Sonntag, 15. September 2019

Am Ende gewinnt immer der Mafiosi

stille hunde inszenieren Macbeth als Kriminalfall

Kein Schlachtengerangel, kein Managergetöse und das meiste findet im Kopf statt. Die stillen hunde haben eine neue Interpretation zu Shakespeares "Macbeth" hinzugefügt und die überzeugt nicht nur durch die schauspielerische Leistung sondern auch durch die Reduktion. Premiere war in der Klosterkirche St. Nikolaus in Niklausberg.

Das Bühnenbild ist reduziert, drei mächtige Stühle aus den Werkstätten des Historizismus und im Hintergrund ein Laufsteg mit drei Hockern und drei Instrumenten. Das sind die Arbeitsplätze von Andreas Düker, denn die erste Neuerung ist die Musik. Der Lautenspieler und die stillen hunde haben der Tragödie Töne verpasst.

Am Anfang sind die Musik und ein Todgeweihter.
Alle Fotos: Kügler
Mal Laute, mal Konzertgitarre oder E-Gitarre. Die Musik ist keine Beschallung sondern integraler Bestandteil. Sie bereitet vor, spitzt zu und kommentiert. Der Soundtrack  aus "Der Pate" taucht gleich mehrfach auf und Macbeth wird im Laufe des Abends mehrfach brüllen: "Stell doch mal einer endlich die Musik ab." Immer dann, wenn er mit den Nerven am Ende ist.

Diese banale Äußerung ist nicht nur die Brücke in die neue Dimension Musik. Sie ist die die andere Richtung zugleich die Anknüpfung an alltägliche Erfahrungen. Damit ist das wissende "Ach ja" aus dem Publikum nur folgerichtig.

Ähnliches wiederholt sich in der Licht-aus-Licht-an-Szene der Mordnacht. Stefan Dehler mimt hier einen Banquo, der den väterlichen Macbeth auf dem Weg zur bösen Tat immer und immer wieder stört. Banquo ist hier das Kind, das der Aufforderung, endlich ins Bett zu gehen, einfach nicht Folge leisten will. Einfach klasse gespielt.

Die stillen hunden haben Jambus und Trochäus beseitigt. Ihre Protagonisten sprechen im Versmaß "Alltag". Das dient nicht nur der Verständlichkeit. Damit entführen sie das Ehepaar Macbeth, König Duncan und alle anderen Täter und Opfer aus dem Kreis der Adligen und auch der Manager in die Sphäre der Allgemeinheit. Das mörderische Treiben könnte so  auf einem Elternabend oder auf beiden Seiten  eines Gartenzaun stattfinden.

Banquo ist nicht unschuldig.
Foto: Kügler
Das entscheidende findet im Kopf des Publikums statt. Die Hexen sind entmaterialisiert und zu bösen Gedanken geworden. Der Verzicht auf ein Bühnenbild enthebt die Inszenierung der Last von Zeit und Raum. Selbst die Requisiten sind auf ein Mindestmaß zurückgeschraubt.

Kein Wams und kein Armani. Die Kostüme sind im hier und jetzt angesiedelt. Christoph Huber trägt als Königsmörder weißes Hemd zur schwarzen Hose. Nur wenn er zum König Duncan oder dessen Sohn Malcolm mutiert, dann zeigt er Attribute, die die Königsfamilie ins Mafiöse transformiert.

Auch Stefan Dehler beschränkt sich. Nur als Macduff erllaubt er sich Sakko und Aktenkoffer und wirkt damit wie der Buchhalter der Macht.

Maja Müller-Bula ist ganz in weiß gekleidet, in ein Kleid, dass an Hochzeit erinnert. Ist sie die Braut des Wahnsinns oder gar des Todes? Unschuldig ist sie bestimmt nicht.

Überhaupt ist auch das Farbschema auf Schwarz und Weiß beschränkt. Das harte Licht der Halogenscheinwerfer Marke Baumarkt zeichnet klare und harte Schatten in die Gesichter der Darsteller. Einzig das blutgetränkte Tuch durchbricht diese Zweidimensionalität.

Dabei ist das Macbeth der stillen hunde als andere als ein Spiel von Gut und Böse. Die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwinden mehrfach. Jeder stellt mal auf der einen und auf der anderen Grenze.

So entpuppt sich Banquo als Anstifter, der zum Opfer wird, als das Geschehen außer Kontrolle gerät. König Duncan ist kein Sympath und sein Sohn Malcolm erst recht nicht. Da ist es gar nicht so schlecht, dass Macbeth den Paten, doch am Ende wird der eine Mafiosi nur durch den anderen ersetzt.

Bei allen konzeptionellen Neuerungen lebt diese Aufführung vor allem vom intensiven Spiel der Darsteller. Es sind die kleinen Nuancen in der Mimik und der Gestik, die die Entwicklungen der Figuren verdeutlichen. Der Blick ändert sich, der Tonfall wird ein anderer und schon ist die Situation eine andere.

Am Ende gewinnt dann doch der Mafiosi.
Alle Fotos: Kügler
Es ist das meisterhafte Spiel mit den Details, die diese Inszenierung so schlüssig machen. So wird aus dem zaghaften Macbeth ein wild entschlossener Tyrann und aus der ehrgeizgetriebenen Lady  eine Suizidgefährdete. Überhaupt gibt Maja Müller-Bula dem Wahn eine beeindruckende Gestalt und ein passendes Gesicht.

Setzte der Macbeth des Deutschen Theaters Göttingen in der letzten Spielzeit auf beeindruckende Bilder, so läuft der Macbeth der stillen hunde vor allem im Kopfkino. Durch den Verzicht auf Schlachtengetöse und Managergerangel hat das Ensemble eine stille Lesart kreiert, die Wirkung über den Augbenblick hinaus hat.


 


Material #1: stille hunde - Die Website
Material #2: Macbeth -Die Inszenierung

Material #3: Andreas Düker - Die Website

Material #5: William Shakespeare  - Die Biografie
Material #6: Macbeth - Das Original







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