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Gar nicht so heilig

Fette Hupe und das Junge Vokalensemble in der St. Sixti-Kirche

Also, jetzt mal Hand auf''s Herz. Wann haben Sie das letzte mal jemanden in einer Kirche steppen sehen? Wann haben Sie das letzte Mal zu Kirchenmusik mit den Füße gewippt und mit den Fingern geschnippt? Ich habe das am Sonntag in der St. Sixti-Kirche in Northeim gemacht, beim gemeinsamen Konzert der Big Band Fette Hupe und des Jungen Vokalensemblemes.

Das Gastspiel stand unter der Schirmherrschaft der Niedersächsischen Musiktage und deren Motto lautet in diesem Jahr "Abenteuer". Abenteuerlich war der Abend nicht, aber voll mit neuen Entdeckungen. Auf dem Programm standen Ausschnitte aus den drei Sacred Concerts von Duke Ellington. Diese gelten als ganz schwere Kost, aber Fette Hupe, die drei Gesangssolisten und der Chor machten daraus schmackhafte, delikate Sommermusik.

Ellington schrieb die drei Konzerte zwischen 1965 und 1973, als er aufgrund mehrere Krisen seine spirituelle Seite wieder entdeckte. Duke Ellington selbst hielt die Sacred Concerts für die besten seiner Werke. Sie waren Selbsttherapie und sind immer noch Ausdruck tiefster Gläubigkeit, die aber nicht in europäischer Innigkeit versinkt, sondern auf Lebensfreude auf baut. Genau dies konnten Fette Hupe, das Junge Vokalensemble und die Gesangssolisten auf ohrenberauschende Art und Weise umsetzen.

Chor und Big Band in St. Sixti. Alle Fotos: tok
Die Sacred Concerts gelten als schwer spielbar, weil sie Elemente der Klassik, der Romantik, des Impressionismus, des klassischen und modernen Jazzs, des Gospels und des Blues aufgreifen, verarbeiten und umarrangieren. Aber eben nicht stückchenweise, sondern meist gleich mehrfach in einem Song und wenn es sein muss auch parallel. Band und Chor müssen die Wechsel sauber hinbekommen und sie stehen häufig vor der Herausforderung sauber in der Parallelität zu laufen.

Das beste Beispiele ist "Almighty God". Den Einstieg macht Andreas Lang mit Bass-Läufen, die im Bebop zu Hause sind. Joachim Rust packt seinen Bariton gekonnt darüber, beide geben das Thema an die Horn Section weiter. Die verswingt es und dann packt Rust eine ordentliche Prise Blues dazu. Bevor der Chor klanggewaltig einsetzt, legt Franziska Kirchhoff noch Scat-Gesang darüber.

Die Spiritualität von Duke Ellington ist nicht in sich selbst versunken, sondern hörbar und auch sichtbar an diesem Abend. Bei "David danced" begeistert Felix Petry mit einem achtminütigen Stepp-Solo. Das Publikum antwortet mit Standing Ovations schon zur Pause. Also, jetzt mal Hand auf''s Herz. Wann haben Sie das zum letzten Mal in einer Kirche erlebt?

Mit Fette Hupe und Junges Vokalensemble hat sich eine Kombination gefunden, deren Teile bereit waren, von einander zu lernen. Während Klaus-Jürgen Etzold seinen Chor in mehr als 30 Jahren zum festen Bestandteil der Hannoverschen Musiklandschaft gemacht hat, ist Fette Hupe so etwas wie der Senkrechtstarter der norddeutschen Jazz-Szene. Jörn Marcussen-Wulf und Timo Warnecke haben seit der Gründung 2009 unterschiedliche Generationen und Charaktere zu einem einheitlichen Klangkörper geformt.

Das besondere an diesem Ensemble ist der transparente und strukturierte Sound, der alle Teile gleichwertig behandelt und erkennbar macht, Trotzdem bleibt die Dynamik erhalten und dies ist besonders bei diesem Werk gefordert. Ach so, der Namen. Hupe ist im Jazz-Slang das Spielen eines Solos auf einem Blechbläser und fett ist eben ein besonders gelungenes Solo.

Gary Winters kann ganz fett hupen.
Wie fett solch ein Solo sein kann, das zeigt Gary Winters beim Solo für Trompete und Pömpel in  "The Shepard" gleich viermal. Mal schreit die Trompete aus dem tiefen Tal, mal schleicht sie sich von hinten an, mal ächzt sie und zum Schluss jubiliert sie doch. Das ist am oberen Anschlag, Gary Winters macht Pein und Freude körperlich erfahrbar. Mehr geht nicht in der Musik

Mal klingt der Chor sakral, mal gospelt er, mal swingt er und den Blues hat er auch. Claudia Burghardt hat den Sängerinnen und Sängern innerhalb kurzer Zeit den Reichtum amerikanischer Musik beigebracht. Die ganze Vielfalt seines Könnens kann das Vokalensemble im "Freedom" zeigen. Das Stück verlangt den Sängerinnen und Sängern mit seinen Tempi-Wechseln alles ab. Das Ensemble meistert die Herausforderungen souverän und flutet das Kirchenschiff stimmgewaltig mit Wohlklang. Schwere Kost wird so zu appetitlicher, schmackhafter Sommermusik. .

Natürlich erklatscht sich das Publikum die geforderten Zugaben. Einziger Wermutstropfen: Das Konzert in St. Sixti war vorläufig das letzte Zusammenspiel in diesem Projekt. Erst im Frühjahr 2016 kommt die gemeinsame Sacred CD auf den Markt.


Die Big Band Fette Hupe
Das Junge Vokalensemble

Die Niedersächsischen Musiktage 2015

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