann auch noch mit einer Komödie, da doch Humor sehr zeitgebunden ist. Als falscher Revisor hat Marco Matthes (Mitte) leichtes Spiel mit den Provinzpromis.  Alle Fotos: DT Göttingen    Diese Kunststück ...

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...