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Noch ganz alte Schule

Auf Zeitreise mit einem Parodisten

 Jörg Knör war in Osterode und es war eine Reise in die gute alte Zeit. Nein, das Programm spiegelt nicht die Vergangenheit wieder. Das ist auf der Höhe der Zeit. Jörg Knör ist der Archaismus, er ist das Relikt aus einer Zeit, als die Menschen, die auf einer Bühne stehen, ihr Handwerk beherrschen mussten und die deswegen auf der Bühne standen, um ihr Publikum zu unterhalten und nicht, um sich selbst zu produzieren. Am Ende der zweieinhalbstündigen Show stand die Gewissheit, dass sich solche Reise immer lohnen.
Am Anfang der Liebesbeziehung zwischen Deutschlands bekanntesten Parodisten und den Publikum steht ein Versprecher. Aus Osterode am Harz wird Osterode am Hals, ein Versprecher, der sich als "running gag" durch das gesamte Programm ziehen. Doch die Bewohner der Kreisstadt merken, dass der Mann aus Hamburg weiß, wo er ist. In Zeiten automatisierter Programme und austauschbarer Comedians ist das nicht mehr selbstverständlich.
Jörg Knör beweißt auch gleich, dass er sich informiert hat über die Verhältnisse in der Stadt. Auch Lokalgrößen wie Bürgermeister Becker kriegen an diesen Abend gleich mehrfach "ihr Fett weg". Das kommt an bei der treuen Fanschaft. Der Faden zwischen dem Mann auf der Bühne und den Menschen vor der Bühne ist gleich geknüpft. Damit setzt Jörg Knör seinen Anspruch, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen um, die Herzen sind geöffnet. Das ist die vielfach beschworene alte Schule.
Jörg Knör und die Kanzlerin, dass ist
keine Liebesbeziehung. Alle Fotos: tok
Das Programm ist vielfältig. Jörg Knör witzelt, singt, zeichnet, karikiert, pantomiert und parodiert, von allem ein wenig. Schlager, sei es Costa Cordalis oder Heino, werden umgetextet und dementsprechend ist der Mitklatsch-Faktor hoch. Vielleicht ist Jörg Knör damit der letzte Entertainer unserer Zeit, der legitime Sohn von Rudi Carrell, seinem großen Vorbild. Auf jeden Fall hat er genug im Repertoire, um einen Abend abwechslungsreich zu gestalten. Auch das ist in Zeiten monothematischer Comedians mit fünfeinhalb-Minuten-Auftritten beruhigend altmodisch. Wo Leute wie Mario Barth ein und dasselbe Thema immer wieder neu durchkauen, kann Knör, schwuppdiwupp, ein neues Thema bieten.
Die Palette ist groß. Es gibt nicht nur um die Sorgen derer, die wir zu Prominenten machen. Auch Politik wie BND-Affäre oder G36 gehören dazu. Aber eben nicht aus der Perspektive des messerscharfen Analytikers und Besserwissers. Es ist eher die Sicht des "kleinen Mannes", sofern überhaupt noch jemand etwas mit diesem Begriff anfangen kann, auf die da oben. Damit ist es aber die Perspektive des Publikums und dies bedankt sich  mit Applaus auch für abgestandene Witze über die Kanzlerin oder die Verteidigungsministerin.
Das Erzähltempo ist eher gemächlich. Wo andere Zoten im 3-Sekunden-Takt bringen, da lässt Jörg Knör solch manches Wortspiel wirken. Doch wirklich, er gönnt sich und dem Publikum auch mal den Luxus einer Kunstpause.
Es lohnt sich zuzuhören. Wo viele Comedians mit Verbalinjurien glänzen wollen, setzt Knör Wortwitz und Wortspielereien einen. Man muss die Codes kennen und sich Zusammenhänge bewußt machen. Deswegen dauert es an einigen Stellen auch einige Sekundenbruchteile bis einige Pointen dann zünden. Nur ist der Genuss nach dem Aha-Effekt um so größer. Dennoch ist Knörs Sprache, sind die Anspielungen doch antiquiert und setzen ein Mindestalter weit jenseits der 18 voraus. Aber das Publikum erfüllt dieses Kriterium an diesem Abend zu fast 99 Prozent. Die meisten werden wohl auch ihre schönen Erinnerungen an die großen Knör-Shows in den 80er und 90er Jahren im geistigen Gepäck haben. Sonst würde der Gag mit Suzie Quatro und der Single auch nicht funktionieren. Er tut es aber und Jörg Knör hat genug Selbstironie, um über die Differenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu witzel. Auch das ist Größe.
Knör wandelt als Heino auf Abwegen. 
Knör sagt, er habe siebzig Promis in seinem Stall und je nach Nachrichtenlage, könne er alle kurzfristig aktivieren. In der Stadthalle Osterode zeigt er nur die wenigsten davon, aber das tut er überzeugend und vor allem macht er dies mit Zuneigung zu seinen Figuren. Auch das ist die alte Schule. Wo Cindy aus Marzahn mit Sozialvoyeurismus nur noch müde Lacher produziert und nur noch Wenige Gefallen am Kasernenhof-Humor von Stefan Raab finden, erweist Knör den Zeitgenossen seine Form von Respekt, Respekt mit Augenzwinkern.
Da ist der ewige Dieter Bohlen mit norddeutscher Kopfstimme und der Wiederkehrer Heino mit nordrheinischen Bass und überdrehte Karl Lagerfeld. Aber Glanzstück an diesem Abend ist ohne Frage Gerhard Schröder. Jeder, der den Altkanzler schon einmal live erlebt hat, weiß, dass Knör besser ist als das Original. Er könnte zwar keinen Schröder-Lookalike-Contest gewinnen, da helfen auch alles Grimassen nichts. Aber den Sounds-like-Wettbewerb, den hat er schon vorab gewonnen. Aber Knör klingt nicht nur wie das Original, er denkt wohl auch wie die Vorlage. Auf jeden Fall beherrscht er die Schrödersche Rhetorik aus dem Effeff und da nimmt es ihm auch keiner krumm, wenn der im Schröder-Duktus flapsige Bemerkungen über die Stadthalle macht, die wie so vieles an diesem Abend aus der Zeit gefallen ist.
Körs Versprechen war es, das Publikum für zweieinhalb Stunden aus dem Alltag zu holen. Das ist ihm eindeutig gelungen. Sein Versprechen war es weiterhin, seine Zeitgenosse liebevoll zu überzeichnen. Auch das ist ihm gelungen.Nur die Kanzlerin, die scheint er wirklich nicht zu mögen.



"Ich bin noch ganz alte Schule" - Das Interview

Die offizielle Website vor Jörg Knör
Jörg Knör bei wikipedia

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