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Alles verschlingender Hass

Romeo und Julia im Deutschen Theater

2016 ist Shakespeare-Jahr. Schließlich starb der Überrvater des europäischen Theaters vor 400 Jahren. Das erklärt zum einen die Flut an Shakespeare Stücken in diesem Jahr. Wie gegenwartsbezogen seine Werke immer noch sind, dass zeigte die Premiere von “Romeo und Julia” am Samstag im Deutschen Theater Göttingen. Liebe und Hass sind die zentralen Themen der Inszenierung von Dagmar Schlingmann.

Die berühmteste Liebesgeschichte der Welt hat seit seiner Uraufführung vor 420 Jahren viele Interpretationen und Adaptionen erfahren. Die “West Side Story” ist eine davon und deren Motive greift die Regisseurin auf, als zu Beginn fast das komplette Ensemble auf der Bühne steht und im wiegende und tänzelnden Schritt die Massenszene des Bernstein-Werks nachahmt.

Mercutio und Benvolio hängen ab. 
Alle Fotos: Thomas Aurin
Mit Körperlichkeit verarbeitet Schlingmann hier die Dramatik aus der Massenkeilerei de ersten Akts. Paul Wenning löst als Fürst Escalus löst die Szene mit einer Brandrede auf.  Damit bleibt die Aufführung vom Anfang bis zum Ende eng am Handlungsstrang, den Shakespeare vorgegeben hat. Das ist der besondere Clou,  die Inszenierung von Dagmar Schlingmann ist weitaus werktreuer als es auf den ersten Blick aussieht. Auch sprachlich bleibt sie der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel komplett verpflichtet, mit der Steckel den Wortwitz des Originals in die Gegenwart transponierte.

Die Interpretation von Dagmar Schlingmann weiß mit imposanten und eindrucksvollen Bildern zu beeindrucken, mit emotionalen Momenten zu berühen und mit einer Reihe von Einfällen und Ideen zu gefallen. Doch diese wirken manchmal zusammenhanglos. Warum versteckt sich Romeo zwischen den Zuschauern im Parkett.  Wo kommt dieses Bassin an der Bühnenrampe her und machen bringen die Videosequenzen auf dem Bühnenhintergrund?

Das Wasserbecken soll wohl für die Reinheit der jugendlichen Liebe stehen. Auch die Älteren, die reinen Gewissens sind, dürfen auch mal ihre Füße in das Wasser halten, halbrein gewissermaßen und dazu einen trendigen Live-Stream. Hip, aber nicht mehr und eine Straffung und Zuspitzung wäre erfrischender gewesen. Da helfen auch die Klamauk-Szenen in der Hochzeitsnacht nicht.

Romeo und Julia gehen kurz baden.
Beeindruckend ist das Bühnenbild von Sabine Mader. Dominiert wird es von zwei Schriftzügen im Disc-Look. Links Capulet, rechts Montague. Die Familienname sind nicht nur Fundament, sondern auch die Mühlsteine zwischen denen die Liebenden zerrieben werden. Bei voller Bühnenbeleuchtung entpuppt sich der Montague-Schriftzug als Aufzug, der im Laufe des Abends nicht nur als der berühmte Balkon dient, sondern noch vielfältige Auf und Abs erlebt.

Der Capulet-Schriftzug hingegen ist aus den Mauern der familiären Trutzburg herausgestanzt und markiert damit zugleich eine Grenze, die überwunden werden muss. Die Augenscheinlichkeit ist nicht zu übersehen.

Auf der anderen Seite begrenzt dieses Bühnenbild die Aktionsfläche der Darsteller auf einen recht engen Action-Slot. Aber, liebe Tina, von einer Schauspielverhinderung zu sprechen, dass kann man dann doch nicht.

Anton von Lucke blättert in der Titelrolle einige Seiten des jugendlichen Außenseiters auf. Er schwankt hin und her zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt und bedient damit die ganze Klaviatur der großen Gefühle. Er deutet auch hier wieder an, welche Potential in ihm steckt. Wenn er noch mehr mit der Stimme arbeitet, dann kann man sich auf einiges gefasst machen,

Felicitas Madi hat ihre Julia eher kindlich-naiv bis jugendlich-überschwäglich angelegt. Für Eltern und Dauerpubertierende besteht hier ein hoher Wiedererkennungswert. Das ist durchaus schlüssig, denn nur kurz zur Erinnerung: Julia Capulet ist zarte 14 Jahre alt, als sie erst die Liebe und dann der Tod ereilt.

Alles entlädt sich in der Fechtszene. 
Alle Fotos: Thomas Aurin
Der Gegenpol zu dieser jugendlich Unbescholtenheit ist Benedikt Kauff in der Rolle das Tybalt. Er ist der personifizierte Hass in vielen Varianten. Er ist der rasende Zorn auf dem Fest der Capulet, er ist der diabolische Hass am Ende des ersten Akts. Sein Spiel ist voller Körperlichkeit und seine negative Energie will sich nicht in bedeutungsschwangeren Messerritzereien erschöpfen. Der will nicht nur spielen und genau dies macht Kauff deutlich.

Diese angestaute Wut entlädt sich in einer grandiosen Fecht-Szene im dritten Akt. Hier hat Christian Ewald mehr als gute Arbeit geleistet. Die Szene ist roh, nackt, brutal, testosterongeladen und damit immer noch aktuell. Zu diese Szene weckt noch einmal Erinnerungen die “West Side Story”.

In abgeschwächter Form machen Frederik Schmidt und Gerhard Zinck ihre diametrale Aufgabe deutlich. Der erste will als Romeos Freund Benvolio, den Familienstreit mit Ruhe und Verstand kontrollieren. Der zweite treibt als Mercutio den Konflikt voran und auf die Spitze. In dieser Kombination wirken Benvolio und Mercutio aber nicht als Gegensätze, sondern als die zweiten Seiten des Adoleszenz. Damit hat Dagmar Schlingmann Shakespeares Tragödie zu einer Geschichte des Erwachsenwerdens gemacht. Es geht nicht nur uralte Konflikte. Es geht auch darum, ob man in den Schützengräben des Familienkriegs überleben könnte.


Der Spielplan

Romeo und Julia bei wikipedia

Romeo und Julia am TfN

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