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Die letzten ihrer Art

Lebendige Dinos: Alsmann und Band bei den Kreuzgangkonzerten

Sich für Götz Alsmann und Band zu begeistern, das ist wie Eulen nach Athen tragen. Man muss dieses Ensemble einfach bewundern. Warum? Das will ich in ornithologischer Sorgfalt erklären. 

Götz Alsmann und Band sind Garanten für beste Unterhaltung. Sie liefern an diesem Wochenende gleich zweimal in Walkenried ab  und sie liefern mehr als bestellt. Im Publikum der Kreuzgangkonzerte sitzen Wiederholungstäter. Sie wissen, was sie von Alsmann zu erwarten haben und ihre Erwartungen werden auch dieses Mal in jeder Hinsicht übererfüllt.

Auf der Bühne im klösterlichen Kreuzgart stehen lebendige Dinos. Es sind Überlebende aus den goldenen Tagen der Revuen und Samstagabendshows. Götz Alsmann ist bestimm der letzte seiner Art und vor allem seiner Qualität, Alsmann ist ein Entertainer, und in seiner Komplexität wohl einmalig. Das was er macht, beherrscht er in einer Art und Weise, die an Perfektion grenzt. Das beste daran? Er macht es locker und lässig und ohne sichtbare Anspannung und Verkrampfung.

Der Begriff Konzert ist zu kurz gegriffen. Götz Alsmann liefert eine komplette Show ab. Es gibt nicht nur Musik, sondern einen Ausflug in die Zeitgeschichte mit Lyrik und Prosa. Götz Alsmann schafft es immer wieder, im Publikum das Kopfkino anzuschalten. Er ist bestimmt keine Rampensau, sondern ein Feintechniker. Die Grenze ist klar. Es gibt keine Anbiederung. Man bleibt beim "Sie" und "Meine Damen und Herren". 

Als er zu Beginn des zweiten Sets wortreich durch die dunkle Nacht streift, um auf einem vergessenen Friedhof die Lösung aller Musikerprobleme zu finden, da spürt man als Zuhörer den tosenden Wind und den klatschenden Regen geradezu. Künstler und Publikum sind ein eingespieltes Team. Es weiß auch ohne Anweisung, wo die "Oooohs" und "Aaahs" hingehören.

Wie in alten Zeiten: Alsmann spielt
auf seinem Kinderklavier.
Alle Fotos: Thomas Kügler
Die Musik ist nur komplett mit der Moderation. Götz Alsmann ist ein Meister des gesprochenen Wortes. Er kennt die Nebenbedeutungen und baut bombastische Wortungetüme auf, sonnt sich in deren Glanz und weiß, welche Assoziationen bei beim Auditorium in Gang setzt. Weil er sein Publikum eben kennt. Wenn er Szenen aus längst abgelaufenen Filmen schildert, dann teilen er und sein Publikum Kindheitserinnerungen. Das knüpft das Band zwischen Künstler und Auditorium und dieses Band ist nicht zart sondern kräftig und seit vielen Jahren erprobt.

Das versuchen einige seiner Kolleginnen und Kollegen auch. Aber Alsmanns Kunst besteht darin, dem Publikum das Gefühl zu geben, das das, was es gerade erlebt, einzigartig ist und nur für diesen einen Abend gilt. Die Architektur tut in Walkenried ihren Teil dafür. Gleich zweimal schlägt die Glocke der Kapelle einfach passend in das Programm. Das gibt es wirklich nur bei den Kreuzgangkonzerten und nur an diesem Abend. Das gilt auch für den Hinweis auf den Spielort Kloster.

Das Gesamtpaket ist eine Mischung aus Musik, Reminiszenzen und Klamauk auf höchsten Niveau, gewürzt mit Tiefgang. Es kippt aber nie in den Kitsch, weil Alsmann und sein Publikum Souveränität ausstrahlen, Selbstironie besitzen und über sich selbst lachen können.

Die Musik

Das Programm heißt "L.i.e.b.e." und es versammelt Songs zum Thema Nummer eins der populären Musik aus rund 40 Jahren. Es sind Songs über glückliche, unglückliche und verunglückte Liebschaften. Die Arrangements drehen sich um das, was man Mitte des 20. Jahrhunderts für exotisch gehalten hat. Es gibt viel Mambo und Rumba, Swing und Blues und Bossa nova geht sowieso immer.

Sie können auch anders: 
Sicking und Alsmann rocken. 
Dennoch werden einige Gewohnheiten auf die Probe gestellt. Das geht bis an die Blasphemie. Sinatras "Summerwind" kommt als Rumba daher und "Man müsste Klavier spielen" wird zum Rhythm'n'Blues umfunktioniert, inklusive Tastensolo in Jerry Lee Lewis-Manier.

Egal, was Alsmann und Abend an diesem Abend bei dem Kreuzgangkonzerten spielen, über allem steht das Credo: "Es muss swingen, es muss Spaß machen". Davon gibt es eine ganze Menge. Darin liegt die Qualität dieser Band. Die Jungs haben Spaß an ihrem Tun und damit reißen sie das Publikum mit. So muss das sein.

Abgesehen vom Schlagzeuger Dominik Hahn sind alle Mitmusiker alle Bekannte. Der Kern des Ensembles spielt schon seit langer Zeit zusammen und es hat sich deswegen eine Leichtigkeit eingestellt, die einfach gut tut.

Dabei ist Götz Alsmann in die Rolle des Primus inter pares gerutscht. Genauso wichtig, wie sein Tastenspiel ist Altfrid Sicking am Vibraphone oder Markus Passlik als Perkussionist. Der legt Ausdruckstanz mit Rumba-Rasseln hin und Ingo Senst darf am Bass auch mal glänzen. 

Erst in der Zugabe steht Alsmann als Solist mit Ukulele auf der Bühne. Jetzt wird es sehr intim. Zum Abschluss dürfen noch mal alle Kollegen an die Instrumente und dann an die Rampe. 

Egal, was sie spielen, es geschieht nach dem Konzept, dass die Musik Mitte des 20. Jahrhundert so locker gemacht hat. Ein paar große Jungs kommen zusammen, die ähnliche musikalische Vorstellungen haben. Man entwickelt gemeinsam Themen, variiert die und wenn sich niemand im Kräutergarten verirrt, dann finden zum Schluss alle wieder zusammen. Damit das gelingt, bedarf es aber einer ordentlichen Portion Meisterschaft und Souveränität , die eben nicht mehr jeder hat. Deswegen sind Abende mit Alsmann und Band so wichtig, egal was sie spielen. 

 



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