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Den Othello gerappt

Extempore macht Tempo bei Shakespeares sämtlichen Werken

Doch, dieses Wortspiel musste jetzt sein, schließlich passt es zum Stück.
Den Versuch, das Schaffen des englischen Theatergenies übersichtlich zusammenzufassen, gab es in den letzten 150 Jahren gefühlte 150 Mal. Der Zweibänder von Walter E. Richartz und Urs Widmer gehört zu den unterhaltsamsten, der Zweistünder des Nordhäuser Sommertheaters Extempore zu den witzigsten und rasantesten.
Seitdem Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield ihr Stück "Shakespeares sämtliche Werk, leicht gekürzt" 1987 auf dem Edinburgh Festival Fringe uraufführten, ist es zum Klassiker des komischen Theaters geworden. Den drei Straßenkünstler gelang, was schlicht unmöglich ist. Sie komprimierten Shakespeares komplettes Schaffen auf 2 Stunden Spieldauer. Bis dahin hielt sich das Gerücht, man bräuchte für die 37 Komödien und Tragödien satte 120 Stunden.
Anika Kleinke ist unter anderem Macbeth.
Alle Fotos: tok
Warum dies nicht so ist, liegt unter anderem daran, dass alle 16 Komödien aus Shakespeares Feder nach dem gleichen Muster funktionieren, erfahren wir wir mal so eben ganz nonchalant und mittendrin. Folglich kann man sie alle in einem Stück zusammenfassen. Stimmt, im Grunde genommen geht es um Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiele und um Liebesleid. Den Beweis treten die drei Mimen gleich an. Weil sehr textlastig, ist dies vielleicht der schwächste Teil.
Ansonsten ist die Show von Anika Kleinke, Oliver Seidel und Thomas Wiesenberg eine rasante Fahrt durch eben jenes Werk. Dies zeigt sich in der Zusammenfassung der Shakespeareschen Königsdramen, die man eben auch als Übertragung eines Fußballspiels komprimieren kann. John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle und Gefährten hätten dies nicht besser machen können.
Nicht nur Monty Phyton, auch die Marx Brothers haben Long, Singer und Winfield wohl seinerzeit Pate gestanden, als sie ihr Stück in jahrelanger Arbeit im Straßentheater entwickelten. Auf jeden Fall strotzt es nur so vor Tempo, skurrilen Einfällen und absurden Ideen. Die Inszenierung von Benedikt Schörnig setzt dem ganzen aber noch die Krone auf. Zu den Hunderten von überdrehten Ideen packt er noch ein paar Einfälle drauf. Da wird Titus Andronicus zur Kochshow, der Othello wird eben mal schnell gerappt und Macbeth gibt es Fechtszene in Zeitlupe.
Manchmal rollen auch Köpfe.
Der Start ist ein nicht ganz ernst gemeinter Vortrag über Leben und Schaffen von William Shakespeare, der bald entgleitet. Schön, wie Thomas Wiesenberg den überdrehten und überforderten Hobby-Anglisten gibt.
Doch, in diesem Durcheinander gibt es einen Rollenverteilung und die ist klar. Wiesenberg macht, wie gesagt, den Hobby-Anglisten, Oliver Seidel ist der Kaspar unter den Clowns und Anika Kleinke darf die dominanten Teile übernehmen. Wie eben auch bei den Marx Brothers, nur das Groucho eben einen Schnurrbart trug und Harpo am Lockenkopf zu erkennen war. Na gut, Reizwäsche haben die aber nicht getragen.Mit dieser Rollenverteilung kokettieren die drei auf der Bühne auch noch. Die Pantomime von Thomas Wiesenberg vor der Pause ist jener Teil, der das Tempo ein wenig herausnimmt und dem Publikum die Möglichkeit zum Verschnaufen gibt.
Übrigens, es macht nichts aus, wenn man Shakespeares Werke nicht kennt. Das Theater über das Theater ist Spaß genug. Die teils derben Scherze funktionieren auch ohne Beihilfe aus Stratford-upon-Avon. Es macht auch nichts aus, wenn man Shakespeare kennt. Es ist keine Demontage, was hier betrieben wir, sondern eine Huldigung, die vielleicht sogar dem Meistern gefallen hätte.
Was man als Publikum aber nicht haben darf, das ist Angst vor schauspielerischer Nähe. Der ein oder andere Held kommt den Zuschauern doch recht nah. Das tut dem ganzen Spaß aber keinen Abbruch

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