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Zweifelhafte Heldinnen

Die Händel-Festspiel-Oper hinterlässt einen gemischten Eindruck
"Heldinnen!?" ist das Motto der diesjährigen Händel-Festspiele in Göttingen. Mit "Agrippina" hat sich Laurence Dales ein frühes Werk aus Händels Opus vorgenommen, in dessen Zentrum ein Frau zweifelhaften Rufes steht. Während das Ensemble auf der Bühne und im Orchestergraben in allen Belangen überzeugen konnte, hinterließ die Inszenierung bei der Premiere am 15. Mai im Deutschen Theater einen gemischten Eindruck.
Mit Werk um die römische Kaiserin, die ihren Sohn Nerone mit Intrigen auf den Thron hievt, schafft Händel zum Schluss seines Italienaufenthalts 1709 den Durchbruch als Operkomponist. Vermutlich hat sich zu sehr von dem Versprecher einer alten Aufführungspraxis leiten lassen, denn eine dramaturgische Straffung hätte der Inszenierung durchaus gut getan. Endlose Rezitative, die bereits Bekanntes wiederholen, lassen sich nur mit den Sehgewohnheiten einer höfischen Gesellschaft erklären. In bürgerlichen Zeiten höchster Konzentration zeigt das Werk einige Längen. Dazu gehören sicherlich die Kasperl-Szene mit Narcisco und Pallente am Beginn des zweiten Akts, aber auch die die dreifachen Liebesschwüre von Poppea und Ottone am Beginn des dritten Akts. Im Handlungsstrang sitzt hier der Wendepunkt im Ränkespiel und Zuspitzung hätte der Inszenierung Schwung gegeben.
Diese beiden Damen, Agrippina und Poppea, haben
ihre Männer im Griff. Alle Fotos: Th. da Silva
Anderes taucht unvermittelt auf. Dazu zählt sicherlich die Alptraum-Szene mit Agrippina. Natrlich hat auch die Figur der Intrigantin schwache Seiten und ist von Furcht erfüllt. Aber die geriatrische Lösung für das andere Gesicht der Agrippina erscheint doch sehr flach. Warum wird aus einer begehrenswerten Frau schlagartig eine Baba Jaga? Hier gibt es ein logisches Problem. Agrippina Macht über die Männer speiste sich bisher aus ihrem Sexappeal. Doch der ist nun weg, aber warum geht es trotzdem so weiter?
Auch der Claudio ist hart an der Grenze zur Demenz angelegt. Dieser hüftlahme Geront soll der Bezwinger Britanniens und Imperator des Römischen Reichs sein? Zumindest sind die Männer im Räderwerk zweier Intrigantinnen zumindest ganz im Sinne des diesjährigen Mottos. Die Anlage der Figur gerät doch recht simpel. Auch in der Figur der Poppea steckt Potential, das nicht genutzt wird.
Zwar kann Laurence Dale einige Ideen aufweisen, aber die tragen nicht genug, um eine Netto-Spieldauer von 4 Stunden durchgängig zu füllen. Vieles wird angedeutet und doch nicht zu Ende geführt, wie zum Beispiel Poppeas deutliche Affinität zu Perlenkette. Anderes taucht unvermutet auf, wie der Mord an der stummen Dienerin. An einigen Stellen wirkt die Inszenierung wie vom Blatt abgespielt, da hilft auch der überraschende Schluss mit dem Pilz-Tod nicht mehr. Die Vielschichtigkeit der Handelnden gerät, je länger die Aufführung dauert, zu einem Schwarz-Weiß-Spiel.
Claudio sitzt auf dem Möbelstück, auf dem viele
andere auch gern Platz nehmen möchten. 
Geglückt ist hingegen die Besetzung. Alle Stimmen passen zu den Figuren. Joao Fernandes in der Rolle des Kaiser Claudio ist der musikalische Herrscher an diesem Abend. Seine Bass-Arien gehören ohne Zweifel zu den Höhepunkten. Das Volumen und gleichzeitig Brillanz erstaunen immer wieder.
Ähnliches gilt für Tenor Christopher Ainslie in der Rolle des Ottone. Herrlich überdreht agiert Owen Willets in der Partie des Narcisco. Countertenor Jake Arditte kann in der Rolle des Nerone mit ungewöhnlichen Stimmumfang überzeugen.
Ulrike Schneider in der Titelrolle zeigt von Anfang Präsenz, doch die Glanzlichter setzt Ida Falk Winland als Poppea. Die Schwedin liefert expressive Sopran-Arien wie aus dem Bilderbuch, und wie von Händel gefordert,  ab.
Laurence Cummings hat das Festspielorchester wieder optimal eingestellt. Dies zeigt sich schon in der Ouvertüre und deren verzögerten Pausen. Besonders Susanne Regel und Kristin Linde an den Oboen und Blockflöten können an diesen Abend wichtige Punkte setzen
Der Opulenz der vergangenen Festspielopern setzt Tom Schenk in diesem Jahr Reduktion entgegen. Das Bühnenbild wird bestimmt von zwei mobilen Spiegelwänden, die die Eitelkeiten der Akteure auf sie zurückwerfen und den Bühnenraum in den wenigen Momenten er Zuspitzung verengen. Damit ist die Konzentration auf die Handelnden zwangsläufig. Immer wieder rückt die Bühnensymetrik den Thron in den Fokus und schließlich dreht sich das Ränkespiel ja um dieses Möbelstück.
Intrigen und Ränke sind kein Vorrecht römischer Kaiser, das macht Robby Duiveman mit Element von der Antike bis ins Empire deutlich. Den Hasenfuß Pallente mit Schulterpolstern auszustatten, dass ist eindeutig ein komisches Element



Die Internationalen Händel Festspiele in Göttingen
Der Stückzettel

Das Werk bei wikipedia

Der Kollege vom Göttinger Tageblatt ist anderer Meinung

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