Direkt zum Hauptbereich

Schöner Sterben

Werkgetreue Carmen-Premiere eröffnet die Thüringer Schlossfestspiele

Liebe Leserinnen und Leser, sie können es ruhig zugeben. Seit Kati Witts goldgekrönten Auftritt in Calgary haben sie eine feste Vorstellung davon, wie Bizets Carmen zu verstehen ist. Temperamentvoll und schnell und zu Schluß wird dekorativ gestorben. Diese Erwartungen erfüllt die Inszenierung von Alfonso Romero Mora gänzlich. Damit erlebten die Schlossfestspiele am Freitag eine passenden Auftakt.

Die Uraufführung galt 1875 als Skandal. Dem Pariser Publikum war die Oper um die laszive Zigeunerin viel zu naturalistisch. Not, Elend, Verführung, Verbrechen und Verderben, das wollte damals niemand auf einer Oper-Bühne sehen und hören. Dennoch wurde das Werk zum erfolgreichsten Musiktheater der Welt.

Carmen ist der Mittelpunkt der Opernwelt.
Alle Fotos: Tillman Graner
Das liegt natürlich auch an der Musik von Georges Bizet. Der Franzose schaffte es die Exotik des spanischen Südens und die Musik der Roma und Sinti mit der Spätromantik zu verbinden. Der Zauber Andalusiens war auf einmal in den mitteleuropäischen Konzertsälen angekommen. Vielleicht ist Georges Bizet ja der Erfinder der Weltmusik. Die Kategorie Gassenhauer musste für "L'amour est un oiseau rebelle" und für "Toréador, en garde" erst erfunden werden.

Dieses musikalische Erbe setzt das Loh-Orchester unter der Leitung von Markus Frank detailgetreu fort.  Es hält sich zurück, wo Zurückhaltung geboten ist und es entwickelt Dynamik, wenn die Geschichte an Fahrt aufnimmt. Deutlich wird dies eindrucksvoll im 1. Akt bei der Revolte vor der Zigarrenfabrik.

Die Fährte der werktreuen Interpretation legte aber Alfonso Romero Mora. Er sieht sich dem Naturalismus Bizet verpflichtet. Die Kostümierung macht deutlich, dass wir uns an diesen Abend im späten 19. Jahrhundert befinden. Die Militärs tragen den Soldatenrock mit Säbel und Micaela, die Unschuld vom Lande, ist in hochgeschlossenen Rüschenkleid gewandet.

Don José ist dieser Frau hoff-
nungslos ausgeliefert.  
Dabei ist Carmen auch ein Stück über sexuelle Selbstbestimmung und über den Ausbruch aus traditionellen Rollen. Der muss natürlich im 19. Jahrhundert mit dem Theatertode bestraft werden. Aber 140 Jahr später könnte man diese Themen anders aufbereiten. Alfonso Romero Mora hat sich für eine herkömmliche Interpretation entschieden und das Premierenpublikum ist ihm dafür dankbar.

Gebrochen wird die traditionelle Aufführung durch das Bühnenbild. Ein überdimensionaler Frauenschuh als Showtreppe und eine beflügelte Stuhlpyramide bringen einen Hauch Dali, der aber unmotiviert wird. Mit dem Carmen-Motiv beschäftigte sich der spanische Surrealist erst 100 Jahre nach Bizets Uraufführung.

Erfrischend wirkt der Einsatz des Kinderchors. Noch vor der ersten Arie spiegelt hier Mora die kommende Geschichte mit kindlicher Naivität. Das erzeugt Vorfreude und Spannung.

Im Vergleich zur literarischen Vorlage von Prosper Merimeé ist die Oper schon weichgespült. Alles läuft auf Carmens Tod als Sühne für die fortschreitende Grenzüberschreitung hinaus. Die Oper konzentriert auf die Titelheldin. Sie ist die treibende Kraft. Mit Sarah Hudarew ist Mora hier eine glänzende Besetzung gelungen. Sie besitzt soviel Präsenz, dass sie eindeutig die Nummer eins in der Arena ist. Dazu hat ihr Mezzosopran an diesem Abend ein leichtes Timbre und eine Färbung, die den dunklen Abgrund hinter der Figur ahnen lassen.

Grujić und Schlecht (vorne) sind die Überraschung
des Premierenabends. 
So ist ihr Markus Francke als Don José ausgeliefert. Brav singt der Tenor seinen Part ohne Fehl und Tadel. Aber da ist nicht ein Funken von "Halb zog sie ihn, halb sank er hin", seine leichte und unbekümmerte Stimme steht für den ahnungslosen Jungen aus der baskischen Provinz.. Mora und Francke interpretieren Don José als Opfer einer Domina.

Die Überraschungen dieses verstecken sich in den Nebenrollen. Franz Xaver Schlecht nutzt die wenigen Auftritte als Leutnant Morales und lässt seinem energiegeladen Tenor freien Lauf. Der Soran von Tijana Grujić in der Rolle der Micaela steht dem in Nichts nach. Das Duett der beiden gehört zu den Höhepunkten der Premiere. Man kann nur wünschen, dass Grujić und Schlecht in Sondershausen oder auch in Nordhausen  häufiger zum Einsatz kommen.


Die Thüringer Schlossfestspiele in Sonderhausen
Die Inszenierung

Carmen - Die Oper
Carmen - Die Novelle 

Die Novelle auf der Bühne des DT Göttingen

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Viel Abwechslung mit nur einem Instrument

Vier Cellisten beim Kammerkonzert im Kunsthaus Wer Piazzolla spielt, kann kein schlechter Mensch sein. Schon gar nicht, wenn´s gleich zweimal Piazzolla ist. Bis es soweit ist, darf das Publikum einige andere Highlights beim Kammerkonzert der vier Cellisten im Kunsthaus Meyenburg erleben. Das Programm ist zweigeteilt. Vor der Pause gibt es bedächtige Romantik, nach der Pause wird es rhythmusbetont. Kein Grund zur Besorgnis: Das Cello schafft das schon. Das Instrument und das Ensemble bringen dafür ausreichend Potential mit. Erst klassisch, .... Den Auftakt macht Joseph Haydn und sein "Divertimento in D-Dur". Dies hat er einst für eben die Besetzung des Abends geschrieben, für vier Celli. Im zweiten Satz ist das Quartett das erste Mal gefordert. Das Allegro di molto verlangt ein präzises Zusammenspiel, damit der Dialog der Instrument funktioniert und er funktioniert. Im Allegretto des anschließenden Menuetts zeigt Sebastian Hennemann, dass ein Cello tanzen und hüpfen kann...

Eine Inszenierung auf Tratsch-Niveau

 Im DT Göttingen bleibt "Der junge Mann" an der Oberfläche Zu viel Narrativ, zu wenig Analyse. Die Inszenierung von Jette Büshel leidet an Oberflächlichkeit. Die Figuren werden nicht ausgelotet. Deswegen war die Premiere von "Der junge Mann" am 3. November zwar unterhaltsam, ging aber nicht unter die Haut. Das ist schade für das Ein-Personen-Stück auf der Studio-Bühne. In der autofiktionalen Erzählung "Der junge Mann" berichtet Annie Ernaux von ihrer zurückliegenden Beziehung zu einem 30 Jahre jüngeren Mann. Das Buch liegt seit dem Frühjahr in deutscher Übersetzung vor und postwenden haben Jette Büshel und Michael Letmathe ein Stück für das DT Göttingen draus gemacht. Strube bereit zur Berichterstattung. Alle Fotos: Lenja Kempf/DT GÖ Der erste Ansatz verpufft gleich. Seit der Ehe von Brigitte Trogneux und Emmanuel Macron haben Beziehungen zwischen älteren Frauen und jungen Männer so gar nix skandalöses mehr an sich. Auch das Duo Klum-Kaulitz hat null S...

Turandot vergibt jede Menge Chancen

 Puccini-Oper wirkt wie Schülertheater Es bleibt dabei. Mit der Oper "Turandot" setzt das Theater Nordhausen den Reigen der belanglosen Aufführungen fort. Dabei bietet doch gerade dieses Werk von Puccini dutzendweise Anknüpfungspunkte zur Jetztzeit. Stattdessen serviert Benjamin Prins eine Ausstattungsoper, der man den Staub von hundert Jahren anmerkt. Puccini gilt als der letzte Vertreter des Verismo, also der italienischen Operntradition, auf der Bühne die gesellschaftliche Realität abzubilden. Aber auch er musste seine "Turandot" in die Vergangenheit und in ein fernes Land verlegen, um Kritik an der Gegenwart zu üben. Immerhin hatten zwei Jahre zuvor die Faschisten die Macht in Italien übernommen. Somit kann man König Timur durchaus als Abbild des entmachteten Viktor Emanuel III. betrachten kann. Nächste Parallele: Wie die Faschisten berufen sich die neuen Opernherrscher auf eine tausendjährige Tradition. Sohn und Vater können vorerst nicht zueinanderfinden.    ...