Montag, 12. Dezember 2016

Auf alle Fälle stimmungsvoll

Das Erzgebirgsensemble zeigt seine Version der Weihnachtszeit

Sie haben es wirklich getan. Sie haben das Leder vor dem Arsch bei der Nacht getragen. Leder, Arsch, Nacht? Na, das Steigerlied: "Und wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht und saufen ....". Auf jeden Fall gab es in 33 Jahren Kreuzgangkonzerte selten so viele Folklore im Kloster Walkenried. Am Samstag zeigte das  Erzgebirgsensemble seine Sicht auf Weihnachten und traf damit den Nerv des Publikums.

Auf jeden Fall besteigt das Ensemble die Bühne in der Paradetracht eines Bergmanns aus dem Erzgebirge und dazu gehört nun mal das Leder am Gesäß. Dieser Anblick ist für ein Podium, auf dem sonst Fliege, Frack und Großes Schwarzes dominieren, ungewohnt und gewöhungsbedürftig. Aber das Publikum weiß ja, worauf es sich eingelassen hat.

Der Rotlicht-Bezirk: Der Kreuzgang in
Weihnachtsbeleuchtung.  Fotos: tok.
Das Konzert beginnt mit dem Geläut der Fundgrube "Weißer Hirsch". Das kommt vom Band und an diesem Abend wird es noch mehr Playback und Halb-Playback geben, auf einer Bühne, auf der sonst Livemusik dominiert.

Doch dann gibt es Livemusik. "Kummt Bargbrüder, fahrn mer aus", dreistimmiger Männergesang im Wechsel mit Bläserbegleitung, durchaus auf hohen Niveau. Ein Tenor und zwei Baritons, durchaus meditativ und stimmungsvoll, das zwingt durchaus zum Zuhören und gibt die Möglichkeit zum Schwelgen.

Schon hier setzt die grundsätzliche Überlegung ein. Warum schafft es der "Canto a Tenore" aus Sardinien ins Feuilleton und die Volksmusik aus dem Erzgebirge es nur auf die Lokalseiten? Eigentlich ist doch beides für die meisten gleichermaßen fremd, getrennt durch Raum und Zeit.

Es ist eine untergegangene Welt, die die zwölf Musiker und später die vier Tänzer dort präsentieren. Der Bergbau im Erzgebirge hat noch früher als sein Harzer Cousin sein Leben ausgehaucht. Doch eine 500jährige Tradition, die eine ganze Landschaft und seine Bewohner geprägt hat, die hat offensichtlich ein gehöriges Maß Beharrungsvermögen.

Das beste an untergegangenen Traditionen ist aber die Tatsache, dass sie sich wunderbar als Projektionsfläche eignen. Denn wenn man sich durchs Programm blättert, stellt man fest, dass der größte der Werke entstand, als der erzgebirgische Bergbau sich im Endstadium befand oder eben danach.  Die Vergangenheit oder was man dafür hält, um eine Sinngemeinschaft zumindest für zwei Stunden zu simulieren. Nicht zuletzt deswegen erlebt Volksmusik und was man dafür hält in den letzten zwanzig Jahren eine permanente Renaissance.

Russische Hörner haben einen ganz
eigenen archaischen Klang
Doch Orchesterleiter Steffen Kindt macht in seinem Erläuterungen schon deutlich, dass das Leben im Erzgebirge und im Bergbau vor allem von harter Arbeit und von Armut geprägt war. So ehrlich ist das Erzgebirgsensemble immerhin. In der Not wurden Fertigkeiten geboren, die zur Tugend erkoren wurden und so die Zwangslage überdauerten. Im Erzgebirge war das Klöppeln und im Eichsfeld eben die Stracke.

Natürlich hat Kindt nicht vergessen, die Akustik und die Einmaligkeit des Aufführungsortes zu loben. Einschmeicheln nennt man das auf Hochdeutsch. Die abgestandenen Scherze über Ost- und Westdeutsche nimmt ihm keiner mehr übel.

Schnitt. Nach der Volksmusik kommt die Hochkultur oder was sich dafür hält die Bläser spielen die die Sonate Nr. 2 von Johannes Pezelius, einen handwerklich ordentlichen Stück Barockmusik. Zum Zusammenhang von Barock, Bläser und Weihnachten sollte man zurückblättern, hier dürfte der Zusammenhang ledíglich darin bestehen, dass Pezelius im Erzgebirge lebte und wirkte. Zum Abschluss gibt es dann noch einmal Barock mit Händel.

Es folgen zwei Mettenschichten, einmal die Kuttengrüne von Merkel und einmal die Mettenschicht im Schindlerschacht. Eine Mettenschicht war die letzte Schicht im Schacht und dem entsprechend ist die Musik getragen und wehmütig. Das Akkordeon jammert ein wenig und dreistimmige Gesang entfaltet seine hypnotische Wirkung. Doch erst die russischen Hörner versetzen das Publikum in andächtiges Lauschen. Es ist ein archaischer Klang, es sind Töne von ganz unten aus der Seele oder aus der Tiefe des Bergs. Mindestens genauso faszinierend wie der bereits erwähnte "Canto a Tenore". Die Weihnachtsstimmung ist perfekt.

Die Weihnachtsstimmung ist perfekt und wird doch gleich gestört. "Wenn es im Erzgebirge Dezember wird" kommt im Schunkelmodus daher und ist eindeutig ein Schlager. Ja, die Grenzen zwischen den Genres verwischen an diesem Abend, Barock, Volksmusik und Schlager gesellen sich zueinander, Hauptsache, es dient der guten Sache, der Herstellung von weihnachtlicher Stimmung. Vor der Pause wird es gleich noch einen Schlager geben zum Halb-Playback vom Band.

Manchmal sieht es im Kreuzgang aus wie unter Tage.
Es ist eben ein Konzert und keine ethnologische Fachtagung. Es ist nichts für Puristen, die bleiben besser auf Fachtagungen oder vor ihrem Plattenschrank hocken.

Volksmusik wurde immer von außen beeinflusst. Sie hat sich immer verändert und Tradition ist, was man draus macht.  Man denke nur an die zahlreichen Deformationen, die dieses Genre durch die Okkupation der Romantiker erfahren hat. Die huldvolle Innerlichkeit ist geblieben, nur musikalisch geht es jetzt eben zum Viervierteltakt, unterlegt mit einem satten Keyboardsound.

Aber immerhin sind dies nur kurze Intermezzi und mit zwei Zithersoli behauptet die Volksmusik wieder ihre Vormachtstellung an diesem Abend. Aber wie gesagt, es ist eine Volksmusik, die gewissermaßen auf dem Reißbrett entstanden ist. Einzige Volksweise an diesem Abend ist das "Heiligobndlied" in der Bearbeitung von Amalie von Elterlein. Dargebracht in Erzgebirgisch könnten die Sänger auch in einem sardischen Dialekt singen, man würde genauso viel verstehen. Ums Verstehen geht es auch gar nicht. Fühlen soll man und dazu braucht es keine Untertitel.

Es ist eben keine ethnologische Fachtagung und trotzdem stellt man sich die Frage: Wo fängt die Tradition? Ist sie zu mehr zu gebrauchen als für zwei Stunden Weihnachtsgefühl? Auf jeden Fall sitzen im ausverkauften Kreuzgang jede Menge Menschen, die ihre Antwort darauf gefunden haben. Denn man kann so viel Schurwolle tragen wie man will, zum Schäfer auf Sardinien mutiert man deswegen doch noch lange nicht. Da ist ein Ausflug zu den Cousins und Cousinen ins Erzgebirge ehrlicher.

Vor fünfhundert Jahren haben Bergleute aus dem Erzgebirge den Bergbau im Harz reanimiert und das Weltkulturerbe begründet. Nun haben sie ihre musikalische Visitenkarten hinterlassen. Auch wenn sie das Leder vor dem Arsch bei der Nacht getragen haben, so ist doch klar, dass dieses Leder nie wirklich unter Tage war. Aber das Steigerlied, das haben sie dann doch noch gespielt und die Herzen der Ehrenbergleute gerührt.



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