Dienstag, 15. Juli 2014

Die Welt will betrogen werden

Extemporé spielt Macchiavelli mit unbändiger Freude


Beim Namen Macchiavelli denkt man alles mögliche, nur nicht an Vergnügen. Dabei hat der Florentiner Philosoph gleich drei Komödien geschrieben. Eine davon spielt der Theaterverein in diesem Sommer mit großer Freude und prominenter Besetzung in der Traditionsbrennerei in Nordhausen. La Mandragola, der Liebesrtrank, ist dabei eine Inszenierung, die mit viel Witz, Hintersinn und Grimassen schneiden auch heute noch Spaß macht. Jeder bekommt sein Fett weg und am Ende siegt die Dreistigkeit.
Kallimachus ist in Lukretzia verliebt. Die tugendhafte junge Dame ist aber die Gattin des Rechtsanwalts Messer Nikia Calfucci und sie fühlt sich an ihre Ehegelübde gebunden. Also spannt Kallimachus seinen Freund Ligurio ein, um trotz aller Hindernisse seine Bedürfnisse zu befriedigen. Ein Liebestrank soll ihn weiterbringen.  Dabei kommt ihm die Tatsachen zu Hilfe, dass sich der Kinderwunsch des Ehepaars nicht erfüllen will und zudem der Gatte nicht der Hellste ist. Außerdem können Kallimachus und Ligurio sich die Dienste des Beichtvaters Timotheo sichern.
Kallimachus kann sich mit einfachsten Mitteln
unsichtbar machen. Fotos: tok
Der Liebestrank ist ein Bühnenstück in der Tradition der Commedia dell'Arte, deren Charme Regisseur Benedikt Schörnig in das 21. Jahrhundert transportieren konnte. Olaf Schulze schafft es als Dramaturg, das Werk zu straffen und auf die Kernaussagen zu reduzieren. Beide bauen auf die Elemente, die diese Gattung über lange Zeit so beliebt gemacht hat: Musik, abstruse Situationen. Augen rollen und Respektlosigkeit vor vermeintlichen Autoritäten. Und jede Menge Screwball-Komödie steckt auch mit drin.
Bevor der Vorhang aufgeht, warnen Steffi Höppner und Dirk Großstück  als Bänkelsänger: "Komödianten sind in der Stadt" zur Musik von Reinhard Mey. Nun ist das Publikum vorbereitet, es sich eingelassen hat und wird es nicht bereuen. Das Bühnenbild zeigt Italien, wie es sich das Klischee vorstellt, Wäsche hängt über die Straße und im Hintergrund ist die Kathedrale Santa Maria del Fiore zu sehen, in den bunten, knalligen Farben der naiven Malerei gemalt. Das muss man mögen.
Peter Foyse betritt als Kallimachus die Bühne, führt mit vielen Worten in das Stück ein und zeigt wo es lang geht. An diesem Abend wird viel mit den weit aufgerissenen Augen gerollt, das Gesicht verzerrt, die Hand geht mindesten 298-mal zur Denkerstirn und die Freudschen Versprecher dürfen auch nicht fehlen. Mimik und Gestik wie aus dem Baukasten, das ist komplett "old school", eben doch authentisch und es verlangt jede Menge Können, damit die feine Grenze zur Clownerie nicht überschritten wird.
Ligurio kann sich über den Herrn Anwalt Calfuccio
nur wundern. Foto: tok
Dann betreten Alexander Abramyan als Ligurio und Karl Karliczek als Calfucci die Szene und machen dort weiter, wo Foyse stehen geblieben war. Die Rollenverteilung ist eindeutig. Karliczek ist der selbstgefällige Notabele und Abramyan der devote, aber schlaue Agent. Beide erfüllen diese Rollen vollends. Besonders Karliczek läuft zu Höchstform auf. Das man solch Grimassen schneiden, die Glieder so verrenken kann und trotzdem seriös dabei wirkt, das ist schon schauspielerische Extraklasse. Als kontrollierter Strippenzieher ist ihm Asbramyan  aber ebenbürtig. In diesem Käfig voller Narren ist Ligurio der perfekte Wächter und Alexander Abramyan kann dies auch schlüssig vermitteln. Vielleicht ist er beim genauen Hinschauen der Stärkste an diesem Abend, weil er die schwierigste Rolle ohne Beanstandung meistert.
In der Rolle des scheinheiligen Beichtvaters Timotheo kann Benedikt Schörnig seine komischen Fähgkeiten voll zur Geltung kommen lassen. Das sind die großspurigen Gesten des Geistlichen, die bigotten Anspielungen und die unschuldige Mimik, die zur Grimasse wird. Bei diesem Geistlichen heiligt der finanzielle Zweck alle Mittel, auch die unmoralischen. Aus Timotheo, dem Gottesfürchtigen, wird der Geldsüchtige. Dieser Beichtvater ist ganz im Sinne des Anti-Kleriker Macchiavelli und es überrascht nicht, dass dieser schlaue Fuchs am Ende auch zu den Betrogenen gehört. Schließlich war der Zaubertrank für den Moralisten Macchiavelli vor allem eine Abrechnung mit den Zuständen seiner Zeit, ein allegorischer Spiegel für die Herrschenden.
Lukretzia [ber die unmoralischen Angeboten des
Timotheo erbost.Foto> tok
Neben den vier Herren und in ihrem verwirrenden Treiben gehen Mona Fischer als Lukretzia und Anika Kleinke als deren Mutter Sostra fast unter. Ihnen bleiben zuwenig Szenen, um ihr Potential wirklich auszuspielen. AberMona Fischer kann den Sinnewandel der Lukretzia von der resoluten und treuen Ehefrau zur genussvollen Ehebrecherin glaubwürdig darstellen. Welche Sinn macht es,standhaft und treu zu bleiben, wenn alle Welt den Treuebruch und die sexuelle Freizügigkeit als das geheiligte Mittel zum egoistischen Zweck preist. Keinen. Damit ist der Zaubertrank fast 500 Jahre nach seiner Entstehung nicht ohne Aktualität, ist es eben nicht aus der Zeit gefallen. Das weiß das Extempore-Theater glaubwürdig zu vermittel, mit viel Spaß, viel Hintersinn  und einigen Schmunzeln. Die Aufführung gelingt so gut, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler Spaß am Spiel haben und diesen Spaß vermitteln können. Und am Ende steht die Gewissheit> Die Welt will betrogen werden.

Die letzten Vorstellungen in der Traditionsbrennerei sind am Freitag, 18. Juli, und am Sonnabend, 19. Juli, um 20.00 Uhr. Die Vorstellung am Sonntag, 20.Juli, beginnt bereits um 18.00 Uhr. Olaf Schulze brachte die Möglichkeit ins Spiel, das Stück im nächsten Sommer auf einer kleinen Tournee aufzuführen.

Der Theaterverein Extemporé

Der Autor
Das Werk

Die Traditionsbrennerei in Nordhausen