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Die Welt der Doppel Flanschmuffe

Martin Jürgensmann gibt Weltpremiere in Förste

Er stieg aus dem Radio heraus auf die Bühne des Schwarzen Bären, brachte seinen Kumpel Edi Hüdelpohl mit und zum Schluss waren alle mehr als zufrieden. Am Sonnabend, 11.April, feierte Martin Jürgensmann in der Rolle des Schüssel Schorse den Auftakt seiner ersten Tournee in Förste. Der Auftritt sollte der Probelauf sein für größere Aufgaben in Herbst. Das Frühstyxsradio kann jetzt auch andere Halle buchen. Der Probelauf ist gelungen.

Schüssel Schorse hat jede Menge Energie.
Alle Fotos: tok
Für die beiden Männer auf der Bühne ist es eine Premiere und für das Publikum auch. Es sind durchweg die älteren Semester, die den Weg nach Förste gefunden haben, aber Jürgensmann hat noch keiner gesehen, auch nicht als "Raner" in den Zeiten mit Jochen Krause. Aber die Stimmung ist wohlwollend und entspannt. Denn irgendwie ist den meisten klar, dass Schüssel Schorse eigentlich einer von ihnen ist. Dass Jürgensmann gleich dreimal einen Hänger hat in der Adaption von Reinhard Meys "Ich bin Klempner von Beruf", das macht nichts. Ecki Hüdepohl improvisiert an den Tasten fleißig weiter, während Schüssel Schorse den Text such, das Publikum ist großzügig und gibt Hilfestellung. Irgendwie ist man ja ein große Familie, denn Jürgensmann macht Comedy aus einer seltenen Perspektive und für eine Spezie, die von Aussterben bedroht ist. "Der kleine Mann von der Straße" hieß die Gattung in den einfachen Zeiten. Ja, ein Abend mit Schüssel Schorse ist schon eine Reise zurück in ehrliche Zeiten. Schüssel Schorse ist wohl eher der Neffe oder gar der Enkel von Adolf Tegtmeier und von Jürgen von Manger. Damit ist Schüssel Schorse der letzte Otto Normalo in der deutsche Comedy
Das Programm ist ein Bericht von der ungeschönten Seite des Lebens, aber grundehrlich und liebevoll und ohne des Sozialvoyeurismus der Cindy aus Marzahn. Jürgensmann erzählt Geschichte, die jeder von uns in ähnlicher Form schon einmal erlebt hat, inklusive des Schoko-Brunnens, der einen Gnadenschuss braucht. Auch wenn man nicht Klempner ist, dem Schorse sein Stories vonner Arbeit, die klingen skurill und glaubwürdig zugleich.
Der Kosmos von Schüssel Schorse steckt voller Typen, die jeder von in ähnlicher Form schon einmal erlebt hat. Da ist der neureiche Kalli Schreiner, der seine überdimensionierte Kamera als Penisverlängerung braucht, nebst überdrehter Gattin, und da ist auch Kleingärtner Dete, der die Parzelle ja nur braucht, um von Zuhause weg zukommen.
Ecki ist der Bruder im Geiste.
Der Draht zum Publikum ist schnell da. Das Publikum singt bereitwillig mit bei "Auf'´m Bau, auf'´m Bau, auf'´m Bau" Jürgensmann ist ein großer Junge, dem man einfach keine Bitte abschlagen kann. Dieser Abend ist nichts für Latte macchiato-Trinker oder Rooibos-Jünger. Das machen Schüssel Schorse und Ecki im letzten Song vor der Pause deutlich, wenn sie aufzählen, was Niedersachsen wirklich braucht. Champus gehört nicht dazu und in der Kleiderordnung stehen Blaumann und Basecap weit, weit, weit vor Gucci und Dolce & Gabbana. Aber tänzerisch läuft Jürgensmann jetzt zu großer Form auf. Ist das eine Parodie auf Detlef D Soost und Gesinnungsgenossen oder ist das einfach Schüssel Schorse live? Ein Klempner am Rande der Musikalität.
Der Abend in Förste ist eher was für Biertrinker, aber leider gibt es im Schwarzen Bär nichts aus der Region, sondern nur Industrieware aus NRW. Das enttäuscht Schüssel Schorse, der doch so gern mal ein Harzbier getrunken hätte. Diese Enttäuschung ist keine Koketterie.
Auch musikalisch ist der Abend eher bodenständig, Boogie Woogie und Blues. Aber es macht einfach Spaß, den beiden zuzuhören und zuzusehen. Ecki Hüdepohl und Martin Jürgensmann, das passt zusammen, das sind Brüder im Geiste und die können schön miteinander swingen und jammen. Ecki darf an diesem Familienabend auch mal aufstehen und Fotos mit dem Smartphone machen. So etwas macht man halt heutzutage bei Familientreffen. Das trägt zur liebevollen Atmosphäre bei.
Aber Achtung, man sollte Schüssel Schorse nicht unterschätzen. Auch Martin Jürgensmann beherrscht die Kunst der assoziativen Wortakrobatik. Leider tropft manche Wortperle unverstanden von der Bühne und rollt Richtung Theke, um dort auf die Schwestern zu warten. Aber Jürgensmann fehlt die ätzende und verletzende Boshaftigkeit von Dietmar Wischmeyer. Er will nicht zeigen, wer eigentlich der Alles-Besser-Versteher, denn im Grunde genommen ist Schüssel Schorse ein großer Junge, der nur unterhalten will. Das kann er, das kann er auf kurzweilige Art und das ist authentisch, um ein überstrapaziertes Adverb zu benutzen.
Schüssel Schorse kümmert sich auch um die Politischen. Aber ohne die analytische Schärfe der Anstaltseinwohner Max Uthoff oder Claus von Wagner und auch ohne dem Moralin von Urban Priol. Schüssel Schorse sieht Politik eher unter den Kriterien handwerklicher Praxis und das ist eben auch ein Standpunkt.
Die Mischung macht's und bei Weitermachen stimmt das Verhältnis von Musik, Alltagsgeschichten, Kabarett, Comedy und Klamauk. Als Schüssel Schorse zum Schluss noch ein Liebeslied für die Doppelflanschmuffe singt, da wird es sogar rührselig und geht an's Herz.
Jürgensmann und Hüdepohl überzeugen mit Nähe und Herzlichkeit und haben das Publikum in Förste sofort auf ihrer Seite. Ob das auch in großen Hallen klappen könnte, das ist fraglich.

Der Harzer Fragensteller im Interview mit Martin Jürgensmann.

Die Homepage von Schüssel Schorse

Martin Jürgensmann beim NDR
Jürgensmann bei facebook
Der Pianist Ecki Hüdepohl



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