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Der Charme des Unperfekten

Der Theaterjugendclub ging mit den Papierpiraten auf große Fahrt

Der härteste aller Kritiker und sein schreibender Vater waren wieder auf Reise. Sie führte nach Nordhausen ins Theater unterm Dach. Die Junioren des Theaterjugendclubs hat zur Premier der Papierpiraten eingeladen.

Mit dem Soundtrack aus dem "Fluch der Karibik" begann die letzte Inszenierung des Theaterjugendclubs in dieser Saison pompös. Aber die großen Erwartungen werden gleich wieder gebrochen, weil in der Bühnenmitte ein Schattenspiel der robusten Art abläuft.

Es ist dieser Zauber des Selbstgemachten, des Unperfekten, den den Charme der "Papierpiraten" ausmacht. Dadurch wirkt die Produktion authentisch, wirkt wie ein kindliches Spiel auf dem Dachboden. Aber erst zum Inhalt:

Capt'n McUnheil ist der furchterregende Piratenkapitän, der die schöne Clara entführen ließ. Clara zieht gemeinsam mit dem Schiffsjungen Tim den schiffsbrüchigen Klaas aus dem Wasser. Schiffskoch Pierre, Klaas und McUnheil sind alte Freunde, doch ein dunkles Geheimnis lastet auf ihrer Freundschaft. Die Meerjungfrau Diana könnte Licht in das Dunkel bringen, doch sie ist mindestens genauso verwirrt wie der weise Mann an Bord. Zudem läuft im Hintergrund noch eine Verschwörung.

Freundschaft und Meuterei und Säbelkämpfe, das
Stück hat 
alles, was Piraten brauchen. Foto: red
Da gibt es Freundschaft und Meuterei, die große Liebe und das Mobbing und eine Mutter, die noch über den Tod hinaus für die Tochter sorgt. Also, eigentlich alles, was eine Seeräubergeschichte in den letzten 150 Jahren so ausmacht. Aufgelöst haben Bianca Sue Henne und Daniela Zinner die herrlich überladene Handlung in einzelne Stationen. Auch das jüngere Publikum kann die Szenen problemlos in den Zusammenhang einordnen.

Dabei bedienen sie sich vieler Mittel: Slapstick, Säbelkämpfe und Schattenspiele, Solo-Gesang und Tanz, einer Stimme aus dem Off und mit einem weisen alten Mann, Ukulele und Seemannslieder, Wortwitz und Ironie. Weil Seejunge Tim dann auch noch die Schüchternheit überwindet, ist es auch ein Mutmacherstück, eben ein Mutmacherstück mit 2 Overhead-Projektore. Einzig die Tanzszene mit dem schwankenden Schiff, die war dem härtesten aller Kritiker zu lang. "Da hätte man kürzen können", urteilte Tammo klar.

Das Premierenpublikum bedankte sich mit Szenenapplaus und echten Lachern für die eigenen Entführung auf eine hochromantische Reise in die Phantasie. Happy End inklusive und der Bösewicht bekommt auch sein Fett weg.

Ach, so der Titel. Das Falten von Papierschiffen spielt eine entscheidende Rolle und sechs Papierbahnen dienen als Projektionsfläche für die Schattenspiele. Aufgespannt wie Segel erweitern sie das Bühnenbild in die Vertikale.

Zum Abschluss gab es am Sonntag noch die Welturaufführung der Sonate für 14 Tageszeitungen in 4c im Berliner Format. Schade, dass der Spielplan nur 3 Vorstellungen vorsah. Der Harzer Kritiker und der härteste aller Kritiker wünschen dem Theaterjugendclub allzeit gute Fahrt und immer einer Handbreit Wasser unterm Kiel.

Der Theaterjugendclub
Die Papierpiraten


Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht

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