Wenn man ins Theater geht, um tänzerische Appetithäppchen für die anlaufende Spielzeit zu genießen und landet in einer Talkshow mit mittelmäßigen Moderatoren, dann war man in der Ballettgala im Theater Nordhausen. Aber zum Glück wurde an diesem Abend doch noch getanzt.
Handgestoppt lag der GT-Koeffizient, also das Verhältnis von Wortbeiträgen zu Choreografien, bei ziemlich genau 7,5:1. Anders formuliert: Auf zwei Minuten Tanz kamen 15 Minuten Geplauder. Ein eindeutiges Missverhältnis, das sich gleich zu Beginn Bahn brach und im Laufe des Abend nicht wirklich besser wurde.
Nach der sehr kurzen Choreografie „Games of Shadows“, getanzt von Elizeveta Malova, dauerte es zwanzig Minuten, bis Szymon Walawender und Guiseppe Iodice zur Uraufführung ihrer eigenen Choreografie „Hidden Figures“, eines Parallelogramms mit Musik und Tanz, schreiten durften. Die kann man mit ihrem feinsinnigen Humor und dem Finden zweier Gleichgesinnter im Schatten durchaus als Entschädigung für die lange Wartezeit sehen.
Sprachspielchen und Selbstaffirmation
Kommunikationsforscher und Spieltheoretiker Niklas Luhmann vertrat den Standpunkt, dass ein Satz dann eine Information enthält, wenn er zum ersten Mal geäußert wird. Jede Wiederholung diene nur der Selbstaffirmation und den gesellschaftlichen Spielchen. Ein Drittel dessen, was Maša Kolar und Daniel Klajner an diesem Abend vorgetragen haben, konnte man auch im Programm-Flyer nachlesen. Unter Ausnutzung des Optimierungspotenzials hätte man den GT-Koeffizienten auf 5:1 drücken können und wenigstens Luhmann hätte sich gefreut.
Überhaupt ist es erstaunlich, dass jemand, der tagtäglich mit dem gesprochenen und gesungenen Wort zu tun hat, so wenig mit der eigenen Stimme zu spielen vermag. Da kam keine einzige Betonung, um mal eine Aussage hervorzuheben. Da gab es keine Pause, um mal etwas wirken zu lassen oder dem Publikum die Chance zu geben, die Flut an Informationen zu verarbeiten.Um einen altbacken Moderatoren-Begriff zu benutzen: Es war noch nicht einmal Dampfplauderei. Stattdessen im Singsang eine spezielle Version des Stream of Consciousness. Anstrengend wie 25 Seite James Joyce am Stück, ohne mal am Tee nippen zu können.
Es war zudem die Rückkehr des Frontalunterrichts. Eine einzige Wortflut von vorne. Es gab kein Spiel mit dem Publikum, keine Frage ins Plenum um die Anwesenden ins Geschehen einzubinden. Mal eine Prise Selbstironie zur Auflockerung schon gar nicht. Ivan Alboresi konnte das.
Zudem standen die Redner standen still und starr wie der gefrorene See, klein im Niemandsland zwischen Vorderbühne und Hinterhaus. Als hätten sie Angst gehabt, an der Bühnenrampe vom Rand ihrer Welt hinunterzufallen.
Getanzt wurde auch
Das Wesentliche musste man sich selbst erarbeiten: Mit Maša Kolar erlebt das Ballett in Nordhausen einen Umbruch. Waren die Choreografien in der Ära Alboresi geprägt von fast schon organischen Wellenbewegungen, die sich an den Arbeiten von Marguerite Donlon orientieren, wird es in Zukunft kraftvoller und manchmal auch dynamischer. Einen Vorgeschmack gaben Szymon Walawender und Guiseppe Iodice, deren Zeitlupen-Passagen zum aufdringlichen Gitarrensolo in „Hidden Figures“ jede Menge unsichtbarer Kraftanstrengung verlangen.
Es wird auch fröhlicher. Waren Alboresis Choreografien oftmals vom tiefsitzenden Seelenkummer geprägt, darf nun auch mal geschmunzelt werden. Auf und vor der Bühne. Die Wiederaufnahme von „Ananké“, getanzt Gianluca Rodenghi und Laure Minaro ist luftig und freischwebend und erzählt auf leichte Art und Weise die Wechselspiele einer Beziehung. Das „Plumps“ am Ende ist einfach herrlich.Roger Sorribas Suay bewies mit seiner Uraufführung von „Mor l’amor“, dass er ein Gewinn für die Compagnie ist. Mit kontrastierenden Teilen zeigte er die unterschiedlichen Seiten eines Thema, erst klassisch tiefsinnig mit Klaviersolo und dann lebensbejahend im Disco-Beat.
Diese und einige andere Choreografien machen klar, dass sich für das Ballett in Nordhausen künftig eine dritte Dimension öffnen wird. Das Licht wird stärker zum Gestaltungsmittel und ergänzt nicht nur Bewegung und Geräusche.
Mit einem Ausschnitt von „Sacre du Printemps“ gab Maša Kolar einen Ausblick auf ihren ersten Ballettabend am 30. Oktober. Ob es klug ist, sich einem Thema zu widmen, das ihr Vorgänger Ivan Alboresi erst zwei Jahre zuvor aufgegriffen hat, wird sich zeigen. Der kurze Ausschnitt machte deutlich, dass ihre Choreografie wesentlich anders sein wird. Lebensbejahend und mit feinsinnigen Humor.
Anregung für die Ballettgala 2027: Weniger reden, mehr tanzen.


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