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Der Ikarus der Humangenetik

Friedel verknüpft Schubert mit den großen Themen des Lebens

Das Leben, der Tod und der ganze Rest vom menschlichen Universum. In seinem "Schwanengesang" verknüpft Christian Friedel die Musik von Franz Schubert mit Elektro-Beats, Schauspiel und Tanz. Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Mensch seinem tödlichem Schicksal nicht entrinnen kann. bis dahin zeigt sich das Stück als gelungene Revue.

Die Vorstellung beginnt weit vor dem ersten Vorhang. Im DT-Bistro verwehrt ein Absperrband den Zutritt zum Obergeschoss. Angeblich tagt hier eine Gesellschaft für Humangenetik. doch es entpuppt als Teil der Inszenierung.

Florian Eppinger begrüsst das Publikum, als wäre es Teilnehmer eben dieser Tagung. Als Dr. Bottmann will er einen Überblick über den Stand, die Entwicklung und die Zukunft der Gen-Technik geben. Ein Wissenschaftler allein auf leerer Bühne gleich am Anfang eines Welterklärstücks. Das erinnert ein wenig an Goethes Faust.

Glückliche Zeiten waren das in den 70-ern.
Alle Fotos: DT
Er spricht über seine Motive, sich dieser Genetik zu widmen und diese sind recht persönlich. Der frühe Herztod der Mutter und dieselbe Erkrankung beim Bruder. Das kann man durchaus unprofessionell nennen. Aber scheint besessen von der Angst vor der Krankheit. Allmachtsfantasien beflügeln ihn. Im Nano-Kosmos der Gene ist er auf der Suche, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält

Eingeklemmte Schultern und gepresste Intonierung, Florian Eppinger gelingt hier in wenigen Minuten das Portrait eines Mannes, der bei genauer Betrachtung einer Getriebener ist und nicht die treibende Kraft. Schon in der Einleitung muss er seine Lücken offenbaren.

Christian Friedel hat seine Revue in sechs Abschnitte gegliedert. Solch starken Bilder hat an am DT schon lange nicht mehr gesehen. Ein harter Schnitt. Auf der Hinterbühne interpretiert ein Streichquartett Lieder von Franz Schubert aus dessen "Schwanengesang"-Zyklus. Dabei ist die Entfernung zur musikalischen Vorlage aber durchaus deutlich. Später kommen Elektrobeats und Stroboskop dazu.

Als Mutter hat Gaby Dey zwei Kinder an der Hand. Es ist dunkel und Bedrohung liegt in der Luft. Sind es die Bombennächte, von denen Bottmann zuvor sprach? Es beleibt unbestimmt- Die Kostüme ermöglichen auch eine andere Datierung und die Bedrohung damit allgegenwärtig und jederzeitig.

Der nächste Schnitt. Im Gegenlicht kommt eine große Gruppe aus dem Bühnenhaus nach vorne. Das  junge Volk ist gut gelaunt. Sie schieben eine Drehbühne nach vorn. Die Kostüme datieren das folgend Geschehen in die 70er Jahre. Es ist ein Zeitsprung. Volker Muthmann spielt den Wissenschaftler am Beginn seiner Laufbahn. Rebbeca Klingenberg seine Gattin.

Es wird rasant, die Bühne dreht sich und wird zur U-Bahn, zum Büro, zum Labor. Dann kommen wieder Gäste und es werden die abgestandenen Scherze des letzten Treffens serviert. Dann dreht sich die Bühne, wird zur U-Bahn und zum Labor. Direkt und doch mit den Mitteln des Theaters  inszeniert Friedel hier die rasante Entwicklung der Forschung in den letzten 40 Jahren. Die Impulse, die Bühnenbildner Alexander Wolf hier gibt, sind großartig und einleuchtend.

Aber die nachhaltige Wirkung setzen Rebbeca Klingenberg und Volker Muthmann. Immer angespannter, immer verklemmter. Mit kleinen Nuancen verdeutlichen sie den Niedergang ihrer Ehe. Als sie geht herrscht Schweigen im Publikum.

Der Vogel des Todes schwebt über Ikarus.
Ale Fotos: Kneise/DT
Sech großartige Bilder sind es, die Friedel und das Ensemble aufbauen. Das Versprechen lautet, alle großen Themen abzuarbeiten. Aber nicht alles ist verständlich und manches wirkt nur dekorativ. Das barocke Schäferstündchen die Liebe symbolisieren, überrascht die Eingeweihten nicht, wirkt aber gelegentlich auch albern.

Am Ende bleibt aber die Dekonstruktion. Das Leben zerfällt in die Einzelteile und einer davon heißt Sterben. Ein Krankenbett vor Schwarz. Im letzten Bild lauert der Tod auf karger Bühne auf den Forscher. Der Text tritt hinter hinter die Choreographie zurück. Zum Schluss schwebt der Gevatter wie ein Todesvogel über den im Bett zerschmetterten Forscher. Noch ein Ikarus.

Es sind großartige Bilder, die Friedel, Wolf und das Ensemble auf der Bühne des DTs entstehen. Es ist eine gelungene Komposition aus den Musik, Theater und Ballett, die auf das Publikum einwirkt. Aber die Wucht erdrückt nicht, es bleibt allen noch der Raum zum Atmen und Nachdenken und Assoziieren. Das macht diese Inszenierung so sehenswert macht.





Material #1: Deutsches Theater Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Schwanengesang - Das Stück

Material #3: Christian Friedel - Regisseur und Musiker

Material #4: Franz Schubert - Die Biografie
Material #5: Schwanengesang - Der Liederzyklus




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