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Turandot vergibt jede Menge Chancen

 Puccini-Oper wirkt wie Schülertheater

Es bleibt dabei. Mit der Oper "Turandot" setzt das Theater Nordhausen den Reigen der belanglosen Aufführungen fort. Dabei bietet doch gerade dieses Werk von Puccini dutzendweise Anknüpfungspunkte zur Jetztzeit. Stattdessen serviert Benjamin Prins eine Ausstattungsoper, der man den Staub von hundert Jahren anmerkt.

Puccini gilt als der letzte Vertreter des Verismo, also der italienischen Operntradition, auf der Bühne die gesellschaftliche Realität abzubilden. Aber auch er musste seine "Turandot" in die Vergangenheit und in ein fernes Land verlegen, um Kritik an der Gegenwart zu üben. Immerhin hatten zwei Jahre zuvor die Faschisten die Macht in Italien übernommen.

Somit kann man König Timur durchaus als Abbild des entmachteten Viktor Emanuel III. betrachten kann. Nächste Parallele: Wie die Faschisten berufen sich die neuen Opernherrscher auf eine tausendjährige Tradition.

Sohn und Vater können vorerst nicht
zueinanderfinden.        Alle Fotos: TNLos 
Als der neue Frauentypus der 1920er Jahre kehrt Turandot die Machtverhältnisse um. Als gewalttätige Feministin spricht sie von sexueller Selbstbestimmung und umgekehrten Geschlechterverhältnissen. Das hat Puccini so plakativ in seine Oper geschrieben, dass man wenigstens nicht übersehen kann. Dass Prinz Calaf am Ende mittel sexuellen Übergriffen einfach so und kommentarlos obsiegt, das verwundert schon.  

Daneben bietet das Werk noch einige Ansätze, um die Brücke in die Gegenwart zu schlagen, um deutlich zu machen, dass vieles, was uns heute Sorgen bereitet, schon in der Vergangenheit angelegt war. Stattdessen präsentieren die Schlossfestspiel eine historisierende Inszenierung, die in ihrer Harmlosigkeit bald schon ein Roll back ist. 

Benjamin Prins hat sich für die Schlussversion von Franco Alfano entschieden. Dort werden man Ende die alten Verhältnisse wiederhergestellt. Arturo Toscanini und Luciano Berio hatten andere Versionen für das unvollendete Werk aufgezeigt. 

Schon das Bühnenbild macht es deutlich. So viel Augsburger Puppenkiste gab es in Sondershausen nie. Die Bühne wirkt wie eine Szene aus "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Frau Mahlzahn ist besiegt und liegt im Hintergrund als der goldene Drache der Weisheit. Als im Schlosshof dieser Drache auch noch anfängt zu blinken, zu rauchen und zu sprechen, ist die Grenze zwischen Kitsch und Satire erreicht.

Gleiches gilt für die Kostüme. Anstatt die Anknüpfung an die Gegenwart zu suchen, verbleibt die  Ausstattung in einer Vergangenheit, die es so nicht gab. Die Palastwache und das Volk von Peking wirken streckenweise wie Mummenschanz.

Das Ensemble rettet die Inszenierung

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Leistungen des Ensembles. Kyounghan Seo in der Rolle des Prinzen Calaf hat eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Seine stimmlichen Fähigkeiten hat er um ein beeindruckendes Repertoire an schauspielerischen Fähigkeiten erweitert. Er trifft nicht nur den richtigen Ton, er hat auch immer die die passende Geste und Mimik parat. Als Kraftpaket bildet er den Gegenpol zu Hye Won Nam als Turandot. 

Chaplins Brüder im Geiste. Alle Fotos: TNLos
Durch Kostüm und Maske begrenzt, begeistert sie aber mehrfach mit tollen Koloraturen. Mariya Taniguchi in der Rolle der Sklavin Liú liefert das Kontrastprogramm mit butterweichen Arien voller Gefühl. Senn sie nicht immer in gebeugter Haltung singen müsste, würden die noch ein wenig an Strahlkraft gewinnen.

Mit dem Pathos hat es Puccini bei seiner Turandot zu gut gemeint. Da kommen Ping, Pong und Pang als Antidot genau richtig. In den Rollen des Kanzlers, Marschalls und Küchenchef geben Florian Tavic, Jasper Sung und Marian Ka

lus der Inszenierung den Schwung, der ihr in den ersten dreißig Minuten fehlt. Ihr chaplinesken Auftritte geben der Aufführung das surreale Moment, dass die Inszenierung unbedingt braucht. Die drei Herren haben Spaß am Gesang und am Spiel und können diesen auch ans Publikum weiterreichen. 

      

   

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