Sonntag, 21. Juni 2015

Ein Märchen, das wirklich rockt

Das Familienstück “EselHundKatzeHahn” eröffnete am Samstag die Domfestspiele

Bei dieser Inszenierung steppen sogar die Hühner. Mit dem Ausreißerstück “EselHundeKatzeHahn” startete am Samstag der Spielbetrieb bei den 57. Domfestspielen und alle hatten ihre Spaß dabei. Sogar der härteste aller Kritiker. Auch er stimmte in den donnernden Applaus mit ein.

Der härteste aller Kritiker? Eine kurze Anmerkung: Der härteste aller Kritiker ist 9 Jahre alt, theateraffin, theatererprobt und gelegentlich altklug. Von Zeit zu Zeit begleitet er seinen schreibenden Vater, wenn es um ein fachkundiges Urteil zum Kinder- und Jugendtheater geht. Seit dem gestiefelten Kater 2013 ist er bekennender Fan der Gandersheimer Domfestspiel und am Samstag ist diese Zuneigung weiter gewachsen. “Das ist das beste Stück, dass ich hier bisher gesehen”, ordnete er die Inszenierung in seinen Erfahrungsschatz ein.

Der härteste aller Kritiker in seinem Lieblings-
theater. Alle Fotos: tok
Mit “EselHundKatzeHahn” war ein Ausreißerstück nach den “Bremer Stadtmusikanten” der Brüder Grimm angekündigt. Doch die Eigenproduktion erzählt kein Märchen im stylishen Gewand. Regisseurin Nina Pichler und Dramaturgin Jennifer Traum  zeigen eine freie Interpretation der Ausgangslage, wie sie auch die Grimms vorgefunden haben. Vier Tiere wollen aus einer misslichen Situatin fliehen und machen sich auf in deas gelobte Land, das Bremen heißt. Ob nun so rum oder so rum. Zum Schluss kommen die Grimms und die Gandersheimer auf den gemeinsamen Nenner und der heißt: Happy End im Waldhaus. Wie heißt es doch so schön "Und wenn sie nicht gestorben sind, …. "

Ja, wenn sie nicht gestorben sind. Das Thema “Was besseres als den Tod findest du überall” durchzieht die Vorlage. Bei den Grimm ist es das Handlungsmotiv. Für “EselHundKatzeHahn” ist die Flucht aber keine lebensverlängernde Maßnahme. Sie müssen nicht die Schlachtbank fürchten. Es geht ihnen um die Verwirklichung eines Traums. Sie wollen auf die großen Bühnen dieser Welt und die stehen wohl in Bremen.

Damit ordnet sich das Ausreißerstück bestens in das diesjährige Motto ein. “Mit dir will ich träumen” lautet die Überschrift der 57. Domfestspielen. Doch auch in diesem Stück muss mancher zum Träumen erst überredet werden. Wenn dann aber der Traum nicht verwirklicht wird, weil sich andere traumhafte Konstellationen ergeben, dann ist das auch nicht so schlimm. Vielleicht ist dies die Quintessenz von “EselHundKatzeHahn”. Der härteste aller Kritiker hat es jedenfalls so verstanden.

Aber nun zur Überschrift. Warum rockt dieses Märchen wirklich? Weil es keine Märchenaufführung ist, sondern ein Musical. Auch in diesem Jahr ist die Hamburger Band “Tante Polly” wieder dabei. Wie schon beim Gestiefelten Kater 2013 verleiht die freche Musik dem Familienstück den richtigen Schwung, den entscheidenden Drive. Band-Mitglied Dominik Dittrich und Festspielintendant Christian Doll haben das Märchen zum Ausreißerstück umgedichtet und umgetextet, Nina Pichler und Kim Winkler haben eine sagenhafte Inszenierung daraus gemacht und die Ausstattung von Sandra Becker setzt dem Ganzen die Krone auf. So könnte man die Erfolgsformel dieses Familienstücks beschreiben.

Auch Theateresel sind störrisch.
Doll und Dittrich haben als Autoren etwas gemacht, was schon lange überfällig war. Sie haben den Märchenstoff mit alten Volks- und Kinderliedern neu kombiniert und komponiert. Doch dieses Liedmaterial verbleibt nicht im Klampfen-Modus. Da wird gejazzt, geswingt, gebluest und gerockt und manchmal schimmert auch die gute alte Polka durch. Der Chor der Müllergesellen zum Volkslied von der klappernden Mühle, das ist Musical pur. Auch beim Chor der Jagdgesellschaft auf Pirsch schimmert der Broadway durch. Aber alles ist ein schlüssiges Konzept eingepasst. Der Mitklatsch-Reiz ist entsprechend hoch und zur Halbzeit der Premiere kann das Publikum diesem Reiz nicht mehr widerstehen. “EselHundKatzeHahn” rocken halt wirklich.

Wie bei jedem guten Theaterwerk gibt es zwei Lesarten. Da ist die kindliche Lesart, die sich an schneller Erzählweise, skurrilen Einfällen und bunten Bildern erfreut. Dazu gehören bestimmt die steppenden Hühner und auch Daniel Ris und Christine Dorner als Gangster Rapper mit Goldketten und mit Max & Moritz-Frisuren.

Die Autoren arbeiten mit den Versatzstücken der Märchenwelt, Frosch und Prinzess inklusive, und mit den Bausteinen der Pop-Kultur. Sie arbeiten mit den Erwartungen ihres kindlichen und erwachsenen Publikums. Aber es macht auch Spaß, zu sehen und zu hören, wie diese Erwartungen gebrochen werden.

Es sind diese dutzende Zitaten und Ideen, die dennoch alle zusammenpassen, die für das hohe Tempo sorgen und die dafür sorgen, dass die Stadtmusikanten abgestaubt werden. Das ist keine tote Märchengeschichte, die auf der Bühne vor der Stiftskirche gespielt wird. Das ist eine Geschichte, die zu allen Zeiten und auch im Hier und Jetzt spielt.

Chor und Choreographie haben Musicalqualitäten.
Mit ihrem Ausreißerstück vervollständigen Doll und Dittrich die Märchenvorlage und holen sie auf den Boden der Tatsachen. Während die Handlung bei den Grimms im luftleeren Raum hängt, entwirft das Gandersheimer Duo einen ganzen Kosmos. Wir lernen den Müller und seine Frau kennen und erfahren, dass er Angst vor den Räubern hat, die seine schöne Uhr stehlen wollen.

Wir werfen einen Blick auf den Hühnerhof, auf dem der Hahn groß geworden ist und nie akzeptiert wurde und lernen seine Mutterhenne kennen. Sie muss sich eingestehen, dass sie wohl ein Kuckucksei ausgebrütet hat. Wir erfahren, warum der einst stolze Jagdhund nun ein trostloses Leben als Wachhund führen muss. Er hat die Regeln verletzt und wurde verstoßen.

Ach ja, in einem guten Märchen darf natürlich der Frosch nicht fehlen. Deswegen erfinden Doll und Dittrich noch einen Froschkönig dazu, der aber nicht an der Wand landet. “Den Frosch, den fand ich am coolsten”, beurteilt der härteste aller Kritiker die neue Figur.

Das ist zweite Lesart dieser Inszenierung, die für die Erwachsenen. Deshalb trägt “EselHundKatzeHahn” die Bezeichnung Familienstück zurecht. Es geht nicht nur um Unterhaltung, es geht auch um die Geschichte hinter der Unterhaltung.

Die wandelbare Christine Dorner versteht es, in vier Nebenrollen Akzente zu setzen. Doch die Premiere wird von zwei Darstellern bestimmt. Julia Friede als Hund in Knickerbocker vermittelt den Eindruck von Tim und Struppi in einer Person. Voller Ideale und Tatendrang ist sie die treibende Kraft, die aber selbst dazu überredet werden muss, die eigenen Träume zu leben. “EselHundKatzeHahn” sind keine eindimensionalen Helden, es sind Figuren, die auch mal an sich zweifeln dürfen und deswegen so echt wirken.

Julia Friede (r.) ist Tim und Struppi in einer
Person.
Das gilt wohl für Luise Schubert als Katze im Amy-Winehouse-Look. Anfangs nur auf Ruhe und warmen Ofen bedacht, macht sie sich auf die Suche nach ihrem Märchenprinz. Zum guten Schluss findet sie ihn auch, aber eben am nassen und kalten Froschteich. Man muss seine Vorstellungen eben auch mal anpassen.

Die andere tragende Figur ist Moritz Fleiter als Hahn, der eigentlich ein Kuckuck ist. Er ist auf der Suche nach seiner Identität und als er sie endlich gefunden hat, da schießt er zum Teil auch über das Ziel hinaus. Solche Tiere, äh Menschen, kennt wohl jeder. Schön, dass Moritz Fleiter die Androhung einer Domfestspiel-Pause immer noch nicht wahr gemacht hat.

Ein weiterer Pluspunkt in der Inszenierung von Nina Pichler sind die Ausstattung von Sandra Becker. Mit wenigen Mittel und auf das Nötigste reduziert schafft das Bühnenbild einerseits den passenden Hintergrund für die wechselnden Szenen, auf der anderen Seite lässt es genug Raum für die eigenen Vorstellungen und Bilder von Mühle, Hühnerhof oder Räuberwald.

Unabhängig von der Lesart ist “EselHundKatzeHahn” ein Vergnügen für alle. Die Inszenierung verzaubert und überzeugt mit Rasanz, Musik und mit geschätzten 102 überraschenden Ideen. Die 750 Zuschauer bedanken sich bei der Premiere mit minutenlangen Applaus und eselsmäßigen Getrampel.

Die Website der Domfestspiele

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
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Der härteste aller Kritiker - Teil sieben