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Gegen das Sedativum

Deutsches Theater Göttingen eröffnet “Tankstelle” 

Das DT Göttingen hat noch einmal ein starkes Zeichen gesetzt und Theater in Corona-Zeiten neu definiert. Am Freitag eröffnete es die “Tankstelle” und mit diesem analogen Stück verabreichen Antje Thoms und Erich Sidler ein Gegengift gegen das Sedativum “streaming”. Geöffnet ist die Tankstelle täglich von 16.30 bis 18.30 Uhr. Am Karfreitag ist geschlossen. 

Es scheint, als wäre ein Ufo am Wall hinter dem Deutschen Theater gelandet. Die Container, die sonst als Proberäume dienen, sind im Chick der 60-er Jahre verkleidet. Davor stehen Zapfsäulen aus derselben Zeit. Wer dicht genug herangeht, kann nicht nur “Blasenfrei zapfen” lesen, sondern auch riechen, dass die Geräte wirklich mal in Gebrauch waren. 

Dort, wo am Turm sonst die Preise für den Treibstoff stehen, werden heute “Begegnung”, ”Musik”, “Appetit”, “Beweglichkeit” und “Liebe” angepriesen. Menschen in roten Overalls schwirren umher. Das Bodenpersonal macht die Illusion von der Tankstelle perfekt.

Das ist heute im Angebot. 
Alle Fotos: Kügler

Schon die Ansicht ist wichtig. Betrachtet man den Pavillon von links, kann man an den Längsseiten “Super” lesen und “Heute”, wechselt man die Perspektive, dann steht dort “Normal” und “Morgen”. 

Wie schon bei der “Methode” im letzten Jahr ist die Tankstelle eine Gemeinschaftsarbeit von Erich Sidler, Antje Thomas und Florian Barth. Nach den Klanginstallationen und den Streamings der vergangenen Monate habe mal wieder etwas Analoges und etwas mit Publikumskontakt machen wollen, erklärt die Regisseurin. Auch das Ensemble sei begeistert gewesen. 

13 Mitglieder sind in die aktuelle Inszenierung eingebunden. Sie singen, sie rezitieren, sie philosophieren, sie machen Sprachübungen und die Besucher dürfen, sollen sogar mitmachen. Sie bedienen sich aus einem großen Pool an Texten und Liedern, den alle zusammengetragen haben.

Bei den täglichen Aufführungen sind immer fünf Schauspielerinnen und Schauspieler aktiv. Aber  ein ständiger Wechsel in der Besetzung ist vorgesehen. Das Team ist jedes Mal ein anderes und damit ändert sich auch die Zusammenstellung der Themen. 

Jeden Tag gibt es eine neue, einmalige Kombination. Für Antje Thoms ist dies ein Zeichen gegen die digitale Gleichförmigkeit. Kein Tag an der Tankstelle lässt sich beliebig reproduzieren.

Die Namensgebung ist einleuchtend. Das Projekt soll die Menschen zum Auftanken einladen und der Ort für alle zugänglich sein. Das auffällige Design macht den Pavillon bewusst zu einem Ufo am Rand der Innenstadt. Der Ort soll Brück sein in eine andere Welt. Es ist ein Spagat, der gelingt.

Theater wie in der Peep-Show.
Foto: Kügler


Bei der Konzeption konnte man auf gewohnte Mittel zurückgreifen. Schon bei der phänomenalen “Methode” arbeitete antje Thomas mit Stationen. Bei “Alice im Wunderland” der Theaterclubs rückte dann der Pavillon in den Mittelpunkt. Schon hier nutzte man die fünf Fenster zum Wall als Spielorte. 

Doch dieses Mal gibt es keine Zusammenhang zwischen den Stationen. Das macht schon die Optik deutlich. Der Märchenwald steht neben dem Badezimmer, daneben ein Landgasthof und dann kommt eine Sauna. Auch von Stationen ist nicht mehr die Rede. Die Pandemie hat die Sprache verändert und die Fenster sind jetzt Slots. Dahinter verbergen sich die fünf Spielräume, in denen die fünf Solisten agieren und interagieren. Lautsprecher und Mikrofon stellen die Verbindung her zu diesen Mini-Reservaten der Schauspielkunst.

Diese Slot können die Besucherinnen und Besucher buchen. Das Angebot steht am Turm. Fünf Minuten Zeit hat man dann, um sich über Kaiserschmarrn, über Sprechübungen oder über Liebeslieder und alles andere zu unterhalten oder unterhalten zu lassen. Man kann sich selbst zum Teil der Inszenierung machen, man kann es aber auch sein lassen. Aber natürlich ist Interaktion schöner. Das ist ungewohnte Wahlfreiheit in Zeiten intimster Vorschriften. Ist die Zeitabgelaufen, geht es zurück zur Anmeldung, um einen neuen Slot zu buchen. 

Das Ensemble und das Publikum sind durch eine Scheibe getrennt. Doch es ist schon eine intime Situation. Manch Älterer fühlt sich zugleich an Peep-Shows erinnert. Man ist fast schon einander ausgeliefert für eben fünf Minuten. So dicht kommt man sich selbst im Theater nicht.

Alles eine Frage der Perspektive.
Foto: Kügler
Nach Monaten der Entfremdung versteckt hinter dem Euphemismus “social distancing” ist so viel Nähe ungewohnt, fast schon verstörend. Aber je mehr man sich aber auf das Spiel einlässt, um so mehr begeistert es. Nähe macht süchtig. Damit wird klar, was fehlt in Zeiten, in denen man auf die Kernfamilie beschränkt wird. Damit ebenso klar, dass das Allheilmittel Streaming bestenfalls ein Sedativum sein kann.

Endlich wieder Menschen, endlich wieder Dialoge, endlich wieder Kultur. Die Premiere ist geschwängert von Glückshormonen drinnen wie draußen, diesseits und jenseits der Trennscheibe. Mit der Tankstelle hat es das DT Göttingen geschafft, Theater in theaterlosen Zeiten neu zu definieren. Erich Sidler wird damit seinen Anspruch gerecht, Impulse in die Stadt und das Umland  zu geben. Zusammen mit Florian Barth und Antje Thoms hat er ein starkes Statement für das Analoge und das Präsente abgegeben.


Material #1: Die Methode - Theater neu definiert

Mateerial #2: Alice im Wunderland - Theater wirklich digitalisiert 


Die Aufführungen finden bis auf Weiteres täglich von 16.30 bis 18.30 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Karfreitag ist Ruhetag. 



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