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Kater + Stiefel = Magie


Dieser gestiefelte Kater will nicht nur spielen


Anne Spaeter macht zum Auftakt der Gandersheimer Domfestspiele aus dem Grimm-Märchen eine Komödie über Chancen, Trottel und Freunde.

Prolog

Seit den Tagen des seligen "Northeim - Das Festival", jenem legendären Kinder- und Jugentheaterfestivals, hatte ich mit Theater für ein jüngeres Publikum nicht mehr viel zu tun. Um den Kompetenzverlust auszugleichen nahm ich einen erbarmungslosen Fachmann mit: Tammo, sieben Jahre alt, selbst theatererprobt und mein Sohn. Sein Urteil sollte für mich den Ausschlag geben, das war die Grundidee unseres gemeinsamen Besuch der Kater-Premiere bei den Gandersheimer Domfestspielen.

Ende Prolog

Wie man einen fabelhaften Stoff auf die Bühne bringt, ohne sich zwischen den opulenten und scheintoten DEFA-Modell und der Zertrümmerung nach GRIPS-Rote-Grütze-Manier zu zerreiben, dies ist dem Ensemble der Gandersheimer Domfestspiele gelungen. Mit dem Familienstück "Der gestiefelte Kater" zeigt die Regisseurin Anne Spaeter, das im Grimmschen Stoff mehr drin steckt als man vermutet und das Stücke über die wirklich wichtigen Dinge im Leben ohne Moralin auskommen können. Die Gandersheimer Inszenierung als Gemeinschaftswerk von Anne Spaeter, Sandra Becker und Dominik Dittrich ist ein Musik-Revue mit Chansons und Rumba, mit Schmunzeln und mit Lachen und ein wenig Klamauk darf auch dabei sein.
Der Kater seine Visionen mit seinem
 Herrchen. Fotos: R. A. Hillebrecht 
Der Müllersohn hat den Blues. Beim Erben ist er zu kurz gekommen. Nun kann er nicht zeigen, was in ihm steckt. Während sich die Bruder die nützlichen Dinge aus der Hinterlassenschaft des Vaters sichern konnten, blieb ihm nur ein Kater. Der Jüngling fühlt sich ausgebremst, er  kann nicht zeigen, was in ihm steckt.
Doch der Kater hat großes vor, auch mit seinem Herrchen. Dem Mausjäger ist schon von Anfang an klar: nie wieder Mühle. Mit dem richtigen Outfit, ein paar roter Stiefel, lässt sich viel bewegen. Nur schade, dass der Kater den Müllersohn erst noch zum Jagen tragen muss.
Die Rolle des gestiefelten Kater ist Daniel Montoya wie aufs Fell geschrieben. Tänzerisch und beweglich wie der junge Michael Jackson, exaltiert und selbstverliebt wie einst Prince und durch und durch der Errol Flynn der Vierbeiner. Mit einem "Zauberhaft" stimmt man zu, wenn Daniel Montoya die Gleichung aufmacht: Kater + Stiefel = Magie.
Die Prinzessin macht Punk. Zu gern würde sie zeigen, was in ihr steckt. Aber sie darf nicht, die Fürsorge des königlichen Vaters hindert den Nachwuchs am Vollbringen von Heldentaten. Denn nach genauer Analyse des Homo sapiens als Individuum in der Gesellschaft und der digitalen und analogen Rahmenbedingungen seines Medienkonsums weiß die junge Dame: einzig frischer Nachschub an Rebhühnen helfen dem König und damit seinem Volk. Lea Willkowsky ist eben der neue Typ Prinzessin, zwar immer noch durch und durch in rosa gekleidet, aber nicht mehr in Warteposition für den Jungen auf dem weißen Pferd. Die junge Dame ist zwar proaktiv aber dann doch eingeschnappt, weil der Kater das darf, was sie nicht darf: Stiefel tragen. Diese Prinzessin ist eindeutig aus dem wahren Leben und nicht aus dem Märchen. Ist doch gerade die Schmollecke die ganz starke Seite von Lea Willkowsky
Das Verhätnis von Prinzessin und König bedarf
eindeutig und dringend einer Klärung.
 Gunter Heun ist nicht der gütige König Grimmscher Prägung, sondern ein Monarch, der mit der Erziehung und auch mit der Situation seines Landes überfordert ist. Auch wenn er die Rebhühner doch so sehr vermisst, ist er nicht in der Lage dem bösen und großen Zauberer die Stirn zu bieten. Hinhalte-Taktik und Phrasendrescherei sind seine einzige Waffen. Das könnte auch der Nachbar sein oder der Abteilungsleiter oder Fallmanager oder oder oder. 
Überhaupt die Sprache. In der Gandersheimer Inszenierung gibt es kein halbtotes Grimm-Sprech, aber auch keine obercoolen Jugendslang. Ob Sprecher, Müllersohn, Kater oder Prinzessin, alle reden so, wie du und ich. Der Verzicht auf die Anbiederung an jugendliche Sprechgewohnheiten tut dem Stück gut und holt es aus der Ecke in die Erfahrungswelt von jungen und älteren Zuschauern, denn dieser gestiefelte Kater ist konkret und nicht krass und der Kritiker neben mir versteht ihn auch.
Nur einen muss der Kater fürchten, den bösen und großen Zauberer. Auch wenn der Auftritt von Gunter Heun in seiner zweiten Rolle nur kurz ist, so ist sie doch prägnant und eine kurze Zeit fürchtet der Kritiker neben mir gar um das Happy End. Mächtig und durchtrieben ist der Zauberer der Popstar der dunklen Mächte, schlagartig der Herr um Ring und steckt den Kater bald in die Tasche. Doch besessen von der eigenen Wichtigkeit wird er nicht nur ein Opfer vierbeinige Schläue sondern auch ein Opfer seiner Eitelkeit.
Der Müllersohn ist da in eine ganz seltsame
Geschichte hinein geraten.
Ein weiterer Pluspunkt der Inszenierung ist die Ausstattung von Sandra Becker, die den Balanceakt zwischen Märchen und modern bewältigt. Auch die Musik vonDominik Dittrich ist kindgerecht und elternadäquat. Es wird eben nicht gerappt, somit bleibt sie doch zauberhaft. Die Rebhühner mit Luftgitarre sorgen für den Aha-Effekt.
Kommt "Der Gestiefelte Kater" erst als frische Transformation eines Märchens in die Jetztzeit daher, scheint die Macher nach 45 Minuten ein wenig die Angst vor der eigenen Courage zu befallen. Bisher frei an Grimms entlang gehangelt,biegt die Gandersheimer Inszenierung hierr auf dem Mainstream ein. Muss das Happy End gerettet werden? Egal, immerhin hat der Müllersohn zu diesem Zeitpunkt erkannt, dass es das wichtigste auf der Welt ist, solch einen großartigen Freund wie den Kater zu haben. Da macht natürlich auch die Prinzessin gern mit beim Projekt "König aufs Glatteis führen". Die Zuschauer haben bis hierhin erkannt, dass eben erst die freie Auslegung der Textvorlage zeigt, welche Schätze in Grimmschen Märchen stecken und welche Upgrade sie dazu vertragen. Vielleicht ist dies das große Plus an der Zusammenarbeit von Anne Spaeter in der Regie, Sandra Becker und Dominik Dittrich: ein gestiefleter Kater, der nicht in Werktreue ertrinkt und auch nicht in gekrampfter Intellektualität erstarrt. Dieses Stück kann man als Märchen sehen oder als Parabel über das Erwachsen werden in einer Umwelt, die es vielleicht zu gut meint mit dem Nachwuchs. Welche Sichtweise man annimmt, dass bleibt jedem selbst überlassen und genau das macht gutes Theater aus. Auch für Kinder und deren Eltern. Das Urteil des Kritikers neben mir war eindeutig: "Ja, ich fand das auch gut." Ihm war es egal, ob der Müllersohn nun am Schluss  noch die Prinzessin bekommen hat oder nicht oder die Prinzessin den Müllersohn oder nicht oder wer auch immer irgendwem. Mir war's auch egal.


Die nächsten Aufführungen sind 29. Juni und am 13., 20. und 28. Juli. Am 4. August beendet der Kater die Gandersheimer Domfestspiel.

Das Stück in der Eigenbeschreibung.



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